Archiv der Kategorie 'Intersektionalität'

Einen Ort, für eine Person.

Das hier ist mein persönlicher Blog.
Ich muss mir das immer wieder sagen. Mein Blog. Dieser Raum hier dient nicht primär Feminismus-irgendwas-Sachen, politischen Fachsimpeleien; nicht weil das nicht ne tolle Sache ist, sondern weil er primär erstmal gar nichts sein muss, außer eines: ein Raum für mich.
Raum zum Atmen.

Wenn ich schreibe wenn ich über mich schreibe, passiert oftmals folgendes: Das Gefühl überwältigt mich, das, was ich hier tue, sei nicht legitim. Dabei kämpfe ich um jede Zeile Ausdruck und wenn ich dann mal etwas geschrieben habe wie ,,Fromme Jugend“, überwältigt mich Entfremdung. Weil: es ja noch soetwas gibt wie die nähere gesellschaftliche Umgebung, in der das geschrieben ist. Ich habe ungefähr ein Bild der deutschen feministischen Blogosphäre vor mir und es ist unvollständig, dennoch: mich überkommt, was ich empfinde, fühle, was mir widerfahren ist, sei zu schreiben nicht legitim. Eine Liste der bekannteren deutschen Blogger*innen zu überfliegen, befremdet mich. Und in meiner näheren Umgebung reicht es, politische Veranstaltungen der Ecke links, (pro)feministisch, alternativ nur zu sehen: Ich will umdrehen und sofort gehen.

Ich habe damals begonnen damit, wie sehr mich das Konzept von Identität verwirrt. Ich bin kein Stückchen weiter gekommen oder klüger geworden. Es ist als zerfasere ich in immer mehr Aspekte meinerselbst: nun da ich sie alle benennen kann, fühlt es sich manchmal schwerer an, als wenn ich nur diffus etwas in mir mitbekomme und es in die hinterste Ecke meines Bewusstseins schiebe.

Zunehmend macht mich diese Auseinandersetzung einsam. Ich sehe mich selber und nehme Abstand zu den anderen. Als natürliche Folge dessen, dass ich nicht mehr mich als Quelle oder Ursache der Dinge sehe, die mir angetan wurden. Ich kann benennen, was geschieht, ich lerne Gesprächsinhalte nach ihren ganz eigenen kleinen Fallen zu unterscheiden, menschliche Auseinandersetzungen einzuordnen. Ich bemühe mich nicht mehr um meine Anpassung. Aus reiner Schadensvermeidung an mir selber.

Mit meinem Alleinsein, das kein „böses“ ist, muss ich gerade lernen, klarzukommen. Ich habe, um mich selbst zu bewahren, von so vielen jetzt Abstand genommen: Die Gemeinde als riesigen, Bedeutung generierenden Komplex meiner Jugend, aber auch meine Familie, Freund*innen, die Universität; alles ist jetzt einen Schritt weiter nach außen getreten. Nähe, weil solange mit Selbstverletzung angenommen, ist nun etwas geworden, vor dem ich Achtung habe und es mir nur in bestimmten Dosen verordnen kann. Und das ist gut so.

In den nächsten Tagen beginne ich ein Soziales Jahr im Krankenhaus. Ich will wenigstens für eine Weile raus aus dem Uni-Betrieb, weg von den Kommiliton*innen, deren Pflichtbewusstsein und Langeweile mich abstößt. Am wenigsten komme ich aber damit klar, was soviele von ihnen ausstrahlen: Ich bin hier richtig.

Was für ein Gedanke. -

Eine Feministin, die noch werden muss. So habe ich mich am Anfang vorgestellt. Hin und wieder fühlte ich mich gedrängt, noch hinzuschreiben: Und Türkin. Und Veganerin. Und … Die Leute müssen doch sehen um wen es hier geht. Ich habe vor allem gehofft, es würde meinesgleichen auf meinen Blog bringen, Menschen wie mich. Was ich mir darunter vorstellte, weiß ich selber nicht so. Mehr und mehr wird mir klar, dass ich Ähnlichkeiten immer dann zu sehen glaube, wenn ich Menschen begegne, die an Rändern stehen zwischen verschiedenen Welten. Vermittler*innen, aber auch Heimatlose. Nur in der Vermittlung selber ein Stück Da-Sein finden, weil im ständig aufrechtzuerhaltenden Verortungsprozess Wirklichkeit entsteht, auf eine kurze lebendig machende Art und Weise. Während andere reproduzieren, was sie kennen, müssen wir produzieren, was wir nicht kennen: Einen Ort, an dem wir zuhause sind. Quasi einen Nicht-Ort, Utopie.
Das bedeutet Dekonstruktion für mich.

Zu dem Wort ,,Person“. Erst heute bin ich darauf gekommen, dieses unscheinbarste aller menschlichen Fremd- und Eigenbezeichnungen näher zu betrachten. Ich mag seine Förmlichkeit. Ich mag auch, dass es ein generisches Femininum ist. Und ich mag, was mir da aus Wikipedia an ursprünglichen Bedeutungen oder Bedeutungsvorschlägen entgegenkommt: ,,Maske des Schauspielers“, Rolle, (An)Gesicht, Miene, Blick, äußere Gestalt, Aussehen, aber auch ,,durchtönen“, ,,verkleiden“.
Wie einst noch das Bild der ,,Maske“ mich sehr abstieß, schrieb ich vor Jahren einmal in einem desillusionierten Gedicht über die Frau, die mich geboren hat:

… dein Du unter lauter Masken – Maske war
dein Angesicht war ganz entfernt – – -
mit Eifer hab ich dich verlernt.

Maske sein, hieß damals für mich äußerste Erschütterung der Glaubwürdigkeit, basierend auf der Annahme: 1 Körper – 1 Person – 1 Identität. Ganzheitlichkeit, Einheit, Abgeschlossenheit. Präzises Da-Sein. Verortet sein, gebürtig sein, nicht in Frage gestellt sein, richtig sein. Ich kann die Sehnsucht danach verstehen, und sehe wie die meisten kaum die Kräfte, die wirken müssen, damit Menschen und ganze Gesellschaften sich derart zusammenhalten.

Ich sehe aber den Energieaufwand, den ich verbrauche, um wer zu sein. In einem Prozess mit mir selber zu sein, Prozess als Entwicklung zu erfahren, zugleich mit der Bedeutung, mich selber beständig neu zu legitimieren, zu rechtfertigen. Wie innerhalb eines gerichtlichen Prozesses.

Das Wort ,,Person“, das mag ich jetzt aber.

Religiöse Herr-schaft. Dekonstruktion am Beispiel einer Freundschaft.

Inhalt: Religiöser Missbrauch, Ableismus gegenüber Traumatisierten, Gewalt, Kyriarchie, Heterosexismus

,,Das Wort sein bedeutet im Deutschen beides: Dasein und ihm-gehören.“
Franz Kafka

Tagebucheintrag aus dem Jahre 20__

Gestern, als Hendrik* gemeint hat, dass zum Glück nirgendwo in der Bibel steht, dass wir durch Gefühle errettet werden, ist Maria aufgestanden vom Tisch und zu einem anderen gegangen. Echt, ihr Verhalten ist ziemlich krass zurzeit. Ich habe es nie erlebt, dass jemand UNBERÜHRT von der You‘co heimgekehrt ist. Sie hat sich auch gleich am Samstag, als wir von der You‘co zurückgekehrt sind, abends mit Stefan getroffen.
Wieder scheint es, als würde ich bald eine Schwester verlieren. Ich bin überzeugt, dass sie nur in [Wohnort X] bleiben will wegen ihrer weltlichen Freunde. In [Wohnort Y], einer kleinen Gemeinde, wäre sie aufgefordert, am Gemeindeleben teilzuhaben; in [Wohnort X] aber verschwindet sie in der Masse. Sie will auch mit mir zusammen ziehen, aber das liegt wiederum daran, dass wir nie viel Gemeinschaft miteinander haben und dass ich wohl eher ihre weltlichen Freunde akzeptieren würde als andere Schwestern. In [Wohnort X] wird sie in ihrem Selbst bleiben. Ich brauch die anderen Geschwister in dieser Sache. Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohrfeige zu verpassen. Ich habe bei Hanna, Ruth und Rahel den Fehler gemacht, ihnen nicht zu zeigen, dass sie völlig im Selbst handeln. Aber – wenn der Herr seine Bestätigung dazu gibt – bei Maria werde ich mich nicht der Verantwortung entziehen. Sie ist völlig im Selbst. Sie verschläft den halben Tag und behauptet, sie hätte Schlafmangel. Sie geht nicht zur Versammlung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am selben Abend mit einem Kumpel zu treffen.
Außerdem gibt es noch einen anderen Punkt, den ich nicht richtig einordnen kann. Sie hängt sich vielzusehr an mich, und zwar auf eine Weise, die die Alarmglocken in meinem Kopf schrillen lässt. In der You‘co meinte sie plötzlich, was für eine besondere Augenfarbe ich hätte. Solche Dinge helfen nicht gerade, ihre Nähe auszuhalten.
Und in Sachen Josef ist sie völlig nihilistisch, ich meine sie war mit dem Kerl drei Jahre lang zusammen, und jetzt redet sie nicht mehr mit ihm, kümmert sich nicht um ihn. Mit ihm habe ich schon geredet und seine Sicht kann ich gut verstehen; ihn irritieren ihre Selbstmordgedanken. Da ist er nicht alleine.

*Namen und Wohnorte geändert/unkenntlich gemacht

Das ist ein Tagebucheintrag, den ich kurz nach der Jugendkonferenz meiner Gemeinde vor einigen Jahren geschrieben habe. Ich hatte gerade das Abitur hinter mir mit einer zufriedenstellenden Note; ich wartete auf die Briefe der Universitäten, bei denen ich mich beworben hatte. Ich war auf dem Höhepunkt meiner christlichen Glaubenskarriere. Selber beschrieb ich das mit ,,endlich gelernt zu haben, was es heißt, sein Selbst aufzugeben.“

Was dieser Text bedeutet und was ich heute für mich und vielleicht für andere daraus ziehen kann, möchte ich jetzt analysieren. Ich werde so vorgehen, dass ich ihn Satz für Satz auseinandernehme und kommentiere, mit meinem heutigen politischen Wissen beurteile und vergleiche. Diesen Ansatz können andere ,,Analyse“ nennen; ich mag das Wort ,,Dekonstruktion“ lieber, also zugleich Zerstörung und Aufbau; und habe das als Ansatz von Ana Mardoll: deren Literaturkritiken ich nur jeder empfehlen kann.

Ich nehme einen Tagebucheintrag von mir, weil ich es für wichtig halte, Sexismus, Rassismus, Heterosexismus, Kyriozentrismus, Ableismus etc. nicht immer nur an anderen Menschen zu kritisieren und sich an ihnen abzuarbeiten. Der Kampf gegen alle möglichen Ismen muss in jedem Menschen neu vollzogen werden; die eigenen Abgründe zu entdecken, den eigenen Anteil an der Reproduktion der Gesamtscheiße; um die Dimension zu begreifen, in der wir alle davon durchdrungen sind. Audre Lorde schrieb einmal über die Ausgrenzungen innerhalb feministischer Gruppen gegenüber schwarzen, armen, lesbischen, alten Frauen den wunderbaren Text ,,The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House“ (als Sinnbild etwa: Die Werkzeuge des Patriarchats werden das Patriarchat nicht zerstören). In diesem Sinne möchte ich sagen: Damit Kritik dann letztendlich tatsächlich wirksam wird, weil wir, die wir den Umgang mit diesen Werkzeugen verinnerlicht haben, fähig werden, ihre Anwendung zu erkennen: bei uns selber wie auch bei anderen. Um neue Wege zu finden und einen Widerstand zu kreieren, der zum Abriss des Patriarchats dann letztendlich auch beiträgt und ein gutes Leben für alle ermöglicht.

Ich beginne einfach mal Stück für Stück.

Gestern, als Hendrik gemeint hat, dass zum Glück nirgendwo in der Bibel steht, dass wir durch Gefühle errettet werden, ist Maria aufgestanden vom Tisch und zu einem anderen gegangen. Echt, ihr Verhalten ist ziemlich krass zurzeit. Ich habe es nie erlebt, dass jemand UNBERÜHRT von der You‘co heimgekehrt ist.

Maria ist eine meiner besten und zumindest auch meine langjährigste Freundin. Sie ist in der Gemeinde aufgewachsen; während ich durch sie dazukam, als ich 14 Jahre alt war. Sie war anerkannt in der Gemeinde; später hatte sie aber ein traumatisches Erlebnis während ihrem FSJ, was zu einem Einbruch ihrer bisher linearen Beziehung zur Gemeinde und zu Gott führte. Durch sie in die Gemeinde gekommen, wurde ich immer mit ihr assoziiert; ihr ,,Schatten“, wie mich andere z.t. nannten. Lange Zeit wurde ich nur mit ihr und nie alleine eingeladen. Während sie dann den Bruch erlebte, genoss ich langsam schon etwas Ansehen; eine andere Freundin aus der Gemeinde hatte erfolgreich dazu beigetragen, mich besser zu integrieren und ich heimste langsam die Früchte einer jahrelangen entbehrungsreichen Arbeit ein.

Hendrik war ein junger Mann, der zu denen gehörte, die die Jugend leiteten. Gerade bei gemeinsamen Essen mit vielen Jugendlichen kommt es vor, dass diese geistlichen ,,Hirten“ sich irgendwo dazusetzen oder sich eine Gruppe um sie schart und dann haben sie Gemeinschaft und teilen ihre Erfahrung mit den Jüngeren oder weniger Geistlichen. Geistlich steht in meiner Gemeinde als ein Synonym für ,,alles, was von Gott ist“. Alles andere ist Mist (wortwörtlich nach Paulus). Schon in der Art, wie dich diese Männer – es waren immer Männer –, ansprechen, kannst du erkennen, auf welcher geistlichen Stufe du dich wohl befindest. Erstrebenswert ist es, während so einer Gemeinschaft selber viel auszuteilen und beizutragen. Wer Verantwortung übernimmt, wird nicht als unmündig betrachtet. Diese Leiter, die sehr viel Zeit dafür aufbrachten, sich um die anderen zu kümmern, waren auch diejenigen, die die Anerkennung gaben. Welche also schaffte, nicht nur etwas zu sagen, sondern die Leiter zu beeindrucken, diese bekam zusätzliche Anerkennung.

,,Dass nicht Gefühle uns erretten“: Innerhalb der christlichen Logik ist das durchaus eine befreiende Aussage, davon auszugehen, dass Menschen nicht gerettet sind, weil sie sich ,,gerettet fühlen“, wenn sie mal einen guten Tag haben, sondern durch eine einmalige Entscheidung, dem Bekenntnis zu Gott und Jesus, für immer gerettet sind. In manchen christlichen Strömungen hält die Ungewissheit über den Status des eigenen Heils Menschen bei der Stange und in den Kirchengemeinden. Meine Gemeinde hat da einen cleveren Trick eingesetzt, um Vorteile von Gewissheit und Furcht zugleich einzuheimsen: Es gibt einfach zwei Arten von Errettung! Die eine wird erlangt durch das Bekenntnis und gilt als geistlicher ,,Startschuss“, die andere wird durch Anstrengung erlangt und symbolisch als ,,Wettlauf“ gesehen. Mit der einen entgehst du dem ewigen Tod, mit der zweiten bekommst du eine Zusatzbelohnung von etwa tausend Jahren Herrschaft auf Erden.

Zu dem ganzen Komplex gehört natürlich dazu, wie negativ in meiner Gemeinde das Wort ,,Gefühl“ ist. Gefühl ist Irrationalität und alte Menschlichkeit, Wahn und Verzerrung der ,,nüchternen“ und ,,objektiven“ Weltwahrnehmung. Negative und positive Gefühle werden in meiner Gemeinde kritisiert, weil ihre Quelle die Seele des Menschen ist und nicht der Geist, also der Teil in uns, wo Gott wohnt. Je nachdem wird auch manchmal kritisiert, dass zum Beispiel die Jugend ,,zu nüchtern“ sei und nicht ,,auf die Stühle springe“ wie die Älteren anno dazumal. Diese verschiedenen Signale zu senden, um einerseits Gefühle abzuwerten, andererseits zu disziplinieren, wo jemand sich nicht von der Botschaft eingenommen und bewegt genug zeigt, trägt zum wirren Verhältnis vieler zu ihrem Innenleben bei.

Auf Gefühle ist nicht Verlass, weil auf Menschen nicht Verlass ist. Du kannst

1. dich nicht auf dich selbst verlassen, deinem Gefühl und deiner Intuition nicht trauen, was das Selbstbewusstsein dauerhaft einschränkt

2. nicht anderen Menschen trauen und ihren Gefühlen dir gegenüber, was auf Dauer zu Entsolidarisierung führt. Freundschaft und Liebe von Menschen kann nur Abklatsch dessen bleiben, was Gott dir bietet. Ermutigt wird deshalb, nur innerhalb der Gemeinde Liebesbeziehungen zu führen. Freundschaft, diese verräterische Bindung zweier Menschen die auf nichts als Zuneigung beruhen kann, wird meistens abgelehnt, untereinander nennen sich Menschen lieber ,,Geschwister“ um darzustellen, dass Gott der Vater sie alle verbindet und nicht etwa ihre vergängliche Zuneigung oder Gemeinsamkeiten außerhalb Gottes und der Gemeinde.

Was Maria da also getan hat: aufzustehen, innerhalb dieses Rahmens, und wegzugehen, ist groß. Sie verwehrte sich der Abwertung der eigenen Gefühle. Sie verwehrte sich teilzunehmen an einem sozialen Spiel, durch das sie in der Achtung anderer steigen würde. Beide waren wir beobachtet durch den Jugendleiter. Ihr Weggehen definierte sie klar zu der weniger geistlichen Person. Was mich zu der besseren machte. Und ich habe das genossen. Nicht offen, nichtmal bewusst. Ihr Verhalten wirkte auf mich wie ein Regelverstoß. Innerliches Naserümpfen. Ich konnte mich endlich von ihrer Person abgrenzen und dadurch endlich auch Bewerterin sein und nichtmehr nur Bewertete.

Ich habe es nie erlebt, dass jemand UNBERÜHRT von der You‘co heimgekehrt ist.

Unberührt von der You‘co, der Konferenz für die 15-30Jährigen, heimzukehren, ist ein Makel sondergleichen. Um ihren besonderen Charakter darzustellen, gab es irgendwann eine Namensänderung: Damit niemand drauf kommt, dass das so ne Art lockere Jugendfreizeit sei, wurde sie ,,Zurüstung“ genannt. Benutzt wurde der Name dauerhaft nur von den Leitenden; aber es symbolisiert schön, was die You‘co sein soll: Aufrüstung für die Soldaten Gottes. Sie ist ein Kollektivereignis für junge Menschen, die ihre geistlichen Muskeln spielen lassen, sich in Ekstase beten und singen. Eine wichtige andere Funktion hat sie als Raum für Balz, der mit der Selbstpräsentation verbunden ist: Hier entstehen zukünftige Ehepaare. Alles in allem das soziale Ereignis für junge Menschen in meiner Gemeinde.

„Berührt werden“ ist dabei ein gängiges Schlagwort in meiner Gemeinde, das nichts anderes bedeuten soll als eine direkte Berührung von Gott, etwa durch einen Vers, ein Gebet, einen Psalm, die heilend, errettend sein soll und ihren Ursprung vermutlich in der Geschichte der blutflüssigen Frau birgt, die Jesus mit einer einzigen Berührung seines Gewandes von der jahrelangen Krankheit befreit. In einer You‘co mit zwei Hauptversammlungen, einer persönlichen Gemeinschaft, einer Kleingruppe sowie Gebet am Abend und das alles PRO TAG sowie all den informellen Gemeinschaften beim Essen und Draußensitzen bleibt niemand unberührt, schon allein wegen der Erschöpfung und des sozialen Drucks.

Sie hat sich auch gleich am Samstag, als wir von der You‘co zurückgekehrt sind, abends mit Stefan getroffen.

Töröö. Der Beweis der geistlichen Unzulänglichkeit meiner Freundin wird mit einem weiteren Argument befestigt: NIEMAND trifft sich direkt nach der You‘co mit ,,weltlichen“ Freunden. Niemand. Das ist Verunreinigung. Auf Dauer kann das Konstrukt der Gemeinde, ihre Wertvorstellungen und ihr Regelwerk nur aufrechterhalten werden, wenn es nicht andauernder Kritik ausgesetzt wird. Und dazu gehört schon, Alternativen zu kennen, über andere Themen zu reden, mit Wertvorstellungen anderer Menschen in Berührung zu kommen, eben Freund*innen aus der Welt zu haben. Freundschaft mit dieser Welt ist Feindschaft gegen Gott. Jakobus 4:4. Gerade auch nach der You‘co befinden sich die meisten in einer Art hochgeistlichem Stadium, in der oftmals lauthals bedauert wird, jetzt wieder zurück in die Welt zu müssen sowie zu proklamieren, die eigenen Freunde nur deshalb sehen zu wollen, um ihnen das Evangelium zu predigen. Die „Welt“ steht hier übrigens als Synonym für alles, was nicht Gott und nicht Gemeinde und was damit gleichzeitig von Grund auf schlecht ist.

Wichtig ist auch, dass Maria einen Freund treffen will, männlich. Man stelle sich den Film ,,Harry und Sally“ religiös umgesetzt vor. Frauen und Männer können nicht befreundet sein. Weshalb jedes Alleinsein zweier Menschen verschiedenen Geschlechts unterbunden werden muss. Nein, nicht durch Strafen. Durch innere Disziplin. Jede und jeder darf seine Grenzen natürlich selber setzen. Aber wir sehen es gerne, wenn ein Junge und ein Mädchen sich zum Beispiel nicht alleine zusammen in einem Raum befinden. Oder auf einer Autofahrt. Sich vorsätzlich zu treffen, ohne dass andere Menschen dabei sind, kommt quasi vorehelichem Geschlechtsverkehr gleich. Es ist kein Witz, dass Maria mal mit einem Freund unterwegs war und in der Stadt einer älteren Dame aus meiner Gemeinde begegnet ist, die später Marias Vater angerufen hat, um herauszufinden, ob Maria die Nacht noch nach Hause gekommen ist.

Wieder scheint es, als würde ich bald eine Schwester verlieren. Ich bin überzeugt, dass sie nur in [Wohnort X] bleiben will wegen ihrer weltlichen Freunde. In [Wohnort Y], einer kleinen Gemeinde, wäre sie aufgefordert, am Gemeindeleben teilzuhaben; in [Wohnort X] aber verschwindet sie in der Masse. Sie will auch mit mir zusammen ziehen, aber das liegt wiederum daran, dass wir nie viel Gemeinschaft miteinander haben und dass ich wohl eher ihre weltlichen Freunde akzeptieren würde als andere Schwestern. In [Wohnort X] wird sie in ihrem Selbst bleiben.

Dieser Absatz ist so hochmütig, dass ich kotzen könnte. Nicht ein einziges verdammtes ,,Vielleicht“ oder ,,könnte sein“ habe ich hier reingesetzt. So überzeugt von der eigenen Vollkommenheit, so überzeugt von Marias ,,Fall“. Sie ist übrigens im Gegensatz zu mir immer noch in der Gemeinde, nur um euch mal einen Realitätscheck zu geben.

Alles, was Maria tut, spricht natürlich gegen sie. Dass sie in [Wohnort X] bleiben will, einer sehr großen Gemeinde mit vielen verschiedenen Menschen und Gelegenheiten, sich untereinander zu treffen, kann in meiner wirren ,,Maria ist gefallen“-Logik nichts Positives bedeuten.Sie will natürlich nur wegen ihrer Freunde im Ort bleiben, weil sie weiterhin ihre ungesunden Beziehungen führen und in der Gemeinde nichts beitragen will. Solange sie da ist, sichtbar und anwesend, muss sie nicht mit viel tun, um dazuzugehören. Sie genießt also Vorteile beider Welten. Ich, als Heimsozialisierte, konnte mir das nicht leisten: Im Gegensatz zu ihr hatte ich keine Rückbindung an einen Vater, der auch in der Gemeinde ist und durch den sie weiterhin immer Teil der Gemeinde bleiben wird, was sie auch tut. Ich musste mich zeigen und agieren, um anwesend zu sein. Ich war neidisch auf ihre Freiheit und mein Text zeigt gut, wie ich mich hier an eine Norm anpasse, die mir selber Gewalt antut – um belohnt zu werden, indem ich teil daran habe, anderen diese Gewalt anzutun.

Auch, dass sie mit mir zusammenziehen möchte, kann und bin ich nicht bereit so auszulegen, dass Maria mich mag, dass ich eine ihrer engsten Vertrauenspersonen bin. Es ist Geheimnis dieser geistlichen Entsolidarisierung, dass Menschen ihre gemeinsame Geschichte nicht als vertrauenswürdig einstufen; alles wird durch den Filter der Geistlichkeit gesehen und was nicht einem gewissen geistlichen Kapital zugute kommt, ist schlecht: für die einzelnen Menschen, für die Beziehung und natürlich auch für die Beziehung jeder einzelnen zu Gott. D.h. Maria wäre bereit mich auch mit ins Verderben zu reißen durch den Einfluss ihrer persönlichen Beziehung zu mir, einfach nur weil sie Freunde da draußen hat. So der Gedankengang.

In [Wohnort X] wird sie in ihrem Selbst bleiben. Ich brauch die anderen Geschwister in dieser Sache. Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohrfeige zu verpassen. Ich habe bei Hanna, Ruth und Rahel den Fehler gemacht, ihnen nicht zu zeigen, dass sie völlig im Selbst handeln. Aber – wenn der Herr seine Bestätigung dazu gibt – bei Maria werde ich mich nicht der Verantwortung entziehen. Sie ist völlig im Selbst. Sie verschläft den halben Tag und behauptet, sie hätte Schlafmangel. Sie geht nicht zur Versammlung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am selben Abend mit einem Kumpel zu treffen.

Dreimal ,,im Selbst“. Dreimal ein Vorwurf, der in meiner Gemeinde als Herrschaftsinstrument eingesetzt wird, um Menschen jegliche Autorität und Aussagekraft über ihren persönlichen Glauben und über ein verantwortungsvoll geführtes Leben abzusprechen. Dazu habe ich in meinem Bericht ,,Fromme Jugend“ bereits schon was geschrieben und will das jetzt nicht ausführen. Aber es hat eine ähnliche Wirkung wie diese Aussage1 von Spock. Zugegeben, das verlinke ich, weil Spocks Anblick nach soviel belastendem Geschreibe ganz nett wirkt …

Ich brauch die anderen Geschwister in dieser Sache.

Das ganze ist also ausgewachsen zu einer ,,Sache“, zu einem Problem, das unbedingt behandelt werden muss. Und die Geschwister und ich verschmelzen dabei zu einem ,,Wir“, während meine Freundin die andere ist, nicht zum Wir gehört; das ,,Wir“ hier ist mündig und übernimmt Verantwortung; Maria ist unzurechnungsfähig, eine geistlich Kranke, die versorgt werden muss. Gleichzeitig zeige ich: Ich verlasse mich nicht auf meine Kraft, ich brauch die anderen; wieder ein Beweis meiner demütigen Unterordnung unter das Kollektiv und ihr Gemeinwohl.

Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohrfeige zu verpassen.

Das ist der schlimmste Satz. Die Drohung, meiner Freundin Gewalt anzutun, weil sie nicht ,,Schritt hält“, weil sie sich nicht anpasst. Damit zu kokettieren, weil ich sie in einem Wahn meine, durch den nur eine ,,gesunde Ohrfeige“ sie wieder rausbringt. Weil ich weiß, zu was Menschen fähig sind, lehne ich deshalb auch Nazivergleiche ab. Jedes Verbrechen an einem Menschen steht für sich und braucht keine Vergleiche (zur vermeintlichen Bewertung); v.a. nicht wenn getan wird, als ob es das eine spezielle Niveau gäbe, auf das natürlich Niemand Von Uns hinabsinken würde. Alltäglich haben wir doch Anteil an Unterdrückung, die Gruppen auf einzelne ausüben, Mehrheiten gegenüber Minderheiten, Marginalisierten, Entmündigten.

Aber – wenn der Herr seine Bestätigung dazu gibt -

Klar – ich war natürlich, im Gegensatz zu meiner Freundin, absolut gehorsam. Hatte mich der kyriarchalen Logik unterworfen, denn es gab nur die Wahl zwischen zwei Arten von Sein: Gottes Herrschaft oder Herrschaft des schlechten Lebens/der Sünde/der Feinde Gottes. Und damit keine wirkliche Wahl. Und selbst wenn mein ,,gesunder Menschenverstand“ mir sagte, Maria treibt es zu weit; ich würde selbst dieser Eingebung nicht trauen und soweit warten, bis Gott selber mir das Okay dafür gibt, sie zurechtzuweisen. Uärr, hallo, autoritäre Persönlichkeit. Das Wort ,,Herr“(kyrios) steht hier bezeichnend für die kyriozentrische Hingabe meinerselbst und wird in meiner Gemeinde sehr viel öfter als ,,Gott“ benutzt.

Sie verschläft den halben Tag und behauptet, sie hätte Schlafmangel. Sie geht nicht zur Versammlung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am selben Abend mit einem Kumpel zu treffen.

Was ich meiner Freundin hier auch nicht verzeihen konnte, war, dass sie offensichtlich etwas Schlimmes erlebt hatte – und dann damit darauf reagierte, sich auszuruhen und sich den Stress nicht mehr zu geben. Für mein Verständnis ein unheimlicher Luxus. Ich schwanke da zwischen ,,Hätte ich mir nie erlauben können“, ,,Wäre nie drauf gekommen, dass meine negativen Erfahrungen Grund genug sind, mich ausruhen zu dürfen“ und ,,Sie darf nicht, was ich auch nicht durfte“.

Außerdem gibt es noch einen anderen Punkt, den ich nicht richtig einordnen kann. Sie hängt sich vielzusehr an mich, und zwar auf eine Weise, die die Alarmglocken in meinem Kopf schrillen lässt. In der You‘co meinte sie plötzlich, was für eine besondere Augenfarbe ich hätte. Solche Dinge helfen nicht gerade, ihre Nähe auszuhalten.

Ein KLASSIKER. So stark nach Lehrbuch, dass ich zweimal lesen musste, weil es mich so verblüffte – und wieder so wenig verblüffte. Als ich diesen Text schrieb in mein Tagebuch, wusste ich bereits seit mehreren Jahren, dass ich lesbisch war. Und ich hatte mich auch in diesem Punkt entschieden, Gottes Willen leben zu wollen- was für mich damals bedeutete, es nicht zuzulassen. Unterdrückte Homosexualität, die ich als Homophobie gegen andere richtete; mein eigenes Begehren auf andere projizierte, um es in ihnen zu fürchten und zu hassen. Überrascht war ich, weil mir dieses Phänomen bereits damals bekannt gewesen war; hatte ich damals nicht gesehen, was ich da schrieb? War es mir einfach egal?

Und in Sachen Josef ist sie völlig nihilistisch, ich meine sie war mit dem Kerl drei Jahre lang zusammen, und jetzt redet sie nicht mehr mit ihm, kümmert sich nicht um ihn. Mit ihm habe ich schon geredet und seine Sicht kann ich gut verstehen; ihn irritieren ihre Selbstmordgedanken. Da ist er nicht alleine.

Öhm, was ich mit nihilistisch hier meine, hat wohl nichts mit ,,dem“ Nihilismus zu tun. Vermutlich beziehe ich mich auf eine Art ,,abseits jeder bisherigen Vorstellung von dem, was sich ziemt“. Und das war es, wenn eine Frau sich nicht um ihren Freund kümmert, jede Beziehungarbeit plötzlich fallen lässt, „nur“ weil es ihr selber schlecht geht …

Marias Depression, ihr Trauma wurden nicht ernst genommen. Vermutlich am allerwenigsten von mir, die ich es mit meinen eigenen traumatischen Erfahrungen ,,verglich“ und sie denen unterordnete. Und wie konnte sie einfordern, ernstgenommen zu werden mit ihrem Leiden, wenn ich doch bestimmt Schlimmeres erlitten hatte und dies auch niemand wahrgenommen hatte? Oppression Olympics, und das in einer Freundschaft.

  1. Transkribiert und ins Deutsche übersetzt: Spock junior: ,,Und wenn ich nicht gleicher Meinung bin, muss ich nur: Unlogisch! sagen, um die Diskussion zu gewinnen?“ Spock senior: ,,Es funktioniert jedes Mal.“ [zurück]

Queerfestival Copenhagen, Bericht von @franziska_

„Queer muss radikal antirassistisch und nicht nur ein bisschen kritisch-weiß sein. Queer muss Trans_identitäten konsequent affirmieren und Biologismen und Essentialismen plattmachen. Queer muss Bisexualität als Ganzes akzeptieren und sich gegen die Fremdwahrnehmung von Homo-Hetero-Doppelidentität und die Marginalisierung von Bisexualität positionieren.“ Von Anarchieundlihbe

Veganer*innen und Fleischkonsument*innen in der politischen Zusammenarbeit

Steffi fragte intern herum, wie wir mit den verschiedenen politischen Haltungen in der takeoverbeta-Redaktion umgehen wollen. Sie bezog sich dabei u.a. speziell nochmal auf den Antispeziesismus, der innerhalb der Gruppe in dieser Art nur von mir vertreten wird. Interessante Fragestellung. Ich habe bereits hier schonmal über Bündnisarbeit und deren Schwierigkeiten geschrieben. Kiturak wollte mit mir am Wochenende in Mainz darüber diskutieren, ob es blöd für mich ist, dass die meisten von takeover.beta keine Veganer*innen sind. Mich hat das geärgert und ich war auch nicht vorbereitet; zuoft reicht es den Leuten von meinem Vegansein zu erfahren, um daraus ’ne Riesendiskussion zu konstruieren, weil ich ja Fleischesser*innen Von Grund Auf™ verachten muss – – – (ja, Kiturak hats nicht so gemeint, aber ich hab solche Auseinandersetzungen einmal zu oft erlebt). Hier mal meine Gedanken zum Antispeziesismus und zur veganen Ernährung:
Ich kann und will Menschen nicht vorschreiben, was sie essen sollen. Gerade bei Frauen* gibt es historisch und aktuell immer wieder Bestrebungen, ihnen ihre Ernährungsweise und ihr Verhältnis zu ihrem Körper vorzuschreiben; sowie ihnen Ekel vor dem Essen zu bereiten, das sie zu sich nehmen. Für mich geht es weniger um Kritik am individuellen Konsum, sondern um die strukturelle Ausbeutung von Tieren (damit beziehe ich mich im weiteren Text auf nichtmenschliche Tiere) in unserer Gesellschaft, die im derzeitigen System darauf beruht, aus Tieren und Tiererzeugnissen Profit zu schlagen. Wobei individueller Konsum durchaus kritisierbar bleibt und ich auch an Boykott glaube, aber nur in der immanenten Logik des Kapitalismus, den ich gerne abschaffen würde. Mit moralischem Antispeziesismus kann ich derweil nichts anfangen; es bringt m.E. nicht, Menschen den Verzehr von Fleisch zu verbieten, wenn es ihre Ernährungsgrundlage darstellt (also geradez.B. in Hirtenkulturen) oder ewige Diskussionen darüber zu führen, ob das Leben eines befreundeten Hundes jetzt mehr wert sein soll als das eines fremden Menschen. Ich halte nichts von Singers Thesen alá ,,Tiere sind weniger wert für uns, deshalb beuten wir sie aus“, sondern bin da eher historische Materialistin und meine, Tiere sind weniger wert für uns, WEIL wir sie ausbeuten. Die speziesistische Ideologie dient also nur zur Legitimierung der Handlungen, die wir bereits schon lange an Tieren ausführen und ist nicht der Grund für diese Handlungen.
Genauso glaub ich nicht, dass ethischer Vegetarismus und Veganismus einfach so in den Köpfen der Menschen aufgetaucht ist, weil wir plötzlich alle so tierfreundlich geworden sind; sondern dass diese auf einer ökonomischen Grundlage basieren: Industriell sind wir heutzutage in Deutschland in der Lage, uns fleisch- und tierproduktfrei zu ernähren. Einer der größten Feinde ist also für mich die Massentierhaltung; und der heutige Tierschutz damit nur eine andere Form, Ware zu schützen. Ein Beispiel dafür sind Betäubungen an Schlachttieren. Ist ja nett gemeint, Tiere nicht leiden zu lassen, wenn sie getötet werden. Aber die Unfähigkeit, zu schreien, sich zu wehren, als Lebewesen sich erkenntlich zu machen, macht das betäubte Tier im Tötungvorgang warenförmiger. Es ist eine entsetzliche Form von ,,Humanismus“, die Tierschützer*innen da erkämpfen und immanent sehe ich da auch keine andere ,,Lösung“, außer durch individuellen Konsum die Ausbeutungsmaschinerie zu boykottieren. Auf Bio- und Ökofleisch zu setzen, ist für mich auch keine Lösung, da Fleischessen dann wieder zu einem Privileg der Reicheren unserer Gesellschaft wird (mal ganz abgesehen davon, dass das auf der halben Welt immernoch so ist). Ausdruck dessen bei jedem Gammelfleischskandal ist dann die Phrase in gewissen Artikeln, wer Billigfleisch kaufe, sei ja selber Schuld. Verschiedene Klassismen in dem Umgang mit Ernährung gilt es zu hinterfragen, sei es von den Vertreter*innen aus der Bio- und Ökoecke, sei es, dass Vegetarismus und Veganismus eine neue Form der Distinktion darstellt, um sich von „barbarischen proletarischen Fleischesser*innen“ zu distanzieren.
Was ist also meine Hoffnung? Ich hoffe dass es ein Ende der Massentierhaltung geben wird, dass Veganismus keine teure Alternative, sondern eine für alle Menschen zugängliche Selbstverständlichkeit wird. Ich glaube daran, dass das auch starke Auswirkungen darauf hat, wie wir über Tiere denken werden in Zukunft. Ich hoffe, dass Menschen und Tiere in einer Welt, in der Menschen den Lebensraum von nichtmenschlichen Tieren rauben, miteinander leben lernen. Ich wünsche mir, dass Tieren ein eigenständiges Leben zugestanden wird, wozu gehört, dass wir anerkennen, dass Tiere nicht für uns da sind, weder als die Bärchenwurst auf unserem Teller noch als Kuscheltiere in unseren Häusern.
Und natürlich wird es Momente geben, wo ich mich über Fleischesser*innen ärgere. Oder über massenhaftes Rumschicken süßer Katzenbilder, die Tierliebe zu manifestieren scheint, aber für mich [manchmal] nichts anderes bestätigt als ein seltsames Mensch-Tier-Verhältnis, in der willkürlich die einen Tiere auf- und die anderen abgewertet werden.
Deshalb arbeite ich trotzdem weiterhin mit Fleischesser*innen zusammen, auch hier bei takeover.beta und auch in weiteren, v.a. antikapitalistischen Zusammenhängen. Sollte aber von Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, negiert werden, dass es soetwas wie eine strukturelle Ausbeutung von Tieren gibt und dies in der Ausarbeitung von Forderungen und/oder Selbstverständnissen innerhalb einer politischen Gruppe immer wieder unterschlagen werden, oder wird über Utopien spekuliert, in denen wieder und wieder nichtmenschliche Tiere keinen Raum haben sollen, dann werde ich jetzt und in Zukunft die Zusammenarbeit mit solchen Menschen überdenken und in den meisten Fällen abweisen. Das ist keine Drohung, sondern die Konsequenz, die ich daraus ziehen muss, dass ich meine politische Arbeit ernst nehme.

Edit: Die meisten meiner Gedanken und Eindrücke verdanke ich dem Buch: ,,Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen: Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere“(Hrsg: Susann Witt-Stahl).

Intersektionalität: Von Brücken und Grenzen, am Beispiel der Tierbefreiungsbewegung

Hatte neulich ne Diskussion auf Twitter über Intersektionalität. Interessanterweise hatten die Personen, mit denen ich stritt, ähnliche Ansichten, aber was Aktionen betraf, sah das ganz anders aus. Ein Punkt war v.a.: eine Aktion/Kampagne, die nicht auf alle Formen von Herrschaft eingeht, gar nicht anfangen.
Ich hab jetzt zwei Jahre antispeziesistische Arbeit gemacht. Wir verstehen uns sozusagen als Brücke zwischen oftmals autonomen, radikalen ,,Fleischlinken“ mit anarchischen und emanzipatorischen Ansätzen einerseits und der Tierrechtsbewegung andererseits mit ihrem Rütteln am starren Mensch-Tier-Bild und der Forderung nach Tierrechten sowie veganer/vegetarischer Ernährung und Lebensweise. Für die einen sind wir menschenfeindlich, für die anderen linksextreme Spinner*innen. Die Kritik nach der einen Seite üben wir, weil Tiere in linken Theorien und Utopien einfach mal ausgeblendet werden, und nach der anderen Seite, weil sie Kapitalismus überall noch mitdenkt.
Es ist so schwer, die zwei zusammenzubringen! In der Tierrechtsbewegung gibt es wie auch in der Umweltbewegung religiöse wie rechtsradikale Gruppierungen (z.B. ist ,,Antispe“ in Italien v.a. als Nazigruppe bekannt GRUSELIG). Was dauernd nötig ist, sind Abgrenzungen unsererseits, mitunter mit dem Gefühl, wir tuen eigentlich nichts anderes als uns abzugrenzen. Dennoch ist diese Arbeit wichtig, das ist klar, ich will nicht mit PETA, mit Universellem Leben, ,,Heimatschützern“ und anderen Gruselgeschichten zusammenarbeiten. Andererseits wollen wir uns nicht einfach nur bei der Linken andienen und ständig deren Antirepressionsarbeit machen und für die vegane Vokü zuständig sein, sondern auch sie in Bezug auf Leben und Leiden von Tieren in unserer Gesellschaft sensibilisieren.
Zum Beispiel laufen derzeit Kampagnen gegen neue Schlachthäuser. Da gibt es dann Kollaborationen, die so aussehen können: Anarchistisch und herrschaftskritisch denkende Tierbefreier*innen arbeiten gemeinsam mit Bürgerinitiativen, denen es vor allem um die Erhaltung der Lebensqualität in ihrem Raum geht. Beide Gruppen sind sich eigentlich fremd; das einzige, was sie vereint, ist dieses Ziel: Schlachthof xy abzuschaffen. Beide lernen sich durch die Zusammenarbeit kennen, beide kämpfen für ihren Standpunkt innerhalb der Kampagne, beide gehen Kompromisse ein. Sie missverstehen sich und manchmal bekämpfen sie sich auch. Sie erreichen ihr Ziel oder nicht, manchmal mit, manchmal ohne die Bündnispartner.
Es gibt Ängste, dass das alles nur in Reformismus endet. Eine Abwärtsbewegung des Tierbefreiungsgedanken zu ,,bloßen“ Tierrechten bis zum gesetzlich verankerten Tierschutz, der vor allem ,,Warenschutz“ zu sein scheint. Um mal einen Menschen bei Twitter zu zitieren, mit dem*der ich über Veganismus diskutierte: ,,die kuh die aktuell leidet der nuetzt es nichts wenn sie weiss dass in diesem jahr 50 kuehe weniger leiden“[sic]. Aber was ist mit den 50 anderen Kühen, das sind doch Lebewesen, jedes für sich, nicht einfach nur ,,Exemplare“ ihrer Art. Ein Freund von mir bezog sich in einer ähnlichen Diskussion auf die Frauenbewegung. Die sei letztendlich auch daran gescheitert, dass sie sich von vielen Ansprüchen wegbewegt hat hin zu einem vor allem auf Forderung von Rechten beruhenden Kampagnenaktivismus. Dass gesetzliche Gleichstellung vieles bisher noch nicht gelöst hat, wissen wir. Aber dass es nur eine Verlagerung von Unterdrückungsmechanismen sein soll, wenn Frauen in unserer Gesellschaft zum Beispiel ökonomisch unabhängig geworden sind, und diese Tatsache nicht etwa auch ein befreiendes Moment hat, dieser Gedanke stört mich. Wer ökonomische Abhängigkeit kennt, weiß was ich meine: Es macht einen RIESEN Unterschied. Und natürlich: Es reicht nicht. Ich will die Befreiung aller. Ich erfahre aber in der Realität immer die Grenzen von Menschen und Aktionen und muss damit umgehen, auch mit meinen eigenen Grenzen. Und sehe kleine Ziele, die ich heute erreichen kann und weiß, dass ich dieses positive Feedback auch brauche, um nicht total auszubrennen.
Wie geht es euch damit? Seht ihr das alles ganz anders? Wie geht ihr mit der ,,Vermittler*innen“-Rolle um? Was heißt es für euch, aktiv zu werden, macht ihr Kompromisse? Und wie fühlt ihr euch damit?

Dieser Post erscheint auch bei takeover.beta.

Helfen Identitäten? Es wird persönlich.

Ich bin verloren in Begrifflichkeiten. Zurzeit durchsurfe ich mit Leidenschaft die US-amerikanische Blogosphäre und begegne all den Identitäten, mit denen sich Blogger bezeichnen: Sex-positive, fat-positive, Republikaner, schwarze Ghettolesben, schwule Ehemänner. Alle stecken ihr Revier, ihren Bereich ab und dann berichten sie – aus ihrer Perspektive. Und ich bemerke, dass diese Begrifflichkeiten in die deutsche Blogosphäre überschwappen; wir fangen an, von Klassismus zu reden, von Biphobie, von Critical Whiteness. Ich weiß nicht, ob wir Begriffe immer 1:1 aus dem US-amerikanischen Raum übernehmen können; ich glaube, wir vergessen manchmal, dass ,,drüben“ oftmals andere Diskurse geführt werden. In den USA gibt es die Auseinandersetzung um weiße Hautfarbe – schwarze Hautfarbe; hierzulande schaffen Türken Deutschland ab – und sind dabei doch auch weiß, diese Schlingel …

Ich überlege mir immer, ob ich jemals einen Blog beginnen sollte mit den Worten: Ich bin das und das und das, und ich kämpfe für dies und jenes. Ich fühle mich dann seltsam: narzisstisch vielleicht, zu sehr bemüht darzustellen, was ich bin. Ich weiß auch immer nicht, was diese Dinge dann letztendlich über mich aussagen. Aber ich wills versuchen.

Ich bin eine Frau. Ich bin Studentin. Ich bin Türkin. Meine Eltern sind Muslime, ich bin ab dem sechsten Lebensjahr in verschiedenen Kinderheimen aufgewachsen und wurde dort säkular erzogen. Ich wurde sexuell missbraucht. Ich war frühreif in meiner Entwicklung, dabei wollte ich immer ein Junge sein und habe meinen Körper gehasst. Mit 10 Jahren entschied ich mich gegen die Kultur meiner Familie, weil sie mich nicht in Ruhe Bücher lesen ließen. Stattdessen bekam ich Depressionen und schwänzte die Schule. Mit 14 Jahren entschied ich mich, Christin zu werden, auf der Jugendfreizeit einer Gemeinde, die sehr bibeltreu ist. Im Gemeindeleben, in dem ich sehr aktiv war, bemerkte ich ein paar Jahre später, dass ich Frauen liebe und habe das bisher immernoch keinem Menschen dort sagen können. Ich las Simone de Beauvoir und wurde Feministin. Ich las Rilke und wurde sentimental. Ich wollte immer Schriftstellerin werden und war in der Schule die Beste in Deutsch. Ich habe das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) und damit eine systemische Hormonerkrankung, für die es keine Gegenmittel oder Heilung gibt. Ich bin Tierrechtlerin und Veganerin und Single und bereits 15mal umgezogen. Und irgendwann wurde ich ’ne linke Zecke.
Lass uns mal drüber reden …

Was bin ich jetzt, wer kann mir das sagen? Nenne mir eine Selbsthilfegruppe oder eine Anlaufstelle, die das auffängt. Es bräuchte eine Selbsthilfegruppe FÜR DAS LEBEN. Was für eine Perspektive haben wir, wenn wir versuchen, unser ganzes Leben zusammenzufassen, das sich doch so schlecht in Begrifflichkeiten reduzieren lässt. Reichen Identitäten denn, um Menschen zu fassen? Welchen Namen gebe ich jetzt meinem Blog? Kann ich, der feministischen Bewegung treu, denn über alles Private berichten, als sei es politisch? Oder tue ich so, als sei nur das Private politisch, verkrümme meinen Blick in mich selber und feiere meine exzessive Subjektivität?

Ich bin für Identitäten, trotz allem. Ich liebe es, den Blog einer dicken, lesbischen Frau zu lesen, die mir sagt, ich bin okay, so wie ich bin. Solche Menschen schreiben Blogs mit einem Filter vor Augen, und sie filtern alles in ihrer Umgebung heraus, was dicke, lesbische Frauen betrifft. Ich halte mich manchmal immernoch für filterlos und glaube meinen Blick so neutral wie den der Tagesschau (okay, besser gesagt: ,,neutral“). Ich glaube aber, es tut mir gut und auch denen, die das hier lesen, transparent zu machen, wer eigentlich schreibt.

Euer Bäumchen