Archiv für November 2011

umsonstladen und mietshäusersyndikat

Yeah, Mietshäusersyndikat rockt! :-)

Entschleunigung, made by Bäumchen

entschleunigung
Ein älterer Mann auf der Autobahn, der seine eigene Geschwindigkeit hat.
(Quelle: weirdoldpeople)

Mein Opa ist ein großes Vórbild für mich. Immer habe ich sein lächelndes Gesicht in Gedanken vor mir, wenn sein Name fällt, auch wenn er in der letzten Zeit müder aussieht und in sich gesunken. Ein Vorbild ist er, weil er mir zeigte, dass es gut ist, zu genießen, dass es gut ist, sich der Dinge langsam anzunehmen. Es war irgendwann abends, ich weiß noch, als einige meiner Tanten und Onkels kichernd um meine Großeltern herumsaßen und mir dann eine seiner Geschichten übersetzten. Gastarbeiterdasein, mein Großvater, der irgendwo im Stuttgarter Raum bei einem der großen Autobauer um Arbeit anstand und diese auch bekam. Irgendwann ging er dann also zu seinem Vorgesetzten und fragte nach Urlaub, um die Familie zu besuchen, die noch in der Türkei wohnte damals. Sechs Wochen, sagte der Vorgesetzte, und dann musst du zurück sein. Mein Opa nickte und lächelte und fuhr in die Türkei und kam sechs Monate später wieder. Und zähneknirschend musste der Vorgesetzte ihn wieder als Arbeiter annehmen, denn damals war der Arbeitskräftemangel einfach zu groß, als dass man ihn feuern konnte. Mein Opa wusste damals, dass er sich das leisten konnte und hat das ausgenutzt. Und wirkte damit auf seine eigene Art der Ausbeutung entgegen, die damals für die Gastarbeiter tägliche Realität war.
Diese Geschichte bewirkte meine eigene Auseinandersetzung mit meinen Mitteln der Entschleunigung, und die Entwicklung eines Plädoyers für den Genuss. Zum ersten Mal nahm ich durch einen anderen Menschen wahr: Es ist okay, nicht mithetzen zu müssen. Es ist okay, sich nicht ausbeuten zu lassen. Es ist okay, nein zu sagen, sich hinzusetzen und lieber in Ruhe etwas zu essen und Zeit mit geliebten Menschen zu verbringen anstatt alles zu tun, um das eigene Leben in die Form eines perfekten Lebenslaufs zu pressen. Es klingt so normal, vermutlich gerade für die älteren Semester unter den LeserInnen, aber – ich bin Teil der ,,Generation Praktikum“. Und so normal es heute für mich geworden ist, diese Ausbeutung wahrzunehmen und mich dagegen zu wehren, so eine große Hürde stellte dieser Gedanke früher für mich dar. Denn in der Schule lernten wir: Leistung und Disziplin und Ehrgeiz waren alles. Wirklich alles. Und der Wert eines Menschen wurde, so wird es uns heute auch immer neu vorgesetzt, durch seine Leistung festgesetzt. Tat er nichts im Sinne dessen, was er tun sollte, war er nichts. Er blieb zurück.

Sie blieb zurück. Ich war diese sie, und ich war sie sehr oft. Erst heute begreife ich für mich, dieses Zurückbleiben war gut für mich und kann und wird auch weiterhin von mir gewählt werden als eine Form des Widerstands.
Es begann … mit einer ausgedehnten Kindheit. Wo die körperliche Reife mich viel zu früh ereilte, wehrte ich mich dennoch heftigst gegen die neuen Themen, die in meinem Alter wichtig wurden: Das große neue Thema war sehr früh schon: Jungs. Und kicherkicher, mit wievielen bist du schon ,,gegangen“? Und was hast du letztens angekreuzt auf dem Brief, den der süüüße Sascha …?
Heute finde ich das amüsant, was damals ab dem zehnten Lebensjahr losging, aber damals: gar nicht. Ich spürte den Druck, wie die anderen sein zu müssen, ich sah die anderen zählen, immer zählen: Wie oft hast du---? Und schon geküsst ---? und dabei ihre Mischung aus altem Ekel und neuen zuckersüßen Kuschelgedanken. Vielleicht war es für die meisten kein Spiel, aber ich habe es als ein Spiel gesehen: Wir spielten, kichernde rosa Mädchen zu sein, die plötzlich das ,,andere Geschlecht“ entdeckten. Für mich war einfach klar: Ich konnte nichts mit diesem ,,Miteinandergehen“ anfangen. Und Schluss. Und gab mir damit selber die Zeit, die ich so dringend brauchte im Umgang mit den Themen Sex, Körperlichkeit, Liebe, Kuscheln, Küssen etc.
Zur Schule: Ich bin zweimal sitzengeblieben. Jedesmal wegen einer einzigen Note, nämlich dem verhassten Mathe. Jedesmal hätte ich das Ruder noch herumreißen können, wenn ich mich abgemüht hätte. Doch ich tat es nicht. Stattdessen ließ ich am Ende des Schuljahres plötzlich alle Anstrengung fallen und schluckte die Demütigung bei der Zeugnisübergabe: Bäumchen wird nicht ins x-te Schuljahr versetzt. Es war schlimm, die Blicke der ehemaligen Mitschüler auf den Schulgängen im Jahr darauf, als ich mich nicht wie gewohnt zu ihnen stellen konnte.
Aber ich weiß heute auch, dass ich diese Zeit gebraucht habe. Mit achtzehn zog ich in meine eigene Wohnung, ich war auf mich gestellt und damit erstmal überfordert: Es reichte ein Jahr später ein verpatzter Schüler-Bafög-Antrag, dass ich meine Wohnung verlor und dann fast auf der Straße saß. Anträge überfluteten meinen Zimmerboden, Pflichten, trist und bürokratisch und ohne jeglichen Sinn, als tägliches Bombardement und dazu: sich selber genügen zu müssen, lernen auf eigenen Beinen zu stehen. Es brauchte Zeit. Und Gott, die habe ich mir genommen. Das Schulsystem bietet eine Flexibilität von zwei Jahren und warum zum Teufel müssen wir uns davor fürchten? Ich empfehle es weiter, und meine sogar: Wenn immer mehr SchülerInnen diese Zeit als eine Selbstverständlichkeit für sich einfordern könnten, würde das im Großen und Ganzen vielleicht zu einer Entspannung in der Schulpolitik führen. Und zu einem entspannteren Verhältnis gegenüber dem Leistungsdruck, der auf uns lastet. Das bedeutet für mich nicht, dass ich mich nicht weiterhin dafür einsetzen will und werde, dass ein anderes Leben möglich ist. Aber ich sehe heute einfach schon Möglichkeiten, ein anderes Leben zu LEBEN, im Hier und Jetzt sich zu wehren, mit den Mitteln, die wir heute haben, auch ganz im Kleinen: Einzufordern, dass wir Zeit brauchen, dass wir nicht ausgebeutet werden wollen, dass wir nicht mitspielen. Entschleunigung ist damit etwas, was wir aktiv betreiben müssen, das wird uns in der Schule, in der Ausbildung, im Studium, am Arbeitsplatz nicht frei angeboten.
Auch zum Genuss will ich noch etwas schreiben: Letztes Jahr, mein erstes dreimonatiges Praktikum. Zugegeben, echt cool, das Praktikum, und ich habe es gern gemacht. Aber jeden Abend dasselbe Spiel: Weil sie der Sache so hingegeben waren, wollten meine Chefin und die Assistentin nicht zeitig aufhören, also um 18 Uhr. Und sie suggerierten sehr: Wenn dir was daran liegt, dann machst du auch einfach weiter, ohne dass wir dich darum bitten werden. Es gehört sich einfach so.
Ich machte da nicht mit. So schön ich unsere Aufgabe fand, um Punkt 18 Uhr war ich raus aus dem Laden und dabei, die letzten Sonnenstrahlen zu tanken, die in meinem Gehirn aufgrund stundenlangem Büroschaden kleine Explosionen von Glück auslösten. Heute noch spüre ich, wie befreiend das damals war, einfach, weil die Abendsonne so schön war und ich sie nicht missen wollte. Ich musste das nämlich neu lernen: Genießen zu können, gerade wenn ich etwas ganz anderes tun sollte; durch die Altstadt schlendern und Sonne einatmen, statt Pflichten nachzugehen, die vielleicht andere, vielleicht ich mir selbst auferlegt hatte. Ich musste lernen, mich zu entspannen, wenn ich etwas genoss, ein neues Verhältnis zum Genuss einnehmen: Nimm es dir, wenn du es brauchst (und ja, wie sehr brauchen wir manchmal …?), und: Lass es dir nicht nehmen.

Danke dafür, Opa.

genuss
Ein junger Mensch, der sich gerade etwas Zeit nimmt und den Ausblick genießt.
(Quelle: tumblr)

Interview Linksextremismus

Aus dem Archiv vom Pantoffelpunk: das Interview mit dem linksextremistischen Aussteiger T.F.!

Musik zum Sonntag

Etwas zum Schmunzeln … da ich den Lokalbezug habe und mindestens eine Person auf dem Video kenne, finde ich das natürlich besonders toll :-)

Ich denke so viel
und der Kopf ist so voll
Der Wind weht durch mein‘ Geist
Ich schreibs auf Papier,
weil ich Hoffnung entfalt
und fühl mich wieder frei

Milchkühe

Über die Situation von Milchkühen schreibt Frau Springinsfeld von Du bist der Frühling.

Drohnen bei der US-Polizei

Die USA machts vor: Drohnen im Polizeieinsatz.

FrauenKirchenManifest

Ina Praetorius von beziehungsweise-weiterdenken erinnert an das FrauenKirchenManifest von 2001 als Antwort auf die Kriegstreiber nach 9/11. Für mich als gläubige Feministin sehr spannend.

NEIN zum Krieg, NEIN zur Bundeswehr

Es wird bisher wenig über Krieg geredet in meinem Blog. Ich will das ändern und aufmerksamer werden für gewisse Tendenzen in den Medien, für die Sprache, mit der neuerdings (oder schon immer) zu uns gesprochen wird, für ein Militär, das die Wörter ,,Friede“ und ,,Sicherheit“ für sich missbraucht.

Letzte Woche war ich beim Kongress der Informationsstelle für Militarisierung (IMI). Dort ging es zum Schluss u.a. um die Bundeswehr-Werbung, die nicht nur die öffentlichen Medien mehr und mehr durchzieht, sondern nun auch in den Schulen aktiv propagiert wird. Weil ich es wichtig finde, dass Militarismus in der Gesellschaft nicht mehr erstarkt, will ich hier die Warnungen der IMI wiedergeben.

Mehr Soldaten braucht das Land

Die Bundeswehr unterläuft gerade eine Strukturreform, die darauf abzielt, mehr SoldatInnen in mehr Einsätzen unterzubringen, für Kriege, die größtenteils wirtschaftlichen Interessen dienen, also z.B. um den Zugriff auf Rohstoffe oder auch Handelsrouten zu sichern. Wenn der Verteidigungsminister uns erzählt hat, die Bundeswehr wird kleiner durch die Abschaffung der Wehrpflicht, so wird sie dadurch aber nicht schwächer, qualitativ verstärkt sie sich und wird effizienter.
Verfolgt mensch aber Umfragen (Forsa, ARD), wird klar, dass Menschen in Deutschland immer weniger dazu bereit sind, Kriege zu unterstützen oder sich als Soldaten rekrutieren zu lassen. Wo im Jahr 2002 noch 30% der Bevölkerung den Afghanistan-Einsatz abgelehnt haben, sind es 2011 66%, die gegen den Krieg sind.

Nicht umsonst sind deshalb die Kosten für Nachwuchswerbung in den letzten Jahren rapide gestiegen: 29 Millionen Euro wurden für die Nachwuchswerbung 2012 veranschlagt, für 2011 waren es ,,nur“ 16 Millionen Euro.
Die Jugendoffiziere und Wehrdienstberater wollen militärische Begeisterung vor allem durch Schulwerbung streuen. Damit die Schulen da auch mitmachen und sich nicht querstellen, plant das Bundesverteidigungsministerium Kooperationsabkommen mit den Bildungsministerien, die in acht Bundesländern bereits bestehen.

Selber schuld?

Ist selber schuld, wer SoldatIn wird? Einerseits treffen Menschen ihre persönlichen Entscheidungen, aber andererseits befinden wir uns in Krisenzeiten und die verstärken Unsicherheit und Zukunftsängste. So sieht die IMI die derzeitige Krise als ,,gutes“ Fundament für die Nachwuchswerbung der Bundeswehr. Und das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr erstellte eine Studie, die ergab, dass viele Menschen nur SoldatInnen werden, weil sie kaum Chancen auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt sehen.

,,Wer berufliche Alternativen hat, geht nicht zur Bundeswehr. […] Wer über ausreichende berufliche Chancen verfügt, zieht die Möglichkeit, Soldat der Bundeswehr zu werden, gar nicht in Betracht“1

So gibt es ein Abkommen zwischen Bundeswehr und der Arbeitsagentur aus dem Jahr 2010: Hierin bestätigt die Arbeitsagentur, die Bundeswehr bei der Rekrutierung jugendlicher Arbeitsloser zu unterstützen, denn es bedeute für die Jugendlichen ,,für Jahre ein gesichertes Einkommen“ und eine Entlastung für den Arbeitsmarkt.
Hierzu eine persönliche Begebenheit: Als ich frisch aus der Schule kam, machte ich beim Berufsinformationszentrum (BIZ) einen Test, durch den ich mit Eingabe gewisser Vorlieben und Charakterzüge herausfinden sollte, welcher Beruf zu mir passt. Zu meiner Verwunderung stand sehr weit oben der Beruf ,,Feldwebel“. Eine Freundin von mir machte denselben Test und bekam ,,Feldwebel“ sogar als oberste Priorität (Sie hat sich zum Glück entschieden, mit ihrem Medizinstudium Leben zu retten anstatt sie zu nehmen). Ist euch soetwas auch schonmal aufgefallen? Und wie können wir uns in unserem Umfeld gegen Militarisierung wehren? Denn SoldatInsein ist kein ,,normaler Beruf“! Die IMI warnt: Jeder Mensch, der sich entscheidet, SoldatIn zu werden, muss damit auf Grundrechte verzichten, wie zum Beispiel das Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit.

Nein sagen!

Ich will nicht, dass in unserer Gesellschaft Kriege gerechtfertigt und gutgeredet werden. Ich wehre mich dagegen und will mich mit sovielen Menschen wie möglich dagegen wehren. Kurt Tucholsky, dessen weltberühmter Satz ,,Soldaten sind Mörder“ zum antimilitaristischen Einmaleins gehört, schreibt kurz nach dem 1. Weltkrieg in dem Artikel ,,Wir Negativen“:

,,Leute, bar jedes Verständnisses für den Willen, der über die Tagesinteressen hinausheben will – man nennt das hierzulande: Realpolitiker – bekämpfen uns, weil wir im Kompromiß kein Heil sehen, weil wir in neuen Abzeichen und neuen Aktenstücken kein Heil sehen. Wir wissen wohl, dass man Ideale nicht verwirklichen kann, aber wir wissen auch, dass nichts auf der Welt ohne die Flamme des Ideals geschehen ist, geändert ist, gewirkt wurde. Und – das eben scheint unsern Gegnern eine Gefahr und ist auch eine – wir glauben nicht, dass die Flamme des Ideals nur dekorativ am Sternenhimmel zu leuchten hat, sondern sie muß hienieden brennen: brennen in den Kellerwinkeln, wo die Asseln hausen, und brennen auf den Palastdächern der Reichen, brennen in den Kirchen, wo man die alten Wunder rationalistisch verrät, und brennen bei den Wechslern, die aus ihrer Bude einen Tempel gemacht haben. […] Negativ? Viereinhalb Jahre haben wir das fürchterliche Ja gehört, das alles gut hieß, was frecher Dünkel auszuführen befahl. Wie war die Welt so lieblich! Wie klappte alles, wie waren alle d‘accord, ein Herz und keine Seele, wie bewegte sich die künstlich hergerichtete Landschaft mit den uniformierten Puppen darin zum Preise unsrer Herren! […] Und mit donnerndem Krachen ist das zusammengebrochen, was man früher für eisern gehalten hatte, und was nicht einmal Gußeisen war, die Generale fangen an, sich zu rechtfertigen, obgleich sie es gar nicht nötig hätten, keiner will es gewesen sein, und die Revolutionäre, die zu spät kamen und zu früh gebremst wurden, werden beschuldigt, das Elend herbeigeführt zu haben, an dem doch Generationen gewirkt hatten. Negativ? Blut und Elend und Wunden und zertretenes Menschentum – es soll wenigstens nicht umsonst gewesen sein. Laßt uns auch weiterhin Nein sagen, wenn es not tut!“

  1. (Nina Leonhard, Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr in: Nina Leonhard u.a.(2005): Militärsoziologie, S.260.) [zurück]

Hexenprozesse und die Düsseldorfer CDU

Rehabilitierung der Hexen von Düsseldorf: Dazu Telepolis.

Über entstellte Repräsentation

Trailer zur Dokumentation ,,Miss Representation“, die 2011 auf dem Sundance Filmfestival gezeigt wurde, gefunden bei adiosbarbie.com.

Religiöse Gruppen in sozialen Netzwerken

Über religiöse Gruppen in sozialen Netzwerken schreibt die ZEIT.