Liebe ,,Ich bin Poly“-Bezeuger*innen!

Ich mag die meisten von euch. Ihr traut euch so einiges in einer Welt der auf zwei Menschen pro Zeitraum fixierten bürgerlichen Vorstellung von Liebe. Ihr feiert die Tatsache, dass Menschen viele lieben können und viele von euch freuen sich daran, wenn geliebte Menschen Zärtlichkeit und Intimität mit anderen genießen. Das ist kostbar und nicht geringzuschätzen in einer Welt, in der Partner*innen einander noch aus Eifersucht umbringen. Ich bewundere diejenigen unter euch, die verbindlich und liebevoll miteinander umgehen, die sich die Zeit nehmen, über all das zu kommunizieren, was bereits in einer monogamen Bindung kompliziert und tückisch sein kann. Ihr setzt Grenzen, redet über Wünsche und vollbringt das, was manche immernoch für unmöglich halten.

Und dann gibt es diejenigen unter euch, mit denen ich große Probleme habe.

Zur ersten Gruppe gehören die, die Polyamorie gerade auch in der linken Szene wie ein religiöses Mem viral verbreiten. Das ist noch nicht mein Problem. Gute Ideen brauchen Verbreitung. Das ist mein Problem: die religiöse Idee, dass nur dieser eine Gott anzubeten sei. Klarer ausgedrückt: Wer nicht poly ist, sei spießig – – –
Nein. Darüber muss ich keine langen Reden halten. Ich wähle, was mir gefällt. Ich muss mit euch nicht darüber reden, was falsch sein könnte an meinen Erwartungen an die Menschen/Partner*innen, die ich wähle oder mich von euch „analysieren“ lassen in jeglicher grenzüberschreitender Hinsicht. Eure Anmaßung darüber, die ,,richtige“ Beziehungsform gewählt zu haben, mag gefüttert sein von den Schrecknissen, in die die Romantische Zweierbeziehung einige von uns schon geritten hat und von der Dominanz derselben in unserer Gesellschaft. Dennoch bleibt es eine Anmaßung. Redet von persönlicher Erfahrung, von dem, was für euch das Richtige ist. Aber bleibt mir mit eurem Evangelium der einen richtigen Beziehungsform fern. Alternativlosigkeit muss dekonstruiert werden, auch und vor allem in sogenannten progressiven Kreisen.

Die zweite Gruppe, ich nenne sie mal: die Missverständlichen. Sie sagen ,,poly“, aber sie meinen ,,promisk“. Pick Up für Linke, hab ich mir da mal gedacht, oder aus den Worten anderer: Die 68er-Problematik in neuer Verpackung. Nun, ich habe keine grundsätzlichen Probleme mit Promiskuität. Habt Sex, wenn ihr Lust drauf habt! Aber benennt auch, was ihr meint! ,,Poly“ ist ein unglaublich schwammiger Begriff. Während die RZB für viele Menschen ein ,,all inclusive“-Paket bedeutet, müssen Menschen in Poly-Beziehungen vieles neu definieren, es wird ihnen nicht ,,vorgesetzt“. Mit Menschen was eingehen, denen ihr gesagt habt:,,Ich bin poly“, heißt nicht automatisch: ,,Du, aber morgen geh ich dann wieder.“ Es heißt, ihr müsst erklären, was Polysein für euch bedeutet, ob ihr das völlig frei definiert im Sinne von: Ich schlafe einfach unglaublich gern mit unglaublich vielen Menschen, oder ob es für euch vielleicht eine verbindliche Beziehung beinhaltet neben einer/vielen anderen, die genauso romantisch sein kann wie eine RZB. Oder vielleicht was ganz anderes. Benutzt Begrifflichkeiten, die klar ausdrücken, was ihr meint und schleicht nicht um den heißen Brei. Versprecht nicht zu bleiben, wenn ihr das nicht vorhabt. Vor allen Dingen bedeutet Poly nicht: Wenn du dich lange genug hinhalten lässt, verbringe ich vielleicht mal wieder Zeit mit dir, und ansonsten bist du mir egal.

Ich habe diese Ansage geschlechtslos gehalten. Ich habe auf Poly-Mackern bereits schonmal herumgehackt, weil sie mir auf die Nerven gehen, allerdings frage ich mich, inwieweit Frauen* zulassen sollten, dass Polyamorie wie so oft bedeuten muss, was eine im Trans*Frauen*Lesben-Zelt des Antifees letzte Woche nach einem derartigen Vortrag meinte: ,,Da war mir zuviel weiße Männlichkeit.“ Und ob wir lernen könnten, Polyamorie wieder neu für uns zu besetzen. Ich habe gemerkt, dass das Thema mich zuletzt deswegen so genervt hat, weil mir immerwieder in Schulunterrichtmanier von irgendeinem Typen eingehämmert wurde, wie falsch doch Zweierbeziehungen sind, qed1. Auf einem zweiten Vortrag letztens habe ich aber eine schöne Erfahrung gemacht und erfahren, dass es auch anders geht: In Gruppen oder zuzweit redeten die Menschen darüber, was für sie persönlich wichtig ist, was sie erfahren haben, was Liebe*Beziehung*Freundschaft für sie bedeutet. Dieser Workshop war so unglaublich viel ertragreicher und respektvoller als jede ,,Treue ist doof/Menschen sind von Natur aus promisk/Bla bla bla“--Rhetorik aus 68er und heutigen Zeiten. Das heißt, es geht auch anders, und das festzuhalten, ist mir wichtig.

Dieser Post erscheint auch auf takeover.beta.

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7 Antworten auf „Liebe ,,Ich bin Poly“-Bezeuger*innen!“


  1. Gravatar Icon 1 Christian 26. Juni 2012 um 6:20 Uhr

    Wer so leben kann, der soll so leben. Ich denke allerdings, dass es eher etwas für eine Minderheit ist. Den meisten wird schnell eine gewisse Eifersucht dazwischen kommen.

  2. Gravatar Icon 2 Bäumchen 26. Juni 2012 um 10:03 Uhr

    Lieber Christian
    Es geht hier nicht darum, Polyamorie an sich zu kritisieren, sondern gewisse Ausdrucksformen derselben. Dein Kommentar wirkt hier v.a. als Derailing, ich schlage dir vor, du schreibst einfach einen Post darüber, was du über Polyamorie denkst und dann können Menschen, die wollen, mit dir darüber reden. Ich wette, da gibts auch viele, die darüber reden wollen. Vielleicht kommen ja sogar ein bis zwei Feminist*innen ^^.

  3. Gravatar Icon 3 amala 26. Juni 2012 um 11:37 Uhr

    hier is‘ schon mal eine ;)
    ich leb mit zwei männern zusammen, also poly, aber absolut verbindlich. und poly ist auch nicht gleich poly. es gibt menschen, für die heißt poly, daß sie zwar mehrere lieben können, aber nicht möchten, daß ihre partnerInnen noch andere partnerInnen haben. und es gibt polys, für die es keine solche einschränkungen gibt. es gibt polys, die – wie du ganz richtig grundsätzlich von polyamor trennst – einfach promisk sind. es gibt auch asexuelle polys. eifersüchtige polys.
    wie jede andere beziehungsform auch würde ich polyamorie als etwas dynamisches einschätzen. es kann sich ändern, muß aber nicht.

  4. Gravatar Icon 4 Bäumchen 26. Juni 2012 um 13:28 Uhr

    @Amala Danke für die Erwähnung der Vielfalt. Diese promisken Polys von ,,Polyamorie“ zu trennen ist gerade auch auf dem Blog takeover.beta diskutiert worden. Das ist so ein Spannungsfeld zwischen Appropriation(jemand eignet sich eine Bezeichnung zu Unrecht an) und Fremdbezeichnung(ich bezeichne jemanden als etwas, als das dieser Mensch sich nicht sieht). Ich komme da gerade auch nicht auf einen klaren Punkt.

  1. 1 Herrschaftsaffären und Ausschlüsslichkeiten « sanczny Pingback am 28. Juni 2012 um 6:01 Uhr
  2. 2 Herrschaftsaffären und Ausschlüsslichkeiten « yetzt Pingback am 28. Juni 2012 um 6:01 Uhr
  3. 3 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Die Photoshopisierung von Frauen und Asiatinnen-Klischees im Feuilleton – die Blogschau Pingback am 30. Juni 2012 um 13:57 Uhr
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