Intersektionalität: Von Brücken und Grenzen, am Beispiel der Tierbefreiungsbewegung

Hatte neulich ne Diskussion auf Twitter über Intersektionalität. Interessanterweise hatten die Personen, mit denen ich stritt, ähnliche Ansichten, aber was Aktionen betraf, sah das ganz anders aus. Ein Punkt war v.a.: eine Aktion/Kampagne, die nicht auf alle Formen von Herrschaft eingeht, gar nicht anfangen.
Ich hab jetzt zwei Jahre antispeziesistische Arbeit gemacht. Wir verstehen uns sozusagen als Brücke zwischen oftmals autonomen, radikalen ,,Fleischlinken“ mit anarchischen und emanzipatorischen Ansätzen einerseits und der Tierrechtsbewegung andererseits mit ihrem Rütteln am starren Mensch-Tier-Bild und der Forderung nach Tierrechten sowie veganer/vegetarischer Ernährung und Lebensweise. Für die einen sind wir menschenfeindlich, für die anderen linksextreme Spinner*innen. Die Kritik nach der einen Seite üben wir, weil Tiere in linken Theorien und Utopien einfach mal ausgeblendet werden, und nach der anderen Seite, weil sie Kapitalismus überall noch mitdenkt.
Es ist so schwer, die zwei zusammenzubringen! In der Tierrechtsbewegung gibt es wie auch in der Umweltbewegung religiöse wie rechtsradikale Gruppierungen (z.B. ist ,,Antispe“ in Italien v.a. als Nazigruppe bekannt GRUSELIG). Was dauernd nötig ist, sind Abgrenzungen unsererseits, mitunter mit dem Gefühl, wir tuen eigentlich nichts anderes als uns abzugrenzen. Dennoch ist diese Arbeit wichtig, das ist klar, ich will nicht mit PETA, mit Universellem Leben, ,,Heimatschützern“ und anderen Gruselgeschichten zusammenarbeiten. Andererseits wollen wir uns nicht einfach nur bei der Linken andienen und ständig deren Antirepressionsarbeit machen und für die vegane Vokü zuständig sein, sondern auch sie in Bezug auf Leben und Leiden von Tieren in unserer Gesellschaft sensibilisieren.
Zum Beispiel laufen derzeit Kampagnen gegen neue Schlachthäuser. Da gibt es dann Kollaborationen, die so aussehen können: Anarchistisch und herrschaftskritisch denkende Tierbefreier*innen arbeiten gemeinsam mit Bürgerinitiativen, denen es vor allem um die Erhaltung der Lebensqualität in ihrem Raum geht. Beide Gruppen sind sich eigentlich fremd; das einzige, was sie vereint, ist dieses Ziel: Schlachthof xy abzuschaffen. Beide lernen sich durch die Zusammenarbeit kennen, beide kämpfen für ihren Standpunkt innerhalb der Kampagne, beide gehen Kompromisse ein. Sie missverstehen sich und manchmal bekämpfen sie sich auch. Sie erreichen ihr Ziel oder nicht, manchmal mit, manchmal ohne die Bündnispartner.
Es gibt Ängste, dass das alles nur in Reformismus endet. Eine Abwärtsbewegung des Tierbefreiungsgedanken zu ,,bloßen“ Tierrechten bis zum gesetzlich verankerten Tierschutz, der vor allem ,,Warenschutz“ zu sein scheint. Um mal einen Menschen bei Twitter zu zitieren, mit dem*der ich über Veganismus diskutierte: ,,die kuh die aktuell leidet der nuetzt es nichts wenn sie weiss dass in diesem jahr 50 kuehe weniger leiden“[sic]. Aber was ist mit den 50 anderen Kühen, das sind doch Lebewesen, jedes für sich, nicht einfach nur ,,Exemplare“ ihrer Art. Ein Freund von mir bezog sich in einer ähnlichen Diskussion auf die Frauenbewegung. Die sei letztendlich auch daran gescheitert, dass sie sich von vielen Ansprüchen wegbewegt hat hin zu einem vor allem auf Forderung von Rechten beruhenden Kampagnenaktivismus. Dass gesetzliche Gleichstellung vieles bisher noch nicht gelöst hat, wissen wir. Aber dass es nur eine Verlagerung von Unterdrückungsmechanismen sein soll, wenn Frauen in unserer Gesellschaft zum Beispiel ökonomisch unabhängig geworden sind, und diese Tatsache nicht etwa auch ein befreiendes Moment hat, dieser Gedanke stört mich. Wer ökonomische Abhängigkeit kennt, weiß was ich meine: Es macht einen RIESEN Unterschied. Und natürlich: Es reicht nicht. Ich will die Befreiung aller. Ich erfahre aber in der Realität immer die Grenzen von Menschen und Aktionen und muss damit umgehen, auch mit meinen eigenen Grenzen. Und sehe kleine Ziele, die ich heute erreichen kann und weiß, dass ich dieses positive Feedback auch brauche, um nicht total auszubrennen.
Wie geht es euch damit? Seht ihr das alles ganz anders? Wie geht ihr mit der ,,Vermittler*innen“-Rolle um? Was heißt es für euch, aktiv zu werden, macht ihr Kompromisse? Und wie fühlt ihr euch damit?

Dieser Post erscheint auch bei takeover.beta.


4 Antworten auf „Intersektionalität: Von Brücken und Grenzen, am Beispiel der Tierbefreiungsbewegung“


  1. Gravatar Icon 1 amala 06. Juni 2012 um 13:39 Uhr

    oh ja *tief durchatmen* dieses ausbrennen kenne ich auch. für mich ist auch die forderung nach nicht-emotionalität völlig banane, weil ich als menschin selbstverfreilich emotionen habe, die ich – graus für so manchen methodenfetischisten – auch noch als motor für viele meiner gedanken und handlungen ansehe.
    irgendwann kam bei mir jedenfalls der moment, wo ich so am ende war, daß ich dachte, ich schaffe nichts, ich helfe niemandem, alles, was ich tu, ist wertlos. diese krise gehört offenbar für viele, die aktiv werden, dazu – dieser moment, wo das, was passiert, so übermämchtig scheint.
    inzwischen sehe ich es ähnlich wie du: auch kleine wellen bewegen was. ich habe gelernt, daß das, was ich persönlich tu, wichtigkeit besitzt. daß meine authentizität, meine heitere überzeugung von einer sache anstecken können. das ist jetzt die basis, auf der ich arbeite.

  2. Gravatar Icon 2 Bäumchen 07. Juni 2012 um 10:44 Uhr

    Danke Amala, für den schönen Kommentar. Ich hatte jetzt eine Zeit, wo ich schon längst mich nicht mehr gegen die Bilder erwehren konnte, die sich in meinen Kopf drängten,mich überfluteten und ich so krasse Ohnmacht deswegen gefühlt hab. Ich lerne zurzeit neu, Grenzen zu setzen, in jeder Hinsicht, und spüre, wie gut mir das tut. Gerade in Sachen Tierrechtsarbeit ist es immer am stärksten, denn ich sehe kaum Ergebnisse dessen, was ich tue, ich weiß nicht, ob mein Handeln einem einzigen Tier was gebracht hat. Mit sowas kann ich mich verrückt machen …

  3. Gravatar Icon 3 Sternchen 07. Juni 2012 um 18:42 Uhr

    Es war einmal ein alter Mann, der jeden Morgen einen Spaziergang am Meeresstrand machte. Eines Tages sah er einen kleinen Jungen, der vorsichtig etwas aufhob und ins Meer warf. Er rief: „Guten Morgen. was machst Du da?“

    Der Junge richtete sich auf und antwortete: „Ich werfe Seesterne ins Meer zurück. Es ist Ebbe, und die Sonne brennt herunter. Wenn ich es nicht tue, dann sterben sie.“

    „Aber, junger Mann“, erwiderte der alte Mann,“ist dir eigentlich klar, dass das hier ein sehr langer Strand ist. Und überall liegen Seesterne. Du kannst unmöglich alle retten, das macht doch keinen Sinn.“

    Der Junge hörte höflich zu, bückte sich, nahm einen anderen Seestern auf und warf ihn lächelnd ins Meer.

    „Aber für diesen einen hier macht es Sinn!“

  4. Gravatar Icon 4 karlotta 12. Juni 2012 um 12:38 Uhr

    Dein Text spricht mir von der ersten bis zur letzten Zeile so aus der Seele, ich weiß gar nicht, was ich da noch ergänzen oder kommentieren sollte. Leider bin ich auch immer noch in diesem Spannungsfeld gefangen und habe noch keine Lösung gefunden. Aber manchmal ja einfach gut zu wissen, dass man nicht alleine ist…

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