Es muss mehr als Hollywood geben …

boysandgirls

Die Heteronormativität in den meisten Hollywoodfilmen geht mir auf die Nerven. Nicht nur, dass jeder Mensch in so einem Film klar einer Kategorie im binären Geschlechtersystem entspricht und ihn in seiner Bekleidung, seinem Makeup und seinem Charakter stereotyp ausstrahlt, nein. Keine Begegnung zwischen zwei Menschen verschiedenen Geschlechts vergeht, ohne dass diese sexuell aufgeladen sein muss. Frauen werden in vielen Filmen nur in Relation zu einer männlichen Hauptfigur gedacht und füllen das Bedürfnis nach einer Liebesgeschichte. Nach dem Bechdel-Test ist auch nicht viel Frau in Hollywood zu finden. In Liebeskomödien, in denen Frauen im Mittelpunkt stehen, ist es nicht besser. Ein weiblicher Hauptcharakter ist praktisch austauschbar mit einem anderen, und ihr Lebensglück ist konzentriert auf die Pärchenzweisamkeit; dass es Glück auch in anderen menschlichen Beziehungen zu finden gibt, bleibt außen vor (oder – huch – gar Glück allein zu finden); Freunde sind in solchen Filmen vorrangig dazu da, die Lückenbüßer zu stellen und sich aufzuopfern, wenn die Protagonistin Liebeskummer hat.
Doch auch Filme, die Mainstream bieten für Schwule und Lesben, tuen nichts anderes, als Pärchenisolation zu predigen und bieten für Homosexuelle die Flucht ins Private. Wo es dringend notwendig wäre, weiterhin für die sexuelle Freiheit zu kämpfen, sind Homosexuelle nun in der Gesellschaft angekommen – und wie Rosa von Praunheims Film ,,Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) erste Zeilen schon vor 40 Jahren bestätigten:

Schwule wollen nicht schwul sein, sondern so spießig und kitschig leben wie der Durchschnittsbürger.

Eine große Enttäuschung für mich war dabei vor allem der Film ,,Itty Bitty Titty Committee“(2007) der Regisseurin Jamie Babbit. Die Geschichte dreht sich um ein junges Mädchen in den USA, die zu der radikal-feministischen Gruppe ,,Clits in Action“ (CIA) findet, deren gerechte und wichtige Forderung es ist, mehr öffentlichen Raum für Frauen zu erkämpfen.
Hier das Youtube-Video zum Trailer.

itty

Doch letztendlich wird die gute Idee zerstört durch den permanenten Zwang, hier noch eine Liebesgeschichte hineinzudrängen. Diese ist leider der eigentliche Rahmen des Films. Die Übernahme der feministischen Motive durch die Protagonistin erscheint wenig glaubhaft und basiert offensichtlich auf ihrer Verliebtheit zu dem anderen Mädchen; ihr Charakter hätte deshalb ebenfalls in eine der typischen Hollywoodkomödien gepasst. Dabei stört mich nicht die ,,Liebe“ an sich; der Gedanke, dass die Protagonistin sich quasi mit dieser Draufgängerin in den Feminismus selber verliebt, und damit auch lernt, zu sich selber, zu ihrem Körper, ihrem Erleben zu stehen – ist schön. Mich stört aber die typische ,,Märchenstruktur“, in der Beziehungen in Filmen immer auf dieselbe Weise ablaufen – sei es hetero, homo, in New York oder im Weltall. Und der Gedanke, dass wir scheinbar MärchenprinzESSINNen brauchen, um einen Film, der sich politisch bemüht, auch anzuschauen.

Als ich mich letztens mit einem Mädchen über die sexualisierten Mann-Frau-Beziehungen in Filmen unterhielt, entgegnete sie mir, sie erfahre es sehr oft, dass sie, sobald sie einen Jungen sympathisch findet, kurz ,,abcheckt“, ob sie sich eine Beziehung mit ihm vorstellen könne, und dass das für sie ein Teil der menschlichen Natur sei. Das will ich bezweifeln; es erscheint mir weniger menschliche Natur als Notwendigkeit. Gerade wenn die Auswahl beschränkt ist (und Heteronormativität ist eben auch eine Beschränkung), ist ein Mensch nicht wählerisch, was den Partner betrifft. Ob es weiterhin menschliche Natur bliebe, jede zweite Begegnung mit Sex in Verbindung zu setzen, sobald der Mensch unter den vielfältigsten Charakteren wählen könnte anstatt unter Vertretern eines Stereotyps, bleibt zu fragen.

So kenne ich es aus einer evangelikalen Gemeinde, in der es hochgerechnet vielleicht 200 Jugendliche zwischen 20 und 30 Jahren gibt, dass viele Mädchen dort eine Erfahrung teilen: Jeder zweite Junge, den sie nett finden, wird von ihnen auf seine Partnertauglichkeit geprüft (und andersherum). Wobei man beachten muss, wie sehr in solchen Gemeinden der Unterschied zwischen Männern und Frauen betont wird und eine Beziehung (optimalerweise) in die Ehe führen sollte. Eine alternative Beziehung zu einem Mann ist nicht denkbar, also z.B. eine Freundschaft; und so führt das zu der beide Seiten überfordernden Haltung, in dem anderen nicht den Menschen, sondern die Geschlechtsrolle zu sehen und zu wollen. Man redet nicht miteinander, sondern fordert gewisse Verhaltensweisen. Ich glaube, dass das auf lange Zeit eine sehr unmenschliche und in seiner Konsequenz entmenschlichende Forderung ist. Natürlich ist das ein krasses Beispiel, dennoch frage ich mich, ob sich ähnliche Strukturen nicht überall in unserem Alltag finden. Und ob sie nicht z.B. in der Erscheinung und dem Erfolg eines Mario Barths gipfeln. Und ich glaube, dass Formate wie Hollywoodfilme, aber auch viele ja selbst gute Bücher diese einseitige Haltung zu anderen Menschen fördern: dass wir sexualisieren, wo wir doch einfach nur den anderen Menschen in all seiner Persönlichkeit kennenlernen könnten. Durch diese Sexualisierung beschränken wir meiner Meinung nach menschliche Kontakte auf ein Minimum an Möglichkeiten und berauben uns selber der Freude.