Helfen Identitäten? Es wird persönlich.

Ich bin verloren in Begrifflichkeiten. Zurzeit durchsurfe ich mit Leidenschaft die US-amerikanische Blogosphäre und begegne all den Identitäten, mit denen sich Blogger bezeichnen: Sex-positive, fat-positive, Republikaner, schwarze Ghettolesben, schwule Ehemänner. Alle stecken ihr Revier, ihren Bereich ab und dann berichten sie – aus ihrer Perspektive. Und ich bemerke, dass diese Begrifflichkeiten in die deutsche Blogosphäre überschwappen; wir fangen an, von Klassismus zu reden, von Biphobie, von Critical Whiteness. Ich weiß nicht, ob wir Begriffe immer 1:1 aus dem US-amerikanischen Raum übernehmen können; ich glaube, wir vergessen manchmal, dass ,,drüben“ oftmals andere Diskurse geführt werden. In den USA gibt es die Auseinandersetzung um weiße Hautfarbe – schwarze Hautfarbe; hierzulande schaffen Türken Deutschland ab – und sind dabei doch auch weiß, diese Schlingel …

Ich überlege mir immer, ob ich jemals einen Blog beginnen sollte mit den Worten: Ich bin das und das und das, und ich kämpfe für dies und jenes. Ich fühle mich dann seltsam: narzisstisch vielleicht, zu sehr bemüht darzustellen, was ich bin. Ich weiß auch immer nicht, was diese Dinge dann letztendlich über mich aussagen. Aber ich wills versuchen.

Ich bin eine Frau. Ich bin Studentin. Ich bin Türkin. Meine Eltern sind Muslime, ich bin ab dem sechsten Lebensjahr in verschiedenen Kinderheimen aufgewachsen und wurde dort säkular erzogen. Ich wurde sexuell missbraucht. Ich war frühreif in meiner Entwicklung, dabei wollte ich immer ein Junge sein und habe meinen Körper gehasst. Mit 10 Jahren entschied ich mich gegen die Kultur meiner Familie, weil sie mich nicht in Ruhe Bücher lesen ließen. Stattdessen bekam ich Depressionen und schwänzte die Schule. Mit 14 Jahren entschied ich mich, Christin zu werden, auf der Jugendfreizeit einer Gemeinde, die sehr bibeltreu ist. Im Gemeindeleben, in dem ich sehr aktiv war, bemerkte ich ein paar Jahre später, dass ich Frauen liebe und habe das bisher immernoch keinem Menschen dort sagen können. Ich las Simone de Beauvoir und wurde Feministin. Ich las Rilke und wurde sentimental. Ich wollte immer Schriftstellerin werden und war in der Schule die Beste in Deutsch. Ich habe das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) und damit eine systemische Hormonerkrankung, für die es keine Gegenmittel oder Heilung gibt. Ich bin Tierrechtlerin und Veganerin und Single und bereits 15mal umgezogen. Und irgendwann wurde ich ’ne linke Zecke.
Lass uns mal drüber reden …

Was bin ich jetzt, wer kann mir das sagen? Nenne mir eine Selbsthilfegruppe oder eine Anlaufstelle, die das auffängt. Es bräuchte eine Selbsthilfegruppe FÜR DAS LEBEN. Was für eine Perspektive haben wir, wenn wir versuchen, unser ganzes Leben zusammenzufassen, das sich doch so schlecht in Begrifflichkeiten reduzieren lässt. Reichen Identitäten denn, um Menschen zu fassen? Welchen Namen gebe ich jetzt meinem Blog? Kann ich, der feministischen Bewegung treu, denn über alles Private berichten, als sei es politisch? Oder tue ich so, als sei nur das Private politisch, verkrümme meinen Blick in mich selber und feiere meine exzessive Subjektivität?

Ich bin für Identitäten, trotz allem. Ich liebe es, den Blog einer dicken, lesbischen Frau zu lesen, die mir sagt, ich bin okay, so wie ich bin. Solche Menschen schreiben Blogs mit einem Filter vor Augen, und sie filtern alles in ihrer Umgebung heraus, was dicke, lesbische Frauen betrifft. Ich halte mich manchmal immernoch für filterlos und glaube meinen Blick so neutral wie den der Tagesschau (okay, besser gesagt: ,,neutral“). Ich glaube aber, es tut mir gut und auch denen, die das hier lesen, transparent zu machen, wer eigentlich schreibt.

Euer Bäumchen


17 Antworten auf „Helfen Identitäten? Es wird persönlich.“


  1. Gravatar Icon 1 »Paula« 18. Oktober 2011 um 8:22 Uhr

    Wow, was für ein toller und persönlicher Eintrag! Habe den über die Mädchenmannschaft gefunden und möchte dir 100% zustimmen. (Und ja, wo ist sie, diese Selbsthilfegruppe für das Leben?! ;) )

    Ich finde es nicht nur schwer, Identitäten „abzustecken“ und nach außen zu vermitteln, sondern habe das Gefühl, meine ändert sich auch tagtäglich… natürlich nicht komplett und sicherlich auch nicht ganz unabsichtlich, aber je nach Kontext und Umfeld würde ich nicht von mir behaupten können, „dieselbe“ Person zu sein. Ob das gut ist oder schlecht, weiß ich nicht, aber es ist eigentlich unmöglich, mein Ich wirklich in Worte zu fassen und dann vielleicht noch eine Zugehörigkeitsgruppe zu finden.

    Aber dennoch ist es gut, für mich selbst immer wieder zu reflektieren, aus welcher Sicht (weiß, cis-weiblich, atheistisch, bi-/demisexuell etc. pp.) ich denn gucke/denke/schreibe, um mein eigenes Urteil eventuell zu hinterfragen.

    Danke jedenfalls für diesen Eintrag! :)

  2. Gravatar Icon 2 Bäumchen 18. Oktober 2011 um 11:30 Uhr

    Hey, vielen Dank :) Jetzt bin ich aber verwirrt: Was ist demisexuell?

  3. Gravatar Icon 3 »Paula« 18. Oktober 2011 um 21:26 Uhr

    Quasi „halb-asexuell“ (http://www.asex-wiki.de/index.php/Demisexuell).

    Für mich war das damals eine sehr wichtige Erkenntnis, die auch meinen Blick auf bestimmte Themen verändert hat.

  4. Gravatar Icon 4 Bäumchen 19. Oktober 2011 um 11:29 Uhr

    Das ist faszinierend. Wusste gar nicht, dass es für sowas ’ne Bezeichnung gibt. Das muss ich Begrifflichkeiten wieder zugestehen: Sie erleichtern es einem irgendwie, sich selber zu akzeptieren. Bin ganz durcheinander in der linken Szene, weil dort das Polyamorie-Modell stark vorherrscht und Bindungen eher als etwas negatives betrachtet werden (natürlich vor allem unter den jungen Männern, wie furchtbar neu in der Menschheitsgeschichte). Ich hab das mal versucht mit Polyamorie, aber es ist echt schief gegangen … auch weil der andere Mensch mir zuletzt diese Bindung an ihn nicht zugestehen wollte. Lange Rede, kurzer Sinn, hab auch erst nach und nach herausgefunden, dass ich keine Lust auf Promiskuität habe (das war nämlich seine Idee von ,,Polyamorie“). Voll gut, wenn mensch zu seinen eigenen Wünschen stehen kann :-)

  5. Gravatar Icon 5 Irene 20. Oktober 2011 um 14:55 Uhr

    Wie passend, hier einen Kommentar von Dir zu finden, Paula. Hatte beim Lesen schon den Gedanken, diesen Blogpost unter einem Eintrag von Dir zu verlinken.

    Ein Tipp u.a. zur wachsenden Zahl der Kategorien (Video, 25 min): Universalismus
    http://videos.arte.tv/de/videos/philosophie_universalismus-4171556.html

    Hier noch was Ironisches für Polyamory-Skeptikerinnen:
    http://pastebin.com/MGSC4Me5

  6. Gravatar Icon 6 »Paula« 20. Oktober 2011 um 15:51 Uhr

    Ist Polyamorie echt so stark vertreten in der linken Szene? Das wusste ich nicht… aber gut, ich bewege mich auch wenig in dieser Szene.

    Ich kann auch total verstehen, dass diese Lebensweise für viele nichts ist, und ich finde es dann immer schwierig, wenn ich Menschen hinstellen und Polyamorie für das „bessere Konzept“ hinstellen, mehr Liebe, mehr Freiheit, weniger Eifersucht etc. – das ist in meinen Augen totaler Quatsch. Poly ist mit viel Beziehungsarbeit verbunden, finde ich, und keine Ausrede für wildes In-der-Gegend-Umherschlafen.

  7. Gravatar Icon 7 Bäumchen 20. Oktober 2011 um 21:10 Uhr

    Bei uns ist die Situation etwas schizophren: Entweder monogame Langzeitbeziehungen oder polyamor, scheint dazwischen fast nix zu geben … ich finds halt schwierig, wenn es zu Situationen kommt, an denen Menschen sich dafür fast entschuldigen müssen, welche Beziehungsform sie pflegen …

  8. Gravatar Icon 8 kiturak 22. Oktober 2011 um 15:54 Uhr

    Huhu! Hab‘ Dich gestern schon auf Feministe gesehen ;) und ich hab auch PCOS!

    Die poly-Sache macht mich etwas traurig; also, ich würde mich z.B. auch als promisk bezeichnen (wir haben nicht diese „exclusive Dreierbeziehung“ oder so), das schließt für mich aber garnicht das mit der Bindung aus. Ich bin seit über 6 Jahren mit meinem Freund zusammen, und wenn irgendwas, dann ist diese Beziehung „gebundener“ und wichtiger als alle, die ich je hatte. Also, verschiedene Leute definieren für ihre Beziehungen „poly“ völlig unterschiedlich, das geht manchmal etwas unter. Aber ernsthaft, ich hab in meinem Leben schon viele Leute getroffen, die sich nicht auf eine ernsthafte Beziehung einlassen wollten, und die waren *immer* monogam.

    … sorry fürs Ausschweifen, was ich meine, ist, eigentlich alle Menschen in poly-Beziehungen, die ich kenne (egal ob „geschlossene“ oder „offene“ Beziehung), finden Bindung unglaublich wichtig. Was die linke Szene draus macht, bekomm ich nur am Rande mit (die ganze RZB-Kritik-Schiene), aber grad der Bahamas-Artikel, den Irene da verlinkt hat, hat von pauschalisierendem Hass und „Stroh-Polyamory“ echt nur so gestrotzt, und was da geschildert wird, hat nicht viel mit dem zu tun, was ich und viele andere so sehen.

    Aber jedenfalls, willkommen! Ich bin gespannt. Mir geht’s mit den Etiketten besser als vorher als „unsichtbare“ nicht-Normale.

  9. Gravatar Icon 9 abgrrrund 23. Oktober 2011 um 12:57 Uhr

    Uijuijui, das ist ja ein verrückt-toller Post.

    Ich gebe an dieser Stelle zu: Deine Einträge sind mir schon beim Mädchenblog aufgefallen und ich fand die von ihrem intellektuellen „Style“ und dem damit verbundenen Background sympathisch (den ich bis zu diesem Eintrag hier nicht genauer kannte, aber dass er dem meinem in gewisser Weise nah ist war trotzdem abzusehen… oder nein, sagen wir besser anders: ich fühlte mich dem nah und fand es interessant).

    Deswegen hab ich mir schon überlegt, ob ich dir heimliche Sympathieannäherungsbekundungen zuschiebe… naja, wie auch immer. ^^“

    Mir (weiß, postchristlich-posttheologisch-(partial)atheistisch, inter-trans-partial*cis-männlich(-weiblich) oder auch genderqueer, differentiell-postfett-neodünn, vegan, depressiv, sex-positive, multi-demisexuell, queerhetero und partialqueer-lesbisch, Überlebende*r von diversen Erfahrungen sexualisierter Gewalt, Single, unentschieden-divers-promisk-polyamorös-ichhabkeineahnungwie, linke Zecke seit frühester Jugend, post-alter-kapitalistisch, leider noch zu deutsch, schüchtern und für viele Menschen wohl unerträglich kompliziert) ist vor allem das folgende ins Auge gesprungen:

    „Nenne mir eine Selbsthilfegruppe oder eine Anlaufstelle, die das auffängt. Es bräuchte eine Selbsthilfegruppe FÜR DAS LEBEN.“

    Lese ich daraus richtig um die Ecke heraus, dass du das Gefühl hast einer „Therapie“ (im Sinne irgendeiner Selbsthilfe) zu bedürfen?

    Wenn ja: Ich stelle mir diese Frage oft ähnlich für mich selbst und meine Antwort für mich lautet, dass es für mich wohl keine Selbsthilfe/Anlaufstelle gibt. Zumindest keine, die mir gerecht werden würde. Nichts, dass mich in dem, was ich „bin“ auffangen könnte. Selbsthilfestrukturen/Anlaufstellen sind ja nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern sind historisch mitunter vielfach selbst überladen mit herrschaftlichen Prämissen, die die Gewaltverhältnisse ihrer Teilnehmer*innen allzu sehr reproduzieren oder sie nicht richtig verstehen und auszudifferenzieren wissen, was nicht selten dazu führt, Altersubjektivitäten (wie unsere z.B.) allzu sehr zu normalisieren und den Gewaltverhältnissen anzupassen, ja sie sogar noch zu unterwerfen.

    Aber das ist nur meine schmerzhafte Konklusion nach vielen Jahren intensiven Nachdenkens darüber. Vielleicht liege ich damit auch falsch (,sehe das irgendwann mal anders) und du hast da mehr Glück. Aber sag Bescheid, wenn du eine Anlaufstelle FÜR DAS LEBEN gefunden hast. Ich würde sie ausprobieren.

    Ansonsten: Weiter so! :-)

    Achja, und kiturak ist auch toll. (Die Impressionen zu biphober Kultur haben echt meinen Horizont erweitert.)

    (Irgendwie ist das hier ein seltsamer, inkohärenter Kommentar… entschuldigt das Chaos.)

    ___________

    Memo an mich selbst: Ich sollte vielleicht endlich auch mal bloggen…

  10. Gravatar Icon 10 Bäumchen 23. Oktober 2011 um 15:15 Uhr

    @ kiturak
    Die Kritik an der Romantischen Zweierbeziehung ähnelt mitunter sehr dem Diskurs über die Kleinfamilie Ende der 60er Jahre. Ich weiß nicht, ob das nun nicht ein xmal-wiedergekäutes feministisches Haudrauf ist: Aber schon dort wurden Frauen unter dem Vorwand der ,,freien Liebe“ unter Druck gesetzt, jedem gefälligst zur Verfügung zu stehen. Ich sehe durchaus Potenzial in polyamoren Liebesverhältnissen, aber wie es in meiner Umgebung bisher durchgesetzt wurde, ist nicht gerade erstrebenswert und hat besagte Menschen nicht besonders glücklich gemacht. Ich halte nichts davon, eine Beziehungsform für besser oder schlechter zu erklären, mir dreht sich aber sofort der Magen um, wenn ich mir von einem Menschen anhören darf, dass aus diesen und jenen soziologischen Gründen (q.e.d.) Polyamorie das natürlichste der Welt sei (welch ein Widerspruch, wenn wir bedenken, dass ein Großteil der Soziologen davon ausgeht, dass erstmal kaum etwas ,,natürlich“ ist, sondern Kultur und Natur ,,gleich ursprünglich“ sind).
    Du hast einen ganz tollen Blog, in den ich mich heute hineinlegen werde :-) sobald die Sonne aus dem Garten verschwunden ist. Danke fürs Willkommenheißen, ich freu mich auch schon!

    @abgrrrund
    Selten so einen coolen Kommentar gelesen :-D Danke dafür! Weiß gar nicht, wo ich anfangen soll: Jeder Aspekt über dich klingt super interessant. Am Meisten fasziniert es mich immer, wenn Leute aus der Linken Ecke gläubig sind /waren, vielleicht kannst du mir mal was darüber erzählen? Und über den Rest auch? Und einige Dinge müsstest du mir erklären (post-alter-kapitalistisch? ^^).

    Zu deiner Frage: Ja, ich glaube derzeit dass ich eine Therapie brauche und ich werde dem Bedürfnis vermutlich auch nachgehen. Deinem Argument, auch Therapien seien ,,überladen mit herrschaftlichen Prämissen“ kann ich kaum etwas entgegensetzen. Aber ich finde, diese ,,Wir können dem System nicht entfliehen“-Gedanken kann mensch bis zur Verzweiflung ewig weiterführen. Ein Artikel, den ich vor Jahren mal gelesen habe, beschäftigte sich mit dem Gedanken, dass auch linke Strukturen und Alternativen im ,,System“ eingebettet sind, um gerade jungen Menschen für einige Jahre eine Art Pause, eine Art Fluchtweg zu ermöglichen, damit sie sich entweder ausruhen oder austoben dürfen, um irgendwann mal wieder freiwillig in die bürgerliche Gesellschaft zurückzukehren. Solche Gedanken können total lähmend sein, wie ich finde, und dazu führen, dass wir überhaupt keine Alternativen mehr schaffen und grübelnd in uns selbst versinken, weil wir ja, egal, was wir tun, dem Herrschaftssystem zuspielen.
    Ich gehe keineswegs in eine Therapie, um abzunicken was ein Mensch mir sagt. Es ist schon manchmal ärgerlich, dass manche Therapeuten heute z.B. noch mit C.G. Jung arbeiten und dem Archetypenmodell und der inneren Anima und dem inneren Animus, und wenn ich aus meiner heilen ,,queeren Welt“ (wie der Awareness-Post von LisaCalisa im Mädchenblog auch gut darstellte) in die medizinisch-therapeutische eintrete, sehe ich halt lauter uralte Stereotypen, mit denen ich mich überhaupt nicht mehr verbunden fühle. Aber es ist gerade dieser Prozess, der sehr interessant ist: Nämlich den Denkstrukturen eines Therapeuten oder einer Therapeutin etwas entgegenzusetzen und somit nochmal laut auszusprechen, was sich in mir selber vielleicht bereits schon vollzogen hat, zum Beispiel in Form der Emanzipation.

    Und ja, du solltest unbedingt auch mal selbst bloggen, dann habe ich auchmal ’ne Chance, dir Sympathieannäherungsbekundungen zukommen zu lassen ;-)

  11. Gravatar Icon 11 tee 23. Oktober 2011 um 18:48 Uhr

    Ich sehe durchaus Potenzial in polyamoren Liebesverhältnissen, aber wie es in meiner Umgebung bisher durchgesetzt wurde, ist nicht gerade erstrebenswert und hat besagte Menschen nicht besonders glücklich gemacht.

    durchgesetzt?!?! da scheint aber eine arge definition von polyamorie zugrunde zu liegen. ich hab‘ es immer als „alles kann, nix muss“ verstanden. polys können also durchaus auschließende zweierbeziehungen haben, sofern sie wollen. was gibt es da denn durchzusetzen?

  12. Gravatar Icon 12 kiturak 23. Oktober 2011 um 20:12 Uhr

    @Bäumchen:
    Geb‘ Dir zu 100% recht. Für mich war die poly-Idee komplett auf unserem Mist gewachsen, eine Sache, die wir in monatelangem Reden zu zweit für uns rausgefunden haben (glücklich! glücklich!), dann haben wir rausgekriegt, dass Beauvoir/Sartre das mit ihrem Pakt fast exakt genauso gehalten haben (woo hoo! wie COOL!), dann hab ich rausgefunden, dass es da eine ganze poly-Bewegung zu gibt (spannend/seltsam), dann kamen die Diskussionsrunden und tollen jungle world-Artikel, in denen das Ganze auf Tauglichkeit zur gelebten Kapitalismuskritik formuliert wurde (meeeeh nervig wenn pro/unerträglich wenn contra), dann kamen die Verrisse à la Bahamas, und langsam reicht’s mir.
    Ich glaub‘, dass sich Sexismus auf jede (hetero-)Beziehungsform spezifisch auswirkt, und glaub‘ Dir aufs Wort, dass die Praxis mies sein kann. Aber duch die „feministische“ Sichtweise (bzw. das, was davon bei mir angekommen war, also dass das nur „Ausnutzen“ ist), zusammen mit der strukturellen Diskriminierung, hab ich jahrelang echt unglücklich gelebt und kam garnicht drauf, dass Monogamie für mich einfach nur schlimm ist. Das kann’s find‘ ich auch nicht sein.
    Nur, ja, Du hast völlig recht, gegen sexistischen Mist dabei sollten wir uns wehren. Ich bin garnicht in irgendeiner poly-Community oder so, und auf jeden Fall schon lang viel zu alt für die linken Jungmacker, deshalb bekomm‘ ich „pro-poly“-Gruppentendenzen garnicht so mit, alles, was ich abkrieg, ist die gesellschaftliche Poly-Feindlichkeit.
    (Und ICH HASSE die „Natürlichkeits“-Argumente. Ich kriege kleine Pickel im Nacken, wenn ich nur daran denke. Für alle die Beziehung, die gut für sie ist, sage ich.)
    Jedenfalls, danke für die Blumen! Ich freu mich, und gutes Bloggen :)

  13. Gravatar Icon 13 semiramis 05. November 2011 um 20:45 Uhr

    Antje Schrupp sagte zum Artikel „Aneignung und Subversion.“ von lantzschi, dass sie biografische Zugänge zum Feminismus spannend und wichtig findet. Und das möchte ich hier wiederholen: vielen Dank für deinen offenen und wunderbaren persönlichen Beitrag.

    Ich finde den Zugang „Das Private ist Politisch“ immer noch wichtig und richtig und kann deine Bedenken verstehen. Ich sehe ihn vielleicht ein klein wenig anders als du. Er bedeutet für mich nicht, dass ich von mir auf andere abstrahieren kann – was du auch nicht gesagt hast.
    „Oder tue ich so, als sei nur das Private politisch, verkrümme meinen Blick in mich selber und feiere meine exzessive Subjektivität?“
    Das würde doch nur passieren, wenn ich von meinem Leben auf andere schließe und nicht frage, ob es anderen auch so geht, ob sie ähnliche Erfahrungen machen. Das consciousness-raising der zweiten Frauenbewegung zielte doch genau darauf: sich die eigenen Geschichten zu erzählen, der anderen zuzuhören und dann zu erkennen, worin liegen die Unterschiede, worin die Gemeinsamkeiten. Und die Gefahr sehe ich bei einem offenen solidarischen Austausch erst einmal nicht; etwas, was du hier ja auch gemacht hast. Und das finde ich toll.

    Oje, Polyamourie… Schwieriges Thema. Da habe ich meine auch meine Erfahrung gemacht. Und ich stimme dir zu: „Aber schon dort wurden Frauen unter dem Vorwand der ,,freien Liebe“ unter Druck gesetzt, jedem gefälligst zur Verfügung zu stehen. Ich sehe durchaus Potenzial in polyamoren Liebesverhältnissen, aber wie es in meiner Umgebung bisher durchgesetzt wurde, ist nicht gerade erstrebenswert und hat besagte Menschen nicht besonders glücklich gemacht.“ es ist nicht einfach, Machtstrukturen in Beziehungen zu thematisieren, vor allem, weil ja gerade (starke) Gefühle im Spiel sind. Ich finde nur, dass in Deutschland besonders die Seite, dass immer mind. ein Mensch darin zu kurz kommt und eine seltsam lüsterne Komponente betont wird. Ich habe kaum wirklich gute Betrachtungen dazu gelesen oder gesehen. Es gab eine Reportage auf ZDF, die ganz gut war, während sich zum Beispiel DIE ZEIT nicht so sehr der Klischees von Harem (diesmal von Männern) erwehren konnte. Aber auch das ist ein spannendes und abendfüllendes Thema.

    Ich schließe mich damit auch deinem letzten Paragraphen an: Ich freue mich darauf, von dir zu lesen.

  14. Gravatar Icon 14 Caro 06. November 2011 um 23:35 Uhr

    Hallo Bäumchen,

    ich habe deinen Text mit großem Interesse gelesen! Er wirkt sehr persönlich und offen.

    Eine Anmerkung meinerseits:
    Ich denke, dass alles, was wir denken und fühlen, alles was wir tun oder auch lassen, uns genauso prägt wie eben unsere Familie, Nationalität, unser (uns zugeschriebenes) Geschlecht etc. pp. Vorallem heute ist es aufgrund der pluralen Lebensweisen und damit notwendigerweise verknüpften unterschiedlichen Erfahrungen (und somit „Identitätsbestandteilen“) immer schwieriger, auch nur annähernd passende Bezeichnungen zu finden. Gerade deshalb haben viele Menschen den starken Drang dazu, es gibt ihnen Sicherheit (mir auch). Ich persönlich empfinde es allerdings als beleidigend, nur unter bestimmten Aspekten meiner Existenz wahgenommen zu werden und versuche auch, das bei anderen um des Respekts willen zu unterlassen.
    Als ich noch jünger war, d.h. so zwischen 14 und 18, habe ich mich immer wahnsinnig bemüht, in eine bestimmte Schublade zu passen – und zwar in die der „Beliebten Mädechen“. Das hieß zu der Zeit: Schön, modern angezogen, geschminkt, beliebt bei den Jungs, gruppenkonformer Ablauf der Woche, bloß nicht zu schlau wirken. Ich habe mich so lange verbogen, dass ich heute, einige Jahre später, oft noch denke, dass der Mensch, der ich eigentlich bin bzw, hätte werden können, „irgendwo da draußen verbuddelt“ ist. Und jetzt ist die Kacke am dampfen. Schwieriges Thema, dass mir sehr am Herzen liegt, und weshalb ich jetzt einen Punkt machen muss ;)

    Liebe Grüße

  15. Gravatar Icon 15 Bäumchen 08. November 2011 um 12:09 Uhr

    Mensch, ich trödel so …

    @kiturak
    Zu Polamorie muss ich dringend nochmal was schreiben :-)

    @semiramis
    Was ich an Gemeinsamkeiten so spannend finde, ist diese verbindende Kraft. Vor allem, wenn ich sie in einem Gegenüber finde, der*die mir so unähnlich erscheint. Interessant wird es bei diesen kleinen Verrücktheiten z.B., von denen mensch annimmt, dass nur sie*er selbst solche Macken hat. Wenn sich eine*r auf dem Gehsteig zum Beispiel bemüht, nicht auf die Linien zu treten. Wenn es nun nichtmehr um kleine Macken geht, sondern um eine ähnliche strukturelle Unterdrückung, in der Menschen gemeinsam stehen, weil sie als Frauen identifiziert werden, finde ich diesen Austausch umso wichtiger. Aber wie du sagst, es ist auch wichtig, die Unterschiede herauszustellen. Und da glaube ich auch, es ist nicht nur wichtig, dass Frauen sich voneinander unterscheiden, sondern benennen zu können, dass auch ein einziger Mensch selber innerhalb seiner Identität brüchig ist, widersprüchlich, oft nicht zu greifen. Ich rede heute schlecht von Polyamorie und morgen versuch ich es wieder neu, weil ich mich eben nicht als Poly-Mensch oder Mono-Mensch sehe, sondern weil es verschiedene Menschen gibt, zu denen ich in unterschiedlichster Beziehung stehe und weil sich Möglichkeiten ergeben …

    @Caro
    Ja, dass Identität irgendwie Sicherheit gibt, so gehts mir auch. TaP (vom Blog Theorie als Praxis)hat mal in einem Posting irgendwie geschrieben: Für Identitäten, aber gegen die Naturalisierung von Identitäten. Damit auch für ein Selbstbild, das fließend sein darf, in sich manchmal nicht stimmig, flexibel …

  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » feministische Mütter, lesbische Nationalparks und schwule Muslime: Die Blogschau Pingback am 22. Oktober 2011 um 13:31 Uhr
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