Gleichgültigkeit in Aktion.

Meine Gleichgültigkeit in letzter Zeit geht mir auf die Nerven. Ja, Ninia LaGrande: Manchmal ist mir so vieles so egal. Ich habe für alles eine Antwort, darum muss ich nicht lange überlegen. Ich habe für alles eine Antwort, also geht mir nichts zu nahe, da ja schon längst abgefertigt. Ich habe für alles eine Antwort, also bleibt jede Diskussion, jedes Gespräch mit einer anderen Person per se unfruchtbar.
Ich behandle meine feministische Einstellung wie einen Panzer gegen die Gewehrschüsse jedweder Argumentation. Manche feministischen Grundsätze haben sich schon so in mir verankert, dass ich nicht an ihnen rütteln lasse, und mich innerlich von meinem Gegenüber schon abgewandt habe, während er noch redet. Ich behandle meine feministische Einstellung wie einen Freifahrtschein; damit sei mir der Zutritt in ein jede kritische Runde erlaubt. Ich missachte und trete, was andere Frauen vor mir erreicht haben, indem ich das Erreichte wie die tägliche Kleidung anziehe und mich dann wieder ins Bett lege, mich umdrehe und einschlafe, anstatt loszuziehen und weiterzukämpfen, mich hinterfragen zu lassen, anzustoßen.
Ich streite und diskutiere und gehe mit komplizierten Fragestellungen um, aber in mir herrscht Gleichgültigkeit. Es ist wie das Alphabet, das ich auswendig gelernt habe: KapitalismusistschlechtWirbraucheneineAlternativeGegenLeistungsgesellschaftundVerwertungVeganismusisttollTierausbeutungistscheißeGehdochliebercontainernInstitutionalisierteMännlichkeitistscheißeFrauenwehrteuchFeminismuss!KampfKampfKampfNazisrausFürFriedenundinternationaleSolidaritätGegenRassismusundFremdenhassNobordernonationstopdeportation …
Es ist da alles drin in diesem Kopf. Und eröffnet sich ein neues Themengebiet, dann hüpfe ich da gleich hinein, dann eigne ich mir dieses Thema an, dann rede ich da mit. Aber ich suche mir manchmal die Ansicht, die gerade nett erscheint, und vertrete die. Und manchmal wiederhole ich nur Schlagwörter. Manchmal fällt mir das nicht auf. Aber ich reproduziere Argumente anderer Menschen, immer und immer wieder, und entwickle mich nicht weiter. Und mir erscheint so auch jede Diskussion: Sie führt nicht weiter. Weil ich nicht zuhöre. Weil ich bei dem Wort ,,Kapitalismus“ schlagartig und maschinenhaft herunterleiere: Alternative bla bla. Und Nazis sind verblödete Dorftrottel, die marschieren und veraltete Parolen schreien. Es geht so einfach schubladisiert. Und ich tue das nicht, weil es einfacher damit ist, das Leben zu sortieren, sondern weil es mir manchmal schlicht gleichgültig ist. Nazis gehen an meinem Leben vorbei. Für mich sind das Exoten aus einer anderen Welt. Ich erinnere mich an die Blockade in Dresden, wo ich ständig den Kopf gehoben habe, um auch nur ja einen von ihnen zu sehen (Ich hab übrigens keinen gesehen). Für andere sind Konfrontationen mit Nazis brutale Realität. Die sind nicht gleichgültig. Ich bin es und bin es leider sooft und wenn das Schlagwort ,,Antifa“ auftaucht, schlagworte ich zurück: ,,Männerverein“ und denke nicht weiter nach.
Heute hat mich einer in der Diskussion weiter gezwungen als bisher andere und vor meinen Augen zerbröckelten meine schönen Argumente. Nicht, weil sie an sich nicht logisch oder gerechtfertigt waren. Aber weil sie so oft (zugegeben gutbestückte und reichverzierte)Fassaden waren, die meine eigentliche Gleichgültigkeit und den Hang, so vieles einfach abzufertigen, verbergen sollten. Ich gehe auf Vorträge und latsche auf Demos mit und kümmere mich um Vernetzung und könnte den Vorwurf der Gleichgültigkeit weit von mir weisen. Und erkenne, dass diese meine politische Aktivität die größte Fassade ist, weil sie die unglaublich leere Stelle in meinem Innern verdeckt. Wo ich einst Menschen und ihre Lebensituationen verstehen wollte, will ich heute Phrasen von ihnen hören, um ihnen wiederum meine Phrasen zu entgegnen. Wo ich noch an ein gutes Leben für alle mitwerkeln wollte, reihe ich auf, was studierte und gelehrte Menschen denn über Macht und Politik und so einen Scheiß verzapft haben. Ich nehme nicht wirklich teil an diesen Dingen, ich lasse mich stellvertreten und wenn mensch mich fragt, wiederhole ich die Aussagen meines Stellvertreters. Ich latsche mit, aber es könnte auch eine ganz andere Person da marschieren, für die Demo ist das egal.
Es sollte aber nicht egal sein. Es sollte nicht egal sein, dass gerade ich an einer Aktion teilnehme, oder gerade ich mit gerade dieser Person ein Gespräch führe. Wenn es das aber weiterhin bleibt, kann ich nicht mehr leugnen, dass es eine Leere in mir erzeugt, die mich auffrisst, die mich wahnsinnig werden lässt an meiner Unfähigkeit, irgendetwas in dieser Welt zum Guten hin zu verändern, die mich immer öfter als Figur in einem undurchsichtigen Spiel enttarnen wird: eine gesichtslose Figur ohne Eigenheit, ohne Farbe, ohne Rückstände. Und letztendlich ohne je wirklich was gesagt zu haben.


4 Antworten auf „Gleichgültigkeit in Aktion.“


  1. Gravatar Icon 1 locke 15. Dezember 2011 um 11:34 Uhr

    Danke für den Artikel.
    Zunächsteinmal ist ein Schutzpanzer aus Phrasen etwas ganz grossartiges um sich zu wappnen gegen Angriffe. Ich konnte mich auch irgendann nicht mehr hören, da hab ich aber nicht meinen Schutzpanzer abgelegt, sondern ich habe mir ein anderes Umfeld zum politisch arbeiten gesucht.

    Schön wenn du mal einen interessierteren Diskussionsteilnehmer getroffen hast, der dich weiter gebracht hat. Sei ja nicht zu schnell dankbar! Das Phrasendreschen liegt nicht nur an uns Feminist_innen, denn ich z.B. werde immer wieder das gleiche gefragt, muss immer wieder die gleichen Machtfragen stellen, immer wieder neu Gleichberechtigung in autonmen Räumen als temporäre Utopie herstellen, weil das meine Rolle ist/war?

    Weil Menschen nicht bereit sind ihren eigenen Sexismus zu bearbeiten, sondern nur von dem der anderen reden reden reden, wurde ich dann irgendwann gemobbt. Denn ich habe Unruhe reingebracht in die informellen Hierarchien. Ich habe oft Einzelstunden gegeben, Unterstützung mobilisiert auf dem Gang und kräftezehrende Interventionen und eigene Veranstaltungen organisiert. Wenn Du hart bekämpft wirst, weisst du daß du etwas geleistet hast.

    Aber genau wegen dieser Rolle der Aufpasser_in undRadikalfeminist_in die immer gewappnet sein muß gegen den nächsten Angriff gehe ich nicht mehr auf Demos, die von antifeministischen Menschen organisiert werden. Da können diese Gruppen noch so antikapitalistisch und Antifa daherkommen.

    Aber es ändert sich auch was. Junge autonome in meiner stadt haben interesse an Queerfeminismus und Antisexismus. Mir geht das alles zu langsam und ich vernetze mich gezielter. Ich kann nur den Kongress Mackermassacker
    http://mackermassaker.az-muelheim.de/selbstdarstellung empfehlen.

    Grüße!
    Locke
    Locke

  2. Gravatar Icon 2 Bäumchen 15. Dezember 2011 um 13:14 Uhr

    Ich kann dir in deinen Worten nur zustimmen. Ich habe auch deswegen nicht feministische Schutzpanzer oder Phrasen an sich kritisiert, sondern meinen eigenen Umgang damit. Die meiste Zeit wiederhole ich mich und muss mich wiederholen, weil alle um mich herum meinen, das Rad neu erfinden zu müssen und meistens irgendwelche Theorien ihr eigen Gedankengut nennen, die bereits vor hundert Jahren von irgendeinem Menschen formuliert wurden und natürlich kein Mensch Interesse hat, sowas selber nachzulesen… echt lästig manchmal, aber es hilft, die eigenen Gedankengänge zu präzisieren. Mich stört an mir selber, dass ich dann in diesem Panzer drin hocke und glaube, die Wiederholung dieses Einerleis würde ausreichen. Weil auch gerade der Austausch mit Feminist*innen leider immer dabei beruhte, sich (fast selbstversichernd) solche Dinge zu sagen (vielleicht weil frau froh war, eine Gleichgesinnte zu treffen?). Und natürlich ist die Antifa als ,,Mackerverein“ kritisierbar, aber darum ging es mir da nicht, sondern ich habe einfach nur eine Aussage wiederholt, weil ich eben gleichgültig war, weil ich selber gar nicht weiß, wie sich die Strategien der Antifa ändern könnten, damit Frauen nicht immer ausgeschlossen werden.
    Und danke für die Empfehlung, ich werde es mir durchlesen :-)

  3. Gravatar Icon 3 Agape_42@twitter 15. Dezember 2011 um 22:36 Uhr

    Danke für den schönen Text, ich glaube zu verstehen was du meinst und habe mich in deinen Worten wiedergefunden. Für mich ist es eine Art Zerissenheit. Die Entscheidung zu treffen zwischen dem aktiven, politischen, den Diskursen folgendem Leben und dem ruhigen Landleben mit Garten, Bioanbau, nicht so viel Begehren usw. … Eine Lösung habe ich nicht, weder für dich noch für mich, die Optionen habe ich – was es nicht einfacher macht.

    Für mich hat die formulierte Sicht etwas paradigmatisches für die Internet-, Informationsgesellschaft. Alles wirkt so fern, trotz dessen, dass mensch eigentlich näher dran ist und die Informationen direkt und sofort erhält. Vielleicht ist ein Gegenkonzept dazu mehr auf direkte menschliche Beziehungen zu setzen, mehr vor Ort zu arbeiten als weltumgreifende kapitalismuskritische, feministische Diskurse zu verfolgen.

    Ich bin gespannt auf mich, wie ich in Zukunft damit umgehen werde, da ich gerade an einem Punkt stehe, wo ich mich entscheiden muss …

  4. Gravatar Icon 4 Bäumchen 20. Dezember 2011 um 1:01 Uhr

    Du machst es ja spannend… vielleicht erzählst du mir ja irgendwann, welche Lösung du gewählt hast!

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.