Archiv der Kategorie 'Allgemein'

Neuer Blog

Ich blogge jetzt bei ,,Rumbaumeln“. Kommt rüber und habt Freude daran. Oder bleibt und nostalgisiert fröhlich vor euch hin.

Beginnen tut mein hübscher neuer Blog mit einem Schwarzer-Rant. Da ich mich noch nie über ihren Rassismus öffentlich aufgeregt habe, ist jetzt die richtige Zeit dafür.

Für [Neu]Leser*innen: Übersicht über die wichigsten Artikel

Um ein wenig Ordnung zu schaffen, habe ich eine neue Seite geschaffen, in der ich allen Leser*innen eine Übersicht über meine wichtigsten Artikel und die Themenbandbreite liefere. War ein ganz schönes Stück Arbeit, aber letzten Endes doch sehr schön zu sehen, was in den letzten anderthalb Jahren zustande gekommen ist.
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Du triffst zum ersten Mal auf meine Seite und bist gänzlich überfordert und überfragt, wer ich bin?
Ich hoffe, diese kleine Übersicht über die wichtigsten Artikel hilft dir weiter.

Identität
Sehr persönliche Auseinandersetzung mit [meiner] Identität und für was ich blogge. ,,Helfen Identitäten?“
Der eigenen Identität einen Raum schaffen. Die Idee einer Utopie.

Feminismus
Mein Start.
Auszüge aus einer Feministischen Kritik.
Maskulinisten, die Dinosaurier, die immer überleben.

Kindheit und Adultismus
Kindheit und Adultismus im Heim.
Vom Dualismus ,,Familie“ und ,,Heim“.

Rassismus
Türkischsein in Deutschland.
Mein eigener Rassismus.

Gott, Sektierei und politischer Glauben
Befreiungstheologie: Wenn Glauben sich politisch bekennt.
Meine religiösen Jahre in einer evangelikalen Gruppe beschreibe ich hier.
Auswirkungen von religiöser Herrschaft in meinem persönlichen Leben versuche ich hier zu dekonstruieren.

Rechter christlicher Fundamentalismus und Wahlkampf in den USA
Der ,,Let Women Die“-Gesetzesentwurf in den Staaten.
US-Wahlkampf, Heterosexismus und Rick Santorum hier.
US-Wahlkampf, Heterosexismus und Mitt Romney da.

Fundamentalismus hierzulande
Bayern, Adel, Heterosexismus – it’s a thing!
Katholische Kirche, Abtreibung und moralische Märchen.

Körperbild und dicke Menschen
Meine Kritik am ,,Love your Body“-Konzept.
Körperbild und Klassismus, am Beispiel meiner türkischen Familie.

Hollywood und Popkultur:
Der Bechdel-Test: Hervorragendes Analysewerkzeug zum Filme- und Seriengucken
Kritik an Pärchennormativität in Hollywood und der Lesbenromanze Itty Bitty Titty Com­mit­tee.
Einer der Millionen Gründe, warum mich Hollywoodpärchen nerven.
Ein zweites Beispiel, warum mich Hollywoodpärchen nerven, dargestellt an der Serie ,,Drop Dead Diva“.

Veganismus und Tierbefreiung, intersektionell betrachtet
„Sex und Fleisch“, über die Verbindung von Feminismus und Tierbefreiung
Intersektionalität und die Herausforderungen von Zusammenarbeit, am Beispiel der Tierbefreiungsbewegung.
Kann ich als Veganerin mit Fleischesser*innen zusammenarbeiten? Meine Antwort.

Polyamorie und [Poly]Mackertum
Die erste Begegnung mit dem viele(n) Lieben.
Ekelrant über Mackertum in der linken Szene.
Kritik an Poly, ,,von innen“.

Militarismus
Zur Werbekampagne der Bundeswehr und was das mit Hartz IV zu tun hat, hier.

Entschleunigung
Meine eigenen Strategien, um mit hohen Anforderungen, steigender Flexibilisierung, Stress umzugehen.

Blockupy
Ein Bericht.

Einen Ort, für eine Person.

Das hier ist mein persönlicher Blog.
Ich muss mir das immer wieder sagen. Mein Blog. Dieser Raum hier dient nicht primär Feminismus-irgendwas-Sachen, politischen Fachsimpeleien; nicht weil das nicht ne tolle Sache ist, sondern weil er primär erstmal gar nichts sein muss, außer eines: ein Raum für mich.
Raum zum Atmen.

Wenn ich schreibe wenn ich über mich schreibe, passiert oftmals folgendes: Das Gefühl überwältigt mich, das, was ich hier tue, sei nicht legitim. Dabei kämpfe ich um jede Zeile Ausdruck und wenn ich dann mal etwas geschrieben habe wie ,,Fromme Jugend“, überwältigt mich Entfremdung. Weil: es ja noch soetwas gibt wie die nähere gesellschaftliche Umgebung, in der das geschrieben ist. Ich habe ungefähr ein Bild der deutschen feministischen Blogosphäre vor mir und es ist unvollständig, dennoch: mich überkommt, was ich empfinde, fühle, was mir widerfahren ist, sei zu schreiben nicht legitim. Eine Liste der bekannteren deutschen Blogger*innen zu überfliegen, befremdet mich. Und in meiner näheren Umgebung reicht es, politische Veranstaltungen der Ecke links, (pro)feministisch, alternativ nur zu sehen: Ich will umdrehen und sofort gehen.

Ich habe damals begonnen damit, wie sehr mich das Konzept von Identität verwirrt. Ich bin kein Stückchen weiter gekommen oder klüger geworden. Es ist als zerfasere ich in immer mehr Aspekte meinerselbst: nun da ich sie alle benennen kann, fühlt es sich manchmal schwerer an, als wenn ich nur diffus etwas in mir mitbekomme und es in die hinterste Ecke meines Bewusstseins schiebe.

Zunehmend macht mich diese Auseinandersetzung einsam. Ich sehe mich selber und nehme Abstand zu den anderen. Als natürliche Folge dessen, dass ich nicht mehr mich als Quelle oder Ursache der Dinge sehe, die mir angetan wurden. Ich kann benennen, was geschieht, ich lerne Gesprächsinhalte nach ihren ganz eigenen kleinen Fallen zu unterscheiden, menschliche Auseinandersetzungen einzuordnen. Ich bemühe mich nicht mehr um meine Anpassung. Aus reiner Schadensvermeidung an mir selber.

Mit meinem Alleinsein, das kein „böses“ ist, muss ich gerade lernen, klarzukommen. Ich habe, um mich selbst zu bewahren, von so vielen jetzt Abstand genommen: Die Gemeinde als riesigen, Bedeutung generierenden Komplex meiner Jugend, aber auch meine Familie, Freund*innen, die Universität; alles ist jetzt einen Schritt weiter nach außen getreten. Nähe, weil solange mit Selbstverletzung angenommen, ist nun etwas geworden, vor dem ich Achtung habe und es mir nur in bestimmten Dosen verordnen kann. Und das ist gut so.

In den nächsten Tagen beginne ich ein Soziales Jahr im Krankenhaus. Ich will wenigstens für eine Weile raus aus dem Uni-Betrieb, weg von den Kommiliton*innen, deren Pflichtbewusstsein und Langeweile mich abstößt. Am wenigsten komme ich aber damit klar, was soviele von ihnen ausstrahlen: Ich bin hier richtig.

Was für ein Gedanke. -

Eine Feministin, die noch werden muss. So habe ich mich am Anfang vorgestellt. Hin und wieder fühlte ich mich gedrängt, noch hinzuschreiben: Und Türkin. Und Veganerin. Und … Die Leute müssen doch sehen um wen es hier geht. Ich habe vor allem gehofft, es würde meinesgleichen auf meinen Blog bringen, Menschen wie mich. Was ich mir darunter vorstellte, weiß ich selber nicht so. Mehr und mehr wird mir klar, dass ich Ähnlichkeiten immer dann zu sehen glaube, wenn ich Menschen begegne, die an Rändern stehen zwischen verschiedenen Welten. Vermittler*innen, aber auch Heimatlose. Nur in der Vermittlung selber ein Stück Da-Sein finden, weil im ständig aufrechtzuerhaltenden Verortungsprozess Wirklichkeit entsteht, auf eine kurze lebendig machende Art und Weise. Während andere reproduzieren, was sie kennen, müssen wir produzieren, was wir nicht kennen: Einen Ort, an dem wir zuhause sind. Quasi einen Nicht-Ort, Utopie.
Das bedeutet Dekonstruktion für mich.

Zu dem Wort ,,Person“. Erst heute bin ich darauf gekommen, dieses unscheinbarste aller menschlichen Fremd- und Eigenbezeichnungen näher zu betrachten. Ich mag seine Förmlichkeit. Ich mag auch, dass es ein generisches Femininum ist. Und ich mag, was mir da aus Wikipedia an ursprünglichen Bedeutungen oder Bedeutungsvorschlägen entgegenkommt: ,,Maske des Schauspielers“, Rolle, (An)Gesicht, Miene, Blick, äußere Gestalt, Aussehen, aber auch ,,durchtönen“, ,,verkleiden“.
Wie einst noch das Bild der ,,Maske“ mich sehr abstieß, schrieb ich vor Jahren einmal in einem desillusionierten Gedicht über die Frau, die mich geboren hat:

… dein Du unter lauter Masken – Maske war
dein Angesicht war ganz entfernt – – -
mit Eifer hab ich dich verlernt.

Maske sein, hieß damals für mich äußerste Erschütterung der Glaubwürdigkeit, basierend auf der Annahme: 1 Körper – 1 Person – 1 Identität. Ganzheitlichkeit, Einheit, Abgeschlossenheit. Präzises Da-Sein. Verortet sein, gebürtig sein, nicht in Frage gestellt sein, richtig sein. Ich kann die Sehnsucht danach verstehen, und sehe wie die meisten kaum die Kräfte, die wirken müssen, damit Menschen und ganze Gesellschaften sich derart zusammenhalten.

Ich sehe aber den Energieaufwand, den ich verbrauche, um wer zu sein. In einem Prozess mit mir selber zu sein, Prozess als Entwicklung zu erfahren, zugleich mit der Bedeutung, mich selber beständig neu zu legitimieren, zu rechtfertigen. Wie innerhalb eines gerichtlichen Prozesses.

Das Wort ,,Person“, das mag ich jetzt aber.

Aufruf an alle Flüchtlinge – Call for all refugees – فراخوان برای همه پناهجویان

Reblogged von Asylstrikeberlin. Dort auch noch auf Englisch, Persisch, Kurdisch, Russisch, Französisch.

Um Freiheit zu erreichen, darf der Mensch nicht in Reih und Glied stehen, sondern muss die Reihe durchbrechen

Ihr, all die Asylsuchenden, die unter unmenschlichen Bedingungen in Deutschland leben und zuschauen wie euer Leben und das eurer Kinder einen langsamen Tod entgegen gehen, ihr, die wie Gefangene in Lagern gehalten werdet, im Angesicht all der diskriminierenden Bedingungen, die euch zu Bürgern zweiter Klasse machen, ihr, die jeden Moment die Abschiebung fürchtet, ihr, die auf der untersten Stufe einer ungerechten Gesellschaft steht und all ihr Gewicht auf euren Schultern tragt, -während ihr der grausamen und unmenschlichen Residenzpflicht gehorchen müsst: JETZT ist die Zeit gekommen, gegen all das aufzustehen.

JETZT ist die Zeit aufzustehen, weil wir nicht länger passiv Zeugen des Todes eines von uns sein möchten, denn die unmenschliche Behandlung der Asylbewerber in Deutschland kann jeden von uns in den Tod treiben.

Die Asylbewerberproteste begannen am 19. März 2012 in Würzburg und haben Asylbewerber in vielen anderen Städten dazu inspiriert, ebenfalls aufzustehen. Nun, 5 Monate später, ist die Bewegung, gestärkt durch die Hartnäckigkeit und den Widerstand der Flüchtlinge, bereit, einen nächsten, viel größeren Schritt zu tun.

Wir werden keine Gesetze respektieren, die uns nicht als Menschen respektieren.

Die streikenden Flüchtlinge in ganz Deutschland, die einen starken und koordinierten gemeinsamen Protest begonnen haben, haben beschlossen am 8. September eine neue Aktion zu starten: Ab diesem Tag werden Asylsuchende auf 2 verschiedenen Routen nach Berlin marschieren um dort der deutschen Regierung zu zeigen, dass auf jede Anwendung des unmenschlichen Abschiebegesetzes eine Reaktion der Bewegung folgen wird. Die Flüchtlinge werden lauter schreien denn je, sie werden ihren Kampf weiterführen, bis die Lager mit ihren katastrophalen Bedingungen geschlossen werden. Mit der Versammlung in Berlin werden die Flüchtlinge aktiv gegen die diskriminierende Residenzpflicht verstoßen, die sie zwingt, sich in einem bestimmten Bereich aufzuhalten.

Diese gut koordinierte Aktion wird allein von Asylsuchenden selbst organisiert und ist unabhängig von jeglichen politischen Parteien oder Gruppen.

Wie oben erwähnt, wird der Marsch nach Berlin gleichzeitig auf 2 verschiedenen Routen stattfinden: Auf der einen werden Flüchtlinge von Würzburg nach Berlin marschieren. Die andere führt mit Transportmitteln über die Flüchtlingslager Westdeutschlands. Beide Gruppen werden gleichzeitig in Berlin ankommen und dort zusammentreffen. Diese Aktion wird zunächst von Asylbewerbern aus Bayern und Baden-Württemberg ausgehen, wird sich aber nicht auf diese beiden Bundesländer beschränken. Alle Asylbewerber die in Lagern oder Städten auf dem Weg nach Berlin leben, werden besucht und eingeladen, am Protest teilzunehmen.

Wir rufen alle Flüchtlinge auf, die wie wir diese unmenschlichen Lebensbedingungen nicht mehr ertragen und auf verschiedenste Art dagegen gekämpft haben, sich uns anzuschließen. So können wir mit vereinten Kräften die jahrzehntelangen Kämpfe um menschenwürdige Asylrechte zu ihrem langersehnten Ziel zu führen.

In Berlin werden wir solidarisch Hand in Hand nochmals unsere berechtigten Forderungen vortragen:

- Abschaffung aller Flüchtlingslager in Deutschland
- Abschaffung der Abschiebegesetze. Abschiebung ist unmenschlich und dient nur den politischen und ökonomischen Interessen der Mächtigen
- Abschaffung der Residenzpflicht

An alle Asylbewerber, Flüchtlinge und Immigranten in Deutschland:
Wir alle haben unsere Länder aus verschiedensten Gründen verlassen und kamen in dieses Land in der Hoffnung auf ein besseres und sicheres Leben. Die meisten von uns haben Tausende von Kilometern zurückgelegt, haben dabei alle möglichen Qualen, Gefahren und viel Leid ertragen. Wir haben das alles in Kauf genommen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Nun ist es vielleicht an der Zeit, dieselben Schuhe anzuziehen, die wir auch auf unserer Flucht getragen haben. Nun ist es vielleicht an der Zeit noch ein paar mehr Kilometer zu laufen, diesmal aber nicht alleine, sondern alle gemeinsam für eine bessere Welt.

An die Asylbewerber der südlichen Bundesländer: Am 8. September werden wir uns alle in Würzburg treffen und wir freuen uns über jeden Einzelnen, der uns begleitet.

An die Asylbewerber der anderen Bundesländer, die unser Anliegen teilen: Wir werden unser Bestes geben, zu euren Lagern zu kommen um mit euch gemeinsam nach Berlin zu reisen.

Für weitere Informationen:

Süd- und Ostdeutschland
Ashkan.Khorasani@gmail.com
Tel. 0176 – 798 379 11

Nord- und Westdeutschland
cheislive@gmail.com
Tel. 0176 – 693 810 85

Das Organisationskommitee der streikenden Asylbewerber in Deutschland

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Wie ich ab jetzt mit Mackern umgehe und denen, die sie unterstützen

Deine Solidarität ist keine. Sie reicht nur soweit, bis es Kritik
an deinem ,,Kumpel“ gibt und an dem gibt es natürlich nichts zu rütteln.
Steck ihn dir wieder ein. Wenn du deine Männerfreundschaft angerührt
siehst, weil ich X richtigerweise als Macker bezeichnet habe, und du
dich jetzt positionieren musst auf seiner Seite, bestätigt das nur für
mich immer wieder eine Machokultur, in der linke Typen vorgeben,
antisexistisch zu sein, aber echte Kritik nicht sehen wollen und sich
darin auch noch gegenseitig stützen. Ja, dich betrifft X’s Mackertum
nicht, deswegen kanns dir schön egal sein. Ich kann dich als politischen
Menschen nicht mehr ernst nehmen.
Ich will keinen Kontakt mehr zu dir.

Hollywoodpärchengenerve Teil 2: Drop Dead Diva: Wo Sie froh ist, dass Er weiß, wo’s langgeht.

Inhalt: Körperbild, Diät, übergriffige Boyfriends

Achtung, Spoiler. „Drop Dead Diva“ war einige Zeit meine Abendbeschäftigung. Kurz der Inhalt: Model Deb Dobson stirbt bei einem Autounfall; ihre Seele kehrt aber zurück auf die Erde im Körper der am selben Tag angeschossenen Jane Bingum. So. Jane ist eine erfolgreiche, kluge Anwältin, die im Gegensatz zu Deb dick ist. Die neue Jane versucht sich an ihre Rolle zu gewöhnen, bekommt zur Beobachtung einen Schutzengel an die Seite gestellt und schmachtet Debs altem Partner Grayson hinterher. Die einzige Person, die noch von der ganzen Sache weiß, ist ihre beste Freundin Stacy.

Was ich an dieser Serie mag: Eine dicke Frau steht im Mittelpunkt. Auch wenn es zugegeben eine dünne Frau im Körper einer dicken Frau ist (das bekannte Sprichwort, anyone …?). Körperkomplexe werden recht bald am Anfang abgearbeitet; die neue Jane geht durch eine Phase von Selbsthass, versucht eine Diät zu machen. Sie gibt es bald auf und oh Wunder, no regrets. Sie lebt sich in ihrem Körper ein und bewegt sich ähnlich wie zu Deb-Zeiten: Sie versteckt sich nicht, spielt gerne mit ihren Haaren, läuft wie einst auf dem Laufsteg, lacht laut und gerne. Ich mag es, wie anders sie dabei aussieht als die frühere Jane, die sich lieber so unauffällig wie möglich benommen hatte. Auch wird sie beim Essen gezeigt, immer wieder, auch von süßen Stückchen, und das alles ohne einen negativen Touch; jedenfalls nachdem sie den Diätgedanken aufgegeben hat. Hier genießt eine dicke Frau ihr Leben, geht voll in ihrem Beruf auf und ist dabei auch wirklich ein toller Charakter.

Zu ihrem Liebesleben: Am Anfang kann sie nichts anderes als immer wieder dem alten Partner Grayson hinterherstarren, der Mitarbeiter in derselben Kanzlei ist. Der lenkt sich aber recht bald schon nach Debs Tod mit anderen Liebschaften ab und scheint unzugänglich für die dicke Jane zu sein. Diese bekommt immer wieder schöne Augen von anderen Typen gemacht; die erste längere Sache bricht sie dann aber ab, weil sie in ihrem Herzen immer noch an Grayson hängt. So.

Irgendwann kommt dann der Richtige. Richter Owen French. Selber dick, wird sein Körperumfang aber nie Thema. Er ist sehr populär und genießt hohes Ansehen. Mitten in einem Prozess, in dem er und Jane beteiligt sind, sagt er, er will mit ihr essen gehen, was sie ablehnt wegen Unangemessenheit. Tja, und da zeigt sich schon, was ich an ihm nicht mag: Er weiß, was er will und er weiß anscheinend auch, was sein Gegenüber will. Er akzeptiert das erstmal nicht, und Jane muss mehrmals darauf bestehen, bevor sie dann flüchtet. Nachdem der Prozess vorbei ist, lädt er sie nochmal ein, sie lehnt nochmal ab; an der Tür bleibt sie stehen und überlegt es sich nochmal, als sie sich umdreht, steht er schon ausgehbereit da, er hat bereits gewusst, dass sie sich anders entscheidet. So geht es die meiste Zeit. Er bestimmt, er lenkt … und sie lenkt ein. Wenn sie etwas nicht will, redet er einfach länger auf sie ein mit autoritärer Papa-Haltung; als sie etwas länger mal auf ihn einredet, ,,unterbricht“ er sie einfach dadurch, indem er sie auf den Mund küsst. Ich hasse diese übergriffigen, als romantisch verkauften Kussunterbrechungen. Er nimmt ihren Willen nicht ernst, und sie wird so dargestellt, als ob sie das letztlich doch angenehm fände.

Dagegen steht Grayson, der zuletzt auch noch Gefühle für sie bekommt. Er hält immer respektvoll Abstand, auch als er sich in sie verliebt. Die erste „richtige“ Berührung, soweit ich mich erinnere, geht von Jane aus: Bei einer Heulattacke lehnt sie sich an ihn und er legt den Arm auf ihre Schulter. Das erinnerte mich daran, was Stephanie bereits über den „Bad Guy“ bei Vampire Diaries geschrieben hat. Zwar ist Grayson nicht wirklich als Bad Guy in Szene gesetzt; wie bei den meisten dieser Dreierkisten, in denen sich die Frau zwischen ,,Herz oder Verstand“ entscheiden muss, steht er für das, was ihr Herz will. Und das ist meistens nie der Nice Guy.

Religiöse Herr-schaft. Dekonstruktion am Beispiel einer Freundschaft.

Inhalt: Religiöser Missbrauch, Ableismus gegenüber Traumatisierten, Gewalt, Kyriarchie, Heterosexismus

,,Das Wort sein bedeutet im Deutschen beides: Dasein und ihm-gehören.“
Franz Kafka

Tagebucheintrag aus dem Jahre 20__

Gestern, als Hendrik* gemeint hat, dass zum Glück nirgendwo in der Bibel steht, dass wir durch Gefühle errettet werden, ist Maria aufgestanden vom Tisch und zu einem anderen gegangen. Echt, ihr Verhalten ist ziemlich krass zurzeit. Ich habe es nie erlebt, dass jemand UNBERÜHRT von der You‘co heimgekehrt ist. Sie hat sich auch gleich am Samstag, als wir von der You‘co zurückgekehrt sind, abends mit Stefan getroffen.
Wieder scheint es, als würde ich bald eine Schwester verlieren. Ich bin überzeugt, dass sie nur in [Wohnort X] bleiben will wegen ihrer weltlichen Freunde. In [Wohnort Y], einer kleinen Gemeinde, wäre sie aufgefordert, am Gemeindeleben teilzuhaben; in [Wohnort X] aber verschwindet sie in der Masse. Sie will auch mit mir zusammen ziehen, aber das liegt wiederum daran, dass wir nie viel Gemeinschaft miteinander haben und dass ich wohl eher ihre weltlichen Freunde akzeptieren würde als andere Schwestern. In [Wohnort X] wird sie in ihrem Selbst bleiben. Ich brauch die anderen Geschwister in dieser Sache. Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohrfeige zu verpassen. Ich habe bei Hanna, Ruth und Rahel den Fehler gemacht, ihnen nicht zu zeigen, dass sie völlig im Selbst handeln. Aber – wenn der Herr seine Bestätigung dazu gibt – bei Maria werde ich mich nicht der Verantwortung entziehen. Sie ist völlig im Selbst. Sie verschläft den halben Tag und behauptet, sie hätte Schlafmangel. Sie geht nicht zur Versammlung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am selben Abend mit einem Kumpel zu treffen.
Außerdem gibt es noch einen anderen Punkt, den ich nicht richtig einordnen kann. Sie hängt sich vielzusehr an mich, und zwar auf eine Weise, die die Alarmglocken in meinem Kopf schrillen lässt. In der You‘co meinte sie plötzlich, was für eine besondere Augenfarbe ich hätte. Solche Dinge helfen nicht gerade, ihre Nähe auszuhalten.
Und in Sachen Josef ist sie völlig nihilistisch, ich meine sie war mit dem Kerl drei Jahre lang zusammen, und jetzt redet sie nicht mehr mit ihm, kümmert sich nicht um ihn. Mit ihm habe ich schon geredet und seine Sicht kann ich gut verstehen; ihn irritieren ihre Selbstmordgedanken. Da ist er nicht alleine.

*Namen und Wohnorte geändert/unkenntlich gemacht

Das ist ein Tagebucheintrag, den ich kurz nach der Jugendkonferenz meiner Gemeinde vor einigen Jahren geschrieben habe. Ich hatte gerade das Abitur hinter mir mit einer zufriedenstellenden Note; ich wartete auf die Briefe der Universitäten, bei denen ich mich beworben hatte. Ich war auf dem Höhepunkt meiner christlichen Glaubenskarriere. Selber beschrieb ich das mit ,,endlich gelernt zu haben, was es heißt, sein Selbst aufzugeben.“

Was dieser Text bedeutet und was ich heute für mich und vielleicht für andere daraus ziehen kann, möchte ich jetzt analysieren. Ich werde so vorgehen, dass ich ihn Satz für Satz auseinandernehme und kommentiere, mit meinem heutigen politischen Wissen beurteile und vergleiche. Diesen Ansatz können andere ,,Analyse“ nennen; ich mag das Wort ,,Dekonstruktion“ lieber, also zugleich Zerstörung und Aufbau; und habe das als Ansatz von Ana Mardoll: deren Literaturkritiken ich nur jeder empfehlen kann.

Ich nehme einen Tagebucheintrag von mir, weil ich es für wichtig halte, Sexismus, Rassismus, Heterosexismus, Kyriozentrismus, Ableismus etc. nicht immer nur an anderen Menschen zu kritisieren und sich an ihnen abzuarbeiten. Der Kampf gegen alle möglichen Ismen muss in jedem Menschen neu vollzogen werden; die eigenen Abgründe zu entdecken, den eigenen Anteil an der Reproduktion der Gesamtscheiße; um die Dimension zu begreifen, in der wir alle davon durchdrungen sind. Audre Lorde schrieb einmal über die Ausgrenzungen innerhalb feministischer Gruppen gegenüber schwarzen, armen, lesbischen, alten Frauen den wunderbaren Text ,,The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House“ (als Sinnbild etwa: Die Werkzeuge des Patriarchats werden das Patriarchat nicht zerstören). In diesem Sinne möchte ich sagen: Damit Kritik dann letztendlich tatsächlich wirksam wird, weil wir, die wir den Umgang mit diesen Werkzeugen verinnerlicht haben, fähig werden, ihre Anwendung zu erkennen: bei uns selber wie auch bei anderen. Um neue Wege zu finden und einen Widerstand zu kreieren, der zum Abriss des Patriarchats dann letztendlich auch beiträgt und ein gutes Leben für alle ermöglicht.

Ich beginne einfach mal Stück für Stück.

Gestern, als Hendrik gemeint hat, dass zum Glück nirgendwo in der Bibel steht, dass wir durch Gefühle errettet werden, ist Maria aufgestanden vom Tisch und zu einem anderen gegangen. Echt, ihr Verhalten ist ziemlich krass zurzeit. Ich habe es nie erlebt, dass jemand UNBERÜHRT von der You‘co heimgekehrt ist.

Maria ist eine meiner besten und zumindest auch meine langjährigste Freundin. Sie ist in der Gemeinde aufgewachsen; während ich durch sie dazukam, als ich 14 Jahre alt war. Sie war anerkannt in der Gemeinde; später hatte sie aber ein traumatisches Erlebnis während ihrem FSJ, was zu einem Einbruch ihrer bisher linearen Beziehung zur Gemeinde und zu Gott führte. Durch sie in die Gemeinde gekommen, wurde ich immer mit ihr assoziiert; ihr ,,Schatten“, wie mich andere z.t. nannten. Lange Zeit wurde ich nur mit ihr und nie alleine eingeladen. Während sie dann den Bruch erlebte, genoss ich langsam schon etwas Ansehen; eine andere Freundin aus der Gemeinde hatte erfolgreich dazu beigetragen, mich besser zu integrieren und ich heimste langsam die Früchte einer jahrelangen entbehrungsreichen Arbeit ein.

Hendrik war ein junger Mann, der zu denen gehörte, die die Jugend leiteten. Gerade bei gemeinsamen Essen mit vielen Jugendlichen kommt es vor, dass diese geistlichen ,,Hirten“ sich irgendwo dazusetzen oder sich eine Gruppe um sie schart und dann haben sie Gemeinschaft und teilen ihre Erfahrung mit den Jüngeren oder weniger Geistlichen. Geistlich steht in meiner Gemeinde als ein Synonym für ,,alles, was von Gott ist“. Alles andere ist Mist (wortwörtlich nach Paulus). Schon in der Art, wie dich diese Männer – es waren immer Männer –, ansprechen, kannst du erkennen, auf welcher geistlichen Stufe du dich wohl befindest. Erstrebenswert ist es, während so einer Gemeinschaft selber viel auszuteilen und beizutragen. Wer Verantwortung übernimmt, wird nicht als unmündig betrachtet. Diese Leiter, die sehr viel Zeit dafür aufbrachten, sich um die anderen zu kümmern, waren auch diejenigen, die die Anerkennung gaben. Welche also schaffte, nicht nur etwas zu sagen, sondern die Leiter zu beeindrucken, diese bekam zusätzliche Anerkennung.

,,Dass nicht Gefühle uns erretten“: Innerhalb der christlichen Logik ist das durchaus eine befreiende Aussage, davon auszugehen, dass Menschen nicht gerettet sind, weil sie sich ,,gerettet fühlen“, wenn sie mal einen guten Tag haben, sondern durch eine einmalige Entscheidung, dem Bekenntnis zu Gott und Jesus, für immer gerettet sind. In manchen christlichen Strömungen hält die Ungewissheit über den Status des eigenen Heils Menschen bei der Stange und in den Kirchengemeinden. Meine Gemeinde hat da einen cleveren Trick eingesetzt, um Vorteile von Gewissheit und Furcht zugleich einzuheimsen: Es gibt einfach zwei Arten von Errettung! Die eine wird erlangt durch das Bekenntnis und gilt als geistlicher ,,Startschuss“, die andere wird durch Anstrengung erlangt und symbolisch als ,,Wettlauf“ gesehen. Mit der einen entgehst du dem ewigen Tod, mit der zweiten bekommst du eine Zusatzbelohnung von etwa tausend Jahren Herrschaft auf Erden.

Zu dem ganzen Komplex gehört natürlich dazu, wie negativ in meiner Gemeinde das Wort ,,Gefühl“ ist. Gefühl ist Irrationalität und alte Menschlichkeit, Wahn und Verzerrung der ,,nüchternen“ und ,,objektiven“ Weltwahrnehmung. Negative und positive Gefühle werden in meiner Gemeinde kritisiert, weil ihre Quelle die Seele des Menschen ist und nicht der Geist, also der Teil in uns, wo Gott wohnt. Je nachdem wird auch manchmal kritisiert, dass zum Beispiel die Jugend ,,zu nüchtern“ sei und nicht ,,auf die Stühle springe“ wie die Älteren anno dazumal. Diese verschiedenen Signale zu senden, um einerseits Gefühle abzuwerten, andererseits zu disziplinieren, wo jemand sich nicht von der Botschaft eingenommen und bewegt genug zeigt, trägt zum wirren Verhältnis vieler zu ihrem Innenleben bei.

Auf Gefühle ist nicht Verlass, weil auf Menschen nicht Verlass ist. Du kannst

1. dich nicht auf dich selbst verlassen, deinem Gefühl und deiner Intuition nicht trauen, was das Selbstbewusstsein dauerhaft einschränkt

2. nicht anderen Menschen trauen und ihren Gefühlen dir gegenüber, was auf Dauer zu Entsolidarisierung führt. Freundschaft und Liebe von Menschen kann nur Abklatsch dessen bleiben, was Gott dir bietet. Ermutigt wird deshalb, nur innerhalb der Gemeinde Liebesbeziehungen zu führen. Freundschaft, diese verräterische Bindung zweier Menschen die auf nichts als Zuneigung beruhen kann, wird meistens abgelehnt, untereinander nennen sich Menschen lieber ,,Geschwister“ um darzustellen, dass Gott der Vater sie alle verbindet und nicht etwa ihre vergängliche Zuneigung oder Gemeinsamkeiten außerhalb Gottes und der Gemeinde.

Was Maria da also getan hat: aufzustehen, innerhalb dieses Rahmens, und wegzugehen, ist groß. Sie verwehrte sich der Abwertung der eigenen Gefühle. Sie verwehrte sich teilzunehmen an einem sozialen Spiel, durch das sie in der Achtung anderer steigen würde. Beide waren wir beobachtet durch den Jugendleiter. Ihr Weggehen definierte sie klar zu der weniger geistlichen Person. Was mich zu der besseren machte. Und ich habe das genossen. Nicht offen, nichtmal bewusst. Ihr Verhalten wirkte auf mich wie ein Regelverstoß. Innerliches Naserümpfen. Ich konnte mich endlich von ihrer Person abgrenzen und dadurch endlich auch Bewerterin sein und nichtmehr nur Bewertete.

Ich habe es nie erlebt, dass jemand UNBERÜHRT von der You‘co heimgekehrt ist.

Unberührt von der You‘co, der Konferenz für die 15-30Jährigen, heimzukehren, ist ein Makel sondergleichen. Um ihren besonderen Charakter darzustellen, gab es irgendwann eine Namensänderung: Damit niemand drauf kommt, dass das so ne Art lockere Jugendfreizeit sei, wurde sie ,,Zurüstung“ genannt. Benutzt wurde der Name dauerhaft nur von den Leitenden; aber es symbolisiert schön, was die You‘co sein soll: Aufrüstung für die Soldaten Gottes. Sie ist ein Kollektivereignis für junge Menschen, die ihre geistlichen Muskeln spielen lassen, sich in Ekstase beten und singen. Eine wichtige andere Funktion hat sie als Raum für Balz, der mit der Selbstpräsentation verbunden ist: Hier entstehen zukünftige Ehepaare. Alles in allem das soziale Ereignis für junge Menschen in meiner Gemeinde.

„Berührt werden“ ist dabei ein gängiges Schlagwort in meiner Gemeinde, das nichts anderes bedeuten soll als eine direkte Berührung von Gott, etwa durch einen Vers, ein Gebet, einen Psalm, die heilend, errettend sein soll und ihren Ursprung vermutlich in der Geschichte der blutflüssigen Frau birgt, die Jesus mit einer einzigen Berührung seines Gewandes von der jahrelangen Krankheit befreit. In einer You‘co mit zwei Hauptversammlungen, einer persönlichen Gemeinschaft, einer Kleingruppe sowie Gebet am Abend und das alles PRO TAG sowie all den informellen Gemeinschaften beim Essen und Draußensitzen bleibt niemand unberührt, schon allein wegen der Erschöpfung und des sozialen Drucks.

Sie hat sich auch gleich am Samstag, als wir von der You‘co zurückgekehrt sind, abends mit Stefan getroffen.

Töröö. Der Beweis der geistlichen Unzulänglichkeit meiner Freundin wird mit einem weiteren Argument befestigt: NIEMAND trifft sich direkt nach der You‘co mit ,,weltlichen“ Freunden. Niemand. Das ist Verunreinigung. Auf Dauer kann das Konstrukt der Gemeinde, ihre Wertvorstellungen und ihr Regelwerk nur aufrechterhalten werden, wenn es nicht andauernder Kritik ausgesetzt wird. Und dazu gehört schon, Alternativen zu kennen, über andere Themen zu reden, mit Wertvorstellungen anderer Menschen in Berührung zu kommen, eben Freund*innen aus der Welt zu haben. Freundschaft mit dieser Welt ist Feindschaft gegen Gott. Jakobus 4:4. Gerade auch nach der You‘co befinden sich die meisten in einer Art hochgeistlichem Stadium, in der oftmals lauthals bedauert wird, jetzt wieder zurück in die Welt zu müssen sowie zu proklamieren, die eigenen Freunde nur deshalb sehen zu wollen, um ihnen das Evangelium zu predigen. Die „Welt“ steht hier übrigens als Synonym für alles, was nicht Gott und nicht Gemeinde und was damit gleichzeitig von Grund auf schlecht ist.

Wichtig ist auch, dass Maria einen Freund treffen will, männlich. Man stelle sich den Film ,,Harry und Sally“ religiös umgesetzt vor. Frauen und Männer können nicht befreundet sein. Weshalb jedes Alleinsein zweier Menschen verschiedenen Geschlechts unterbunden werden muss. Nein, nicht durch Strafen. Durch innere Disziplin. Jede und jeder darf seine Grenzen natürlich selber setzen. Aber wir sehen es gerne, wenn ein Junge und ein Mädchen sich zum Beispiel nicht alleine zusammen in einem Raum befinden. Oder auf einer Autofahrt. Sich vorsätzlich zu treffen, ohne dass andere Menschen dabei sind, kommt quasi vorehelichem Geschlechtsverkehr gleich. Es ist kein Witz, dass Maria mal mit einem Freund unterwegs war und in der Stadt einer älteren Dame aus meiner Gemeinde begegnet ist, die später Marias Vater angerufen hat, um herauszufinden, ob Maria die Nacht noch nach Hause gekommen ist.

Wieder scheint es, als würde ich bald eine Schwester verlieren. Ich bin überzeugt, dass sie nur in [Wohnort X] bleiben will wegen ihrer weltlichen Freunde. In [Wohnort Y], einer kleinen Gemeinde, wäre sie aufgefordert, am Gemeindeleben teilzuhaben; in [Wohnort X] aber verschwindet sie in der Masse. Sie will auch mit mir zusammen ziehen, aber das liegt wiederum daran, dass wir nie viel Gemeinschaft miteinander haben und dass ich wohl eher ihre weltlichen Freunde akzeptieren würde als andere Schwestern. In [Wohnort X] wird sie in ihrem Selbst bleiben.

Dieser Absatz ist so hochmütig, dass ich kotzen könnte. Nicht ein einziges verdammtes ,,Vielleicht“ oder ,,könnte sein“ habe ich hier reingesetzt. So überzeugt von der eigenen Vollkommenheit, so überzeugt von Marias ,,Fall“. Sie ist übrigens im Gegensatz zu mir immer noch in der Gemeinde, nur um euch mal einen Realitätscheck zu geben.

Alles, was Maria tut, spricht natürlich gegen sie. Dass sie in [Wohnort X] bleiben will, einer sehr großen Gemeinde mit vielen verschiedenen Menschen und Gelegenheiten, sich untereinander zu treffen, kann in meiner wirren ,,Maria ist gefallen“-Logik nichts Positives bedeuten.Sie will natürlich nur wegen ihrer Freunde im Ort bleiben, weil sie weiterhin ihre ungesunden Beziehungen führen und in der Gemeinde nichts beitragen will. Solange sie da ist, sichtbar und anwesend, muss sie nicht mit viel tun, um dazuzugehören. Sie genießt also Vorteile beider Welten. Ich, als Heimsozialisierte, konnte mir das nicht leisten: Im Gegensatz zu ihr hatte ich keine Rückbindung an einen Vater, der auch in der Gemeinde ist und durch den sie weiterhin immer Teil der Gemeinde bleiben wird, was sie auch tut. Ich musste mich zeigen und agieren, um anwesend zu sein. Ich war neidisch auf ihre Freiheit und mein Text zeigt gut, wie ich mich hier an eine Norm anpasse, die mir selber Gewalt antut – um belohnt zu werden, indem ich teil daran habe, anderen diese Gewalt anzutun.

Auch, dass sie mit mir zusammenziehen möchte, kann und bin ich nicht bereit so auszulegen, dass Maria mich mag, dass ich eine ihrer engsten Vertrauenspersonen bin. Es ist Geheimnis dieser geistlichen Entsolidarisierung, dass Menschen ihre gemeinsame Geschichte nicht als vertrauenswürdig einstufen; alles wird durch den Filter der Geistlichkeit gesehen und was nicht einem gewissen geistlichen Kapital zugute kommt, ist schlecht: für die einzelnen Menschen, für die Beziehung und natürlich auch für die Beziehung jeder einzelnen zu Gott. D.h. Maria wäre bereit mich auch mit ins Verderben zu reißen durch den Einfluss ihrer persönlichen Beziehung zu mir, einfach nur weil sie Freunde da draußen hat. So der Gedankengang.

In [Wohnort X] wird sie in ihrem Selbst bleiben. Ich brauch die anderen Geschwister in dieser Sache. Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohrfeige zu verpassen. Ich habe bei Hanna, Ruth und Rahel den Fehler gemacht, ihnen nicht zu zeigen, dass sie völlig im Selbst handeln. Aber – wenn der Herr seine Bestätigung dazu gibt – bei Maria werde ich mich nicht der Verantwortung entziehen. Sie ist völlig im Selbst. Sie verschläft den halben Tag und behauptet, sie hätte Schlafmangel. Sie geht nicht zur Versammlung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am selben Abend mit einem Kumpel zu treffen.

Dreimal ,,im Selbst“. Dreimal ein Vorwurf, der in meiner Gemeinde als Herrschaftsinstrument eingesetzt wird, um Menschen jegliche Autorität und Aussagekraft über ihren persönlichen Glauben und über ein verantwortungsvoll geführtes Leben abzusprechen. Dazu habe ich in meinem Bericht ,,Fromme Jugend“ bereits schon was geschrieben und will das jetzt nicht ausführen. Aber es hat eine ähnliche Wirkung wie diese Aussage1 von Spock. Zugegeben, das verlinke ich, weil Spocks Anblick nach soviel belastendem Geschreibe ganz nett wirkt …

Ich brauch die anderen Geschwister in dieser Sache.

Das ganze ist also ausgewachsen zu einer ,,Sache“, zu einem Problem, das unbedingt behandelt werden muss. Und die Geschwister und ich verschmelzen dabei zu einem ,,Wir“, während meine Freundin die andere ist, nicht zum Wir gehört; das ,,Wir“ hier ist mündig und übernimmt Verantwortung; Maria ist unzurechnungsfähig, eine geistlich Kranke, die versorgt werden muss. Gleichzeitig zeige ich: Ich verlasse mich nicht auf meine Kraft, ich brauch die anderen; wieder ein Beweis meiner demütigen Unterordnung unter das Kollektiv und ihr Gemeinwohl.

Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohrfeige zu verpassen.

Das ist der schlimmste Satz. Die Drohung, meiner Freundin Gewalt anzutun, weil sie nicht ,,Schritt hält“, weil sie sich nicht anpasst. Damit zu kokettieren, weil ich sie in einem Wahn meine, durch den nur eine ,,gesunde Ohrfeige“ sie wieder rausbringt. Weil ich weiß, zu was Menschen fähig sind, lehne ich deshalb auch Nazivergleiche ab. Jedes Verbrechen an einem Menschen steht für sich und braucht keine Vergleiche (zur vermeintlichen Bewertung); v.a. nicht wenn getan wird, als ob es das eine spezielle Niveau gäbe, auf das natürlich Niemand Von Uns hinabsinken würde. Alltäglich haben wir doch Anteil an Unterdrückung, die Gruppen auf einzelne ausüben, Mehrheiten gegenüber Minderheiten, Marginalisierten, Entmündigten.

Aber – wenn der Herr seine Bestätigung dazu gibt -

Klar – ich war natürlich, im Gegensatz zu meiner Freundin, absolut gehorsam. Hatte mich der kyriarchalen Logik unterworfen, denn es gab nur die Wahl zwischen zwei Arten von Sein: Gottes Herrschaft oder Herrschaft des schlechten Lebens/der Sünde/der Feinde Gottes. Und damit keine wirkliche Wahl. Und selbst wenn mein ,,gesunder Menschenverstand“ mir sagte, Maria treibt es zu weit; ich würde selbst dieser Eingebung nicht trauen und soweit warten, bis Gott selber mir das Okay dafür gibt, sie zurechtzuweisen. Uärr, hallo, autoritäre Persönlichkeit. Das Wort ,,Herr“(kyrios) steht hier bezeichnend für die kyriozentrische Hingabe meinerselbst und wird in meiner Gemeinde sehr viel öfter als ,,Gott“ benutzt.

Sie verschläft den halben Tag und behauptet, sie hätte Schlafmangel. Sie geht nicht zur Versammlung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am selben Abend mit einem Kumpel zu treffen.

Was ich meiner Freundin hier auch nicht verzeihen konnte, war, dass sie offensichtlich etwas Schlimmes erlebt hatte – und dann damit darauf reagierte, sich auszuruhen und sich den Stress nicht mehr zu geben. Für mein Verständnis ein unheimlicher Luxus. Ich schwanke da zwischen ,,Hätte ich mir nie erlauben können“, ,,Wäre nie drauf gekommen, dass meine negativen Erfahrungen Grund genug sind, mich ausruhen zu dürfen“ und ,,Sie darf nicht, was ich auch nicht durfte“.

Außerdem gibt es noch einen anderen Punkt, den ich nicht richtig einordnen kann. Sie hängt sich vielzusehr an mich, und zwar auf eine Weise, die die Alarmglocken in meinem Kopf schrillen lässt. In der You‘co meinte sie plötzlich, was für eine besondere Augenfarbe ich hätte. Solche Dinge helfen nicht gerade, ihre Nähe auszuhalten.

Ein KLASSIKER. So stark nach Lehrbuch, dass ich zweimal lesen musste, weil es mich so verblüffte – und wieder so wenig verblüffte. Als ich diesen Text schrieb in mein Tagebuch, wusste ich bereits seit mehreren Jahren, dass ich lesbisch war. Und ich hatte mich auch in diesem Punkt entschieden, Gottes Willen leben zu wollen- was für mich damals bedeutete, es nicht zuzulassen. Unterdrückte Homosexualität, die ich als Homophobie gegen andere richtete; mein eigenes Begehren auf andere projizierte, um es in ihnen zu fürchten und zu hassen. Überrascht war ich, weil mir dieses Phänomen bereits damals bekannt gewesen war; hatte ich damals nicht gesehen, was ich da schrieb? War es mir einfach egal?

Und in Sachen Josef ist sie völlig nihilistisch, ich meine sie war mit dem Kerl drei Jahre lang zusammen, und jetzt redet sie nicht mehr mit ihm, kümmert sich nicht um ihn. Mit ihm habe ich schon geredet und seine Sicht kann ich gut verstehen; ihn irritieren ihre Selbstmordgedanken. Da ist er nicht alleine.

Öhm, was ich mit nihilistisch hier meine, hat wohl nichts mit ,,dem“ Nihilismus zu tun. Vermutlich beziehe ich mich auf eine Art ,,abseits jeder bisherigen Vorstellung von dem, was sich ziemt“. Und das war es, wenn eine Frau sich nicht um ihren Freund kümmert, jede Beziehungarbeit plötzlich fallen lässt, „nur“ weil es ihr selber schlecht geht …

Marias Depression, ihr Trauma wurden nicht ernst genommen. Vermutlich am allerwenigsten von mir, die ich es mit meinen eigenen traumatischen Erfahrungen ,,verglich“ und sie denen unterordnete. Und wie konnte sie einfordern, ernstgenommen zu werden mit ihrem Leiden, wenn ich doch bestimmt Schlimmeres erlitten hatte und dies auch niemand wahrgenommen hatte? Oppression Olympics, und das in einer Freundschaft.

  1. Transkribiert und ins Deutsche übersetzt: Spock junior: ,,Und wenn ich nicht gleicher Meinung bin, muss ich nur: Unlogisch! sagen, um die Diskussion zu gewinnen?“ Spock senior: ,,Es funktioniert jedes Mal.“ [zurück]

Sexuelle Gewalt: Auswertung der Studie #ichhabenichtangezeigt und über Täter*innen im Bekanntenkreis

#Ichhabenichtangezeigt hat jetzt die Umfragen ausgewertet, warum Menschen sexuelle Gewalt sooft nicht zur Anzeige bringen. Bitte lesen, sehr wichtig.

Esme schreibt über Täter*innen im Bekannten- und Freundeskreis und was mensch tun kann, wenn sie*er davon mitkriegt.

Kleines unsichtbares Editieren

Kurz notiert: In meinem letzten Veganismus-Post habe ich hinzugefügt, woher ich eigentlich all diese Gedanken herhabe, mit denen ich so frei herumzujonglieren scheine.

Gefühlsdiskussion auf takeover.beta

Hinweise! Diese Woche soll voll davon sein :-) Da ich sonst befürchte, dass großartige Diskussionen einfach so im Sandstrudel der Zeit bla bla passende Analogie etc., hier ein Hinweis zur Gefühlsdiskussion, die wir derzeit auf takeover.beta führen; d.h. wie wir mit Gefühlen umgehen und ihrer (Nicht-)Performance, was das mit neurotypischen Privilegien zutun hat, und noch viel weiteres erarbeiten wir uns ,,laufend“ in der öffentlichen Diskussion darüber.

Hier mein Beitrag dazu, den ich nun endlich im Kommentarthread verfassen konnte, nach langem Bruddeln darüber, was mich an Gefühlen und ihrer ,,Verwendung“ innerhalb menschlichen Umgangs manchmal stört … und ich wollt mich immer schonmal selbst zitieren :-)

Okay, jetzt versuche ich mal, dem Wirrwarr in meinem Kopf Ausdruck zu verleihen.

Performte Gefühle haben in meiner Kindheit sehr oft dazu gedient, mich zu manipulieren. Ich wurde (als Mädchen?) so erzogen, dass ich Gefühlsausdrücke 1.sofort nachvollziehen kann und 2. daraus antizipiere, was mein Gegenüber von mir will + es dann auch tue(n soll). Emotionale Dienstbarkeit quasi.

Eine Freundin von mir empfand zum Beispiel die Behandlung durch ihre Mutter als eine Art ,,passive Pädagogik”: ,,Ich bin jetzt echt traurig, dass du das gemacht hast.”, ,,Ich bin enttäuscht” etc. Es ging der Mutter eben nicht allein um einen Gefühlsausdruck, sondern um eine ganze Palette an nichtausgesprochenen Forderungen, was ihre Tochter anders machen soll.

Ich erinnere mich gut an ein Bäumchen, das in seiner Kindheit maßgebliche Entscheidungen treffen musste und u.a. seine Freunde verlassen, weil seine Mutter beim Jugendamt dabeisaß und ,,traurig” gewesen wäre, wenn es sich gegen die Mutter und für sein eigenes Leben entschieden hätte. Und ein zweites Mal, wo es sich für das eigene Leben entschied und daraufhin hörte: ,,Liebst du uns denn nicht?” Ich hab es durchgezogen, konnte mich aber nicht den Schuldexplosionen in meinem Inneren erwehren. Ich war so sehr getrimmt darauf, empathisch mitzufühlen, dass ich meinte am eigenen Leib zu fühlen was ich anderen ,,antue”.

Ihr kommt soweit mit und es ist ja klar: Schlimm sind nicht die Gefühle an sich oder dass sie performt wurden, sondern was noch mitschwingt, eben dieses: Dem, dem Ausdruck verliehen wurde, nachkommen zu müssen, darauf unbedingt(!) eingehen zu müssen, sogar Schuld zu tragen. Dass ich dies nicht lernte zu trennen bzw. dass mir das niemand beibrachte, war einfach ein Dilemma.

Für mich ist es deshalb immer noch eine Erleichterung, wenn Diskussionen betont sachlich geführt werden. Weil ich mit Gefühl Macht verbinde, mit Gefühlsausdrücken Macht über andere. Das ändert sich gerade langsam, Stück für Stück. Dennoch gibt es immer wieder Momente, wo ich mich dieser Dienstbarkeit nicht entziehen kann. Wo ich mich darüber ärgere, wenn Menschen Gefühle äußern z.B. innerhalb eines Entscheidungsprozesses, weil ich glaube, sie wollen dadurch ihren Einfluss verstärken, indem sie mit dieser unsichtbaren “Machtkarte Gefühl” spielen bzw. dem, was Menschen damit annehmen, tun zu müssen.
Andererseits finde ich es unglaublich befriedigend, wenn es dann eine Auseinandersetzung gab, in der alle Beteiligten ihre Gefühle frei äußern konnten. So richtig schätzen gelernt habe ich es durch das Konzept der gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenberg im Laufe einer Mediation, die ne Gruppe von mir machte.

Dazu kommt noch was anderes. Gefühle auszudrücken empfinde ich, und das auch unter NT’s, als Privileg derer die das gelernt haben, die darüber so frei verfügen können weil sie eher selten Repressionen dafür bekommen haben. Ich gehe nicht davon aus, dass wir alle hier eine Sorgenfreie Jugend(tm)hatten oder dass es jedem von uns leichtfällt, Gefühle zu zeigen. Ich gehe aber davon aus, dass es einige Menschenkinder gibt, mit denen es das Leben gutgemeint hat, und die frei heraus zeigen können wie es ihnen geht, und hier setzt das Power Law ein: Wer hat, dem wird gegeben und wer nicht hat, hat die Arschkarte (fast richtig zitiert aus der Bibel). Ich musste Gefühl zeigen und Körpersprache erst wieder neu lernen und bin bis heute keine Virtuosin darin und mache es ungern und komme mir sehr ungelenk dabei vor. Zusätzliches an ,,Lächel doch mal” und ,,Mach doch nicht so ein trauriges Gesicht” und all dem, was den meisten Frauen* ja gerade auch von der Umgebung vertraut ist, hat das nicht leichter gemacht.

Ja. Das wars erstmal von mir, gedankenwirrwarrmäßig.

Demografie und Misanthropie

Bin dafür, dass über Demografie nur so geschrieben werden soll: „Verteidigung der Misanthropie“, von Hilal Sezgin. Schon etwas älter, aber toll!

Allgemeine Ansagen und Verlautbarungen: Links zu Coolen Themen(tm)

Was ich hier mal klarstellen will: Ich bin zu oft bei Twitter! Und bevor ich bei Twitter war, hab ich mich immer gefragt, warum ich denn nie was von der feministischen Mafiasphäre mitkriege und dachte, die deutsche feministische Bloggeria sei dem Tode geweiht, weil sie nur so zögerlich vor sich hinbloggt. Falsch gedacht! Die tummeln sich auf Twitter und Facebook, shitstormen fleißig vor sich hin und Sexisten vor sich her und regen sich im Allgemeinen viel auf, vor allem über Sachen, die sie verlinken. Es lohnt sich, dem beizutreten. Wer das nicht will, für den* und die* werde ich hier auf meinem Blog eine kleine Serviceleistung anbieten: Ich versuche, alles was mir gefällt und bei dem ich auf Twitter mitfiebere, hier zu verlinken. Begutachtbar ist das dann in meiner großartigen Sidebar rechts, die es nun schon sehr vel länger gibt, aber auf die ich nun auchmal hinweisen will.
Pause. Hinweis. Pause.
So. Ich hoffe, euch geht es gut. Ich mag euch und mag eure Kommentare. Wenn ich mal nicht antworten kann, liegt das daran, dass ich Nerven bündle.
Liebes Grußle, Bäumchen

In der Kürze liegt des Pudels Kern vergraben: Hollywoodpärchengenerve Teil 1 von bestimmt vielen

Das Lächerlichste, was die Hollywoodsche Traumfabrik und ihre alptraumartigen Kollegen derzeit kreiieren, ist die obligatorische Kussszene zweier Protagonist*nnen, die sich von der senkrechten Position immer zwingend(!) in die waagrechte begeben. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Bild gesehen habe; ich wünsche mir, dass jemand mal all diese Szenen sammelt und zusammenschneidet. Und da es meistens immer Heteropärchen sind, liegt dabei auch noch die Frau häufig unten bzw. ihr werden als erste die ,,Knie schwach“ und sie kann sich nur nach hinten fallen lassen und zum Glück steht da immer eine Matratze oder ein Bett oder wenigstens ein Maisfeld zur Verfügung. Und: Ausblendung. Impliziert wird grandioser gefühlvoller Sex. Den zeigen wir aber nicht, weil Vorabendsendung/Sex doof ist/Dein Kind bestimmt heimlich mitguckt/unsere Sexszenen immer schlecht werden. In diesem sich auf das Bett/die Matratze/den Heuhaufen fallen lassen liegt die Kurzgeschichte, wie wahnsinnig leidenschaftlich dies alles wohl sein muss, weil niemand guckt, ob nicht doch ein Buch/ein Igel/das Kind, das heimlich mitguckt, unter der Decke/auf der Matratze/im Heu liegt. Diese Art, wie sich die Partner*innen umschlungen halten und dann kippen, sehe ich so ähnlich nur bei Paar-Bungeejumpings über die Klippe.

Fromme Jugend.

Hiermit spreche ich eine Inhaltswarnung aus. In diesem Post habe ich versucht, meine Gedanken und Gefühle und Erlebnisse bezüglich meiner ehemaligen christlichen Glaubensgemeinschaft einzuordnen, den religiösen Missbrauch und die Stigmatisierungen, die ich erlebt habe, den Schaden, den es anrichtete und die Verantwortung, die ich trage. Heraus dabei kam etwas Unabgeschlossenes, teilweise Wirres; ich kann keinen roten Faden anbieten, keine Moral. Ich verfange mich in Detailhaftigkeit, um dann wieder große Zeitabschnitte zu überspringen. Die Geschichte handelt von einer Art Subkultur. Es ist auch eine Geschichte von Extremen und extremen Gefühlen, die ich mit dem Niederschreiben ablegen möchte. Ich habe irgendwo angefangen, weil ich die Notwendigkeit fühlte. Ich kann das innerhalb meines Blogs nicht verorten, es ist auf seine Weise politisch.

Seit vielen vielen Wochen nun nehme ich mir vor, Leute aus meiner ehemaligen Glaubensgemeinde zu besuchen. Immer und immer wieder schiebe ich dieses Ansinnen auf. Ich vermisse die Menschen, einerseits. Ich vermisse Gott.
Andererseits erinnere ich mich.
Vor einem halben Jahr war ich das letzte Mal dort, in den Winterferien. Es waren nur zwei Tage, und das ist nicht lang, aber in den zwei Tagen lief so vieles falsch, dass ich mir danach vornahm, erstmal eine ganz lange Pause zu machen. Ich war schockiert, am Ende und alles tat weh. Ich bin nach Hause gewankt, wollte nicht mehr drandenken und fühlte wie stark in mir das Vertrauen geschwunden war Menschen gegenüber, die ich lange Zeit sehr geliebt habe.

Ich kam bei einer Freundin unter, meiner langjährigsten Freundin. Ihre Familie war auf mich vorbereitet gewesen und sie wussten von meinem Veganismus. Deshalb war ich erstmal verblüfft, dass ich, als ich ankam, in ihrem Kühlschrank kein einziges bisschen Gemüse fand. Kein Obst, nichts Veganes whatsoever. Nur Käse und Wurst. Ich war irritiert, aber dann war es mir wieder egal; ich hatte mir ein bisschen was mitgebracht und aß davon. Vielleicht, weil ich an die Wirkung von Symbolik glaube, hallte dieses kleine Erlebnis so in mir nach, das Gefühl, nicht willkommen zu sein, nicht Teil zu sein.

Am nächsten Tag stritt ich mich mit dem Vater meiner Freundin. Wir haben bereits eine gewisse Streitgeschichte hinter uns; er war in seiner Jugend auch ,,Protestler“ gewesen; eine der ältesten Erinnerungen meiner Freundin ist die an Mahnwachen, auf denen sie als Kind herumstand. Ihr Vater erlebte durch den Glauben dann eine Wendung, auch politisch, und vertrat seitdem konservative Standpunkte. Solche Menschen gibt es einige in meiner Gemeinde. Aber mitunter predigen sie eine unpolitische Haltung, die eine nicht sehen lässt, welche reaktionäre Agenda sich dahinter verbirgt. (Immer beliebter, auch durch den Einfluss vieler Student*innen der Wirtschaftswissenschaften, wird die Anwendung kapitalistischer Phrasen bibelgemäß umkleidet: Gott investiert in uns, wir sind in einem Wettlauf, Gewinn bringen, die Gemeinde als ,,Bank“ Gottes, etc.)

Gestritten haben wir uns schon über die Rolle der Frau im Gemeindeleben, über Muslime und all diese Themen, die ältere weiße Herren vorgeben, weil sie sich das gerade in ihrer konservativen Zeitung angelesen haben.

Diesmal stritten wir über Homosexualität. Ich hatte erst mit meiner Freundin darüber geredet; sie ist wie viele andere in der Gemeinde auch schwulen-und lesbenfeindlich, weshalb ich ihr noch nicht von mir erzählt habe. Dieses ,,noch nicht“ sind nun sechs Jahre und sie dabei der stabilste Mensch in meinem Leben (ich kenne sie, seit ich 10 bin). Wie ich mich also damit fühle, kann vielleicht nachvollzogen werden. Sie wird langsam nachdenklicher im Umgang mit dem Thema und ich frage mich, was ich ihr erzählen kann. Aber an diesem Tag bringt sich ihr Vater ein. Er macht keine langen Umschweife, er vergleicht Homosexualität mit Päderastie/Pädophilie. Er zeigt mir einen alten Spiegel-Artikel online, in dem erwachsengewordene Kinder aus ihrer Kommune berichten und erzählen, wie schön sie den Sex mit Erwachsenen fanden. Menschen sind sündig, sagt er und würden liebendgern den sündigen Zustand wählen, egal wie gut es ihnen tatsächlich tut. Ich werde wütend. Er wisse genau, dass das nicht vergleichbar sei, dass es bei Päderastie um ein Machtgefälle geht. Er zuckt die Achseln und salbadert weiter. Die Ehe sei nur für Mann und Frau. Warum?, frag ich. Naja, wegen den Kindern, meint er und versucht jetzt den biologistischen Weg. Nur ein Mann und eine Frau können Kinder bekommen. Ich antworte: Was ist mit Männern und Frauen, die keine Kinder bekommen wollen oder können, dürfen die dann nicht heiraten? Natürlich, doch, meint er, ist verwirrt, aus dem Konzept gebracht und statt dem nachzugehen, wendet er IGNORANZ an und kehrt zurück zur Päderastie.

Ich koche vor Wut. Ich weiß, dass ich wenigstens bei meiner Freundin was zum Rollen gebracht habe, denn sie stellt offene Fragen und empört sich auch darüber, dass die Gemeinde solche Menschen ausschließen würde. Aber das bringt nichts. Meine Gemeinde ist so heteronorm, Homosexualität wird nichtmal erwähnt, nie nicht, denn sowas darf es ja nicht geben. Nur einmal hat ein amerikanischer Prediger in einer Jugendkonferenz darüber geredet; aber wie ungewohnt das war, zeigte sich schon daran, dass sein Übersetzer ganz erschrocken reagierte, als er das Wort ,,Homosexualität“ übersetzen musste. Über die amerikanischen Evangelikalen kann ich nur sagen: Wenigstens reden sie darüber. Wobei ich hier nicht zu der Verharmlosung von Hass beitragen möchte. Aber es ist nochmal was anderes, wenn im gemeindeinternen Diskurs bestimmte Sachen genannt sind statt dass es sie einfach nicht gibt und so auch keine Möglichkeit, darüber zu reden.

Am nächsten Tag war ich bei meiner Lieblingsfamilie essen. A*, eine Frau in mittleren Jahren, hatte sich seit einiger Zeit mit mir angefreundet, mich häufig eingeladen, ich hatte auf ihre kranke Tochter bei deren Schullandheim aufgepasst; es bestand ein enges Band zwischen uns. Sie war eine der wenigen Menschen, denen ich noch zuhören konnte, wenn sie über Gott und ihren Glauben erzählten, ohne Kopfschmerzen zu bekommen.
Sie hatte viele andere Menschen eingeladen, u.a. zwei junge Menschen, Arztkinder, in meinem Alter, die ich von früher kannte und früher schon nicht gemocht habe. Was ich dann erlebte, war eine geschlagene Stunde Mobbing von den zweien, vor der versammelten Runde, ohne dass irgendwer eingriff. ,,Grund“ war mein Veganismus. Ich weiß wirklich nicht, warum Menschen schon öfters mit derartigen Hasstiraden reagierten; aber was die zwei mir boten, war vom Ekligsten. Es gipfelte irgendwann in dem Streit der Geschwister darüber, ob ich denn deswegen abgenommen hätte, die Schwester meinte: Ja, natürlich, und ihr Bruder rief aus: ,,Was, sie war noch dicker als jetzt?“
Die zwei sind einfach eklige Menschen und ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Schlimmer wurde es, als diese gingen und A* meinte, das Problem wäre gewesen, dass ich das mit mir habe machen lassen und dass sie an meiner Stelle einfach ganz cool reagiert hätte und versucht, ihnen keinen Wind zu geben. Das sagte sie mir als Zuschauerin, die kein Wort gesagt hatte zu den beiden und sogar hin und wieder amüsiert gewesen war. Sie war jetzt noch amüsiert. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, fing eine gute Freundin von mir, die ebenfalls dabeigesessen hatte, im Zweiergespräch dann an, dass SIE halt die Geschwister liebe und ich mein Selbst aufgeben müsse.

Klingt wie eine Formel, oder?

Ich erzähle euch gerade aus dem Geschehen einer sektenähnlichen Gemeinschaft und ihr braucht Informationen, um nachvollziehen zu können, welche machtvollen Instrumente die Ausdrücke ,,Geschwister lieben“, sein ,,Selbst aufgeben“, ,,das Kreuz auf sich nehmen“ sind. Es sind Ausdrücke, die nicht einfach zur völligen Passivität in Streitfällen aufrufen. Sie bringen dich dazu, auch noch dankbar dafür zu sein. Wenn dich Geschwister also beleidigen oder verletzen, musst du erstmal zu Gott rennen, ihm das abgeben und auch jedes verletzte Gefühl. Du musst erdulden, was dir geschieht. Regst du dich auf, ist das nur der Beweis, dass du immer noch in deinem ,,alten Selbst“ lebst und nicht Christus ,,anziehst“. Und Beleidigungen und Anstöße sind per se gut für dich, weil du geprüft wirst, ob du immernoch ,,im Geist“ oder in deinem Selbst bist.

Das Ganze ist nichts anderes als Instrumentarium für Diktaturen; die Forderung zur Nächstenliebe in dieser Form ein Mittel, die Menschenherde geduckt zu halten, Hierarchien zu bewahren und Menschen auf Dauer zu beschäftigen mit ihrem ,,inwendigen Bösen“, damit sie nicht nach außen schauen oder gar Analysen anstellen.
Victim Blaming in Reinform, mir vorgehalten von zwei der wichtigsten Menschen, die es in der Gemeinde für mich gab. Was das in mir auslöste, war mir noch nicht klar; ich zog mich ins Wohnzimmer zurück, um eine Weile für mich zu sein und weinte unter der Decke. Am nächsten Morgen, nach einer Gemeindeversammlung, die ohne jede Bedeutung für mich war, stand ich erst alleine und verloren in der großen Halle herum; in meinem Kopf schwirrte es, ich fühlte, wie die letzten großen Pfeiler meiner jahrelangen Überzeugungen und Hoffnungen einstürzten, aber nicht einfach mein Glaube kam zu einem Ende, sondern mein Platz in einem sozialen Gefüge, in dem ich jahrelang zuhause war, ja das ich zehn Jahre lang mein einziges Zuhause genannt habe. Durch eine Unstimmigkeit zwischen meinen Gastgeber*innen, die dazu führte, dass ich wieder zwei Stunden ohne Essen dastehen würde, fing ich einen Streit an; ich wollte einfach nur weg, wollte nach Hause und nicht in der Kantine warten, in der es kein Essen für mich gab. Ich wollte weg von den Bildern, die mich verdammten, von all den glücklichen gläubigen Menschen um mich herum inmitten ihrer Familien. Ich wurde nicht ernstgenommen, also rannte ich weg und brach dann in einem der Badezimmer zusammen.

Vieles mag erschreckend klingen, was ich hier schreibe, wieso war ich da überhaupt und sei froh, dass du da nicht mehr bist. Besonders Atheist*innen verstehen dann nicht, und es ist ihr gutes Recht, es nicht zu verstehen. Und noch unverständlicher ist, wieviel geschehen musste, bis ich verstand, welche Gewalt andere und ich mir damit antaten.

Dass mir per se als Mensch, der ich in die Gemeinde mit 14 Jahren kam, Heimkind das ich war, nicht vertraut wurde, erfuhr ich erst zwei Jahre nach meinem Anfang dort, nach einer Zeit voller Engagement von meiner Seite aus, mit regelmäßigen Besuchen aller möglichen Versammlungen, mittels einer Persönlichen Unterredung (PU wurde das mehr oder weniger scherzhaft genannt) durch einen der Gemeindeältesten. Dass ich mich schon mehr anstrengen müsste und mich endlich ,,für die Gemeinde“ entscheiden müsste. Das von einem Menschen, der mich nicht kannte, mich nichtmal gegrüßt hatte bisher.
Es war auch mit 16, wo meine Depressionen anfingen, schlimm zu werden. In den Schüler- und Jugendversammlungen saß ich außen, meine Traurigkeit schreckte die Menschen ab, niemand bemerkte es, wenn ich mitten unter ihnen zu weinen anfing und ihre Freude, ihre Ausgelassenheit und die Tatsache, dass sie eine größtenteils homogene Gruppe waren, machten es mir noch schwerer. Hin und wieder wegzubleiben wäre aber keine Lösung gewesen, denn dann hätte ich noch mehr an Vertrauen verloren, an christlicher Credibility. „Zuhause“ erwartete mich dann mein Heim, wo ich schon etwas länger zu einer Außenseiterin geworden bin, die mit den meisten anderen Kindern nicht klarkam.

Es war vielleicht in meinem fünften oder sechsten Jahr in der Gemeinde, wo ich durch ein einziges Mädchen, das neu war, in die Gemeinschaft integriert wurde, einfach nur dadurch, dass sie mich wahrnahm, mit mir redete, sich mit mir anfreundete. Ich weiß nicht, ob ich als einzige Türkin und Heimsozialisierte eine Art Alien-Tattoo auf der Stirn hatte, ich weiß nicht wieso die anderen mich jahrelang ignorierten. Aber sie sah mich und sie brachte mich hinein. Meine ,,Glaubenskarriere“ begann, ich bekam viele Freunde und begann bald zu denen zu gehören, die oft ,,Zeugnisse“ in der Versammlung gaben (Berichte über Erlebnisse mit Gott oder Gebetserhörungen, Bibelverse, die eine berühren). Ich lernte nun viel schneller die ganzen Codes, internalisierte sie, lernte mich auszudrücken, wie es auch die ganzen ,,supergeistlichen“ Geschwister taten.

In der Zwischenzeit verlor ich aufgrund von Geldmangel meine Wohnung, aus der darauffolgenden WG wurden ich und ein Mitbewohner von dem insässigen Pärchen herausgeekelt, ich drohte auf der Straße zu landen. Es gab eine PU mit allen Gemeindeältesten. Ich werde das nie vergessen. In einer Gemeinde, die ein Gemeindehaus voller Betten besitzt und in der es viele Menschen aus der Mittelschicht gibt mit eigenen Häusern und Gästezimmern, ich werde nie vergessen, dass mir gesagt wurde, es gäbe keinen Platz für mich. Und ich werde nie vergessen, dass dann das Wort ,,Obdachlosenheim“ ausgesprochen wurde und dass nicht ein Gemeindeältester dagegen protestierte, sondern erst nach einer ganzen Weile eine ältere Frau, die dabeisaß und das nicht mitanhören konnte.

Und wie immer, wenn etwas Schlimmes in meinem Leben geschehen ist, konnte ich es anfangs noch nicht begreifen und war oftmals noch dankbar für das Wenige, was ich bekommen konnte. Es wurde eine andere Lösung für meine Lage gefunden; ich, derweil abgemagert, weil ich in der schwierigen Zeit nichtmal mehr Geld für Essen gehabt hatte, freute mich einfach nur wieder daran, Essen zu haben und satt zu werden und Menschen um mich zu haben, die mich anlächeln. Ich war so reduziert in all meinen Bedürfnissen, dass es nichtmal wehtat, als die Menschen mir Komplimente machten, weil ich zehn Kilo abgenommen hatte. Sogar meine Depressionen verschwanden, es war, als hätte mein Körper den Notschalter umgelegt.

Was ich fühlte, war Dankbarkeit und ich drückte diese aus, indem ich mich noch enger an die Gemeinde band und mich noch mehr anstrengte. In den nächsten drei vier Jahren würde ich die schönste Zeit erleben, die Zeit, in der ich wirklich angekommen war inmitten der anderen. Ich konnte Frieden machen mit dem, was in der Bibel stand, es wurde mein Leben, ich ließ es mich beherrschen, mich erfreuen, jede Minute war meinem Glauben gewidmet. Ich flog auf der Welle des symbolischen Reichtums, der sich mir eröffnete, ich fand Mittel und Wege, meine Schmerzen in Kanäle zu leiten, um sie zu erleichtern, ich fand neue Freude. Ich richtete meine Zukunftwünsche auf ein Leben in der Gemeinde aus, auf einen Partner, den ich hier treffen würde, heiraten, um gemeinsam ein Bollwerk für die anderen Menschen zu sein. Ich verliebte mich ständig neu in ,,Brüder“, ich verliebte mich lange, verstärkt durch den Geschlechterseparatismus und die rigiden Regeln erfuhr ich übrigens nie, ob diese Gefühle erwidert wurden.

Aber es gab auch die andere Seite. Ab 16, 17 begannen mich schlimme Träume in der Nacht zu quälen. Ich weiß nicht, ob das die Art meine Körpers war, mit dem dunklen Symbolismus in der Bibel umzugehen, der in meiner Gemeinde gang und gäbe war. Ich träumte davon, von Dämonen besessen zu sein, Träume die sich fortsetzten, eine Geschichte entwickelten. Es waren nicht einfach Alpträume. Es begann freundlich mit so ner Art Gefühl, aus dem Körper zu schweben, es war ein Glücksgefühl, das schönste und irritierendste, was ich wohl je gefühlt habe. Doch irgendwann wendete sich das Blatt, und das Unbekannte begann mich zu quälen. Es fuhr in mich, besetzte mich, riss an meinem Körper herum wie an einer Marionette; ich werde den Horror niemals vergessen, niemals die Angst. Niemals das Gefühl, wie real es sich anfühlte und wie wach ich es erlebte. Vom unbekannten Schemen in den Anfangsträumen an gewann es an Form, bis es Gesichter bekam, die Gesichter und Körper von Frauen.

Ich verliebte mich in eine Frau. Es war Ende Dezember 2006; ich besuchte ein Essen in der Halle, voller Vorfreude über einen jahrelangen Schwarm, den ich dort sehen würde. Ein bisschen Katz und Maus spielen fand ich reizvoll, also ging ich den Menschengruppen aus dem Weg, und fand eine Bekannte von mir im Esszimmer sitzen. Sie war nicht allein; sie saß da mit einem Mädchen das ich bisher nur entfernt kannte. Ich begrüßte sie, smalltalkte. Während dem Reden wurde ich mir bewusst, was für ein offenes Gesicht sie hatte, jungenhaft, androgyn, mit wilden blonden Locken. Sie beeindruckte mich. Ich ging nach Hause und die zuvor starke Fixiertheit auf den Typen war wie weggeblasen, ich hatte ihn sogar vergessen. Ich war glücklich und wusste nicht wieso. Und erst ein paar Tage später würde ich realisieren, was da gerade passiert war. Und es würde mich umwerfen und nicht loslassen, und das in einer Zeit, in der ich endlich in der Gemeinschaft angekommen war. Und es würde dazu beitragen, die Gemeinde zu hinterfragen, aber bis mir das möglich war, würde es mich sogar noch stärker an sie binden, im Glauben, durch Hingabe Absolution zu erfahren.

Zu der Freundin, die zu meiner Integration maßträglich beigetragen hat: Zwei Jahre lang hatte sie sich für das Gemeindeleben aufgeopfert, die perfekte Schwester, mit immer vollem Gästetisch zuhause, voller Dienstbarkeit anderen Menschen gegenüber; immer vernachlässigt, was sie selber wünschte. Es war kein Wunder, dass sie unglücklich wurde. Sie freundete sich mit einem Mann an, der neu in der Gemeinde war. Was dann begann, war Rufmord an ihr, Geschichten, die rumerzählt wurden und sie verleumdeten. Aber nicht nur dass die Geschichten erfunden waren, war wichtig, sondern dass diese sich um Sex drehten, um Sex, den eine erwachsene Frau hatte oder nicht hatte. Ich begriff erst spät was los war, und sie packte schon ihre Koffer, als ich es in seiner ganzen Konsequenz realisierte. Ich war wie erstarrt, ich bat sie zu bleiben und ich wusste doch, was ihr da angetan worden war.

Diese Dinge sind alle geschehen und sind erst nach und nach in meinem Bewusstsein zu Erlebnissen angereift, die mich auseinanderrissen. Am Anfang stand da dieser Wunsch, dazuzugehören, einfach nur Teil dessen zu sein. Wie groß er gewesen sein musste und wieviel Schönes auch passiert ist, dass ich das Negative manchmal sogar vergaß, kann ich nur ahnen; und dass mir eine Wahl gefehlt hat, all das trägt dazu bei, dass diese schlimmen Erlebnisse ihre destruktive Kraft nur langsam entfalten konnten. Ich bin verantwortlich dafür, in was ich mich da gebracht habe, verantwortlich dafür, nicht früher nein gesagt zu haben, verantwortlich für das, was ich durch mein Schweigen akzeptiert habe. Teil einer sozialen Dynamik, die Menschen reaktionären Bildern über Menschlichkeit und Liebe und Leben und Gesellschaft unterwirft, sie darauf trimmt, ihre ,,frohe Botschaft“ auf der Welt zu verbreiten, mit dem Bekenntnis nicht zufrieden ist, sondern auch die Herzen, die Gedanken, die Instinkte zu besetzen und zu beherrschen anstrebt; jeden Zentimeter Mensch, der zur Verfügung steht.

Veganer*innen und Fleischkonsument*innen in der politischen Zusammenarbeit

Steffi fragte intern herum, wie wir mit den verschiedenen politischen Haltungen in der takeoverbeta-Redaktion umgehen wollen. Sie bezog sich dabei u.a. speziell nochmal auf den Antispeziesismus, der innerhalb der Gruppe in dieser Art nur von mir vertreten wird. Interessante Fragestellung. Ich habe bereits hier schonmal über Bündnisarbeit und deren Schwierigkeiten geschrieben. Kiturak wollte mit mir am Wochenende in Mainz darüber diskutieren, ob es blöd für mich ist, dass die meisten von takeover.beta keine Veganer*innen sind. Mich hat das geärgert und ich war auch nicht vorbereitet; zuoft reicht es den Leuten von meinem Vegansein zu erfahren, um daraus ’ne Riesendiskussion zu konstruieren, weil ich ja Fleischesser*innen Von Grund Auf™ verachten muss – – – (ja, Kiturak hats nicht so gemeint, aber ich hab solche Auseinandersetzungen einmal zu oft erlebt). Hier mal meine Gedanken zum Antispeziesismus und zur veganen Ernährung:
Ich kann und will Menschen nicht vorschreiben, was sie essen sollen. Gerade bei Frauen* gibt es historisch und aktuell immer wieder Bestrebungen, ihnen ihre Ernährungsweise und ihr Verhältnis zu ihrem Körper vorzuschreiben; sowie ihnen Ekel vor dem Essen zu bereiten, das sie zu sich nehmen. Für mich geht es weniger um Kritik am individuellen Konsum, sondern um die strukturelle Ausbeutung von Tieren (damit beziehe ich mich im weiteren Text auf nichtmenschliche Tiere) in unserer Gesellschaft, die im derzeitigen System darauf beruht, aus Tieren und Tiererzeugnissen Profit zu schlagen. Wobei individueller Konsum durchaus kritisierbar bleibt und ich auch an Boykott glaube, aber nur in der immanenten Logik des Kapitalismus, den ich gerne abschaffen würde. Mit moralischem Antispeziesismus kann ich derweil nichts anfangen; es bringt m.E. nicht, Menschen den Verzehr von Fleisch zu verbieten, wenn es ihre Ernährungsgrundlage darstellt (also geradez.B. in Hirtenkulturen) oder ewige Diskussionen darüber zu führen, ob das Leben eines befreundeten Hundes jetzt mehr wert sein soll als das eines fremden Menschen. Ich halte nichts von Singers Thesen alá ,,Tiere sind weniger wert für uns, deshalb beuten wir sie aus“, sondern bin da eher historische Materialistin und meine, Tiere sind weniger wert für uns, WEIL wir sie ausbeuten. Die speziesistische Ideologie dient also nur zur Legitimierung der Handlungen, die wir bereits schon lange an Tieren ausführen und ist nicht der Grund für diese Handlungen.
Genauso glaub ich nicht, dass ethischer Vegetarismus und Veganismus einfach so in den Köpfen der Menschen aufgetaucht ist, weil wir plötzlich alle so tierfreundlich geworden sind; sondern dass diese auf einer ökonomischen Grundlage basieren: Industriell sind wir heutzutage in Deutschland in der Lage, uns fleisch- und tierproduktfrei zu ernähren. Einer der größten Feinde ist also für mich die Massentierhaltung; und der heutige Tierschutz damit nur eine andere Form, Ware zu schützen. Ein Beispiel dafür sind Betäubungen an Schlachttieren. Ist ja nett gemeint, Tiere nicht leiden zu lassen, wenn sie getötet werden. Aber die Unfähigkeit, zu schreien, sich zu wehren, als Lebewesen sich erkenntlich zu machen, macht das betäubte Tier im Tötungvorgang warenförmiger. Es ist eine entsetzliche Form von ,,Humanismus“, die Tierschützer*innen da erkämpfen und immanent sehe ich da auch keine andere ,,Lösung“, außer durch individuellen Konsum die Ausbeutungsmaschinerie zu boykottieren. Auf Bio- und Ökofleisch zu setzen, ist für mich auch keine Lösung, da Fleischessen dann wieder zu einem Privileg der Reicheren unserer Gesellschaft wird (mal ganz abgesehen davon, dass das auf der halben Welt immernoch so ist). Ausdruck dessen bei jedem Gammelfleischskandal ist dann die Phrase in gewissen Artikeln, wer Billigfleisch kaufe, sei ja selber Schuld. Verschiedene Klassismen in dem Umgang mit Ernährung gilt es zu hinterfragen, sei es von den Vertreter*innen aus der Bio- und Ökoecke, sei es, dass Vegetarismus und Veganismus eine neue Form der Distinktion darstellt, um sich von „barbarischen proletarischen Fleischesser*innen“ zu distanzieren.
Was ist also meine Hoffnung? Ich hoffe dass es ein Ende der Massentierhaltung geben wird, dass Veganismus keine teure Alternative, sondern eine für alle Menschen zugängliche Selbstverständlichkeit wird. Ich glaube daran, dass das auch starke Auswirkungen darauf hat, wie wir über Tiere denken werden in Zukunft. Ich hoffe, dass Menschen und Tiere in einer Welt, in der Menschen den Lebensraum von nichtmenschlichen Tieren rauben, miteinander leben lernen. Ich wünsche mir, dass Tieren ein eigenständiges Leben zugestanden wird, wozu gehört, dass wir anerkennen, dass Tiere nicht für uns da sind, weder als die Bärchenwurst auf unserem Teller noch als Kuscheltiere in unseren Häusern.
Und natürlich wird es Momente geben, wo ich mich über Fleischesser*innen ärgere. Oder über massenhaftes Rumschicken süßer Katzenbilder, die Tierliebe zu manifestieren scheint, aber für mich [manchmal] nichts anderes bestätigt als ein seltsames Mensch-Tier-Verhältnis, in der willkürlich die einen Tiere auf- und die anderen abgewertet werden.
Deshalb arbeite ich trotzdem weiterhin mit Fleischesser*innen zusammen, auch hier bei takeover.beta und auch in weiteren, v.a. antikapitalistischen Zusammenhängen. Sollte aber von Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, negiert werden, dass es soetwas wie eine strukturelle Ausbeutung von Tieren gibt und dies in der Ausarbeitung von Forderungen und/oder Selbstverständnissen innerhalb einer politischen Gruppe immer wieder unterschlagen werden, oder wird über Utopien spekuliert, in denen wieder und wieder nichtmenschliche Tiere keinen Raum haben sollen, dann werde ich jetzt und in Zukunft die Zusammenarbeit mit solchen Menschen überdenken und in den meisten Fällen abweisen. Das ist keine Drohung, sondern die Konsequenz, die ich daraus ziehen muss, dass ich meine politische Arbeit ernst nehme.

Edit: Die meisten meiner Gedanken und Eindrücke verdanke ich dem Buch: ,,Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen: Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere“(Hrsg: Susann Witt-Stahl).

Antwort auf Kritik an Poly-Text

Wer es mitgekriegt hat: Sanczny und yetzt haben eine recht ausführliche Kritik auf meinen letzten Text hin geschrieben. Hier der Versuch einer Antwort, präsentiert auf meinem Blog, da ich immer Schwierigkeiten habe, bei Wordpress zu kommentieren.

So, jetzt hab ich Zeit zu antworten.
Ich finde euren Text lang und an manchen Stellen schwer zu knacken. Deshalb dauerte die Formulierung meiner Antwort länger, weil ich z.T erst nach erneutem Wiederlesen verstanden habe (und manchmal immernoch nicht versteh), um was es euch da geht.

Ich habe meinen Post zu Polyamorie erst geschlechtsneutral formuliert, bevor ich nochmal darauf einging, dass das für mich besonders störende Merkmal die männliche Dominanz ist, die das Thema Poly umgibt. Ihr schreibt, es geht nicht um die Herrschaftsförmigkeit von Beziehungsformen. Und gleichzeitig ist euer Text absolut geschlechtsblind gehalten, so als ob es nicht klar wäre, wer in unserer Gesellschaft Anerkennung dafür bekommt, mehrere (Sex-, Liebe-, whatever) Partner*innen zu haben. Das ist euer luftleerer Raum. -

Ihr sagt, ich sehe Poly als Wahl im luftleeren Raum. Als Wahl sehe ich es vor allem im Bezug auf mich und auf die, die ich kenne, die Poly als Beziehungsform gewählt haben und es nicht als essentielle Identität wahrnehmen. Da kann ich aber nicht allgemein sprechen. Riotmango sagt, wir sollten lieber nicht von Wahl oder Nichtwahl reden, ich bin der Ansicht, jeder Mensch sollte ausdrücken dürfen, wie er* oder sie* das empfindet, auch wenn uns diese Debatte nicht weiterbringt, aber es zeigt, wie Menschen ihre Identität erleben, nämlich verschieden, uneinheitlich, manchmal schicksalsbedingt, manchmal Ausdruck eines freien Willens, der mehr oder weniger frei ist.
Und luftleer ist der Raum genauso wenig, weil ich ihn bereits ganz am Anfang gefüllt habe mit der Aussage: „Ihr traut euch so ei­ni­ges in einer Welt der auf zwei Men­schen pro Zeit­raum fi­xier­ten bür­ger­li­chen Vor­stel­lung von Liebe“ Dass RZB also die gesellschaftlich dominante Beziehungsform ist, war im Text klar. Und weiterhin soll diese Aussage nicht auf einen ,,sexuellen Normalzustand“ hinweisen, sondern auf die starke normative Kraft des RZB-Konstrukts.

Ihr baut eure Kritik darauf auf, dass ich aus Perspektive der Monoamanz schreibe. Wo ich das so genau ausgedrückt habe, ist mir bis jetzt nicht klar. Die Ansage ist an Menschen gerichtet, die sich klar als poly verorten, das ,,ihr“ bedeutet aber nicht, dass ,,ich“ zur ,,anderen Seite“ gehöre, so als ob wir hier von einer Polarität reden. Soviel auch zu eurem Anfang, dass die Welt zu komplex ist für Schubladen. Dass ich keine klare Position beziehen kann, wollte ich auch nochmal mit meiner Hoffnung darüber darstellen, Polyamorie vielleicht wieder neu besetzen zu können und nicht das Feld den Mackern zu überlassen, die mir eintrichtern wie Polysein auszusehen hat. Dass ich aber gefailt hab, klare Worte ala ,,Ich bin … und deswegen … qed“ zu bringen, gibt dem Text diese schlimme Form von Neutralität, die keine ist und die ich ihm gerne wieder entziehen möchte.

Meine Vergleiche mit RZB waren schwach, das stimmt, und haben vermutlich für den größten Unmut gesorgt. Ich habe kurz umrissen und den Abklatsch einer RZB geliefert, weil ich mich nicht näher mit ihr befassen wollte, und das war mein Fehler, denn das Resultat waren gruselige Idealisierungen. Dass hier der Eindruck entsteht, ich schreibe aus der Sicht der Monoamanz, kann ich verstehen. Besser wird es nicht dadurch, wenn ich erkläre, dass diese Vergleiche der Bildlichkeit dienen sollten. Ich habe schlicht nicht gesehen, in welche Richtung sich mein Text bewegt und bin deshalb auch dankbar für eure Dekonstruktion.

Liebe ,,Ich bin Poly“-Bezeuger*innen!

Ich mag die meisten von euch. Ihr traut euch so einiges in einer Welt der auf zwei Menschen pro Zeitraum fixierten bürgerlichen Vorstellung von Liebe. Ihr feiert die Tatsache, dass Menschen viele lieben können und viele von euch freuen sich daran, wenn geliebte Menschen Zärtlichkeit und Intimität mit anderen genießen. Das ist kostbar und nicht geringzuschätzen in einer Welt, in der Partner*innen einander noch aus Eifersucht umbringen. Ich bewundere diejenigen unter euch, die verbindlich und liebevoll miteinander umgehen, die sich die Zeit nehmen, über all das zu kommunizieren, was bereits in einer monogamen Bindung kompliziert und tückisch sein kann. Ihr setzt Grenzen, redet über Wünsche und vollbringt das, was manche immernoch für unmöglich halten.

Und dann gibt es diejenigen unter euch, mit denen ich große Probleme habe.

Zur ersten Gruppe gehören die, die Polyamorie gerade auch in der linken Szene wie ein religiöses Mem viral verbreiten. Das ist noch nicht mein Problem. Gute Ideen brauchen Verbreitung. Das ist mein Problem: die religiöse Idee, dass nur dieser eine Gott anzubeten sei. Klarer ausgedrückt: Wer nicht poly ist, sei spießig – – –
Nein. Darüber muss ich keine langen Reden halten. Ich wähle, was mir gefällt. Ich muss mit euch nicht darüber reden, was falsch sein könnte an meinen Erwartungen an die Menschen/Partner*innen, die ich wähle oder mich von euch „analysieren“ lassen in jeglicher grenzüberschreitender Hinsicht. Eure Anmaßung darüber, die ,,richtige“ Beziehungsform gewählt zu haben, mag gefüttert sein von den Schrecknissen, in die die Romantische Zweierbeziehung einige von uns schon geritten hat und von der Dominanz derselben in unserer Gesellschaft. Dennoch bleibt es eine Anmaßung. Redet von persönlicher Erfahrung, von dem, was für euch das Richtige ist. Aber bleibt mir mit eurem Evangelium der einen richtigen Beziehungsform fern. Alternativlosigkeit muss dekonstruiert werden, auch und vor allem in sogenannten progressiven Kreisen.

Die zweite Gruppe, ich nenne sie mal: die Missverständlichen. Sie sagen ,,poly“, aber sie meinen ,,promisk“. Pick Up für Linke, hab ich mir da mal gedacht, oder aus den Worten anderer: Die 68er-Problematik in neuer Verpackung. Nun, ich habe keine grundsätzlichen Probleme mit Promiskuität. Habt Sex, wenn ihr Lust drauf habt! Aber benennt auch, was ihr meint! ,,Poly“ ist ein unglaublich schwammiger Begriff. Während die RZB für viele Menschen ein ,,all inclusive“-Paket bedeutet, müssen Menschen in Poly-Beziehungen vieles neu definieren, es wird ihnen nicht ,,vorgesetzt“. Mit Menschen was eingehen, denen ihr gesagt habt:,,Ich bin poly“, heißt nicht automatisch: ,,Du, aber morgen geh ich dann wieder.“ Es heißt, ihr müsst erklären, was Polysein für euch bedeutet, ob ihr das völlig frei definiert im Sinne von: Ich schlafe einfach unglaublich gern mit unglaublich vielen Menschen, oder ob es für euch vielleicht eine verbindliche Beziehung beinhaltet neben einer/vielen anderen, die genauso romantisch sein kann wie eine RZB. Oder vielleicht was ganz anderes. Benutzt Begrifflichkeiten, die klar ausdrücken, was ihr meint und schleicht nicht um den heißen Brei. Versprecht nicht zu bleiben, wenn ihr das nicht vorhabt. Vor allen Dingen bedeutet Poly nicht: Wenn du dich lange genug hinhalten lässt, verbringe ich vielleicht mal wieder Zeit mit dir, und ansonsten bist du mir egal.

Ich habe diese Ansage geschlechtslos gehalten. Ich habe auf Poly-Mackern bereits schonmal herumgehackt, weil sie mir auf die Nerven gehen, allerdings frage ich mich, inwieweit Frauen* zulassen sollten, dass Polyamorie wie so oft bedeuten muss, was eine im Trans*Frauen*Lesben-Zelt des Antifees letzte Woche nach einem derartigen Vortrag meinte: ,,Da war mir zuviel weiße Männlichkeit.“ Und ob wir lernen könnten, Polyamorie wieder neu für uns zu besetzen. Ich habe gemerkt, dass das Thema mich zuletzt deswegen so genervt hat, weil mir immerwieder in Schulunterrichtmanier von irgendeinem Typen eingehämmert wurde, wie falsch doch Zweierbeziehungen sind, qed1. Auf einem zweiten Vortrag letztens habe ich aber eine schöne Erfahrung gemacht und erfahren, dass es auch anders geht: In Gruppen oder zuzweit redeten die Menschen darüber, was für sie persönlich wichtig ist, was sie erfahren haben, was Liebe*Beziehung*Freundschaft für sie bedeutet. Dieser Workshop war so unglaublich viel ertragreicher und respektvoller als jede ,,Treue ist doof/Menschen sind von Natur aus promisk/Bla bla bla“--Rhetorik aus 68er und heutigen Zeiten. Das heißt, es geht auch anders, und das festzuhalten, ist mir wichtig.

Dieser Post erscheint auch auf takeover.beta.

  1. quod erat demonstrandum: „was zu beweisen war“ [zurück]

Politischer Mord und die Justiz, 1921

Es wurden, systematisch, alle irgend erreichbaren Führer der Opposition hingemordet. Ach, und was verstanden diese Soldatengehirne nicht alles unter ‚Opposition‘! Zu dumm und zu faul, etwas andres als Dienstvorschriften, Jagdhumoresken, die ‚Tägliche Rundschau', ein Blatt ähnlichen Kalibers oder Zoten zu lesen, richteten sie sich in ihrem Hass gleichmäßig gegen Demokraten, Bolschewisten, Dada-Leute, moderne Maler und Nationalökonomen. Unverdächtig war, wer Schmisse auf den Gesichtsbacken und jenes vorschriftsmäßig deutsche Bullenbeißergesicht trug, in dem die richtige Mischung von Kellner und Assessor ganz realisiert war.

Wie da – in den Jahren 1913 bis 1921 – politische Morde von deutschen Richtern beurteilt worden sind, das hat mit Justiz überhaupt nichts zu tun. Das ist gar keine. Verschwendet ist jede differenzierte Kritik an einer Rechtsprechung, die folgendes ausgesprochen hat:
Für 314 Morde von rechts 31 Jahre 3 Monate Freiheitsstrafe, sowie eine lebenslängliche Festungshaft.
Für 13 Morde von links 8 Todesurteile, 176 Jahre 10 Monate Freiheitsstrafe.
Das ist alles Mögliche. Justiz ist das nicht.

Kurt Tucholsky, Auszug aus: Das Buch von der deutschen Schande, S.48-49

Intersektionalität: Von Brücken und Grenzen, am Beispiel der Tierbefreiungsbewegung

Hatte neulich ne Diskussion auf Twitter über Intersektionalität. Interessanterweise hatten die Personen, mit denen ich stritt, ähnliche Ansichten, aber was Aktionen betraf, sah das ganz anders aus. Ein Punkt war v.a.: eine Aktion/Kampagne, die nicht auf alle Formen von Herrschaft eingeht, gar nicht anfangen.
Ich hab jetzt zwei Jahre antispeziesistische Arbeit gemacht. Wir verstehen uns sozusagen als Brücke zwischen oftmals autonomen, radikalen ,,Fleischlinken“ mit anarchischen und emanzipatorischen Ansätzen einerseits und der Tierrechtsbewegung andererseits mit ihrem Rütteln am starren Mensch-Tier-Bild und der Forderung nach Tierrechten sowie veganer/vegetarischer Ernährung und Lebensweise. Für die einen sind wir menschenfeindlich, für die anderen linksextreme Spinner*innen. Die Kritik nach der einen Seite üben wir, weil Tiere in linken Theorien und Utopien einfach mal ausgeblendet werden, und nach der anderen Seite, weil sie Kapitalismus überall noch mitdenkt.
Es ist so schwer, die zwei zusammenzubringen! In der Tierrechtsbewegung gibt es wie auch in der Umweltbewegung religiöse wie rechtsradikale Gruppierungen (z.B. ist ,,Antispe“ in Italien v.a. als Nazigruppe bekannt GRUSELIG). Was dauernd nötig ist, sind Abgrenzungen unsererseits, mitunter mit dem Gefühl, wir tuen eigentlich nichts anderes als uns abzugrenzen. Dennoch ist diese Arbeit wichtig, das ist klar, ich will nicht mit PETA, mit Universellem Leben, ,,Heimatschützern“ und anderen Gruselgeschichten zusammenarbeiten. Andererseits wollen wir uns nicht einfach nur bei der Linken andienen und ständig deren Antirepressionsarbeit machen und für die vegane Vokü zuständig sein, sondern auch sie in Bezug auf Leben und Leiden von Tieren in unserer Gesellschaft sensibilisieren.
Zum Beispiel laufen derzeit Kampagnen gegen neue Schlachthäuser. Da gibt es dann Kollaborationen, die so aussehen können: Anarchistisch und herrschaftskritisch denkende Tierbefreier*innen arbeiten gemeinsam mit Bürgerinitiativen, denen es vor allem um die Erhaltung der Lebensqualität in ihrem Raum geht. Beide Gruppen sind sich eigentlich fremd; das einzige, was sie vereint, ist dieses Ziel: Schlachthof xy abzuschaffen. Beide lernen sich durch die Zusammenarbeit kennen, beide kämpfen für ihren Standpunkt innerhalb der Kampagne, beide gehen Kompromisse ein. Sie missverstehen sich und manchmal bekämpfen sie sich auch. Sie erreichen ihr Ziel oder nicht, manchmal mit, manchmal ohne die Bündnispartner.
Es gibt Ängste, dass das alles nur in Reformismus endet. Eine Abwärtsbewegung des Tierbefreiungsgedanken zu ,,bloßen“ Tierrechten bis zum gesetzlich verankerten Tierschutz, der vor allem ,,Warenschutz“ zu sein scheint. Um mal einen Menschen bei Twitter zu zitieren, mit dem*der ich über Veganismus diskutierte: ,,die kuh die aktuell leidet der nuetzt es nichts wenn sie weiss dass in diesem jahr 50 kuehe weniger leiden“[sic]. Aber was ist mit den 50 anderen Kühen, das sind doch Lebewesen, jedes für sich, nicht einfach nur ,,Exemplare“ ihrer Art. Ein Freund von mir bezog sich in einer ähnlichen Diskussion auf die Frauenbewegung. Die sei letztendlich auch daran gescheitert, dass sie sich von vielen Ansprüchen wegbewegt hat hin zu einem vor allem auf Forderung von Rechten beruhenden Kampagnenaktivismus. Dass gesetzliche Gleichstellung vieles bisher noch nicht gelöst hat, wissen wir. Aber dass es nur eine Verlagerung von Unterdrückungsmechanismen sein soll, wenn Frauen in unserer Gesellschaft zum Beispiel ökonomisch unabhängig geworden sind, und diese Tatsache nicht etwa auch ein befreiendes Moment hat, dieser Gedanke stört mich. Wer ökonomische Abhängigkeit kennt, weiß was ich meine: Es macht einen RIESEN Unterschied. Und natürlich: Es reicht nicht. Ich will die Befreiung aller. Ich erfahre aber in der Realität immer die Grenzen von Menschen und Aktionen und muss damit umgehen, auch mit meinen eigenen Grenzen. Und sehe kleine Ziele, die ich heute erreichen kann und weiß, dass ich dieses positive Feedback auch brauche, um nicht total auszubrennen.
Wie geht es euch damit? Seht ihr das alles ganz anders? Wie geht ihr mit der ,,Vermittler*innen“-Rolle um? Was heißt es für euch, aktiv zu werden, macht ihr Kompromisse? Und wie fühlt ihr euch damit?

Dieser Post erscheint auch bei takeover.beta.

Update zur Kommentarfunktion

Durch eine freundliche Nachfrage, warum ein Kommentar nicht veröffentlicht wurde, habe ich mich entschlossen, meine Haltung zur Moderation mal upzudaten:

Ich habe LUST auf eure Kommentare und auch Lust auf Streit. Update: Streiten über Themen finde ich spannend. Nicht spannend finde ich: Wahrnehmung und Erfahrungsberichte diskreditieren, in Frage stellen, vor allem von Menschen, die von einem -ismus nicht betroffen sind und deshalb meinen, den gibt es gar nicht/bestimmt nicht/vielleicht wars nicht so gemeint/bist du dir sicher?/war es denn wirklich so?

Wer irritiert ist, dass ihr*sein Kommentar nicht veröffentlicht wurde, kann mich gerne anschreiben: tuwas@posteo.de.

Ich würde diese Sache gerne netter ausdrücken, weil die meisten Menschen, die solche Nachfragen stellen, es tatsächlich auch nicht böse meinen. Ich denke, sie glauben, mir fehlt nur der Blickwinkel des anderen, um die Situation besser verstehen zu können. Aber ich betone: Ich will nicht den Blickwinkel von privilegierten Menschen einnehmen. Aus ihrer Sicht ist die Welt natürlich ganz anders und der Rest der Menschheit überempfindlich, zwanghaft politisch korrekt und bedürftig nach der ,,richtigen“ bzw. ,,objektiven“ Perspektive.

Nicht weinen: Eure Perspektive bekommt Raum in allen Medien, im Großteil der Gesellschaft, selbst in linken, progressiven Kreisen. Hier nicht.