Entschleunigung, made by Bäumchen

entschleunigung
Ein älterer Mann auf der Autobahn, der seine eigene Geschwindigkeit hat.
(Quelle: weirdoldpeople)

Mein Opa ist ein großes Vórbild für mich. Immer habe ich sein lächelndes Gesicht in Gedanken vor mir, wenn sein Name fällt, auch wenn er in der letzten Zeit müder aussieht und in sich gesunken. Ein Vorbild ist er, weil er mir zeigte, dass es gut ist, zu genießen, dass es gut ist, sich der Dinge langsam anzunehmen. Es war irgendwann abends, ich weiß noch, als einige meiner Tanten und Onkels kichernd um meine Großeltern herumsaßen und mir dann eine seiner Geschichten übersetzten. Gastarbeiterdasein, mein Großvater, der irgendwo im Stuttgarter Raum bei einem der großen Autobauer um Arbeit anstand und diese auch bekam. Irgendwann ging er dann also zu seinem Vorgesetzten und fragte nach Urlaub, um die Familie zu besuchen, die noch in der Türkei wohnte damals. Sechs Wochen, sagte der Vorgesetzte, und dann musst du zurück sein. Mein Opa nickte und lächelte und fuhr in die Türkei und kam sechs Monate später wieder. Und zähneknirschend musste der Vorgesetzte ihn wieder als Arbeiter annehmen, denn damals war der Arbeitskräftemangel einfach zu groß, als dass man ihn feuern konnte. Mein Opa wusste damals, dass er sich das leisten konnte und hat das ausgenutzt. Und wirkte damit auf seine eigene Art der Ausbeutung entgegen, die damals für die Gastarbeiter tägliche Realität war.
Diese Geschichte bewirkte meine eigene Auseinandersetzung mit meinen Mitteln der Entschleunigung, und die Entwicklung eines Plädoyers für den Genuss. Zum ersten Mal nahm ich durch einen anderen Menschen wahr: Es ist okay, nicht mithetzen zu müssen. Es ist okay, sich nicht ausbeuten zu lassen. Es ist okay, nein zu sagen, sich hinzusetzen und lieber in Ruhe etwas zu essen und Zeit mit geliebten Menschen zu verbringen anstatt alles zu tun, um das eigene Leben in die Form eines perfekten Lebenslaufs zu pressen. Es klingt so normal, vermutlich gerade für die älteren Semester unter den LeserInnen, aber – ich bin Teil der ,,Generation Praktikum“. Und so normal es heute für mich geworden ist, diese Ausbeutung wahrzunehmen und mich dagegen zu wehren, so eine große Hürde stellte dieser Gedanke früher für mich dar. Denn in der Schule lernten wir: Leistung und Disziplin und Ehrgeiz waren alles. Wirklich alles. Und der Wert eines Menschen wurde, so wird es uns heute auch immer neu vorgesetzt, durch seine Leistung festgesetzt. Tat er nichts im Sinne dessen, was er tun sollte, war er nichts. Er blieb zurück.

Sie blieb zurück. Ich war diese sie, und ich war sie sehr oft. Erst heute begreife ich für mich, dieses Zurückbleiben war gut für mich und kann und wird auch weiterhin von mir gewählt werden als eine Form des Widerstands.
Es begann … mit einer ausgedehnten Kindheit. Wo die körperliche Reife mich viel zu früh ereilte, wehrte ich mich dennoch heftigst gegen die neuen Themen, die in meinem Alter wichtig wurden: Das große neue Thema war sehr früh schon: Jungs. Und kicherkicher, mit wievielen bist du schon ,,gegangen“? Und was hast du letztens angekreuzt auf dem Brief, den der süüüße Sascha …?
Heute finde ich das amüsant, was damals ab dem zehnten Lebensjahr losging, aber damals: gar nicht. Ich spürte den Druck, wie die anderen sein zu müssen, ich sah die anderen zählen, immer zählen: Wie oft hast du---? Und schon geküsst ---? und dabei ihre Mischung aus altem Ekel und neuen zuckersüßen Kuschelgedanken. Vielleicht war es für die meisten kein Spiel, aber ich habe es als ein Spiel gesehen: Wir spielten, kichernde rosa Mädchen zu sein, die plötzlich das ,,andere Geschlecht“ entdeckten. Für mich war einfach klar: Ich konnte nichts mit diesem ,,Miteinandergehen“ anfangen. Und Schluss. Und gab mir damit selber die Zeit, die ich so dringend brauchte im Umgang mit den Themen Sex, Körperlichkeit, Liebe, Kuscheln, Küssen etc.
Zur Schule: Ich bin zweimal sitzengeblieben. Jedesmal wegen einer einzigen Note, nämlich dem verhassten Mathe. Jedesmal hätte ich das Ruder noch herumreißen können, wenn ich mich abgemüht hätte. Doch ich tat es nicht. Stattdessen ließ ich am Ende des Schuljahres plötzlich alle Anstrengung fallen und schluckte die Demütigung bei der Zeugnisübergabe: Bäumchen wird nicht ins x-te Schuljahr versetzt. Es war schlimm, die Blicke der ehemaligen Mitschüler auf den Schulgängen im Jahr darauf, als ich mich nicht wie gewohnt zu ihnen stellen konnte.
Aber ich weiß heute auch, dass ich diese Zeit gebraucht habe. Mit achtzehn zog ich in meine eigene Wohnung, ich war auf mich gestellt und damit erstmal überfordert: Es reichte ein Jahr später ein verpatzter Schüler-Bafög-Antrag, dass ich meine Wohnung verlor und dann fast auf der Straße saß. Anträge überfluteten meinen Zimmerboden, Pflichten, trist und bürokratisch und ohne jeglichen Sinn, als tägliches Bombardement und dazu: sich selber genügen zu müssen, lernen auf eigenen Beinen zu stehen. Es brauchte Zeit. Und Gott, die habe ich mir genommen. Das Schulsystem bietet eine Flexibilität von zwei Jahren und warum zum Teufel müssen wir uns davor fürchten? Ich empfehle es weiter, und meine sogar: Wenn immer mehr SchülerInnen diese Zeit als eine Selbstverständlichkeit für sich einfordern könnten, würde das im Großen und Ganzen vielleicht zu einer Entspannung in der Schulpolitik führen. Und zu einem entspannteren Verhältnis gegenüber dem Leistungsdruck, der auf uns lastet. Das bedeutet für mich nicht, dass ich mich nicht weiterhin dafür einsetzen will und werde, dass ein anderes Leben möglich ist. Aber ich sehe heute einfach schon Möglichkeiten, ein anderes Leben zu LEBEN, im Hier und Jetzt sich zu wehren, mit den Mitteln, die wir heute haben, auch ganz im Kleinen: Einzufordern, dass wir Zeit brauchen, dass wir nicht ausgebeutet werden wollen, dass wir nicht mitspielen. Entschleunigung ist damit etwas, was wir aktiv betreiben müssen, das wird uns in der Schule, in der Ausbildung, im Studium, am Arbeitsplatz nicht frei angeboten.
Auch zum Genuss will ich noch etwas schreiben: Letztes Jahr, mein erstes dreimonatiges Praktikum. Zugegeben, echt cool, das Praktikum, und ich habe es gern gemacht. Aber jeden Abend dasselbe Spiel: Weil sie der Sache so hingegeben waren, wollten meine Chefin und die Assistentin nicht zeitig aufhören, also um 18 Uhr. Und sie suggerierten sehr: Wenn dir was daran liegt, dann machst du auch einfach weiter, ohne dass wir dich darum bitten werden. Es gehört sich einfach so.
Ich machte da nicht mit. So schön ich unsere Aufgabe fand, um Punkt 18 Uhr war ich raus aus dem Laden und dabei, die letzten Sonnenstrahlen zu tanken, die in meinem Gehirn aufgrund stundenlangem Büroschaden kleine Explosionen von Glück auslösten. Heute noch spüre ich, wie befreiend das damals war, einfach, weil die Abendsonne so schön war und ich sie nicht missen wollte. Ich musste das nämlich neu lernen: Genießen zu können, gerade wenn ich etwas ganz anderes tun sollte; durch die Altstadt schlendern und Sonne einatmen, statt Pflichten nachzugehen, die vielleicht andere, vielleicht ich mir selbst auferlegt hatte. Ich musste lernen, mich zu entspannen, wenn ich etwas genoss, ein neues Verhältnis zum Genuss einnehmen: Nimm es dir, wenn du es brauchst (und ja, wie sehr brauchen wir manchmal …?), und: Lass es dir nicht nehmen.

Danke dafür, Opa.

genuss
Ein junger Mensch, der sich gerade etwas Zeit nimmt und den Ausblick genießt.
(Quelle: tumblr)


1 Antwort auf „Entschleunigung, made by Bäumchen“


  1. Gravatar Icon 1 Luc 27. November 2011 um 15:35 Uhr

    Danke:-)

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.