Archiv für März 2012

Amazonen

Manche reden schon von postpatriarchalen Verhältnissen. Zumindest in Deutschland, mit einem bestimmten Einkommen, dem richtigen Habitus und dem Bewusstsein der Millionen kleinen und großen Kämpfe, die fast auf Augenhöhe geführt werden!
In der Ukraine scheint das anders zu sein. Oder warum sonst formiert sich eine Gruppe Frauen, lässt sich in den Karpaten nieder, um dort nach Vorbild der Amazonen im antiken Griechenland ein Leben ohne Männer zu führen? Asgarda nennen sie sich, bestehen zum größten Teil aus Studentinnen und verehren die Oppositionsführerin Julija Tymoschenko. Martialisch die Bilder, umso interessanter die Skepsis des Fotografen Guillaume Herbaut, ob er die Realität dieser Frauen tatsächlich wiedergegeben hat. Nichtsdestotrotz war er gerührt von der Begeisterung der Frauen über die Fotos. Und fügt hinzu, dass sich sein erster Eindruck nicht getäuscht hat: ,,Die Wurzel einer neuen Sekte“, befürchtet er.
Ich weiß, dass es eine Zeit in meinem Leben gab, wo mich solche Bilder unglaublich angesprochen hätten. Und ich hätte vielleicht so einen Weg für mich gewählt, wenn ich nur die Menschen gefunden hätte, mit denen ich diese Gemeinschaft hätte aufbauen können. Es ist was Faszinierendes am Bild der Amazone, die Idee der autonomen Frau, der Kämpferin. Und zugleich etwas Rasendes, Wütendes. Ich liebe diese Wut.
Aber das hier ist nicht nur eine ästhetische Idee und es geht auch nicht umbedingt um eine Wahl: Es geht um Notwendigkeit. Es geht darum, dass es manchmal keine andere Lösung gibt, als sich in Frauengemeinschaften zurückzuziehen, weil der Schaden, den diese Frauen durch Männer in ihrem Leben erlitten haben, groß ist, weil sie Ermutigung brauchen, Aufbau, die Anerkennung der anderen Frauen. Sich selbst wieder als stark zu erleben, sich stark zu wissen, dabei die Freundschaft anderer Frauen zu erfahren, den Zusammenhalt. Das ist oft keine Wahl. Das ist ein Muss, um zu überleben, um würdevoll zu überleben.
Der Fotograf befürchtet den Beginn einer neuen Sekte. Aber was ist eine Sekte autonomer Frauen im Patriarchat?

Der 8. März kommt bald. In meiner Stadt wird es dann eine Diskussionsrunde über autonome Frauengruppen geben. Ich bin gespannt.

Zygotenleben

Die Pro-Life-Bewegung in den USA treibt absurde Blüten: Eine Gesetzesänderung in Mississippi sollte in Kraft treten (the Personhood Amendment Bill), die befruchteten Eizellen Personenrechte zuschreibt. Die Gesetzesänderung kam nicht durch, weil eine kleine Mehrheit von 55% dagegen war. Wie die Bloggerin Vegina herausarbeitet, kann durch ein solches Gesetz eine Mutter verantwortlich gemacht werden für jede mögliche Verletzung, die ihrem Kind in der Schwangerschaft zustößt.

In a culture of misogyny and mother-blaming, this is likely to open the floodgate to the persecution and prosecution of women who miscarry.1

Die Absurdität wird dort noch unfassbarer, wo nicht die befruchtete Eizelle, sondern schon allein der Akt des Samenergusses beim Geschlechtsverkehr Personenrechte zuschreiben soll; diese Idee wird von einigen Rechten vertreten und beschränkt das Sexualleben einer Frau auf ihre Bereitschaft, Mutter zu werden. Bereits das Einnehmen der Pille wäre dann Mord.
In Oklahoma, wo der Gesetzesentwurf ebenfalls zur Wahl steht, enttarnten demokratische SenatorInnen dessen Sexismus. Würde man für Männer nämlich dieselbe Messlatte ansetzen, müsste jeder Samenerguss eines Mannes, der nicht in der Vagina einer Frau verliefe, als tödlicher Akt gegen ein ungeborenes Kind interpretiert werden. Nun, ich sehe jetzt mal ab davon, dass die christliche Rechte Masturbation und jede Form von Sexualität, die nicht zur Reproduktion führt, sowieso verdammt.

  1. ,,In einer Kultur, die Frauen hasst und Müttern alle Schuld zuschiebt, wird der Verfolgung und Anklage von Frauen Tür und Tor geöffnet, die eine Fehlgeburt erleiden.“ [zurück]


,,Dinge, die in einen Uterus gehören: Spiralen, Babys, Hormone. Dinge, die nicht in einen Uterus gehören: Religion, Gesetze, Männer, ,,Personen“, unangebrachte moralische Empörung.“

Nach einem Kongress/ Müde

Endlose Wortströme verströmt über blaue Lippen,
Anstrengung die bleiern macht.
Lippen trocknen, Zungen lecken,
alles ist still.

In meinen Ohren rauscht das Blut
so gerade aus dem Herzen,
und im Meer vertrauter Lieder
bricht manches Gehörte
an den Felsen meiner Gleichgültigkeit.

Ich sitze, und dieses Summen in
mir bestätigt mir fortwährend,
dass ich am Leben bin.

Ich begegne Blicken. Reden werden geredet.
Äcker werden bearbeitet. Von dir, von mir. Ein Tropfen irgendwo auf
Stein. Und mitten in mir vielleicht einmal ein Lächeln,
unbedacht. Der Rücken tut schon weh.

Angela Davis: Tierbefreiung notwendig

Angela Davis on eating chickens, Occupy, and including animals in social justice initiative of the 99% from Sistah Vegan on Vimeo.