Archiv für Juni 2012

Antwort auf Kritik an Poly-Text

Wer es mitgekriegt hat: Sanczny und yetzt haben eine recht ausführliche Kritik auf meinen letzten Text hin geschrieben. Hier der Versuch einer Antwort, präsentiert auf meinem Blog, da ich immer Schwierigkeiten habe, bei Wordpress zu kommentieren.

So, jetzt hab ich Zeit zu antworten.
Ich finde euren Text lang und an manchen Stellen schwer zu knacken. Deshalb dauerte die Formulierung meiner Antwort länger, weil ich z.T erst nach erneutem Wiederlesen verstanden habe (und manchmal immernoch nicht versteh), um was es euch da geht.

Ich habe meinen Post zu Polyamorie erst geschlechtsneutral formuliert, bevor ich nochmal darauf einging, dass das für mich besonders störende Merkmal die männliche Dominanz ist, die das Thema Poly umgibt. Ihr schreibt, es geht nicht um die Herrschaftsförmigkeit von Beziehungsformen. Und gleichzeitig ist euer Text absolut geschlechtsblind gehalten, so als ob es nicht klar wäre, wer in unserer Gesellschaft Anerkennung dafür bekommt, mehrere (Sex-, Liebe-, whatever) Partner*innen zu haben. Das ist euer luftleerer Raum. -

Ihr sagt, ich sehe Poly als Wahl im luftleeren Raum. Als Wahl sehe ich es vor allem im Bezug auf mich und auf die, die ich kenne, die Poly als Beziehungsform gewählt haben und es nicht als essentielle Identität wahrnehmen. Da kann ich aber nicht allgemein sprechen. Riotmango sagt, wir sollten lieber nicht von Wahl oder Nichtwahl reden, ich bin der Ansicht, jeder Mensch sollte ausdrücken dürfen, wie er* oder sie* das empfindet, auch wenn uns diese Debatte nicht weiterbringt, aber es zeigt, wie Menschen ihre Identität erleben, nämlich verschieden, uneinheitlich, manchmal schicksalsbedingt, manchmal Ausdruck eines freien Willens, der mehr oder weniger frei ist.
Und luftleer ist der Raum genauso wenig, weil ich ihn bereits ganz am Anfang gefüllt habe mit der Aussage: „Ihr traut euch so ei­ni­ges in einer Welt der auf zwei Men­schen pro Zeit­raum fi­xier­ten bür­ger­li­chen Vor­stel­lung von Liebe“ Dass RZB also die gesellschaftlich dominante Beziehungsform ist, war im Text klar. Und weiterhin soll diese Aussage nicht auf einen ,,sexuellen Normalzustand“ hinweisen, sondern auf die starke normative Kraft des RZB-Konstrukts.

Ihr baut eure Kritik darauf auf, dass ich aus Perspektive der Monoamanz schreibe. Wo ich das so genau ausgedrückt habe, ist mir bis jetzt nicht klar. Die Ansage ist an Menschen gerichtet, die sich klar als poly verorten, das ,,ihr“ bedeutet aber nicht, dass ,,ich“ zur ,,anderen Seite“ gehöre, so als ob wir hier von einer Polarität reden. Soviel auch zu eurem Anfang, dass die Welt zu komplex ist für Schubladen. Dass ich keine klare Position beziehen kann, wollte ich auch nochmal mit meiner Hoffnung darüber darstellen, Polyamorie vielleicht wieder neu besetzen zu können und nicht das Feld den Mackern zu überlassen, die mir eintrichtern wie Polysein auszusehen hat. Dass ich aber gefailt hab, klare Worte ala ,,Ich bin … und deswegen … qed“ zu bringen, gibt dem Text diese schlimme Form von Neutralität, die keine ist und die ich ihm gerne wieder entziehen möchte.

Meine Vergleiche mit RZB waren schwach, das stimmt, und haben vermutlich für den größten Unmut gesorgt. Ich habe kurz umrissen und den Abklatsch einer RZB geliefert, weil ich mich nicht näher mit ihr befassen wollte, und das war mein Fehler, denn das Resultat waren gruselige Idealisierungen. Dass hier der Eindruck entsteht, ich schreibe aus der Sicht der Monoamanz, kann ich verstehen. Besser wird es nicht dadurch, wenn ich erkläre, dass diese Vergleiche der Bildlichkeit dienen sollten. Ich habe schlicht nicht gesehen, in welche Richtung sich mein Text bewegt und bin deshalb auch dankbar für eure Dekonstruktion.

Für Reform des Transsexuellengesetzes

Das Gesetz zu Transsexuellen braucht dringend eine Reform!

Liebe ,,Ich bin Poly“-Bezeuger*innen!

Ich mag die meisten von euch. Ihr traut euch so einiges in einer Welt der auf zwei Menschen pro Zeitraum fixierten bürgerlichen Vorstellung von Liebe. Ihr feiert die Tatsache, dass Menschen viele lieben können und viele von euch freuen sich daran, wenn geliebte Menschen Zärtlichkeit und Intimität mit anderen genießen. Das ist kostbar und nicht geringzuschätzen in einer Welt, in der Partner*innen einander noch aus Eifersucht umbringen. Ich bewundere diejenigen unter euch, die verbindlich und liebevoll miteinander umgehen, die sich die Zeit nehmen, über all das zu kommunizieren, was bereits in einer monogamen Bindung kompliziert und tückisch sein kann. Ihr setzt Grenzen, redet über Wünsche und vollbringt das, was manche immernoch für unmöglich halten.

Und dann gibt es diejenigen unter euch, mit denen ich große Probleme habe.

Zur ersten Gruppe gehören die, die Polyamorie gerade auch in der linken Szene wie ein religiöses Mem viral verbreiten. Das ist noch nicht mein Problem. Gute Ideen brauchen Verbreitung. Das ist mein Problem: die religiöse Idee, dass nur dieser eine Gott anzubeten sei. Klarer ausgedrückt: Wer nicht poly ist, sei spießig – – –
Nein. Darüber muss ich keine langen Reden halten. Ich wähle, was mir gefällt. Ich muss mit euch nicht darüber reden, was falsch sein könnte an meinen Erwartungen an die Menschen/Partner*innen, die ich wähle oder mich von euch „analysieren“ lassen in jeglicher grenzüberschreitender Hinsicht. Eure Anmaßung darüber, die ,,richtige“ Beziehungsform gewählt zu haben, mag gefüttert sein von den Schrecknissen, in die die Romantische Zweierbeziehung einige von uns schon geritten hat und von der Dominanz derselben in unserer Gesellschaft. Dennoch bleibt es eine Anmaßung. Redet von persönlicher Erfahrung, von dem, was für euch das Richtige ist. Aber bleibt mir mit eurem Evangelium der einen richtigen Beziehungsform fern. Alternativlosigkeit muss dekonstruiert werden, auch und vor allem in sogenannten progressiven Kreisen.

Die zweite Gruppe, ich nenne sie mal: die Missverständlichen. Sie sagen ,,poly“, aber sie meinen ,,promisk“. Pick Up für Linke, hab ich mir da mal gedacht, oder aus den Worten anderer: Die 68er-Problematik in neuer Verpackung. Nun, ich habe keine grundsätzlichen Probleme mit Promiskuität. Habt Sex, wenn ihr Lust drauf habt! Aber benennt auch, was ihr meint! ,,Poly“ ist ein unglaublich schwammiger Begriff. Während die RZB für viele Menschen ein ,,all inclusive“-Paket bedeutet, müssen Menschen in Poly-Beziehungen vieles neu definieren, es wird ihnen nicht ,,vorgesetzt“. Mit Menschen was eingehen, denen ihr gesagt habt:,,Ich bin poly“, heißt nicht automatisch: ,,Du, aber morgen geh ich dann wieder.“ Es heißt, ihr müsst erklären, was Polysein für euch bedeutet, ob ihr das völlig frei definiert im Sinne von: Ich schlafe einfach unglaublich gern mit unglaublich vielen Menschen, oder ob es für euch vielleicht eine verbindliche Beziehung beinhaltet neben einer/vielen anderen, die genauso romantisch sein kann wie eine RZB. Oder vielleicht was ganz anderes. Benutzt Begrifflichkeiten, die klar ausdrücken, was ihr meint und schleicht nicht um den heißen Brei. Versprecht nicht zu bleiben, wenn ihr das nicht vorhabt. Vor allen Dingen bedeutet Poly nicht: Wenn du dich lange genug hinhalten lässt, verbringe ich vielleicht mal wieder Zeit mit dir, und ansonsten bist du mir egal.

Ich habe diese Ansage geschlechtslos gehalten. Ich habe auf Poly-Mackern bereits schonmal herumgehackt, weil sie mir auf die Nerven gehen, allerdings frage ich mich, inwieweit Frauen* zulassen sollten, dass Polyamorie wie so oft bedeuten muss, was eine im Trans*Frauen*Lesben-Zelt des Antifees letzte Woche nach einem derartigen Vortrag meinte: ,,Da war mir zuviel weiße Männlichkeit.“ Und ob wir lernen könnten, Polyamorie wieder neu für uns zu besetzen. Ich habe gemerkt, dass das Thema mich zuletzt deswegen so genervt hat, weil mir immerwieder in Schulunterrichtmanier von irgendeinem Typen eingehämmert wurde, wie falsch doch Zweierbeziehungen sind, qed1. Auf einem zweiten Vortrag letztens habe ich aber eine schöne Erfahrung gemacht und erfahren, dass es auch anders geht: In Gruppen oder zuzweit redeten die Menschen darüber, was für sie persönlich wichtig ist, was sie erfahren haben, was Liebe*Beziehung*Freundschaft für sie bedeutet. Dieser Workshop war so unglaublich viel ertragreicher und respektvoller als jede ,,Treue ist doof/Menschen sind von Natur aus promisk/Bla bla bla“--Rhetorik aus 68er und heutigen Zeiten. Das heißt, es geht auch anders, und das festzuhalten, ist mir wichtig.

Dieser Post erscheint auch auf takeover.beta.

  1. quod erat demonstrandum: „was zu beweisen war“ [zurück]

Politischer Mord und die Justiz, 1921

Es wurden, systematisch, alle irgend erreichbaren Führer der Opposition hingemordet. Ach, und was verstanden diese Soldatengehirne nicht alles unter ‚Opposition‘! Zu dumm und zu faul, etwas andres als Dienstvorschriften, Jagdhumoresken, die ‚Tägliche Rundschau', ein Blatt ähnlichen Kalibers oder Zoten zu lesen, richteten sie sich in ihrem Hass gleichmäßig gegen Demokraten, Bolschewisten, Dada-Leute, moderne Maler und Nationalökonomen. Unverdächtig war, wer Schmisse auf den Gesichtsbacken und jenes vorschriftsmäßig deutsche Bullenbeißergesicht trug, in dem die richtige Mischung von Kellner und Assessor ganz realisiert war.

Wie da – in den Jahren 1913 bis 1921 – politische Morde von deutschen Richtern beurteilt worden sind, das hat mit Justiz überhaupt nichts zu tun. Das ist gar keine. Verschwendet ist jede differenzierte Kritik an einer Rechtsprechung, die folgendes ausgesprochen hat:
Für 314 Morde von rechts 31 Jahre 3 Monate Freiheitsstrafe, sowie eine lebenslängliche Festungshaft.
Für 13 Morde von links 8 Todesurteile, 176 Jahre 10 Monate Freiheitsstrafe.
Das ist alles Mögliche. Justiz ist das nicht.

Kurt Tucholsky, Auszug aus: Das Buch von der deutschen Schande, S.48-49

Niemand gehört irgendwem – zumindest nicht ohne Risiko.

taz: ,,Einen gefährlicheren Ort für eine Frau als den allein mit „ihrem“ Mann in der gemeinsamen Wohnung gibt es nicht“

Intersektionalität: Von Brücken und Grenzen, am Beispiel der Tierbefreiungsbewegung

Hatte neulich ne Diskussion auf Twitter über Intersektionalität. Interessanterweise hatten die Personen, mit denen ich stritt, ähnliche Ansichten, aber was Aktionen betraf, sah das ganz anders aus. Ein Punkt war v.a.: eine Aktion/Kampagne, die nicht auf alle Formen von Herrschaft eingeht, gar nicht anfangen.
Ich hab jetzt zwei Jahre antispeziesistische Arbeit gemacht. Wir verstehen uns sozusagen als Brücke zwischen oftmals autonomen, radikalen ,,Fleischlinken“ mit anarchischen und emanzipatorischen Ansätzen einerseits und der Tierrechtsbewegung andererseits mit ihrem Rütteln am starren Mensch-Tier-Bild und der Forderung nach Tierrechten sowie veganer/vegetarischer Ernährung und Lebensweise. Für die einen sind wir menschenfeindlich, für die anderen linksextreme Spinner*innen. Die Kritik nach der einen Seite üben wir, weil Tiere in linken Theorien und Utopien einfach mal ausgeblendet werden, und nach der anderen Seite, weil sie Kapitalismus überall noch mitdenkt.
Es ist so schwer, die zwei zusammenzubringen! In der Tierrechtsbewegung gibt es wie auch in der Umweltbewegung religiöse wie rechtsradikale Gruppierungen (z.B. ist ,,Antispe“ in Italien v.a. als Nazigruppe bekannt GRUSELIG). Was dauernd nötig ist, sind Abgrenzungen unsererseits, mitunter mit dem Gefühl, wir tuen eigentlich nichts anderes als uns abzugrenzen. Dennoch ist diese Arbeit wichtig, das ist klar, ich will nicht mit PETA, mit Universellem Leben, ,,Heimatschützern“ und anderen Gruselgeschichten zusammenarbeiten. Andererseits wollen wir uns nicht einfach nur bei der Linken andienen und ständig deren Antirepressionsarbeit machen und für die vegane Vokü zuständig sein, sondern auch sie in Bezug auf Leben und Leiden von Tieren in unserer Gesellschaft sensibilisieren.
Zum Beispiel laufen derzeit Kampagnen gegen neue Schlachthäuser. Da gibt es dann Kollaborationen, die so aussehen können: Anarchistisch und herrschaftskritisch denkende Tierbefreier*innen arbeiten gemeinsam mit Bürgerinitiativen, denen es vor allem um die Erhaltung der Lebensqualität in ihrem Raum geht. Beide Gruppen sind sich eigentlich fremd; das einzige, was sie vereint, ist dieses Ziel: Schlachthof xy abzuschaffen. Beide lernen sich durch die Zusammenarbeit kennen, beide kämpfen für ihren Standpunkt innerhalb der Kampagne, beide gehen Kompromisse ein. Sie missverstehen sich und manchmal bekämpfen sie sich auch. Sie erreichen ihr Ziel oder nicht, manchmal mit, manchmal ohne die Bündnispartner.
Es gibt Ängste, dass das alles nur in Reformismus endet. Eine Abwärtsbewegung des Tierbefreiungsgedanken zu ,,bloßen“ Tierrechten bis zum gesetzlich verankerten Tierschutz, der vor allem ,,Warenschutz“ zu sein scheint. Um mal einen Menschen bei Twitter zu zitieren, mit dem*der ich über Veganismus diskutierte: ,,die kuh die aktuell leidet der nuetzt es nichts wenn sie weiss dass in diesem jahr 50 kuehe weniger leiden“[sic]. Aber was ist mit den 50 anderen Kühen, das sind doch Lebewesen, jedes für sich, nicht einfach nur ,,Exemplare“ ihrer Art. Ein Freund von mir bezog sich in einer ähnlichen Diskussion auf die Frauenbewegung. Die sei letztendlich auch daran gescheitert, dass sie sich von vielen Ansprüchen wegbewegt hat hin zu einem vor allem auf Forderung von Rechten beruhenden Kampagnenaktivismus. Dass gesetzliche Gleichstellung vieles bisher noch nicht gelöst hat, wissen wir. Aber dass es nur eine Verlagerung von Unterdrückungsmechanismen sein soll, wenn Frauen in unserer Gesellschaft zum Beispiel ökonomisch unabhängig geworden sind, und diese Tatsache nicht etwa auch ein befreiendes Moment hat, dieser Gedanke stört mich. Wer ökonomische Abhängigkeit kennt, weiß was ich meine: Es macht einen RIESEN Unterschied. Und natürlich: Es reicht nicht. Ich will die Befreiung aller. Ich erfahre aber in der Realität immer die Grenzen von Menschen und Aktionen und muss damit umgehen, auch mit meinen eigenen Grenzen. Und sehe kleine Ziele, die ich heute erreichen kann und weiß, dass ich dieses positive Feedback auch brauche, um nicht total auszubrennen.
Wie geht es euch damit? Seht ihr das alles ganz anders? Wie geht ihr mit der ,,Vermittler*innen“-Rolle um? Was heißt es für euch, aktiv zu werden, macht ihr Kompromisse? Und wie fühlt ihr euch damit?

Dieser Post erscheint auch bei takeover.beta.

Update zur Kommentarfunktion

Durch eine freundliche Nachfrage, warum ein Kommentar nicht veröffentlicht wurde, habe ich mich entschlossen, meine Haltung zur Moderation mal upzudaten:

Ich habe LUST auf eure Kommentare und auch Lust auf Streit. Update: Streiten über Themen finde ich spannend. Nicht spannend finde ich: Wahrnehmung und Erfahrungsberichte diskreditieren, in Frage stellen, vor allem von Menschen, die von einem -ismus nicht betroffen sind und deshalb meinen, den gibt es gar nicht/bestimmt nicht/vielleicht wars nicht so gemeint/bist du dir sicher?/war es denn wirklich so?

Wer irritiert ist, dass ihr*sein Kommentar nicht veröffentlicht wurde, kann mich gerne anschreiben: tuwas@posteo.de.

Ich würde diese Sache gerne netter ausdrücken, weil die meisten Menschen, die solche Nachfragen stellen, es tatsächlich auch nicht böse meinen. Ich denke, sie glauben, mir fehlt nur der Blickwinkel des anderen, um die Situation besser verstehen zu können. Aber ich betone: Ich will nicht den Blickwinkel von privilegierten Menschen einnehmen. Aus ihrer Sicht ist die Welt natürlich ganz anders und der Rest der Menschheit überempfindlich, zwanghaft politisch korrekt und bedürftig nach der ,,richtigen“ bzw. ,,objektiven“ Perspektive.

Nicht weinen: Eure Perspektive bekommt Raum in allen Medien, im Großteil der Gesellschaft, selbst in linken, progressiven Kreisen. Hier nicht.

Ein Hoch auf…

(Quelle: schockwellenreiter)

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