,,Woher kommst du?“ – Auch eine Delikate Frage für (ehemalige) Heimkinder.

Meine Lebensgeschichte (oder einen Aspekt davon) bekamen Menschen zum Teil recht unfreiwillig beim Smalltalken mitgeliefert. Das geschah, als ich das Prinzip ,,Smalltalk“ noch nicht so ganz verstanden hatte.
Gespräche liefen (oftmals 1:1) so ab:

xyz: ,,Hey, ich bin xyz! Und wer bist du?“
Ich: ,,Ich bin zyx(nichtdeutscher Name).“
xyz: ,,Ach wie lustig, du heißt ja zyx!“
Ich: ,,Ja genau. Ha ha.“
xyz: ,,Und woher kommst du?“
Ich: ,,Ähm. Ich bin in Hannover geboren.“
xyz: ,,Nee, ich mein… ursprünglich.“
Ich: ,,Meine Eltern kommen aus der Türkei.“
xyz: Mögliche Antwort 1: ,,Ach, du wirkst gar nicht türkisch!“
Mögliche Antwort 1.1: ,,… sondern[anderes Ausland einfügen, von indisch bis estnisch war da alles drin]
Mögliche Antwort 2: ,,Du kannst aber gut deutsch!“
Ich: ,,Tjaja.“
xyz: ,,Sprichst du Türkisch?“
Ich: ,,Nee.“
xyz: ,,Wieso nicht?“
Ich: ,,Weil ich nicht bei meinen Eltern aufgewachsen bin, sondern im Heim.“
FAIL.

Was ist das, was mich an dieser Situation ärgert? Erstmal, dass sie so, wie mensch sie hier liest, tatsächlich ablief, immer und immer wieder. Und bald verliert mensch den Glauben daran, dass Menschen und Begegnungen individuell sind.
Zweitens: Nicht der rassistische Unterton ließen diesen Smalltalk problematisch erscheinen für meine Umgebung (kleiner Brainstorm: fremdklingender Name: Lebenswirklichkeit muss anderes Land/Kultur sein; und was bitte ist ,,ursprünglich“, wenn Menschen schon immer von einem Ort zum anderen gezogen sind?; türkisch ,,wirken“ heißt: gewisse Rassenmerkmale aufzuweisen wie …?; Verwunderung über Sprachkenntnisse), nein, problematisch war meine ehrliche und selbstbewusste Antwort, in der ich erwähnte, Heimkind zu sein, d.h. in einer Alternative zur Kernfamilie aufgewachsen zu sein. Und ähnlich, wie Lesben und Schwule (und viele andere) sich auf der Arbeitsstelle anhören dürfen, doch nicht von ihren ,,sexuellen Vorlieben“ zu reden, wenn es um ihre Partnerschaften geht, weil sie nicht das Normale repräsentieren, so ähnlich wollte man mich zum Schweigen bringen, weil mit Heimleben das Andere, die Abweichung repräsentiert wird. ,,Heim“, das ist voller Symbolik über grausame Erziehungsmethoden, Missbrauch, böse Betreuer*innen, kriminelle Kinder. Dass es soetwas wie eine glückliche, eine gesunde Kindheit in Heimen gibt, dass auch hier interessante, vielfältige, tolle Menschen leben, darüber wird nicht geredet. Es verwundert mich, dass Menschen nicht nachfragen, wenn es schlicht ungewohnt für sie ist; dass sie bei der Erwähnung vom ,,Kinderheim“ oft nur kurz abnicken in meiner Erfahrung und dann ihre eigenen Vorurteile züchten. Was ich dann in der Beziehung zu ihnen langfristig mitkriegen werde.
Wer Familien individuell betrachtet, weiß, dass es ziemlich viel Scheiße in jeder Familie geben kann. Doch sobald Heim und Familie als Dualismus gesehen werden, scheinen Menschen alles Negative, was auch in Familien vorkommt, auf das Leben im Heim zu übertragen. (Emotionale) Vernachlässigung, rauer Umgang, strenge Ordnung, wechselnde Bezugspersonen. Achja, und vermutlich hat es GRÜNDE™, warum das Kind im Heim ist, die sicher auch in seinen Genen vorliegen/auf eine alkoholabhängige Mutter/einen dauerschwangeren Vater hinweisen, der/die Drogen nahm/im Gefängnis saß/Sex vor der Ehe hatte/sonstwie ein schillerndes Leben führte.
Weil ich es müde geworden bin, eine Heimvergangenheit als annehmbare Alternative für ein Familienleben durchzusetzen, bin ich auf Umgehung Heikler Fragen™ umgeschwungen. Das heißt, ich antworte auf jeglichen Smalltalk-Mechanismus, der unweigerlich dazu führen wird, dass ich erzählen muss, warum ich so gut deutsch/kein Türkisch spreche, damit, dass ich einfach sehr viele deutsche Freunde hatte. Das ist sehr simpel. Es hilft mir aber nicht, weil ich damit selber einen wichtigen Teil von mir leugne und ihn der Marginalisierung überlasse, anstatt ihn wieder mit etwas Positivem zu besetzen, als Lebenswirklichkeit, die auch im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen nicht verheimlicht werden müsste.
Was denkt ihr darüber?


4 Antworten auf „,,Woher kommst du?“ – Auch eine Delikate Frage für (ehemalige) Heimkinder.“


  1. Gravatar Icon 1 kim 31. Mai 2012 um 11:51 Uhr

    Hallo,
    ich hab jetzt seit gestern darüber nachgedacht, ob ich dir antworten soll oder ob das nicht eine form von white_privilege ist , die ich hier ausbreite. ich war auch im heim, bin aber weiß und daher sind meine erfahrungen zu dem thema wohl nicht wirklich vergleichbar.
    zu der heim-thematik kann ich also nur meine weiße perspektive beisteuern, die darin besteht, dass erstmal jeder annimmt, man hätte 2 (heterosexuelle, verheiratete, blabla…) eltern, und somit die frage wo kommst du her? viel seltener auftaucht. meistens kommt die frage „und wo/wie bist du aufgewachsen?“ erst beim zweiten oder dritten gespräch mit neuen menschen aufs tablett.
    ich habe ebenfalls sehr positive erfahrungen im heim gemacht und habe auch kein problem damit, diese mitzuteilen, doch auch bei mir fragen die meisten menschen nicht weiter nach – da kommt dann ein „aha“ oder „hm“ und das gespräch ist beendet.
    seltsamerweise führt das bei mir meist zu dem inneren reflex, mich rechtfertigen zu wollen, dass nicht ICH der grund war, warum ich ins heim gekommen bin, sondern die umstände. ich also nicht das schlimme kind war, sondern einfach nur kind.
    kennst du das auch?
    bei mir hat das jedenfalls auch dazu geführt, dass ich solchen gesprächen eher aus dem weg gehe.

  2. Gravatar Icon 2 Bäumchen 31. Mai 2012 um 12:16 Uhr

    Hallo du
    Danke dass du deine Erfahrung erzählt hast. Ich kann deinen Reflex sehr gut nachvollziehen, hab ihn so aber nie erlebt. Das liegt daran, dass ich früher nie angenommen habe, Menschen könnten das in irgendeinem negativen Licht sehen, was ich ihnen da erzähle. WAS ich aber erlebt habe, war dann im Nachhinein zu wünschen, ich hätte so einen oder ähnlichen Reflex gehabt; wenn nämlich oft Jahre später herauskam, was Menschen sich für ein Bild von mir gesponnen haben. Ähnlich schlimm wie zu denken, ich wär ein furchtbares Kind gewesen ist für mich die Idee, ich sei das absolute Opfer, hilflos, passiv, automatisch problembehaftet. In meiner Gemeinde musste ich mich um vieles mehr engagieren, um das Vertrauen anderer Menschen zu bekommen, als andere Menschen meines ALters; von vornherein war etwas ,,Anrüchiges“ an mir und es hat mich zum Teil sechs Jahre gekostet, um dazuzugehören und akzeptiert zu werden. So im Nachhinein hab ich das Gefühl, das ganze war eine Art jahrelanger Initiationsritus, um zu testen, wie weit ich gehen würde für die Gemeinschaft; ich musste mich beweisen. Das Schlimme war dabei noch, wie meine Gegenüber dabei die Ansicht vertraten, sie würden mir eine Chance geben. So eine Erkenntnis kann so demütigend sein.

  3. Gravatar Icon 3 molassesinyourveins. 01. Juni 2012 um 22:07 Uhr

    das hat mich jetzt gerade ein bisschen zum lächeln gebracht, weil ich diese smalltalk-erfahrung selbst SO gut kenne – und es mir immer gut tut, zu wissen, dass andere ähnliche oder gleiche erfahrungen wie ich machen. manchmal vergesse ich das und fühle mich so unendlich verloren, weil ich nicht weiß, wie ich mit all der verletzenden scheiße umgehen soll; wobei meine erfahrung nicht mit deiner 1:1 gleich ist, ich bin nicht nicht im heim, sondern bei einer alleinerziehenden mutter aufgewachsen.

    ich bin türkische deutsche. wenn leute meinen vornamen hören, kommt erstmal dieses übliche „wo kommst du denn her? – nein, ich meine, wo kommst du wirklich richtig her?“, gefolgt von „oh, du siehst aber gar nicht türkisch aus mit deiner relativ hellen haut!“. dieses white-passing ist für mich als woman of color mit einem privileg verbunden – und genau dieses privileg macht mir eigentlich täglich bewusst, dass whiteness das ideal ist und mit wie viel mehr scheiße people of color, die im gegensatz zu mir auf den ersten blick poc sind, umgehen müssen.
    auch schön ist das „ich wünschte, alle migranten wären so gut integriert wie du!“.

    und sobald leute dann mitkriegen, dass ich bei einer alleinerziehenden mutter großgeworden bin und nie kontakt zu meinem biologischen vater hatte, sind sie nochmal viel schockierter. „ich dachte, bei euch hält man viel mehr zusammen, bei euch ist doch familie so wichtig; das finde ich bei euch ja auch so gut, bei uns deutschen ist das ja total verloren gegangen!“

    mittlerweile kann ich mit alltagsrassismen jeglicher art gut umgehen, ich bin selbstbewusst und sehe meinen migrationshintergrund als persönliche bereicherung für mich an, der mich jetzt nicht minder „deutsch“ macht, nur weil ich nicht weiß bin. als ich noch ein kind war, war das für mich furchtbar. ich wollte unbedingt „genauso deutsch wie die anderen kinder“ (ich war das einzige nichtweiße kind am gymnasium in der süddeutschen provinz) sein – was dazu führte, dass ich mich für meinen vornamen und alles, was auch nur minimal mit meiner ethnischen herkunft verbunden war, schämte und erstmal komplexe entwickelte.

    ooh là, jetzt bin ich ja komplett in einen schreibfluss geraten :D
    tl;dr: danke für den blogpost, es hat meiner seele gut getan, das zu lesen. xo

  4. Gravatar Icon 4 hourof13 28. Juni 2012 um 14:05 Uhr

    „Was denkt ihr dar­über?“

    Ich bin üblicherweise bei „ihr“ nicht mitgemeint. Damit fängt es an. ;) Aber ich möchte hier etwas von mir erzählen.

    Ich mag deine Geschichte und deine persönlichen Einträge sehr. :) Es gefällt mir, dass du darüber schreibst.

    Ursprünglich kommen wir alle aus Afrika.

    Ich kann diese Situationen gut nachvollziehen und finde mich zum Teil darin wieder. Auch eben die Schilderungen von kim und molassesinyourveins. Ich weiß immer noch nicht wie ich mit Fragen von Menschen umgehen soll. Besonders in Bewerbungsgesprächen. Ansonsten habe ich ja sehr selten neuen Kontakt. xD

    Ich gehöre nicht zu den Menschen, die nicht fragen. Ich bin eher zu neugierig. Und es fällt mir schwer Distanz zu wahren. Ich kann das Verhalten der Gesprächspartner so wie ihr sie schildert deshalb schwer nachvollziehen. Ich mache mir auch viele Gedanken über Menschen, aber ich frage lieber nach. Leider kann ich das aber oft nicht, weil es ja „nicht normal“ ist, so persönlich zu werden.

    Ich wurde oft gefragt woher ich ursprünglich komme oder so ähnlich. Zuletzt: „Aber so ganz deutsch bist du nicht, oder?“ Für die Zukunft habe ich mir dafür eine Antwort zurechtgelegt. Ich stelle diese dummen Leute dann bloß. :) Mir wurde auch schon einmal gesagt ich hätte ja auf dem Foto viel hellere Haut gehabt. Da habe ich mich dann noch genötigt gesehen, dass zu erklären. -_-

    Ich habe einen nicht-deutschen Nachnamen. Er klingt französisch. Ich werde (fast) immer (!) [nach diesem ungewöhnlichen Namen] gefragt. Woher kommt der Name? Sprechen Sie Französisch? Oh, ich dachte, Sie sprechen Französisch.. -_- Und um das zu erklären müsste ich denen meine ganze Familiengeschichte erzählen (die mir selbst nur in Bruchstücken vorliegt) und ich möchte denen gar nichts Privates erzählen. Ich regiere dann oft gereizt. Es macht mich wütend. Es stört mich. Vor allem, da die Leute immer annehmen, mein Nachname hätte auch etwas mit mir persönlich oder mit meiner „Herkunft“ zu tun. Hat er aber nicht und ich weiß nicht einmal wo genau er herkommt…

    Es bereitet mir Probleme, weil ich sofort unfreundlich/unhöflich wirke. Aber ich möchte einfach nicht darüber in einem Bewerbungsgespräch sprechen, weil es dort niemanden etwas angeht. Kannst du mir dazu etwas raten? :)

    Ich bin nicht-weiß. Ich denke, da wird mein Aussehen dann auch mit dem Namen verknüpft. die Leute fragen dann lieber nach der Herkunft meines Namens als mich nach meiner „Abstammung“ zu fragen, weil das ja noch ein bisschen peinlicher ist. Sie hoffen, es über den Nachnamen zu erfahren. Sie sind dann brüskiert, wenn ich ihnen nicht die erwartete Antwort liefere. Sie sind verblüfft wenn ich z.b. sage: Ich weiß es nicht. Da ist man dann schon gleich als Idiot abgestempelt xD oder als sonderbar. Die Wahrheit ist, ich bin von der Geburt bis zum Auszug bei meiner dauerhaft allein erziehenden (sowie kontaktarmen und psychisch beeinträchtigten) deutschen und weißen Single-Mutter aufgewachsen. Und zwar ohne jegliche weitere Verwandschaft. Also hyper-exotisch, oder? :)

    Ich bin neugierig, von deinen Heimerfahrungen zu erfahren. Ich weiß fast nichts über Heimleben. In den Medien werden häufig die schlimmen Gründe gezeigt, aus denen Kinder ins Heim kommen. Mich schrecken schlimme Gründe aber gar nicht ab. Ich merke ja, wenn ich mit einem Menschen zusammen bin, ob ich sie interessant finde/sie mag. Ob sie klug und/oder freundlich ist. Ob sie mich abstößt. Ich kann es nicht verstehen, dass Menschen das nicht miteinbeziehen bei ihrer Beurteilung.

    Ich empfehle dir, in Zukunft diesen Teil von dir nicht zu verbergen. Hmm, ich weiß nicht. Vielleicht einfach den Smalltalk abbrechen?^^ Und nur mit angenehmen Menschen darüber sprechen..

    Was mich auch sehr ärgert sind Grußkarten oder Feiertagswünsche wo davon ausgegangen wird, dass man „Freunde und Familie“ hat. Ich habe das nicht. Aber alle Menschen gehen davon aus. Es wird auch davon ausgegangen, dass man Beziehungen hatte/hat/haben wird. Und natürlich heterosexuelle. ;)

    P.S. Ich denke, es wäre u. U. durchaus postiver für mich im Heim verlaufen. Ohne meine Mutter. Noch als Randbemerkung: ich lehne den Begriff „woc“ oder „poc“ für mich ab und möchte auch nicht von anderen so bezeichnet werden (ähnlich: cisfrau). Schon gar nicht von Weißen, die chronisch das Bedürfnis haben, ihr Schuldgefühl nach aussen zu kehren und sich ja dadurch wunderbar abgrenzen können von mir armer diskriminierter poc-wurst. *kotz* ;) Außerhalb des Internets spielt das ja eh keine Rolle. Ich werde auch üblicherweise nicht als Migrantin gezählt werde, wegen der deutscher Mutter. Vielleicht aber als „Ausländerin“ wegen nicht-germanischem Aussehen. Ich weiß nicht, wie Leute mich kategorisieren.

    Das muss für dich eine große Belastung sein, ganz offen und eindeutig evtl. überall und von jedem in so eine Schublade gesteckt zu werden. Du hast sicherlich auch Minderwertigkeitsgefühle deshalb.

    Wie sieht es bei dir aus, Bäumchen?

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