Sex und Fleisch

Neulich an der Bushaltestelle: Ein Lieferwagen fuhr vorbei; ich stutzte. Auf dem Dach des Lieferwagens ragte das Modell eines gebratenen Hähnchens hervor, den Hintern weit in die Luft gestreckt. Auf dem Lieferwagen selber stand drauf: ,,Nimm mich!“
Und kleiner: Der Lieferservice/Metzger/Tiermörder Ihres Vertrauens bla bla …

huhn
… sexy? …

Ich wusste nicht, was mich mehr anekelte: Der Text, der aus dem Mund eines getöteten Tieres stammen soll, das eine_n auffordert, es doch zu konsumieren – oder die kaum verhohlene Sexualisierung, die in dem Satz ,,Nimm mich!“ mitschwingt. Das Tier, hier nicht allein zur Ware gemacht, sondern zur Sexualware, die nicht nur passiv auf das Verbrauchtwerden wartet, sondern sich dabei noch anbietet. ,,Nimm mich!“ als Statement, dass es dem Tier letztendlich gefällt; der alte Mythos, den auch Jäger-und Sammlergesellschaften mit sich herumtrugen: Das Tier will eigentlich gegessen werden. Genauso wie die Sexualware Frau gefickt werden will. Oder als Handelsware getauscht (,,verheiratet“). Oder als Wirtschaftskraft verbraucht. Oder …

woman
… zum Vernaschen?

Es ist kein Zufall, dass ,,die Frau“ und ,,das Tier“ hier verglichen werden können; wurden und werden beide noch als ,,das Andere“ in Naturnähe gerückt, wobei auch hier der Begriff der ,,Natur“ schwammig bleibt, vielleicht nur etwas, von dem ,,der“ Mensch sich bewusst anders machen, sich bewusst davon unterscheiden will.

In ihrem Aufsatz: ,,What will they be doing next, educating cows?“ schreibt die Politologin Mieke Roscher ein Plädoyer für die Beachtung der Tierbefreiungsfrage im Feminismus. Sie sagt dazu:

Die anklagende Feststellung ,,Sie behandeln uns wie die Tiere“ muss […] darin münden, sich fundamental mit dem Speziesismus auseinanderzusetzen und ihn anzugreifen, anstatt eine partielle Besserstellung von Frauen erreichen zu wollen. Es sollte Frauen nicht genügen, nicht mehr wie die Tiere ausgebeutet zu werden und sich gleichberechtigt an ihrer Unterdrückung zu beteiligen.

(2007, S.241)
Dabei kritisiert sie:

Dem (liberalen) Feminismus ist […] vorzuwerfen, dass er sich in übertriebener Speziessolidarität darum bemüht, den Essentialismus, der im Frau-Tier-Vergleich verborgen liegt, abzustreifen. Er strebt danach, sich dem ‚Herrschenden‘ anzugleichen. Dabei greift er allerdings genau auf die gleichen Hierarchisierungsmittel zurück, denen er sich vorher verwehrt hat. Diesem Feminismus geht es darum, zugunsten eigener Heraufsetzung das Tier dauerhaft in seiner unfreien Position zu belassen. Er übernimmt die autoritäre Denkstruktur, in der die unterdrückte Gruppe immer das diskursive Tier bleibt, ob menschlich oder nicht, ist dabei ohne Belang.

(2007, S. 247, zur Literaturquelle hier)

Ich schrieb darüber in einem ersten Posting: ,,Wollen wir solche (Männer-)Menschen werden – nämlich uns in Abgrenzung gegen das Andere definieren, obwohl wir selber schmerzlich erfahren haben, was es heißt, als das Andere gesehen zu werden?“ Damals griffen mich Maskulinisten an und bewiesen mir blutjunger Bloggerin (ein Tag damals!), dass auch online dem Geschlechtergehäcksel nicht zu entkommen war. Hatr.org war zu der Zeit leider noch nicht am Start, deshalb ging ich auch nicht mehr weiter auf das Thema ein.

Aber hier und heute, können wir als bewusste Feminist_innen noch klar sagen: Feminismus ja, Tierbefreiung nein? Oder auch: Was hat die Wurst auf meinem Brötchen schon mit Herrschaft zu tun?

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Für weitere Informationen:
Donna Haraways antispeziesistischer Ausflug nach Anderswo.
Antispe Tübingen, Redebeitrag zum Internationalen Frauentag 2011


1 Antwort auf „Sex und Fleisch“


  1. Gravatar Icon 1 linda 23. Juli 2011 um 23:14 Uhr

    hi bäumchen, du hattest um den artikel gebeten. es kommen ein paar wortwiederholungen vor, aber ich hatte das damals mit solch einer wut im bauch getippt und bin durch die reaktionen einiger menschen sehr entmutigt worden, mich weiter zu engagieren.
    übrigens lese ich gerade „fleisch – symbol der macht“ von nick fiddes, falls du es noch nicht kennst, kann es dir sicher interessante aspekte der bedeutung von sog. „fleisch“, also tierkörpern, die für den menschl. verzehr bestimmt sind, für deine auseinandersetzung mit der verflechtung von sexismus und speziesismus liefern. liebe grüße, linda

    artikel kann noch eingesehen werden unter: http://de.indymedia.org/2009/10/262533.shtml

    Russische Milchwerbung zeigt mit Milch bespritzte Frauen mit Kuhglocken – Die zu Recht empörten Feminist_innen werden vom berichtenden PC-Action-Team bloßgestellt und die Werbung wird als „sexy“ und „geil“ angepriesen.
    Sexistische Milchwerbung schockt russische Feminist_innen

    Wie die Webseite von PC Action bereits am 25.08.2009 berichtete(1), sind viele russische Menschen geschockt: Die Großstädte sind seit einiger Zeit übersät mit eindeutig sexistischen Milchwerbeplakaten. Auf den Plakaten sind Frauen zu sehen, denen Milch ins Gesicht, auf den Oberkörper spritzt, sogar in den Mund fließt. Einige tragen sogar Kuhglocken und kauen Gras. Der Bericht zitiert sogar eine russische Bürgerin, die ihrer Empörung über die Darstellung von Frauen in dieser Werbung Ausdruck verleiht.
    Doch das PC-Aktion-Team hat dazu eine andere Meinung. Ihr Fazit lautet: „Kein Spielebezug, aber geile Russinnen!“. In einer 10 Plakate umfassenden Galerie (2), fordern sie ihre wohl vor allem männlichen Leser_innen auf, sich selbst ein Bild zu machen. Und die Leserschaft stimmt PC Action einmütig zu, z.B. mit den Worten „Russische Weiber sind heiß!“ und „ich find diese Werbung sehr ansprechend (sex sells)“ etc. pp.
    Die Kritik der feministischen Russ_innen wird selbstverständlich als lächerlich, dumm, peinlich und mit Kommentaren wie „“Neid der Superemanzen“ oder „Return of the living Uber-Feminists“.“ abgetan.

    Dabei ist die Entwürdigung so offensichtlich: Abgesehen von dem wenig diskreten Hinweis auf Milch=Sperma, werden die Frauen als Milchkühe dargestellt. Diese Gleichsetzung ist sogar doppelt herabwürdigend, da sowohl Frauen als auch Milchkühe wegen ihrer Reproduktionsfähigkeit schamlos ausgebeutet wurden und werden und damit erhebliche physische und psychische Leiden für die Betroffenen einhergehen.

    In der Frau-Natur- und Frau-Tier-Gleichsetzung wird seit jeher das komplette sexistische und speziesistische Repartoire der Gesellschaft ausgespielt: Frauen und (nichtmenschliche) Tiere werden vor allem durch ihre vermeintliche Unterlegenheit dem (weißen) Mann gegenüber als weniger achtenswerte Wesen dargestellt, deren Körper, Körperteile und in dem Fall auch Produkte nach Belieben konsumiert werden können und sollen – ob nun visuell, sexuell oder buchstäblich.

    Quellen:
    (1) http://www.pcaction.de/article/view/2504
    (2) http://www.pcaction.de/gallery/view/189

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