EINE FEMINISTISCHE KRITIK – Auszüge

In diesem Beitrag folgen Auszüge aus diesem Text. Ich bedanke mich sehr bei der Bloggerin für die Bereitstellung dieses Textes!

es ist gewiss kein zufall. der entsprechende griechische begriff ‚homo‘ bedeutet übersetzt gleich, entsprechend mann. die in der verwendung des begriffes ‚mensch‘ liegende negation von unterschiedlichen ausbeutungssituationen kann nicht alleine mit fehlendem politischen bewußtsein erklärt werden, ihr liegt ein subjektivismus zugrunde, der es schafft, sich selbst als nabelpunkt der welt zu begreifen. nur so wird es möglich, alles zu vergessen, was über (oder besser unter) das eigene sein hinausgeht, der „kampf“ wird so zum eigenen heilungsprozess, zur legitimation der eigenen „befreiung“. frauen können sich niemals den luxus erlauben, die „eskalation zurückzunehmen“, für frauen herrscht täglich krieg, der nur mit einem gegenkrieg von unten zu überleben ist. das fehlende ziel: die befreiung der frauen in bisher allen patriarchal-linken konzeptionen macht deutlich, daß der feminismus nicht ein einziges ausbeutungsverhältnis vergessen darf.

der „subjektive bruch“ blieb subjektivistisch, machte das individuum zur zentralen instanz einer moralischen entscheidung: subjekt ist jede und jeder selbst im kampf und sich selbst verantwortlich.
aber: jede politische/gesellschaftliche entwicklung entsteht aus der dialektik des aufstandes von unten gegen die herrschaft von oben. jede äußerung von widerstand ist ausdruck dieses kräfteverhältnisses innerhalb der gesamtgesellschaftlichen bedingungen. auch wir, mit dem was wir heute wissen und denken, sind ein ausdruck der gesellschaftlichen verhältnisse, in denen wir leben. in der geschichte der raf hat sich der „subjektive bruch“ zu so etwas, wie einer zuflucht in der vorstellung, zur nische jenseits der gesellschaftlichen bedingungen entwickelt, und damit zu einer konterrevolutionären ideologie.

dem feminismus ist ein gewisses bewußtsein über das ausmaß der strukturellen und individuellen gewalt während der letzten zwei- bis viertausend jahre von männern gegenüber frauen vor allem in „zwischenmenschlichen beziehungen“ zu verdanken. wer so argumentiert, entwaffnet den aufstand von unten: direkt und geschichtlich, psychologisch, emotional, politisch.

die öffentliche gewaltdebatte ist insofern ein strategischer counterzug des staates, denn – solange eine fixierung gelingt – ist dies die festschreibung der herrschenden gewaltverhältnisse. es ist notwendig, öffentlich zu unterscheiden zwischen faschistischer gewalt, gewaltmonopol des staates und rebellion von unten; es ist notwendig, position zu beziehen. wenn die raf ihre aufforderung zum gewaltverzicht gefühlsbetont zu untermauern versucht mit dem jammer: „wir haben immer nur auf den feind gestarrt, uns nie um uns gekümmert“, dann ist das nicht nur unpolitisch und entpolitisierend, sondern sexistisch und rassistisch, ausdruck der privilegien weißer männer (und sich daran orientierender weißer frauen). ein privatisierendes päuschen, wie die raf es vorschlägt, heißt mehr vergewaltigte frauen, mehr sexuell ausgebeutete mädchen, mehr diskriminierung und entwürdigung, mehr ökonomische ausbeutung für jede einzelne und für unser geschlecht als sozial unterdrückte klasse, heißt das fortbestehen, die festigung der herrschaft.

in einer gesellschaft, in der weltweit frauen und mädchen aufgrund patriarchaler machtordnung unterdrückt werden, vergewaltigt werden, ihre gefühle, ihre kreativität, ihre körper, ihre phantasie, ihre lust, ihre arbeitskraft, ihre intelligenz, ihr wissen ausgebeutet werden, in der frauen eine unterstellte, eine kolonisierte soziale klasse sind, haben frauen individuell und kollektiv die berechtigung, mit jedem mittel gegen das system ihrer unterdrückung und gegen jeden einzelnen unterdrücker vorzugehen! die würde der frauen zu wahren, ist grund genug, sich zu wehren. feminismus ist nicht nur selbstverteidigung mit dem rücken zur wand und dem grauen im herzen. feminismus ist nicht allein der gesellschaftliche rückzug in frauengemeinschaften. das empören gegen ungerechtigkeit, die wut im bauch, die theorie von unterdrückung und veränderung. feminismus ist mehr als die reaktion auf politische umstände oder materielle bedingungen. feminismus ist das bewußtsein, nicht nur von ursachen der unterdrückung, sondern auch von bedingungen, notwendigkeiten, möglichkeiten der veränderung. dieses bewußtsein ist nicht abstrakt, sondern ist die benennung von verantwortlichen, täglich, nächtlich, privat und öffentlich, hier und international!

Folgende Fragen:

Wie stehen wir Frauen zur Gewalt?
Können wir eine neue Gewaltdebatte eröffnen?
Was heißt ,,Gewalt“ als Rebellion von unten, welche Konsequenzen würden wir ziehen?
Wenn die ,,Frau“ oder die ,,Klasse“ als solche,,abgeschafft“ wird und stattdessen der Mensch in seiner Subjektivität verbleibt und einen Einzelkampf führen muss, ist es eine Negierung aller Gewalt, die immernoch an dem Kollektiv der Frauen bzw. der Klasse geschieht?


7 Antworten auf „EINE FEMINISTISCHE KRITIK – Auszüge“


  1. Gravatar Icon 1 TaP 07. Mai 2011 um 16:35 Uhr

    Ich würde zunächst einmal nur die Anführungszeichen um „abgeschafft“ in Deiner dritten Frage fett unterstreichen wollen.

    Das Problem (oder der Gegenstand der Feministischen Kritik) ist ja nicht die Abschaffung der Klassen (oder der Geschlechter – wobei das damals, als ‚Butler‘ noch nicht so selbstverständlich war wie heute, noch schwieriger zu denken war), sondern, daß die gesellschaftliche Existenz von Klassen und Geschlechtern im Denken vergessen wird -
    und dann schönfäberische Analyse und individualistische-blauäugige Strategien bei rauskommen.

  2. Gravatar Icon 2 Bäumchen 12. Mai 2011 um 18:45 Uhr

    Hey TaP:
    Vielen Dank für deine sehr ausführliche Antwort. Hab schon gar nichts mehr erwartet und war dann positiv überrascht :-) Naja, und dann kam die Uni zwischen mir und einer ausführlichen Reaktion auf deine Reaktion.
    EineKritik an der ,,queeren Idee“ oder vielleicht der (falschen?) Umsetzung derselben (z.B. schönfärberische Analysen)fänd ich wünschenswert, einfach auch weil sie hier bei uns gerade der Renner ist; ich hab auch schon einige deiner vorgeschlagenen Texte runtergeladen und werde mich mal am Wochenende damit beschäftigen … danke für den Input!
    Also, so wie ich dich verstanden habe, sieht du die Gefahr, dass gesellschaftliche Realität in Form von Klassen und Geschlechtern vergessen wird und z.b. die Frauenfrage (so steht es glaub ich in einem der Texte) durch die queere Denke mehr und mehr in die kulturelle Ecke geschoben wird und damit auch weg von der politischen hin ins Private.
    Ich hatte neulich so ein Erlebnis … war bei einer Queer-Gruppe die mit der Aktion ,,Freiräume“ Lokale und Szenetreffs mit einem ,,Gütesiegel“ auszeichnen will, was bedeutet dass diese queer-freundlich sind. Viele sollten eins bekommen … nur nicht das Frauenprojektehaus, weil: ,, da dürfen nur Frauen rein“. Das fand ich echt … Das Frauenprojektehaus in Tübingen ist quasi d e r Freiraum, den sich Frauen hier geschaffen haben, um sich losgelöst von der Bevormundung durch Männer entfalten zu können. Und dass es immer noch Bevormundung durch Männer gibt, immer noch sprachliche wie symbolische (und oft auch physische) Gewalt, wird einfach geleugnet durch dieses ,,da dürfen nur Frauen rein“ = nicht queer. Ich sehe das kritisch. Geschlecht mag konstruiert sein, aber es wäre m.E. falsch zu sagen dass es das Konstrukt deshalb gar nicht gibt als ob es ein Luftschloss wäre, das kaum dass man sich seiner gewahr wird, schon in sich selbst auflöst.
    Gruß

  3. Gravatar Icon 3 TaP 14. Mai 2011 um 10:03 Uhr

    Ja, da sind wir uns ziemlich einig.

    Wenn Du den Unterschied zwischen „Kritik an der ,,queeren Idee“ oder vielleicht der (falschen?) Umsetzung“ aufmachst, dann scheint mir allerdings, daß der spezifische sprachliche Kontext außerhalb des englischen Sprachraums zu beachten ist:

    Im englischen Sprachraum dürfte zumindest die ursprüngliche radikale Geste der Aneignung des Schimpfwortes noch präsent sein; diese engl. Bedeutungsgeschichte von „queer“ ist – aber außer vielleicht für ein paar ExpertInnen – außerhalb des englischen Sprachraums gar nicht präsent.

    Hier konnte queer vielmehr VON ANFANG AN als Vermeidung der stärker konflikt-beladenen Wörter „lesbisch“ und „schwul“ dienen. Und daher würde ich sagen, ist – jedenfalls für den deutschen Kontext – der kulturalistische Einschlag von queer nicht erst eine Abweichung vom ursprünglichen Anspruch (was nicht heißt, das ich alles, was unter dem Label diskutiert wird/wurde, verwerfen will).

  4. Gravatar Icon 4 Bäumchen 16. Mai 2011 um 18:25 Uhr

    Ich glaube, diestandard.at hat es ganz gut damit übersetzt, als sie titelte: ,,Die Perversen-Studien kommen nach Wien“. Ich musste selber erstmal nachprüfen, was sie denn jetzt damit meinen.

  5. Gravatar Icon 5 TaP 06. Juni 2011 um 9:27 Uhr

    „Auch ist fraglich, ob der Begriff mit der Übertragung in andere Kontexte seine politische Sprengkraft behält. In der BRD heißt z.B. ein Magazin Queer, welches sich explizit an ein dem Kommerz nicht abgewandtes, schwules, männliches Subjekt richtet. Engel schlägt demzufolge vor, statt queer, das Adjektiv ‚pervers‘ zu verwenden, um ‚eine deutschsprachige heterosexistische Normalität zu provozieren‘ was wesentlich schwieriger zu übersehen/hören wäre: „Warum nicht im nächsten Semester ein Seminar ‚Perverse Theorie‘ anbieten? Oder eine Postkarte: ´Liebe Oma! Ich würde gerne einige Tage mit meiner perversen Freundin bei dir auf dem Land verbringen.‘ (Engel 1996,85f).“

    Engel Antke (1996): Verqueeres Begehren, in: Hark, Sabine: Grenzen lesbischer Identitäten, Berlin, 73-95

    (Quelle: http://www.netz-kasten.de/ladyfest-trier/was%20ist.html) -

    wobei ich mir nicht so sicher bin, ob es wirklich eine sinnvolle Diskurstaktik ist, den Ausdruck „pervers“ positiv umzudeuten – jedenfalls, wenn es nicht zugleich mit der Entwicklung und Verteidigung von glasklaren politisch-feministischen (statt psychologistisch-pathologisierenden) Kriterien für die Beurteilung und Bewertung von sexuellen Praxen einhergeht: laisser-faire, laisser-aller ist m.E. jedenfalls kein Feminismus.

  6. Gravatar Icon 6 kiturak 23. Oktober 2011 um 22:25 Uhr

    Hu! Das sind gute Fragen. Die absurde Folgerung aus „Geschlecht ist konstruiert“ zu „Es gibt garkeine Geschlechter, ätschbätsch, deshalb ist dein Frauenraum böse“ nervt mich schon lange, wie Du sagst: Als sei „konstruiert“ nicht trotzdem massiv vorhanden – das ist selbst nach dem Wenigen, das ich von ihr gelesen habe, nicht das, was Butler meint.
    Zu den Gewaltfragen muss ich erstmal nachdenken.

  1. 1 RUMMOTZEN stellt Fragen zur Feministischen Kritik « Theorie als Praxis Pingback am 07. Mai 2011 um 16:25 Uhr
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