Von einer türkischen Wahl-Kindheit.

Urmila von andersdeutsch beschreibt in ihrem Blogpost ,,Herkunft als Risiko?“ sehr schön, wie eine Statistik über Armut so verdreht werden kann, dass nicht das rassistische Schulsystem als Problem heraussticht – sondern die nichtdeutsche Herkunft. Wie wir alle wissen, fällt knapp außerhalb der deutschen Grenze die Intelligenz um ein Vielfaches und hinterlässt nur stumpfe Köpfe. Migranten, die ihre Gene hier einführen, werden, wenn nicht schon am Äußeren, so doch am Scheitern im hiesigen Bildungssystem entlarvt, das das deutscheste aller Bildungssysteme ist.
Ich bin eine gute Ausländerin, war ich schon immer. Das sagen mir die Menschen auch die ganze Zeit. ,,Du bist ja anders“, heißt es dann. ,,Du bist ja total integriert. An dir sollten die sich ein Beispiel nehmen.“
Interessant, was viele Menschen unter ,,integriert“ verstehen. Ich spreche flüssiges Hochdeutsch, besser als jeder Schwabe, Sachse, Bayer, Frangge. Ich habe meine Muttersprache verlernt und mich dafür entschieden, Christin zu werden. Ich habe fast alle Verbundenheit mit der Kultur meiner Eltern und meiner Familie verloren. Manchmal sitze ich bei ihnen im Kreis und kann nicht mitreden, mitlachen. Es gibt Witze, die nur auf Türkisch richtig gut sind. Mein Onkel schnalzt immer genervt, wenn ich nach der Übersetzung frage. Meiner Oma und mir fehlte jeder Austausch, bis ich bemerkte, dass ein Lächeln oft half, die Barriere zu durchbrechen, die die Sprachlosigkeit zwischen uns schuf. Mein Opa, der mir bereits in frühester Kindheit sehr wichtig wurde, hat so manchen Schalk in seinem Leben getrieben. Nur hin und wieder werden mir seine Geschichten gnädig übersetzt. Wie gerne würde ich ihn das alles selber fragen. Letztes Jahr ist er in die Türkei zurückgekehrt und hat damit der Großfamilie den Sammelpunkt weggenommen: Sie zerbrach in lauter kleine Kernfamilien, deutsch halt, und man trifft sich mitunter auf Familienfesten, um sich mal wieder ausgiebig zu streiten.
Ich bin sowas von assimiliert und ich habe das zugelassen. Ich erinnere mich seit meiner Kindheit an das Zusprechen, an das Mutmachen vieler Menschen, mich doch von einer Kultur zu befreien, die ,,Frauen so unterdrückt“, eine Kultur die auch damals schon für die meisten Deutschen nur in Klischees beheimatet war. Ich habe Unterdrückung empfunden, aber vor allem die Unterdrückung eines Kindes durch erwachsene Menschen, die es nicht ernstnahmen und die es bevormunden wollten. Als ich dann wählte, weiter im Kinderheim zu bleiben anstatt wie mein Bruder zu der Familie zu ziehen, durfte ich erst erfahren, wie sehr ich der Willkür Erwachsener in deutschen Kinderheimen ausgesetzt war. Die Willkür der Bestrafungsmaßnahmen, wenn ich nachfragte statt sofort zu gehorchen, von Hausarrest und Drohungen, sobald ich zu schlau wirkte, von Betreuern, die viel zu schnell zu irgendwelchen Mitteln griffen, um die Kinder ,,zur Ruhe zu bringen“. Von einer Freiheit, die mir nur dann gestattet war, wenn ich dem Betreuer heute gefiel, damit kokettierte, das ruhige brave ,,erwachsene“ Kind zu sein, um mehr zu dürfen als die anderen.
Ich habe ganz sicher nicht den besseren Weg gewählt, nur eine andere Herrschaft über mich, eine die ich mit der fortschreitenden Entfremdung von der türkischen Kultur besser ins Auge fassen konnte und in der meine Widerstandsmaßnahmen immer effektiver wurden, umso besser ich das erwachsene Denken um mich herum damals verstand, das sowenig mit Intellektualität und dafür umso mehr mit stumpfem Pflichtgefühl zutun hatte. Dennoch war der einzige Befreiungsschlag, und das war mir immer bewusst, zuletzt doch der achtzehnjährige Geburtstag und die damit einhergehende Tatsache, dass ich nun mir gehöre, meine eigenen Entscheidungen treffen darf. Wie schwer es ein Kind hat! Und wie schnell wir das vergessen. Irgendwann mit acht oder neun Jahren hatte ich mir mal geschworen, nie zu vergessen, was Erwachsene Kindern antun und wie wenig sie ihre Würde achten. Aber wie leicht zu vergessen, wenn wir irgendwann dann selber zu den Privilegierten gehören.


(Quelle: tumblr)
Das bin nicht ich. Aber so fühlte sich Kindheit manchmal an.