Befreiungstheologie oder: Was ist emanzipatorisch an Religion?

,,Es gibt nichts Emanzipatorisches an Religion.“ (Freund von mir)

,,Religion ist voller Opiate.“ (Mr. M to the X)

,,Was? Aber ich dachte, du wärst kritisch.“ (Hier Namen einfügen)

Angekommen im Atheismus-Wunderland, wo jede naiv guckende Alice schnell auf die Grinsekatze trifft, balanciere ich mich durch die Gebüsche linker Theorie …
Um mich herum der Singsang eifriger ,,Wir glauben an keinen Gott“-Gebete.

Meine christliche Gemeinde war irgendwo zwischen charismatisch und evangelikal und ihr stärkster Bezugspunkt waren die Urchristen. Hochpolitisch war meine Gemeinde. So stark dass sie von sich selbst behauptete, unpolitisch zu sein. Und mit ihrer Behauptung, Fremde auf Erden zu sein, uralte konservative und reaktionäre Werte tradierte.

Ich bin da raus. Oh ja, feministische MitleserInnen: Nicht wegen dem ,,Herr“ in ,,Herr Jesus“. Aber die Geschichte ist jetzt erstmal langweilig (nachzulesen in ,,Rebellische Jugend. XY bricht aus konservativem Leben aus.“ AutorIn: Voll L. Angweilig).

Während ich im Atheismus-Wunderland mit besagtem Atheismus flirtete, wunderte ich mich über die Parallelen, die es zwischen meiner christlichen und meiner linken Subkultur gab:

1) Alle kleiden sich irgendwie ähnlich
2) Gemeinsames Essen und Essenmachen ist sehr wichtig
3) Ghettoisierung: Alle ziehen in dieselbe Gegend
4) Kennst du die Codes, biste schnell dabei
5) Du brauchst mindestens ein paar Jahre, um die Codes zu kennen
6) Die ,,Aktiven“ sind Herz und Seele der Subkultur
7) Utopien sind wichtiger Teil des Austausches
8) Revolutionär: AnarchistIn/Überwinder; gegen ,,böse Mächte“ auf Erden, gegen dumpfen Mainstream
9) hervorgehobene Ethik: das persönliche Leben als ,,Brief“ an die Menschen, Lifestyle als Verantwortung
10) Missionierung!!!! Diese unglaubliche Papiergläubigkeit. Diese Wirksamkeit, die Menschen in Traktate und Pamphlete hineinlesen!
11) Gemeinsames Essen. Gemeinsames Essen. Gemeinsames Essen.

Und immer wieder auch die gegenseitige Feindlichkeit. ,,Was, wo gehst du hin?“ oder: ,,Wie kannst du das vereinbaren?“

Ja. Wie kann ich das?

Der oben erwähnte Opiate-Experte hat ausgezeichnet über die Doppelnatur der Religion geschrieben:

,,Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“

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Ist jemenschem aufgefallen, dass der erste Teil nie mitzitiert wird, wenn rote Socken Mr. M to the X benutzen, um gegen Religion zu tröten? Religion kann also Rechtfertigung der bestehenden Weltordnung sein wie auch ein Protest gegen sie.
Das Christentum ist nicht zeitlos, nicht losgelöst von der Welt, sondern unterliegt historischen Wandlungen, so wie ungefähr alles andere auch. Es ist eine kulturelle Form, die sich Menschen hier und gesellschaftliche Kräfte da angeeignet haben, immer wieder neu und anders. Schon Engels zählte das herunter2: erst eine Religion der Sklaven, dann Staatsreligion des Römischen Reiches, dann super angepasst an die Feudalhierarchie, dann ins bürgerliche Leben transferiert. Die Symbolik, an der das Christentum reich ist, wird in jeder Zeit jeweils anders besetzt, wird verzerrt, rot oder lila gefärbt oder durchgewaschen, andere Knackpunkte werden gesetzt, andere Verse, Geschichten, Personen in den Mittelpunkt gerückt.

Und was ist die Befreiungstheologie? Eine Bewegung, die in Lateinamerika in der Zeit der Militärdiktaturen entstand und sich über zahllose Basisgemeinden verbreitete. So katholisch wie kein anderer Kontinent, war die Kirche in Südamerika der einzige Ort, der sich der militärstaatlichen Ordnung in einigen Teilen entziehen konnte. Es gab Priester, Theologen und Bischöfe, die entdeckten, dass die kapitalistischen Verhältnisse, v.a. beschleunigt durch den nordamerikanischen Imperialismus und das Joch der Militärdiktaturen, die Menschen in Not und Elend brachten, den Mittelstand dezimierten, öffentliches Eigentum privatisierten. Daneben der Rassismus weißer und mitteleuropäischer Nachfahren gegenüber den Indigenen und den Nachfahren afrikanischer Sklaven. Und die gesellschaftliche Vorherrschaft der Männer, die doppelte Ausbeutung der Frau. 3

Es hieß, aufzuhören, die Bibel nach der herrschenden Lehre auszulegen, einer Lehre, die Herrschaft legitimiert, gelehrt durch eine Kirche, die die Privilegierten unterstützt und trägt. Und um es mit Ernst Bloch zu sagen, es wurde gesucht nach der ,,Biblia pauperum“4, der Armenbibel, nach Auslegungen, die abweichen von der herrschenden Lehre, nach einer Religion, die sich den Armen, den Unterdrückten, den Außenseitern zuwendet.

Was hat das mit mir heute zu tun? Ich meine, frei von Militärdiktaturen, selber teilhabend an Privilegien, in einem der reichsten Länder der Welt?

Erstmal, dass mein Glaube und meine politische Überzeugung sich nicht gegenseitig auslöschen. Dass Glaube nicht reaktionär sein muss, sondern im Gegenteil ,,Hoffnung wagt“, von einer anderen Welt reden darf und reden will. Aber auch, dass mein Glaube nicht nur eine Art Hülle ist für einen sozialistischen Inhalt, sondern dass ich Mystik erleben kann, will, möchte, eine Beziehung bilden kann zu einem Gott, dessen*deren Bild sich in mir noch auflichten wird. Dass wir von einem Menschensohn reden, der als ,,Immanuel“ angekündigt wurde, ,,Gott mit uns“. Dass mein Glaube jenseitsbezogen seine Kraft verliert und nur im Heute und Hier seine Lebendigkeit entfaltet. Dass ich mich als Christin nicht der Verantwortung entziehen werde.

Weitere Links:
Ratzingers Angst vor der Kirche der Armen
Befreiungstheologisches Netzwerk

  1. Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. (1844). MEW, Bd. 1, S. 378 [zurück]
  2. Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie (1886). MEW, Bd.21, S.305 [zurück]
  3. Greinacher, Norbert (Hg.) (1985): Konflikt um die Theologie der Befreiung. Diskussion und Dokumentation. Zürich/Einsiedeln/Köln. [zurück]
  4. Bloch, Ernst, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt 1985 [zurück]

1 Antwort auf „Befreiungstheologie oder: Was ist emanzipatorisch an Religion?“


  1. Gravatar Icon 1 Queery 26. März 2012 um 13:18 Uhr

    Danke! Du sprichst mir aus dem Herzen. Ich habe es so satt, dass immer eine Rechtfertigung von mir erwartet wird, sobald irgendwie herauskommt, dass ich Christin bin.
    Dabei bin ich erst durch meinen Glauben dazu gekommen, dass ich die Welt verändern möchte.

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