Wenn in Bayern der Adel wieder spricht, wird die Lesbe endlich geheilt

Ein Blogpost hat mich vor kurzem sehr betroffen gemacht. Er stammt von LisaCalisa vom Mädchenblog. Sie schreibt:

,,Demonstrieren gehen? Ja, wenn die Entzündungen weg sind. Hier wirst du nach deiner Konfession gefragt und ob dein Ehemann an deinem Bett sitzt. Du wirst rausgezogen aus deiner queeren Welt, die du dir selbst gebastelt hast.“

Und ich musste mich heute fragen, wieviel haben wir erreicht? Wieso sind wir noch nicht vorgedrungen in die letzten Ritzen, wieso nicht in die öffentlichen Räume des Krankenhauses? Wieviele Menschen erreichen wir tatsächlich, wieviele Institutionen werden sich von Grund auf verändern? Wieso ich mich das fragte, kommt jetzt.

Der katholische Nachrichtendienst kath.net hat gestern eine Meldung aus der evangelikalen Ecke veröffentlicht: ,,Auszeichnungen für Forschungen zur Homosexualität“. Es gibt jetzt eine Christliche Bildungsstiftung1, erfährt die Leserin, und sie vergibt Förderpreise. Der erste ging nun dieses Jahr an die Ärztin Christl Vonholdt und den Diplom-Sozialarbeiter Markus Hoffmann, die gemeinsam über die ,,Zusammenhänge von Identität, Entwicklung und Homosexualität“ ,,forschten“ (ich kann nicht alles in Anführungszeichen schreiben, aber anders geht’s wohl nicht) . Herr Hoffmann leitet die ,,Lebensberatung“ Wüstenstrom, die sich auf die Fahne geschrieben hat, Homosexuelle umzupolen. Nach den Worten des Stiftungsvorsitzenden Andreas Späth stände die Christenheit in einer Bringschuld, Hilfe für Menschen zu leisten, die ihre gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung ändern wollen.

Dann wird ein sehr wichtiger Mensch zitiert, und was erfahren wir zuerst von ihm? Ja, klar: Wir befinden uns im Deutschland des 21. Jahrhunderts, aber bedenkt doch, dabei in Bayern, es ist – tadaa – , weder Expertin XY oder Doktor Sowieso, nein, sondern: das Oberhaupt des ältesten evangelischen Adelsgeschlechts in Bayern, Albrecht Fürst zu Castell-Castell (Castell/Unterfranken). Dieser donnert, dass die evangelische Kirche ihr Wächteramt verloren hat. Zur Erinnerung: Wir befinden uns immernoch innerhalb eines katholischen Nachrichtendienstes, der sich bei solchen Worten wirklich warm ums blutende Herz fühlen muss.

Wer ist das Oberhaupt des ältesten evangelischen Adelsgeschlechts in Bayern, Albrecht Fürst zu Castell-Castell (Castell/Unterfranken)? Die Recherchebemühte erfährt, dass er CSU-Kommunalpolitiker ist und vor einigen Jahren die Archive des Bankhauses ,,Castell“ öffnete, um den Historikern Einblick in die Arbeit seines Nazi-Vaters zu geben. Als dieser in den Krieg zog, wünschten sich auch seine beiden Söhne, ,,der Krieg möge nicht ohne ihren Dienst an der Waffe zu Ende gehen“. Albrechts Bruder und Vater starben beide im Krieg. Über den Umgang der Castell-Bank mit ihren Kunden schließt der Historiker Jesko Graf zu Dohna: Die Castell Bank fügte sich in das neue politische und wirtschaftliche System ein, verhielt sich gegenüber ihrer jüdischen Klientel unter Einhaltung der gesetzlich geforderten Maßnahmen sachlich, „zeigte aber in einigen Fällen auch wenig Einfühlungsvermögen für deren bedrängte Lage …“

Doch das Oberhaupt des ältesten evangelischen Adelsgeschlechts in Bayern, Albrecht Fürst zu Castell-Castell (Castell/Unterfranken) ist nicht nur als Beruf Sohn, er hat auch eigene Bestrebungen. Wie anfangs besprochen, preist er die Arbeit der Wüstenstrom –,,Lebensberatung“ und gibt noch weitere Ansinnen in der Augsburger Allgemeinen bekannt. Diese ehrenwerte Zeitung (deren zu dem Zeitpunkt meistgelesene Artikel ich euch nicht vorenthalten will, nämlich ,,Wirbel um Millionärssause auf Neuschwanstein“, ,,Das Jagdbombergeschwader bleibt auf dem Lechfeld“, ,,Münchnerin schlitzt sich an Toilettenpapierhalter auf“ und ,,Kater erdrosselt und aufgehängt“) lässt ihn dann auch endlich sagen, was der Welt gesagt werden muss von dem Oberhaupt des ältesten evangelischen Adelsgeschlechts in Bayern, Albrecht Fürst zu Castell-Castell (Castell/Unterfranken). ,,Heute haben wir sogar Bischöfinnen“, sagt er. Schlimm?, bohrt die Augsburger Allgemeine nach und freut sich diebisch. Herr, mehr Zitate, denn das kommt ja vom Adel aus Bayern:

,,Das Bischofsamt ist ein Amt, das vom Amtsträger konkurrenzlos wahrgenommen werden muss – und zwar auch in Not-, Kriegs- und Gefahrenzeiten. Wir dürfen es einer Frau nicht zumuten, sich im Ernstfall vor die Gemeinde zu stellen und ihre Kinder verlassen zu müssen. Außerdem ist einer Frau anderes zugeordnet als dem Mann – auch durch die Schöpfungsordnung. Der Mann ist für den Kampf, für den Broterwerb geschaffen und die Frau ist primär für die Familie geschaffen. Das hört man heute sehr ungern. Im Zeitalter der Gleichberechtigung tut man ja auch so, als sei es eine völlige Gleichschaltung. Leider ist es heute so, dass sehr klare Bibelworte auch von namhaften Theologen nicht mehr als zeitgemäß und für alle Zeit gültig angesehen werden.“

Er fährt fort mit der Überzeugung, die evangelikalen ,,Seelsorgebewegungen“, die sich gerade in Bayern darum bemühen, Homosexuelle endlich von ihrer Last zu befreien, diese Bewegungen seien vergleichbar mit der Bekennenden Kirche in der NS-Zeit.

Und schließt:

,,Ich schaue mit Respekt auf die katholische Kirche. Sie hat trotz großer Kritik nicht an den Lehren des Lebens und des Glaubens rütteln lassen.“

Und das passiert alles in Deutschland, heute und hier. Ich schreibe das nicht mit dem Entsetzen eines säkular aufgewachsenen Menschen. Ich war selber da drin, inmitten einer evangelikalen Gemeinde als junge Lesbe, ich habe meine Empfindungen, meine Gefühle für Frauen als krankhaft und schlecht empfunden und zu Gott gebeten, es doch wegzunehmen. Und heute bin ich religiös und lesbisch und eine emanzipierte Frau und fühle mich gut damit. Und Herr Castell empfindet Hass.

Zu der Analyse dieses Falles und der sogenannten Ex-Gay-Bewegung in Deutschland hier ein Podcast mit Gisela Wolf.

Sehr empfehlenswert dazu auch die Seite ExGay-Observer, die ebenfalls zu dem Vorfall berichtet.

  1. Welchen Hintergrund diese Bildungsstiftung besitzt, erfährt die Leserin im Text nicht. Die Recherche zeigt, dass die Stiftung dem fundamentalistischen Verein ,,Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis“ in Bayern nahesteht, der sich gerade darum bemüht, Homosexuelle wieder aus dem Pfarramt zu drängen. [zurück]

2 Antworten auf „Wenn in Bayern der Adel wieder spricht, wird die Lesbe endlich geheilt“


  1. Gravatar Icon 1 Zweisatz 05. November 2011 um 23:24 Uhr

    Urg, das ist ja mal richtig eklig. Gerne würde ich darauf verweisen, wie rückständig und konservativ Bayern doch sei, aber das wäre nur Augenwischerei – solchen Mist kann man überall erleben, in Bayern traut man es sich vielleicht mehr, laut darüber zu reden.
    Ich hoffe, du konntest wenigstens im Rahmen der Möglichkeiten Frieden mit deiner Religion und deiner sexuellen Orientierung schließen (klingt auf jeden Fall so, was schon einmal gut ist).

  2. Gravatar Icon 2 Bäumchen 07. November 2011 um 10:47 Uhr

    Ja, der Frieden ist da :-) . War aber ein sehr langer Kampf, und ich muss leider sagen dass es mir nicht möglich war, es irgendwie innerhalb meiner Gemeinde zu artikulieren, weil sie mich gleich rausgeschmissen hätten. Die evangelikalen Fundis aus den USA reden jedenfalls über Homosexualität, auch wenn sie es als Sünde bezeichnen, aber bei uns GIBT es das einfach nicht, darf es nicht geben. Das ist schlimm und eines der Gründe, warum ich diese Gemeinde fast ganz verlassen habe, obwohl sie sozial gesehen eine echte Stütze für mich war die letzten Jahre. Aber ich glaube, fast jede soziale Gemeinschaft fordert das eine oder andere Opfer.

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