Archiv für Juni 2011

Wer kopiert jetzt wen?

Medienwissenschaft: lernen, dass wir Medien beeinflussen und Medien uns. Diese Wechselseitigkeit reicht u.a. bis zu den Mafiagangs der USA, die sich in ihrem Auftreten und ihrem Stil an die Filmreihe ,,Der Pate“ anpassten.
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Hier eine amüsante Szene aus der jüngst geschlossenen Ehe des britischen Königshauses:

cinderella
(Quelle: iblamethepatriarchy)

Let’s talk personal politics: Antifee und polyamoröse Begegnungen

Polyamorie, das ist

die Praxis, Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen zur gleichen Zeit zu haben. Dies geschieht mit vollem Wissen und Einverständnis aller beteiligten Partner.

(Quelle: wikipedia)

poly

Polyamorie ist für mich ein Luxusthema. Da bin ich fest davon überzeugt. Viele Themen sind mir wichtiger, sind Brennpunkte, müssen öffentlich gemacht werden. Ich zögere deshalb ein wenig, hier über persönliche Lebensformen zu schreiben. Darum krame ich auch den alten Satz der Frauenbewegung hervor: ,,Das Private ist politisch.“ Wie wir zusammenleben und ob wir dieses Zusammenleben kanalisieren lassen von vorgegebenen Strukturen oder ob wir darüber reflektieren und es ändern wollen, ist also durchaus Politik und damit erwähnenswert.

Ich war dieses Wochenende auf dem Antifee in Göttingen, bin von weither alleine angereist, ohne jemanden dort zu kennen und freute mich trotzdem sehr darauf. Wie viele andere auch kam ich erst durch das Studium in Kontakt mit linkem Gedankengut und beginne jetzt erst, die ganze Spannbreite für mich zu entdecken; Tierbefreiung, Anarchie, Marxisten, Befreiungstheologie … Feministin war ich aber schon immer und schon vor meiner Entdeckung bewusst linker Politik. Feministin zu sein ein Selbstverständnis, das isoliert blieb in einer Umgebung, die Frauen in alter Gewohnheit auf Passivität trimmte und in der Feminismus in den Köpfen der Menschen eine Karikatur blieb, eine Noteinrichtung für Frauen, die keine wären. Ziemlich ermüdend sowas. Und deswegen wollte ich eins: Vernetzung, Verdrahtung mit anderen, die sich als Feminist_innen verstehen. Die Queer Theory und die dekonstruktivistische Arbeit ihrer Anhänger und Vertreter finde ich dabei sehr wichtig, sehe sie aber nicht als allererste Wahl, wenn es darum geht, Frauen, die tagtäglich symbolische und körperliche Gewalt erfahren, zu ermutigen, zu ,,empowern“, wie manche sagen. Die Queer Theory bleibt für mich auch nach dem Antifee und seinen interessanten Vorträgen erstmal ein Privileg gebildeter Menschen, für die es kein Problem darstellt, elaborierte Ausdrucksweisen zu verwenden, die in den meisten Fällen (ja, ich habe jedesmal nachgefragt) auf ein ausgiebiges Soziologiestudium verweisen. Wobei das Wort elaboriert hier einfach heißen soll: scheiß unverständlich. Wenn die Queer Theory leichter zugänglich gemacht werden würde, wenn sie nicht nur im elitären Diskurs begrenzt sein würde und mehr Menschen die kreativen und sozioökonomischen Freiräume hätten, sich mit ihr auseinanderzusetzen, könnte ich mich mehr mit ihr anfreunden. Vielleicht kommt das auch noch.

Und ich muss sagen: Ich lernte tolle Menschen kennen, führte super Gespräche und habe jetzt auch die eine oder andere Emailadresse sowie Tipps, wie frau eine lokale feministische Gruppe eröffnen kann. Ich bin in diesem Moment fast wunschlos glücklich, weil sich insoweit alles erfüllte, was ich mir vornahm.

Was ich mir nicht vornahm, war, am Ende des ersten Abends in den Armen eines Menschen zu liegen, den ich erst eine Woche zuvor kennengelernt habe. Der mir, während er mich küsste, sagte, er wolle sich auf mich einlassen, aber keine feste Beziehung und eigentlich gäbe es da gerade auch noch eine andere Frau.
AAAAARGH. Hätte ich mir so eine Situation einfach nur vorgestellt, hätte ich sie für etwas sehr Vermeidenswertes gehalten. Ich kann nicht schnell körperlich werden. Nähe, die ich zulasse, hatte für mich bisher auch immer die stille Frage beinhaltet: Bleibst du? Körperlichkeit im geschützten Rahmen zu erfahren, war für mich sehr wichtig. Jetzt knutschte ich mit einem Typen herum, der die ganze Zeit von Polyamorie redete, von Freiheit, von Ungebundenheit, von anderen Frauen … war das Gefasel, seine Art, Menschen herumzukriegen, eben seine Masche? Ich war irritiert und wusste gar nicht, was er wollte. Konnte er nicht einfach weiterküssen und still sein?
Er sagte, was er wollte: ,,Ich will nicht einsam sein.“
Es war die aberwitzige Situation, dass wir, während wir uns küssten und berührten, die ganze Zeit darüber redeten, die ganze Zeit reflektierten, lachend, scherzend, ernst, küssend, irritiert, fragend, zweifelnd, glücklich … wir redeten über Wünsche, Ängste und Vorstellungen, genossen die Nähe des anderen und um uns herum tobte die Antifee.

Am nächsten Tag: die erwartete körperliche Distanz, die Diskussion um die bekannte Haltung: ,,Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ der 68er Generation, seine Abgrenzung zu dieser Haltung. Schon froh nahm ich wahr, dass wir die Frage nicht in isolierter Zweisamkeit besprechen mussten, sondern dass sich ein Freund dazu setzte, der uns fragte, wie es uns erging seit dem letzten Abend, wie es mit unserer Kommunikation darüber bestünde. Er sprach von seiner eigenen Erfahrung, von Menschen, die andere Menschen ficken, quasi konsumieren, und dann wegwerfen. Wir redeten darüber, wie sehr wir manchmal Wünsche in eine abgeschlossene Zweierbeziehung projizieren, mit dem Gedanken, dass ein einziger Mensch alle unsere Bedürfnisse befriedigen kann. Ich musste an ein Zitat von Wolfgang Schmidbauer denken:

Wenn der geliebte Mensch neben mir mich für alle Kälte und Mechanik des großen Systems entschädigen soll, wächst in mir auch der Haß auf ihn, da er es keineswegs so vollkommen tut, wie ich es bräuchte.

Ich fragte mich, inwieweit ich selber als Frau von einem Mann, aber auch als Mensch von einem anderen Menschen immernoch ,,gerettet“ werden will, gesichert, beschützt. Und warum es mir insbesonders als Frau schwerfallen würde, von polyamorösen Erfahrungen zu erzählen. Mir fiel auf, dass Menschen in meiner Umgebung es immernoch als eine Art ,,Leistung“ sehen, wenn eine Frau einen Mann an sich binden kann. Kann sie es nicht oder tut sie es nicht, wird sie dadurch abgewertet. Inwieweit steht in der Beziehungsfrage immernoch so ein Leistungsgedanke mit dabei, was spricht für eine geschlossene Zweierbeziehung, was dagegen? Ist Monogamie eine Möglichkeit, sich nicht mit seiner eigenen Eifersucht auseinandersetzen zu müssen, weil ja bereits vorgegeben ist, was der andere darf und was nicht? Ist der polyamoröse Mensch auf der Flucht?

Das hier ist lediglich eine Anregung zum Nachdenken, kein Sachtext über Polyamorie. Für mich warf dieses Wochenende sehr wichtige Fragen auf und war trotz einer gewissen komplizierten Situation zuletzt sehr unkompliziert und schön, mit einer Heimfahrt, während der ich dem anderen Menschen noch einmal nahe sein konnte. Ich habe ihm eine sehr schöne Zeit zu verdanken und freue mich darüber, dass ,,Liebe für viele“ nicht Menschenkonsum bedeuten muss.

Dieser Beitrag findet sich auch auf dem Mädchenblog.

Ich bin dann mal weg …

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