Archiv für Mai 2012

,,Woher kommst du?“ – Auch eine Delikate Frage für (ehemalige) Heimkinder.

Meine Lebensgeschichte (oder einen Aspekt davon) bekamen Menschen zum Teil recht unfreiwillig beim Smalltalken mitgeliefert. Das geschah, als ich das Prinzip ,,Smalltalk“ noch nicht so ganz verstanden hatte.
Gespräche liefen (oftmals 1:1) so ab:

xyz: ,,Hey, ich bin xyz! Und wer bist du?“
Ich: ,,Ich bin zyx(nichtdeutscher Name).“
xyz: ,,Ach wie lustig, du heißt ja zyx!“
Ich: ,,Ja genau. Ha ha.“
xyz: ,,Und woher kommst du?“
Ich: ,,Ähm. Ich bin in Hannover geboren.“
xyz: ,,Nee, ich mein… ursprünglich.“
Ich: ,,Meine Eltern kommen aus der Türkei.“
xyz: Mögliche Antwort 1: ,,Ach, du wirkst gar nicht türkisch!“
Mögliche Antwort 1.1: ,,… sondern[anderes Ausland einfügen, von indisch bis estnisch war da alles drin]
Mögliche Antwort 2: ,,Du kannst aber gut deutsch!“
Ich: ,,Tjaja.“
xyz: ,,Sprichst du Türkisch?“
Ich: ,,Nee.“
xyz: ,,Wieso nicht?“
Ich: ,,Weil ich nicht bei meinen Eltern aufgewachsen bin, sondern im Heim.“
FAIL.

Was ist das, was mich an dieser Situation ärgert? Erstmal, dass sie so, wie mensch sie hier liest, tatsächlich ablief, immer und immer wieder. Und bald verliert mensch den Glauben daran, dass Menschen und Begegnungen individuell sind.
Zweitens: Nicht der rassistische Unterton ließen diesen Smalltalk problematisch erscheinen für meine Umgebung (kleiner Brainstorm: fremdklingender Name: Lebenswirklichkeit muss anderes Land/Kultur sein; und was bitte ist ,,ursprünglich“, wenn Menschen schon immer von einem Ort zum anderen gezogen sind?; türkisch ,,wirken“ heißt: gewisse Rassenmerkmale aufzuweisen wie …?; Verwunderung über Sprachkenntnisse), nein, problematisch war meine ehrliche und selbstbewusste Antwort, in der ich erwähnte, Heimkind zu sein, d.h. in einer Alternative zur Kernfamilie aufgewachsen zu sein. Und ähnlich, wie Lesben und Schwule (und viele andere) sich auf der Arbeitsstelle anhören dürfen, doch nicht von ihren ,,sexuellen Vorlieben“ zu reden, wenn es um ihre Partnerschaften geht, weil sie nicht das Normale repräsentieren, so ähnlich wollte man mich zum Schweigen bringen, weil mit Heimleben das Andere, die Abweichung repräsentiert wird. ,,Heim“, das ist voller Symbolik über grausame Erziehungsmethoden, Missbrauch, böse Betreuer*innen, kriminelle Kinder. Dass es soetwas wie eine glückliche, eine gesunde Kindheit in Heimen gibt, dass auch hier interessante, vielfältige, tolle Menschen leben, darüber wird nicht geredet. Es verwundert mich, dass Menschen nicht nachfragen, wenn es schlicht ungewohnt für sie ist; dass sie bei der Erwähnung vom ,,Kinderheim“ oft nur kurz abnicken in meiner Erfahrung und dann ihre eigenen Vorurteile züchten. Was ich dann in der Beziehung zu ihnen langfristig mitkriegen werde.
Wer Familien individuell betrachtet, weiß, dass es ziemlich viel Scheiße in jeder Familie geben kann. Doch sobald Heim und Familie als Dualismus gesehen werden, scheinen Menschen alles Negative, was auch in Familien vorkommt, auf das Leben im Heim zu übertragen. (Emotionale) Vernachlässigung, rauer Umgang, strenge Ordnung, wechselnde Bezugspersonen. Achja, und vermutlich hat es GRÜNDE™, warum das Kind im Heim ist, die sicher auch in seinen Genen vorliegen/auf eine alkoholabhängige Mutter/einen dauerschwangeren Vater hinweisen, der/die Drogen nahm/im Gefängnis saß/Sex vor der Ehe hatte/sonstwie ein schillerndes Leben führte.
Weil ich es müde geworden bin, eine Heimvergangenheit als annehmbare Alternative für ein Familienleben durchzusetzen, bin ich auf Umgehung Heikler Fragen™ umgeschwungen. Das heißt, ich antworte auf jeglichen Smalltalk-Mechanismus, der unweigerlich dazu führen wird, dass ich erzählen muss, warum ich so gut deutsch/kein Türkisch spreche, damit, dass ich einfach sehr viele deutsche Freunde hatte. Das ist sehr simpel. Es hilft mir aber nicht, weil ich damit selber einen wichtigen Teil von mir leugne und ihn der Marginalisierung überlasse, anstatt ihn wieder mit etwas Positivem zu besetzen, als Lebenswirklichkeit, die auch im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen nicht verheimlicht werden müsste.
Was denkt ihr darüber?

Neuer Gruppenblog: Takeover.Beta

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Von nun an dürft ihr mich jetzt auch noch auf einem Gruppenblog erleben. Takeover.Beta, das ist Intersektionalität vom Feinsten, mit einem Schuss YeahLet’sRockIt-Feminismus und Knabberangeboten (z.B.: Meine Güte, daran hab ich jetzt aber zu knabbern). Meine Mitblogger*innen, das sind die großartigen: Kiturak, Samia, Stephanie, Zweisatz und PowerPoodle. Die haben schon relativ viel in relativ wenig Zeit gepostet und sind gut drauf und die Zusammenarbeit ist sehr verbindlich. Angenehm! Da meine Arbeit auf dem Mädchenblog die letzte Zeit bereits eingeschrumpft bis ,,ähem, gar nicht mehr vorhanden“ ist, war ich skeptisch bezüglich meiner Einsatzbereitschaft. Außerdem ist mein Blog eifersüchtig, sehr eifersüchtig.

,,Schon wieder einen anderen“, schimpft es.

,,Aber ich“, beginne ich. ,,Verstehste. Des ist halt Intersektionalität. Die haben mich gefragt: Sachmal, du als Baum, deine Perspechtive ist uns da auchmal wichtig. Sach mel was. – Verstehste!“

,,Nee“, sagt es.

,,Vergiss es“, schimpf ich. ,,Geh doch, warst ja eh tot, was sollste schon von nem Blog von Proweidern von so linken Zechen erwarten!“

,,Alter, was solln des für n Dialekt sein? Machst du jetzt einen auf kulturell divers?“, meint des Blog. Usw.

Das ist halt schon Liebe.

Auf dem Blog findet ihr mich übrigens unter dem Namen ,,AusDerBaum“. Fragt nicht. Mysteriöse Umstände zwangen mich, den schönsten geschlechtslosen Diminutiv Bäumchen abzustreifen. Wird Bäumchen erwachsen? Und heißt es nun ,,AusDerBaum“, weil ,,AusDerTraumvomDiminutivBaum“ zu lang für jeden Blog wäre? Diese und weitere Rätsel will ich euch lassen.

Für euch bleib ich übrigens Bäumchen.

Werbung killen

Jetzt und heute … bzw. morgen früh (also jetzt ist quasi gestern abend… ). Ich merke ja gar nicht, dass Leser*innen von Werbung zugespammt werden auf meiner Seite, weil ich privilegiert bin und die Anwendung NoScript benutze, die Werbung einfach nicht anzeigt. Sehr empfehlenswert. Habe aber schon seit längerem beschlossen, die Gesamtsituation hier mal zu ändern und ein bisschen dazuzuzahlen, damit ihr nicht von linksradikalen Tshirts zu Tode radikalisiert werdet. Erfuhr erst später, dass es auch Bloghosts gibt, wo Werbung schalten freiwillig geschieht (Grr, Blogsport!) und der Dienst komplett umsonst ist, aber ich werde weiterhin bei Blogsport bleiben, weil ich eine Plattform unterstützenswert finde, auf der sich so viele Zecken ansammeln.

DDoS-Attacke auf Blogsport

Nur kurz die Meldung: Die letzten Tage waren mein Blog und etliche andere Blogsport-Seiten nicht erreichbar aufgrund einer DDoS-Attacke. Einige vermuten, dass Mitglieder des Coburger Convents (CC), der gestern stattfand, hinter dem Angriff stecken. Was DDoS ist, berichtet euch dieser Wikipedia-Artikel. Ich bin wieder da und habe meinen Blog sehr vermisst. Weils so schön ist, wird mein Header mal so, mal anders aussehen. Das Leben ist zu kurz und die nächste DDoS-Attacke nur um die nächste Ecke.
Auf ein Neues.

Edit: Und so sieht etwas aus, das tot war und zu neuem Leben erwacht:

Racial Profiling Petition

Petition gegen die Legalisierung von Racial Profiling. Link

Blockupy.

Blockupy in Frankfurt: Das waren 5000 Polizisten auf 1000 Aktivistis plus Beschneidung etlicher Grundrechte. Eine Stadt zugerammelt vom Größenwahn städtischer Beamter, die ,,ihre Ordnung“ in Gefahr sahen. Vom angeblichen Willen der Bürger*innen, der hier vertreten wurde. Eine Stadt, die sich lächerlich machte durch die Tatsache, vor allem sich selbst zu blockieren.
Für mich war die Begegnung mit der Polizei immer bereits eine eindrückliche Sache gewesen. Seit ich bei der Naziblockade letztes Jahr in Dresden die Hetzjagd durch vermummte Beamte miterlebt habe, mit der apokalyptischen Hintergrundszenerie von sechs Hubschraubern am Himmel, die wie ein Panopticon dem Menschen unten den Eindruck vermittelten, beobachtet zu werden, ohne je sicher zu sein, ob sie eine gerade wirklich im Blickfeld haben – – – seitdem hatte ich Angst vor einer Begegnung mit Polizist*innen. Angst, die sich bis in meine Träume schlich. Ich träumte von Freund*innen, die einer nach der anderen von Polizisten weggezogen und verprügelt wurden, von einem Staat, der überall schon wusste, wann ich den nächsten Schritt machen würde und wohin. Bisweilen zuckte ich zusammen, sobald ich nur ein Polizeiauto sah.


(Quelle: flickr)

Diese Angst verschwand in Frankfurt. Ich weiß nicht genau, wieso. Uns wurden Wege versperrt, wir wurden gekesselt, in Gewahrsam genommen und stundenlang ohne Essen festgehalten. Die Präsenz von Polizeiwägen in der Stadt war übermächtig; immer sah mensch sie, immer raste eine ganze Kolonne von ihnen vorbei, zielsicher.
Ein Grund, dass ich meine Angst verlor, waren die Menschen, mit denen ich diese Zeit erlebte. Zum Beispiel der Moment, wo Polizist*innen den Römer eingekesselt hatten und niemand mehr hineinlassen wollten und Freunde von mir auf einen Beamten einredeten, bis er so unaufmerksam war, dass ich durchschlüpfen konnte. Ich konnte es kaum glauben, und drehte mich um. Der Polizist hatte nichtmal bemerkt, dass ich durch war. Sein Kollege wies ihn gerade darauf hin. Ein Mädchen, neben dem ich gerade noch gestanden hatte, entdeckte jetzt erst, dass ich durchgeschlüpft sein musste und lachte laut auf. Ich lächelte zurück und spürte, wie gut das tat.
Im Kessel dann [edit 31.05.2012: Das war übrigens ein anderer Kessel!]: Mit anderen zu reden, zu singen, ,,Bella ciao“, ,,We shall overcome“ oder das kirchliche Lied ,,Gegen das Geläut der Leute“. Über Clowns zu lachen, die Luftballons boten im Gegenzug für ihre Freiheit (,,Hey Leute, dieser Polizist ist käuflich! Er will ’ne Million Luftballons, um mich rauszulassen. Hat jemand von euch eine Million Luftballons?“). Den Polizeilautsprecher zu übertönen und sich nicht einschüchtern zu lassen von den ,,Alternativlos“-Aussagen.
Dann die Gewahrsamnahme im Bus: Ich war von den Freunden getrennt worden und bin mit Menschen untergebracht worden, die ich nicht kannte. Was dennoch zu der beeindruckendsten Zeit wurde für mich. Sie schafften durch ihre Lockerheit eine Atmosphäre der Aufmunterung und Solidarität, boten den Polizist*innen Paroli, wo es nur ging und hatten viel Humor. Wir hatten als Bewacher ein gegensätzliches Pärchen. Der erstere war sehr freundlich, konnte sich bei unseren Witzen selber das Lächeln nicht verkneifen und ließ einzelne von uns vor der Tür rauchen. Der andere , der später dazu kam, war hart, mit einem verschlossenen Gesicht und dem großen Wunsch, jedem*r alles zu verbieten. Wegen ihm waren wir der einzige Bus, der nicht mit Keksen und Äpfeln versorgt werden durfte, die Aktivistis von außen durch die Fenster schoben. Ein Mädchen kam einmal sehr wütend und frustriert von den Toiletten mit einer Beamtin zurück; sie regte sich laut darüber auf, dass sie beim Pinkeln nicht beobachtet werden wollte. Anscheinend hatte die Beamtin sie dabei pausenlos angestarrt. Ich erlebte, wie mehrere andere für sie in die Bresche sprangen, sich aufregten, von Demütigung redeten und sexueller Belästigung. Es tat so gut, zu sehen, wie sie sich wehrten! Wenn etwas in mir meine Angst vor Polizist*innen erklärt, so vielleicht die Herrschaft des eigenen inneren Polizisten in mir, der mir einimpft, nie aufzufallen, mich und meine Empfindungen selbst immer eher als falsch und die Wahrnehmung anderer, autoritärer Menschen als ,,wahr“ anzunehmen. Ich glaube, viele andere Menschen haben es an diesem Tag über sich ergehen lassen, auf solch demütigende Weise pinkeln gehen zu müssen. Dieses schlimme schlimme Gefühl, etwas zu müssen und keine Alternative zu haben, weil jemand sagt: Du sollst.
Gehorsam. Das ist eh so ne Sache. Ich glaube, jede*r von uns hat in dieser Zeit viel mit Polizisten geredet. Erstmal nichts Neues: Sind alles Menschen. Sie redeten miteinander über ihre Gehälter, tauschten Erfahrungen aus, beschwerten sich beieinander über die schlechte Verpflegung. Ich erlebte Menschen in Uniform, die den Versuch starteten, Normalität in einen unnormalen Vorgang hineinzubringen. Dein Grundrecht dich zu versammeln und zu demonstrieren wird beschnitten und ich laufe gerade neben dir, um dich zu überwachen, aber HAHA, eigentlich sitzen wir doch alle in einem Boot und schaumal, was für ein schönes Wetter! Als ich mich im Bus zu einem Mädchen setzen wollte, wies mich der Polizist in eine andere Ecke. Aktivistis sollten nicht nebeneinander sitzen, das war der einzige Grund. Er versuchte aber nett und witzig zu sein, und drehte daraus einen sexistischen Witz alá:,,Wir wollen doch nicht, dass die Frauen einen Pulk bilden und sich gegen uns wenden!“ Ahahaha.
Das Gesetz war ihre Argumentation. Ob mensch nun mit vernünftigen Polizist*innen redete oder nicht, ob sie verständnisvoll waren oder eisig: Die Proteste sind verboten worden, deswegen: Gehorchen Sie oder lassen Sie die Repression über sich ergehen. Denn selbst die Gerichte haben bestätigt …Sie WISSEN doch, dass Sie hier nicht sein dürfen … tja. Sobald irgendein Gesetz für irgendetwas erlassen wird, entkommen nur die wenigsten Menschen ihren eigenen inneren Polizisten. Der Zwang konform zu sein ist riesig. Ich frage mich, ob es Polizist*innen gab, die Widerstand geleistet haben. Ihnen müsste doch klar sein, dass ein derartiges Demonstrationsverbot mit solch massivem Polizeiaufgebot faschistische Züge trägt. Verdammt, sogar das Grundgesetz zu verteilen wurde verboten!
Es war befriedigend zu erleben, wieviele Menschen auf die Demo am Samstag kamen. Es war irritierend zu sehen, wie Politiker der Grünen und der SPD erst dann ihre Stimmen erhoben und gegen das Protestverbot wetterten, als klar war, dass der Großteil der Medien Blockupy-freundlich berichtete und die Menschen sich weitläufig entrüsteten über die Verbote. Ich verweise noch auf den Artikel bei Telepolis, der die Frage stellt, ob Blockupy nicht doch an seinen Zielen gescheitert ist.
Ich freue mich darauf, dass es weitergeht.

Kurz verlinkt: Laci Green

Gerade entdeckt: Laci Green, eine Frau, bei der es mich einfach schon glücklich macht, ihr zuzusehen. :-)

Blockupy. Endlich mal ein Bild von mir.


(Quelle: @ILEAX)

Irgendwo auf diesem Bild ist ein Bäumchen.
Bericht folgt vielleicht.

(Kwelle: naked pastor)

Ein Tag bei meiner Familie.

Schon seit langem hatte ich vor, über Themen wie Depression und Körperbild zu schreiben und denke, dass ich nun nach und nach versuchen werde, mich an sie heranzutasten. Mir fällt das schwer. Beides – Depression wie auch der Umgang mit dem Körper sowie Körper sein sind Schwierigkeiten, über die ich nicht unbelastet reden kann. Es gab Zeiten, wo ich mich bereits getriggert fühlte, wenn Menschen mir zeigten, dass sie mich als Körper wahrnahmen, so seltsam das auch klingen mag. Ich denke, ich verdanke das unter anderem der massiven Annahme eines Körper-Geist-Dualismus, der in der männlichen Philosophie und Weltliteratur gepredigt wurde. Unter anderem.

Meine Tante ist vierzig und vor kurzem Oma geworden. Sie hat drei Söhne, die ihr auf verschiedenste Weise Schwierigkeiten bereiten und einen liebevollen, aber abgearbeiteten Mann. Ich mag es sehr, sie zu besuchen; nach dem Umzug meiner Großeltern in die Türkei, die den bisherigen Haupt-Knotenpunkt in meiner Familie darstellten, sind sie für mich nun zur wichtigsten Anlaufstelle geworden. Mein Onkel ist ruhig und müde, wenn ich ihn sehe; meistens schauen wir uns gemeinsam eine türkische Serie an, in der viele Männer mit Schnauzer und Anzug und mafiösem Charisma herumlaufen und beeindruckende Worte sagen; da ich kein Türkisch verstehe, reicht es zu sagen, dass die Serie trotz allem ohne Worte verstanden wird!
Meine Tante hatte mir gefüllte Weinblätter zubereitet, vegan. Mein Veganismus war für meine Familie anfangs ein spannendes Thema; die Palette reichte von Kopfschütteln bis Bewunderung; interessanterweise gab es von ihrer Seite nie die Aggression, die ich zum Beispiel in meiner christlichen Gemeinde erlebte dem Thema gegenüber. Manche Veganer*innen können mir vermutlich in der Beobachtung zustimmen, dass bereits das bloße Erwähnen von tierproduktfreiem Leben und/oder Essen zu wütenden Äußerungen der Tischnachbar*innen führen kann. Lachen musste ich jedenfalls, als eine meiner Tanten mal sagte: ,,Aber da ist nur ein wenig Fleisch drin, das macht doch nichts!“ Ihre Schwester erinnerte sie daran, wie oft sie solche Aussagen von (zumeist) Deutschen hören mussten, wenn es um Schweinefleisch geht.
Wenn ihr Mann schlafen geht, reden wir zwei noch sehr lange. Was uns beide verbindet vor allem, ist das Verhältnis zu unseren Müttern: Es ist gestört. Während ich sehr früh ins Heim gekommen bin und erst später meine Mutter wieder neu kennenlernen musste, die mir immer ein bisschen fremd geblieben ist, ist sie bei ihrem Vater aufgewachsen, der neu geheiratet hatte und ihr gegenüber emotional distanziert war. Ich erzähle das, denn unsere Gespräche fingen immer so an, dass ich mich mal wieder nicht bei meiner Mutter gemeldet hatte und meine Tante mich ermahnte, dankbar zu sein. Sie weiß nämlich nicht mehr, wo ihre Mutter ist. ,,Sie ist siebzig, sie könnte im Altersheim sein, im Gefängnis oder krank, was soll ich machen? Ich find sie einfach nicht. Du hast wenigstens eine Telefonnummer deiner Mutter.“ Anderen Menschen kann ich so ein ,,Du hast wenigstens…“ schon auch übel nehmen. Ihr nicht. Sie war lange Zeit depressiv deswegen, erzählt sie mir. Immer und immer wieder musste sie daran denken: Wie wäre es eine Mutter gehabt zu haben, wie wäre es, umsorgt gewesen zu sein, geliebt, gehalten? Der Verlust bestimmte ihr Leben; gerade durch das Nichtdasein einer Mutter war der Archetyp der liebenden Mutter umso tiefer in ihr verankert. Ich kenne das Gefühl gut. Und ja, es ist unfair, dass ich das in diesem Maße nur von meiner (oder einer) Mutter erwartet habe; mein Vater hat sich keinen Dreck geschert und ich schere mich keinen Dreck um ihn.
Meine Tante ist dick geworden die letzten Jahre. Überall hört und liest sie, wie Frauen aussehen sollen. Sie zählte mir ganz viele Tipps und Tricks zum Abnehmen auf, so als brauche sie die Gewissheit, gesehen zu werden in der Bemühung, schlanker werden zu wollen. (Wieso fühlt sie den Druck, das beweisen zu müssen?) Ich werde dann immer ganz still. Wer als Laie anfängt, sich darüber zu informieren, wie frau am besten abnimmt, wird von einer Großreligion zur anderen gereicht werden, ihren Glauben finden und verlieren und entweder Atheistin oder – sehr verzweifelt. Vor allem: Oft hat frau nicht die Werkzeuge, sich gegen all die ,,Du sollst nicht“-Gebote zu erwehren. Und erlernt sie vielleicht auch nie. Meine Tante sitzt mir da also gegenüber und wirkt fragend und dann bemerke ich, dass sie darauf hofft, von mir als einer, die Zugang zu einer Bildung hatte, die ihr nicht ermöglicht worden war, Antworten zu bekommen. Und hier spüre ich mein Privileg.
Ich bin privilegiert, weil ich mir die Werkzeuge angeeignet habe und aneignen konnte, die es mir ermöglichen, ,,Nein“ sagen zu können zu vielen Anforderungen, die mir eine Gesellschaft stellt. Gott, geht’s mir gut. Wieviel mehr an symbolischem Reichtum an Bildern, Lebensentwürfen und Strategien wird mir ermöglicht, weil ich zum Beispiel ganze Blogosphären kenne, die sich mit Körperbildern beschäftigen, weil ich jeden Tag die verschiedensten Meinungen dazu hören und lesen kann, weil ich soviele Wege kenne, die mir Meinungsbildung ermöglichen über die verschiedensten Plattformen und Zugänge. Und da geht’s allein nur um die Frage, ob es okay ist, dick zu sein. Ja, das allein ist nicht selbstverständlich und für viele im Diskurs über Abnehmen nicht inbegriffen. Meine Tante sah lange Zeit nur die zwei Möglichkeiten: Entweder strengt sie sich an und nimmt ab – oder sie nimmt nicht ab, weil sie sich nicht genug angestrengt hat. Sie arbeitet jeden Tag in dem kleinen Laden, den die Familie betreibt. Sie stellen türkische Nudelwaren her. Täglich arbeitet sie sehr lange; danach kommt sie nach Hause, räumt überall auf, setzt sich mit ihrem Mann zusammen, wenn er heimkommt und nachts, wenn sie dringend Schlaf sucht, kann sie nicht schlafen: Zusehr beschäftigen sie all die Pflichten und die Gedanken um die Familie.
Dieser ganze Abnehmwahn ist neben vielen anderen Dingen vor allem klassistisch.
Menschen in prekären Lebensumständen werden mit einem Körperbild konfrontiert, dem sie nicht oder kaum entsprechen dürften, weil sie nicht die Zeit und die Ressourcen haben. Und es tut mir so weh, weil ich soviele sehe, die sich abstrampeln. Es ist eine Fail-Fail-Situation.

Einen frohen Anti-Diät-Tag noch. Ich bin dankbar, aber wem oder was gegenüber, meiner eigenen Privilegiertheit? Vielleicht dann doch eher den Menschen, die sich darum bemühen, dass solche wichtigen Gedanken verbreitet werden. Und ja, es gibt immer noch viele Hürden. Aber es ist einfach wichtig, trotz aller Rückschläge im Kopf zu behalten: Was viele Menschen anders machen würden, wenn sie nur wüssten, dass es Alternativen gibt. Und mit diesem Gedanken bin ich zumindest für heute etwas glücklich.

#ichhabenichtangezeigt

Auf der Seite ichhabenichtangezeigt schreiben Menschen von ihrer Erfahrung mit sexueller Gewalt.

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