Archiv für November 2010

Meer

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen nur Meer
Nur Meer

Erich Fried

Wir haben keine Angst …

Nein zu Terror

Ich habe keine Angst, dass Terroristen Anschläge gegen unsere freiheitliche demokratische Grundordnung verüben könnten, sondern davor, dass letztere von Politikern mit einer ungesunden Mischung aus Unwissenheit, Furcht, Desinformation und Machtgelüsten ohne Not dauerhaft beschnitten wird.

Terrorwarnung in Deutschland, der Innenminister im Zweiten. Endlose Wiederholungen der gleichen Meldung in den Medien. Ich warte, stelle mir unterdessen vor, wo und wie man es selbst machen würde, wäre man ein Terrorist. Ich würde vermutlich warten bis der Weihnachtsmarkt ganz voll wäre, nächsten Samstag. Ich würde eine Bombe unter dem Kölner Dom zünden. Wenn das Ding fällt…

Gefährlicher als es ein Terroranschlag für unseren Staat jemals sein könnte, sind überaktive Politiker. Sie wollen im Windschatten einer vermeintlichen oder realen Terrorbedrohung unsere Freiheitsrechte beschneiden, Überwachungsstrukturen schaffen und ganze Bevölkerungsgruppen unter Pauschalverdacht stellen. Geben wir der Angst nach, haben die Terroristen gesiegt. Das gönnen wir ihnen nicht! Daher rufen wir allen politischen Entscheidungsträgern zu: Wir haben keine Angst!

Terror?

http://wirhabenkeineangst.de/

Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste von allen Stunden steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.

(Rilke)

Vorurteile ausleben – wie wir professionell unsere Freiheit abschaffen

Es gibt mehrere Arten, seine Vorurteile auszuleben, d.h. sie gesellschaftlich zu präsentieren und mit ihnen allerlei zu rechtfertigen; z.B. die Tötung eines Asylanten, der in seiner Zelle verbrennt.
Die eine Art wäre die offene Art. Man kann demnach als ganze Stadt, als vereinte ,,Volksfront“ gegen die Fremden vorgehen, was sich dann in der Lokalzeitung so liest:

Mit ihnen kam die Angst vor Kriminalität nach Schneeberg. Die Befürchtung, die Fremden könnten das Zusammenleben empfindlich stören.

(,,Freie Presse“ Schneeberg vom 20.10.2010, Quelle indymedia)

Man kann aber auch freundlich vorurteilsbehaftet sein. Ein Mensch, der sich bemüht mit den Fremden. ,,Du bist ja gar nicht wie alle anderen Türken/Araber“, sagen sie dann und hoffen, dass du dich darüber freust. Und du wirst in ihren Augen zum guten Ausländer gemacht. Viele ,,guten“ Ausländer spielen dieses Spiel mit und merken wegen der Freundlichkeit nicht, dass sie als Werkzeug missbraucht werden gegen ihre Landsleute.

Wir wissen aber auch, dass die Schürung von Fremdenhass professionell betrieben werden kann und kennen alle das Stichwort. Terror. Dabei war es noch 2004, wo die meisten von uns über die Zustände in der USA nach 9/11 ungläubig gelacht haben. Der Patriot Act. Der Film ,,Fahrenheit 9/11“ von Michael Moore. Den Titel hat er dabei geklaut von dem Roman ,,Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury. Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier zu brennen beginnt. Nach Michael Moore sei Fahrenheit 9/11 ,,the temperature where freedom burns“.

Doch heute brennt unsere Freiheit. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) wird bei der Innenministerkonferenz sein ,,17-Punkte-Sofort-Programm“ vorlegen. Seine Aussagen dabei:

- verstärkte Polizeipräsenz in islamisch geprägten Stadtvierteln, um ein klares Signal gegen religiöse Clanstrukturen und Regelsysteme zu setzen“
- ein effektiveres Aufenthaltsgesetz, das Ausweisungen krimineller oder extremistischer Ausländer erleichtert“.
- Handy- und Computerverbote für islamistische Gefährder, um deren Kommunikation zu erschweren“
- für die Länderpolizeien neue „Anti-Terror-Befugnisse wie Online-Durchsuchungen von Computern oder präventive Überwachungen von Telefonaten und E-Mails“ einzuführen.
- möglichst flächendeckend „Sicherheitspartnerschaften zwischen Polizei, Kommunen und Moscheegemeinden“

(Quelle:http://www.noz.de/artikel/49176193/aktionsplan-zur-terrorabwehr)

Man beachte dabei das Neusprech, dessen er sich hier ermächtigt. ,,Effektiveres Aufenthaltsgesetz“ heißt nichts weiter als die hürdenfreie Umgehung von Menschenrechten. Oder das Wort ,,Gefährder“. Nach dem ,,Schäuble-Wörterbuch“ von Zeit-Online heißt das:

Im staatlichen Sinne jemand, von dem eine Gefahr ausgeht, vor allem eine terroristische. Klingt bedrohlich. Tatsächlich aber ist jemand gemeint, gegen den es keine gerichtsfesten Beweise gibt, den man daher nicht anklagen und nicht verurteilen kann und der nach bisherigem Rechtsverständnis unschuldig ist. Was G. eigentlich sind, sagt niemand. Möglicherweise Fast-Verdächtige. Zumindest aber Menschen, die es zu beobachten und zu überwachen gilt.

(Link:http://www.zeit.de/online/2009/04/neusprech-schaeuble-lexikon)

Es bleibt nicht bei der Fremdenfeindlichkeit. Diese Gesetze betreffen uns, in unserem ganz persönlichen Leben. Aber wir lassen sie zu, weil wir unsere Ängste schüren lassen, weil wir aus Angst vor dem Fremden, dem Anderen unsere Mündigkeit aufgeben. Und unsere Freiheit brennt dann wie Papier.

Eine Selbststudie

Mit manchen Männern sich auseinandersetzen, heißt …

Darüber streiten, was Feminismus ist (unabhängig von der Problematik, die man behandelt)

Es gibt ja Leute, die behaupten, Feminismus wäre nicht oder nicht mehr männerfeindlich. Ich glaube, die irren. Oder ist das hier auch wieder kein Feminismus.

Sich klassifizieren zu lassen, am liebsten mit laaangen Fremdwörtern:

Neoviktorianischer Mittelschichtsdamenfeminismus.

Sich verharmlosen zu lassen

Es klingt alles sehr naiv aus meiner Sicht. Es wäre insofern interessant mehr über die Bloggerin zu wissen.

Über das wichtigste Thema von allen zu reden, nämlich dem Alter der Frau

Ich würde es so interpretieren: Jugend in den späten 1970ern bis frühen 1980ern.
– Also knapp über 30? Könnte sein, die Ansichten würden auch zu jünger passen, aber der Schreibstil klingt älter.
– Ich meinte, dass sie vermutlich in den späten 1970ern eine Jugendliche war..
– Findest du? Kann schon sein, im Feminismus hat ja Vieles eine sehr lange Halbwertszeit..

Mal mit Humor gesehen, ist das ganze ja auch sehr lustig. Schließlich ist mein Blog gestern erst ein Tag alt gewesen. Ich habe auch erstmal darüber lachen müssen. Aber: Dass dieses ,,über mich reden“ auf einem anderen Blog mich mehr degradiert als ein ,,mit mir reden“, liegt auf der Hand. Dass man wild irgendwelche Urteile über mich fällt, mich sofort in die biologistische Ecke drängt, aus der ich nie argumentiert habe, auch. Denn worauf ich mich bezogen habe, ist die Erfahrung eines Unterdrückungsmechanismus, die eine Frau in ihrem Leben sehr oft haben kann, und der von Männern ausgeht, und dass sie aufgrund dieser Erfahrung anders kultiviert ist/sein kann. Und dass man dem eigentlichen Thema kaum Rücksicht geschenkt hat (was nach Antje Schrupp leider meistens so ist bei feministischen Debatten), nämlich dass es mir um Tiere geht, die von Männern und Frauen zu ,,anderen“ degradiert werden, um so aus ihrem Körper, ihrem Fleisch, ihren ,,Produkten“ Kapital zu ziehen – das ist echt schade.

Immer mit Humor, Jungs. Ich bin sehr an sachlichen Debatten interessiert, die MIT mir geführt werden. Bis dann.

(Zitate aus folgendem Link: http://allesevolution.wordpress.com/2010/11/15/wie-weit-sollen-die-frauen-bei-der-emanzipation-gehen/)

Das Lilakäppchen

Zum Bild …

Das Bild oben zeigt das ,,Lilakäppchen“ der Berliner Bloggerin ,,Fräulein Zucker“(http://fraeuleinzucker.blogspot.com/). Meine erste Reaktion war: Wie schön, Rotkäppchen wehrt sich! Endlich! Immernoch werden Kinder in jüngsten Jahren infiltriert mit Geschichten, die ihnen sagen, dass Mädchen sich nicht wehren können (ebd.), dass sie aus Liebe bei einem brutalen Mann bleiben sollen (Die Schöne und das Biest), denn ihre Liebe sei stark genug, ihn zu ändern und – dass starke Frauen nur Hexen sein können.

Lilakäppchen ist also verwandelt: Statt des Picknickkorbs trägt sie ein Messer: die Frau, die sich endlich als Subjekt, als Tötende begreift und nicht als das zu Beschützende.

Doch dann ist mein Blick darauf gefallen, wen sie da getötet hat. Sie hat den Wolf getötet, das Tier, das ,,Andere“. Aus Furcht, aus Not – oder nur deshalb, weil sie es jetzt kann? Wenn wir Frauen unsere Emanzipation in die Hand nehmen, wenn wir lernen, uns gegen die Machthaber einer patriarchalen Gesellschaft durchzusetzen … wie weit gehen wir dann? Wollen wir solche (Männer-)Menschen werden – nämlich uns in Abgrenzung gegen das Andere definieren, obwohl wir selber schmerzlich erfahren haben, was es heißt, als das Andere gesehen zu werden?

Die Rote Zora schrieb dazu: ,,Die Schwierigkeiten fangen für uns da an, wo feministische Forderungen dazu benutzt werden, in dieser Gesellschaft »Gleichberechtigung« und Anerkennung zu fordern. Wir wollen keine Frauen in Männerpositionen und lehnen Frauen ab, die Karriere innerhalb patriarchaler Strukturen unter dem Deckmantel des Frauenkampfes machen. Solche Karrieren bleiben ein individueller Akt, von dem nur einige privilegierte Frauen profitieren. Denn die Verwaltung, die Gestaltung der Macht wird Frauen in dieser Gesellschaft nur gewährt, wenn sie in diesen Positionen Interessen der Männer vertreten oder der jeweilige Aufgabenbereich Fraueninteressen gar nicht erst zuläßt.“(Quelle)

Der Wolf ist tot. War es nötig, ihn zu töten, um uns zu befreien? Kann frau nur Mensch sein, indem sie – nach dem ,,Menschenbegriff“ von Adorno und Horkheimer, Menschenwürde erkläre sich nur in der Unvernunft des Tieres – das Tier nun selber degradiert, entwürdigt, tötet, isst? Indem sie weiterhin zusieht und mit Hand daran legt, dass Tiere millionenfach in Schlachthäusern sterben müssen, weil sie nicht unsere ,,Zivilisationsstufe“ erreicht haben?

Müssen wir den Wolf töten?

Vier Minuten

Als wir aufhörten zu telefonieren, hatte ich ein unverschämtes Glücksgefühl. Wir haben länger, länger als sonst telefoniert. Und hatten uns mehr zu sagen. Und als ich nachschaute, wie lange wir telefoniert haben … da sah ich: Es waren vier Minuten gewesen.
Vier Minuten hatten wir uns etwas zu sagen, Mutter …

Albert Memmi: Vier Elemente der rassistischen Einstellung

1. Die nachdrückliche Betonung von tatsächlichen oder fiktiven Unterschieden zwischen dem Rassisten und seinem Opfer.

2. Die Wertung dieser Unterschiede zum Nutzen des Rassisten und zum Schaden seines Opfers.

3. Die Verabsolutierung dieser Unterschiede, in dem diese verallgemeinert und für endgültig erklärt werden.

4. Die Legitimierung einer – tatsächlichen oder möglichen – Aggression oder eines – tatsächlichen oder möglichen – Privilegs.

… weil Entwicklungsländer Bildung brauchen … unsere Bildung.

Das verschulte Denken wird von den meisten entwicklungspolitischen Organisationen und Initiativen direkt in die ausgebeuteten Länder dieser Erde in einer widerlich missionarischen Art und Weise exportiert. Die Etablierung traditioneller Verschulungssysteme in anderen Gesellschaften dieser Welt bereitet den Weg für die imperialistische Zwangsbeglückung.

(B.Riga)

… aber wir sind doch keine Tiere!

Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus. Mit seiner Unvernunft beweisen sie die Menschenwürde.

(Horkheimer/Adorno)

„Through the Roof n Underground“ by Gogol Bordello

When there’s a trap set up for you
In every corner of this town
And so you learn the only way to go is underground
When there’s a trap set up for you
In every corner of your room
And so you learn the only way to go is through the roof

Ooohoohoooh through the roof, underground
Ooohoohoooh through the roof, underground

And as we‘re crossing border after border
We realize that difference is none
It’s underdogs who, and if you want it
You always have to make your own fun

And as the upperdog leisurely sighing
The local cultures are dying and dying
The programmed robots are buying and buying
And all secluded freaks they are still trying trying

Ooohoohoooh through the roof, underground
Ooohoohoooh through the roof, and underground

And as the boy scouts learn to read between the lines
The silver rabbits hop between their fathers‘ lies
And boy scouts ask „Where? Where do they go?“
They go to the country that they only know

Just like their meanings they lay between the lines
Between the borders their real countries hide
The strategigo’s saw their advertise
Their strategy of being is one of in-your-face disguise

Ooohoohoooh through the roof, underground
Ooohoohoooh through the roof, underground!

And when their own walls they will a-crumble,
And all the systems will be discumbumbled,
Around the stump of bigotry, our own
Serebryanye zayazhy vodyat horovod! [Russian]

http://www.youtube.com/watch?v=grKaSsyvxZE

… über Sozialdemokraten

[…]maßvolle kleine Bürger, die nichts wollen, als Kindern und Enkelkindern ein spießiges Wohlleben verschaffen, und dass sie zum Generalstreik so stehen wie die Jungtürken zum Krieg: nämlich selbst die größte Angst davor haben.

(Heinrich Mann)

Für was wir leben

,,Er führte Guste zu dem Tisch: eine der Frauen sortierte die Bogen, eine zweite prüfte nach, und die dritte zählte immerfort bis fünfhundert. Alles ging mit unerklärlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen ununterbrochen einander nach, wie von selbst und ohne Widerstand gegen die arbeitenden Hände, die im endlos über sie hingehenden Papier sich aufzulösen schienen: Hände und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr Gehirn, ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen flogen …“

(Heinrich Mann, ,,Der Untertan“)

Aufklärung als Mittel der Regierungskünstler

,,[…]die Selbsttäuschung der Menge über diesen Punkt, z.B. in aller Demokratie, ist äußerst wertvoll: die Verkleinerung und Regierbarkeit der Menschen wird als >Fortschritt< erstrebt.“ (Friedrich Nietzsche)

Ende finden

es muss irgendein ende sein
ich fühle nicht mehr weiter
die zukunft hat ’ne leere hand
die dunkelheit wird breiter

ich spür den fuß vor stößen nicht
er ist ganz taub und blau
um mich herum gehn wände hoch
und eng und kalt und grau

ich habe angst: und groß in mir
erwächst der letzte tod
ich halte mich noch lange fest – – -

An den Riesen weilend in R.

Du bist nun fort. Und hast die Sonne mir kurzerhand
weggerissen.
Und hat diese Sonne doch schön gemacht mir alle
anderen Geschöpfe.
Lass es wieder licht werden. Verdunkele nicht weiter den Himmel
du Monster.

(01.05.2010)

Iuno an Dido

Ein letztes Mal Dido bündle
Das fragmentarisch gebroch’ne Herz
Den Erinnyen schaffe weiten Raum
Und dann liefer dich aus: dem Schmerz.

Im Feuerschein triff deine Wahl –
Worin sich Aeneas dir entzog
Gib mir Göttin durch dein Opfer Bahn:
Fluche der Stadt, für die er betrog.

Wo du dich gabst gabst du zuviel
Drum füg hinzu noch eine Wunde:
Sollt‘ er auch leben dürfen für Rom –
AN ROM GEHE ER ZUGRUNDE

(18.06.2008)

Was du nicht weißt. Und was ich erahne
wenn ich dich täglich gehen seh‘:
Dass in deines Lächelns weißer Sahne
drin alles liegt: mein Wohl und Weh.

Und wenn du nahst, dann naht mir die Stunde,
der ich mich Mensch verloren geb‘,
und bin nach der Art der irren Hunde,
und so vergesse, wem ich leb‘.

Du Mädchen meinst, dass ich darum ränge
dir täglich neuer zu entgehn.
Doch reicht dein Teil nur, dass deiner Menge
ich nicht entkomm‘: Schon bleib ich steh‘n.

(16.05.2008)

du goldne saite aus lauter haut
mit welchem frohsinn bist du aufgeraut!
Wer wagt es dich mit sanftem zwingen
ganz leise zum erklingen zu bringen …

(08.05.2008)