Körperbild

Magersucht

„Magersucht heißt, 24 Stunden am Tag mit der Person verbringen zu müssen, die du auf dieser Welt am wenigsten magst.“ Riots and Diets stellt klar, was Magersucht ist und was sie NICHT ist.

Hollywoodpärchengenerve Teil 2: Drop Dead Diva: Wo Sie froh ist, dass Er weiß, wo’s langgeht.

Inhalt: Körperbild, Diät, übergriffige Boyfriends

Achtung, Spoiler. „Drop Dead Diva“ war einige Zeit meine Abendbeschäftigung. Kurz der Inhalt: Model Deb Dobson stirbt bei einem Autounfall; ihre Seele kehrt aber zurück auf die Erde im Körper der am selben Tag angeschossenen Jane Bingum. So. Jane ist eine erfolgreiche, kluge Anwältin, die im Gegensatz zu Deb dick ist. Die neue Jane versucht sich an ihre Rolle zu gewöhnen, bekommt zur Beobachtung einen Schutzengel an die Seite gestellt und schmachtet Debs altem Partner Grayson hinterher. Die einzige Person, die noch von der ganzen Sache weiß, ist ihre beste Freundin Stacy.

Was ich an dieser Serie mag: Eine dicke Frau steht im Mittelpunkt. Auch wenn es zugegeben eine dünne Frau im Körper einer dicken Frau ist (das bekannte Sprichwort, anyone …?). Körperkomplexe werden recht bald am Anfang abgearbeitet; die neue Jane geht durch eine Phase von Selbsthass, versucht eine Diät zu machen. Sie gibt es bald auf und oh Wunder, no regrets. Sie lebt sich in ihrem Körper ein und bewegt sich ähnlich wie zu Deb-Zeiten: Sie versteckt sich nicht, spielt gerne mit ihren Haaren, läuft wie einst auf dem Laufsteg, lacht laut und gerne. Ich mag es, wie anders sie dabei aussieht als die frühere Jane, die sich lieber so unauffällig wie möglich benommen hatte. Auch wird sie beim Essen gezeigt, immer wieder, auch von süßen Stückchen, und das alles ohne einen negativen Touch; jedenfalls nachdem sie den Diätgedanken aufgegeben hat. Hier genießt eine dicke Frau ihr Leben, geht voll in ihrem Beruf auf und ist dabei auch wirklich ein toller Charakter.

Zu ihrem Liebesleben: Am Anfang kann sie nichts anderes als immer wieder dem alten Partner Grayson hinterherstarren, der Mitarbeiter in derselben Kanzlei ist. Der lenkt sich aber recht bald schon nach Debs Tod mit anderen Liebschaften ab und scheint unzugänglich für die dicke Jane zu sein. Diese bekommt immer wieder schöne Augen von anderen Typen gemacht; die erste längere Sache bricht sie dann aber ab, weil sie in ihrem Herzen immer noch an Grayson hängt. So.

Irgendwann kommt dann der Richtige. Richter Owen French. Selber dick, wird sein Körperumfang aber nie Thema. Er ist sehr populär und genießt hohes Ansehen. Mitten in einem Prozess, in dem er und Jane beteiligt sind, sagt er, er will mit ihr essen gehen, was sie ablehnt wegen Unangemessenheit. Tja, und da zeigt sich schon, was ich an ihm nicht mag: Er weiß, was er will und er weiß anscheinend auch, was sein Gegenüber will. Er akzeptiert das erstmal nicht, und Jane muss mehrmals darauf bestehen, bevor sie dann flüchtet. Nachdem der Prozess vorbei ist, lädt er sie nochmal ein, sie lehnt nochmal ab; an der Tür bleibt sie stehen und überlegt es sich nochmal, als sie sich umdreht, steht er schon ausgehbereit da, er hat bereits gewusst, dass sie sich anders entscheidet. So geht es die meiste Zeit. Er bestimmt, er lenkt … und sie lenkt ein. Wenn sie etwas nicht will, redet er einfach länger auf sie ein mit autoritärer Papa-Haltung; als sie etwas länger mal auf ihn einredet, ,,unterbricht“ er sie einfach dadurch, indem er sie auf den Mund küsst. Ich hasse diese übergriffigen, als romantisch verkauften Kussunterbrechungen. Er nimmt ihren Willen nicht ernst, und sie wird so dargestellt, als ob sie das letztlich doch angenehm fände.

Dagegen steht Grayson, der zuletzt auch noch Gefühle für sie bekommt. Er hält immer respektvoll Abstand, auch als er sich in sie verliebt. Die erste „richtige“ Berührung, soweit ich mich erinnere, geht von Jane aus: Bei einer Heulattacke lehnt sie sich an ihn und er legt den Arm auf ihre Schulter. Das erinnerte mich daran, was Stephanie bereits über den „Bad Guy“ bei Vampire Diaries geschrieben hat. Zwar ist Grayson nicht wirklich als Bad Guy in Szene gesetzt; wie bei den meisten dieser Dreierkisten, in denen sich die Frau zwischen ,,Herz oder Verstand“ entscheiden muss, steht er für das, was ihr Herz will. Und das ist meistens nie der Nice Guy.

Veganismus meets Essstörung

Wie Essstörung und Veganismus zusammenhängen können, beschreibt Riots and Diets. Triggerwarnung für Esstörung und v.a. Bulimie gilt für den ganzen Blog. Link hier.

Ein weiteres Beispiel Fatshaming auf Facebook

Manche Veganer*innen werden langsam erschreckend „fit“ darin, dicke Menschen fertigzumachen. Kopfschüttel-Zitat des Tages: „es liegt uns nichts ferner, als Menschen auf Körpernormen zu reduzieren. Für alles weitere, siehe „Super Size Me“ :) “ Ja, der Film Super Size Me reduziert Menschen natürlich nicht auf den Umfang ihrer Körper – – –

TW: PETA und Fatshaming

PETA in Sachen Fatshaming und Sexismus wieder der absolute „Treffer“. Triggerwarnung, weil echt bescheuert.

Veganer*innen und Fleischkonsument*innen in der politischen Zusammenarbeit

Steffi fragte intern herum, wie wir mit den verschiedenen politischen Haltungen in der takeoverbeta-Redaktion umgehen wollen. Sie bezog sich dabei u.a. speziell nochmal auf den Antispeziesismus, der innerhalb der Gruppe in dieser Art nur von mir vertreten wird. Interessante Fragestellung. Ich habe bereits hier schonmal über Bündnisarbeit und deren Schwierigkeiten geschrieben. Kiturak wollte mit mir am Wochenende in Mainz darüber diskutieren, ob es blöd für mich ist, dass die meisten von takeover.beta keine Veganer*innen sind. Mich hat das geärgert und ich war auch nicht vorbereitet; zuoft reicht es den Leuten von meinem Vegansein zu erfahren, um daraus ’ne Riesendiskussion zu konstruieren, weil ich ja Fleischesser*innen Von Grund Auf™ verachten muss – – – (ja, Kiturak hats nicht so gemeint, aber ich hab solche Auseinandersetzungen einmal zu oft erlebt). Hier mal meine Gedanken zum Antispeziesismus und zur veganen Ernährung:
Ich kann und will Menschen nicht vorschreiben, was sie essen sollen. Gerade bei Frauen* gibt es historisch und aktuell immer wieder Bestrebungen, ihnen ihre Ernährungsweise und ihr Verhältnis zu ihrem Körper vorzuschreiben; sowie ihnen Ekel vor dem Essen zu bereiten, das sie zu sich nehmen. Für mich geht es weniger um Kritik am individuellen Konsum, sondern um die strukturelle Ausbeutung von Tieren (damit beziehe ich mich im weiteren Text auf nichtmenschliche Tiere) in unserer Gesellschaft, die im derzeitigen System darauf beruht, aus Tieren und Tiererzeugnissen Profit zu schlagen. Wobei individueller Konsum durchaus kritisierbar bleibt und ich auch an Boykott glaube, aber nur in der immanenten Logik des Kapitalismus, den ich gerne abschaffen würde. Mit moralischem Antispeziesismus kann ich derweil nichts anfangen; es bringt m.E. nicht, Menschen den Verzehr von Fleisch zu verbieten, wenn es ihre Ernährungsgrundlage darstellt (also geradez.B. in Hirtenkulturen) oder ewige Diskussionen darüber zu führen, ob das Leben eines befreundeten Hundes jetzt mehr wert sein soll als das eines fremden Menschen. Ich halte nichts von Singers Thesen alá ,,Tiere sind weniger wert für uns, deshalb beuten wir sie aus“, sondern bin da eher historische Materialistin und meine, Tiere sind weniger wert für uns, WEIL wir sie ausbeuten. Die speziesistische Ideologie dient also nur zur Legitimierung der Handlungen, die wir bereits schon lange an Tieren ausführen und ist nicht der Grund für diese Handlungen.
Genauso glaub ich nicht, dass ethischer Vegetarismus und Veganismus einfach so in den Köpfen der Menschen aufgetaucht ist, weil wir plötzlich alle so tierfreundlich geworden sind; sondern dass diese auf einer ökonomischen Grundlage basieren: Industriell sind wir heutzutage in Deutschland in der Lage, uns fleisch- und tierproduktfrei zu ernähren. Einer der größten Feinde ist also für mich die Massentierhaltung; und der heutige Tierschutz damit nur eine andere Form, Ware zu schützen. Ein Beispiel dafür sind Betäubungen an Schlachttieren. Ist ja nett gemeint, Tiere nicht leiden zu lassen, wenn sie getötet werden. Aber die Unfähigkeit, zu schreien, sich zu wehren, als Lebewesen sich erkenntlich zu machen, macht das betäubte Tier im Tötungvorgang warenförmiger. Es ist eine entsetzliche Form von ,,Humanismus“, die Tierschützer*innen da erkämpfen und immanent sehe ich da auch keine andere ,,Lösung“, außer durch individuellen Konsum die Ausbeutungsmaschinerie zu boykottieren. Auf Bio- und Ökofleisch zu setzen, ist für mich auch keine Lösung, da Fleischessen dann wieder zu einem Privileg der Reicheren unserer Gesellschaft wird (mal ganz abgesehen davon, dass das auf der halben Welt immernoch so ist). Ausdruck dessen bei jedem Gammelfleischskandal ist dann die Phrase in gewissen Artikeln, wer Billigfleisch kaufe, sei ja selber Schuld. Verschiedene Klassismen in dem Umgang mit Ernährung gilt es zu hinterfragen, sei es von den Vertreter*innen aus der Bio- und Ökoecke, sei es, dass Vegetarismus und Veganismus eine neue Form der Distinktion darstellt, um sich von „barbarischen proletarischen Fleischesser*innen“ zu distanzieren.
Was ist also meine Hoffnung? Ich hoffe dass es ein Ende der Massentierhaltung geben wird, dass Veganismus keine teure Alternative, sondern eine für alle Menschen zugängliche Selbstverständlichkeit wird. Ich glaube daran, dass das auch starke Auswirkungen darauf hat, wie wir über Tiere denken werden in Zukunft. Ich hoffe, dass Menschen und Tiere in einer Welt, in der Menschen den Lebensraum von nichtmenschlichen Tieren rauben, miteinander leben lernen. Ich wünsche mir, dass Tieren ein eigenständiges Leben zugestanden wird, wozu gehört, dass wir anerkennen, dass Tiere nicht für uns da sind, weder als die Bärchenwurst auf unserem Teller noch als Kuscheltiere in unseren Häusern.
Und natürlich wird es Momente geben, wo ich mich über Fleischesser*innen ärgere. Oder über massenhaftes Rumschicken süßer Katzenbilder, die Tierliebe zu manifestieren scheint, aber für mich [manchmal] nichts anderes bestätigt als ein seltsames Mensch-Tier-Verhältnis, in der willkürlich die einen Tiere auf- und die anderen abgewertet werden.
Deshalb arbeite ich trotzdem weiterhin mit Fleischesser*innen zusammen, auch hier bei takeover.beta und auch in weiteren, v.a. antikapitalistischen Zusammenhängen. Sollte aber von Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, negiert werden, dass es soetwas wie eine strukturelle Ausbeutung von Tieren gibt und dies in der Ausarbeitung von Forderungen und/oder Selbstverständnissen innerhalb einer politischen Gruppe immer wieder unterschlagen werden, oder wird über Utopien spekuliert, in denen wieder und wieder nichtmenschliche Tiere keinen Raum haben sollen, dann werde ich jetzt und in Zukunft die Zusammenarbeit mit solchen Menschen überdenken und in den meisten Fällen abweisen. Das ist keine Drohung, sondern die Konsequenz, die ich daraus ziehen muss, dass ich meine politische Arbeit ernst nehme.

Edit: Die meisten meiner Gedanken und Eindrücke verdanke ich dem Buch: ,,Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen: Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere“(Hrsg: Susann Witt-Stahl).

Kurz verlinkt: Laci Green

Gerade entdeckt: Laci Green, eine Frau, bei der es mich einfach schon glücklich macht, ihr zuzusehen. :-)

Ein Tag bei meiner Familie.

Schon seit langem hatte ich vor, über Themen wie Depression und Körperbild zu schreiben und denke, dass ich nun nach und nach versuchen werde, mich an sie heranzutasten. Mir fällt das schwer. Beides – Depression wie auch der Umgang mit dem Körper sowie Körper sein sind Schwierigkeiten, über die ich nicht unbelastet reden kann. Es gab Zeiten, wo ich mich bereits getriggert fühlte, wenn Menschen mir zeigten, dass sie mich als Körper wahrnahmen, so seltsam das auch klingen mag. Ich denke, ich verdanke das unter anderem der massiven Annahme eines Körper-Geist-Dualismus, der in der männlichen Philosophie und Weltliteratur gepredigt wurde. Unter anderem.

Meine Tante ist vierzig und vor kurzem Oma geworden. Sie hat drei Söhne, die ihr auf verschiedenste Weise Schwierigkeiten bereiten und einen liebevollen, aber abgearbeiteten Mann. Ich mag es sehr, sie zu besuchen; nach dem Umzug meiner Großeltern in die Türkei, die den bisherigen Haupt-Knotenpunkt in meiner Familie darstellten, sind sie für mich nun zur wichtigsten Anlaufstelle geworden. Mein Onkel ist ruhig und müde, wenn ich ihn sehe; meistens schauen wir uns gemeinsam eine türkische Serie an, in der viele Männer mit Schnauzer und Anzug und mafiösem Charisma herumlaufen und beeindruckende Worte sagen; da ich kein Türkisch verstehe, reicht es zu sagen, dass die Serie trotz allem ohne Worte verstanden wird!
Meine Tante hatte mir gefüllte Weinblätter zubereitet, vegan. Mein Veganismus war für meine Familie anfangs ein spannendes Thema; die Palette reichte von Kopfschütteln bis Bewunderung; interessanterweise gab es von ihrer Seite nie die Aggression, die ich zum Beispiel in meiner christlichen Gemeinde erlebte dem Thema gegenüber. Manche Veganer*innen können mir vermutlich in der Beobachtung zustimmen, dass bereits das bloße Erwähnen von tierproduktfreiem Leben und/oder Essen zu wütenden Äußerungen der Tischnachbar*innen führen kann. Lachen musste ich jedenfalls, als eine meiner Tanten mal sagte: ,,Aber da ist nur ein wenig Fleisch drin, das macht doch nichts!“ Ihre Schwester erinnerte sie daran, wie oft sie solche Aussagen von (zumeist) Deutschen hören mussten, wenn es um Schweinefleisch geht.
Wenn ihr Mann schlafen geht, reden wir zwei noch sehr lange. Was uns beide verbindet vor allem, ist das Verhältnis zu unseren Müttern: Es ist gestört. Während ich sehr früh ins Heim gekommen bin und erst später meine Mutter wieder neu kennenlernen musste, die mir immer ein bisschen fremd geblieben ist, ist sie bei ihrem Vater aufgewachsen, der neu geheiratet hatte und ihr gegenüber emotional distanziert war. Ich erzähle das, denn unsere Gespräche fingen immer so an, dass ich mich mal wieder nicht bei meiner Mutter gemeldet hatte und meine Tante mich ermahnte, dankbar zu sein. Sie weiß nämlich nicht mehr, wo ihre Mutter ist. ,,Sie ist siebzig, sie könnte im Altersheim sein, im Gefängnis oder krank, was soll ich machen? Ich find sie einfach nicht. Du hast wenigstens eine Telefonnummer deiner Mutter.“ Anderen Menschen kann ich so ein ,,Du hast wenigstens…“ schon auch übel nehmen. Ihr nicht. Sie war lange Zeit depressiv deswegen, erzählt sie mir. Immer und immer wieder musste sie daran denken: Wie wäre es eine Mutter gehabt zu haben, wie wäre es, umsorgt gewesen zu sein, geliebt, gehalten? Der Verlust bestimmte ihr Leben; gerade durch das Nichtdasein einer Mutter war der Archetyp der liebenden Mutter umso tiefer in ihr verankert. Ich kenne das Gefühl gut. Und ja, es ist unfair, dass ich das in diesem Maße nur von meiner (oder einer) Mutter erwartet habe; mein Vater hat sich keinen Dreck geschert und ich schere mich keinen Dreck um ihn.
Meine Tante ist dick geworden die letzten Jahre. Überall hört und liest sie, wie Frauen aussehen sollen. Sie zählte mir ganz viele Tipps und Tricks zum Abnehmen auf, so als brauche sie die Gewissheit, gesehen zu werden in der Bemühung, schlanker werden zu wollen. (Wieso fühlt sie den Druck, das beweisen zu müssen?) Ich werde dann immer ganz still. Wer als Laie anfängt, sich darüber zu informieren, wie frau am besten abnimmt, wird von einer Großreligion zur anderen gereicht werden, ihren Glauben finden und verlieren und entweder Atheistin oder – sehr verzweifelt. Vor allem: Oft hat frau nicht die Werkzeuge, sich gegen all die ,,Du sollst nicht“-Gebote zu erwehren. Und erlernt sie vielleicht auch nie. Meine Tante sitzt mir da also gegenüber und wirkt fragend und dann bemerke ich, dass sie darauf hofft, von mir als einer, die Zugang zu einer Bildung hatte, die ihr nicht ermöglicht worden war, Antworten zu bekommen. Und hier spüre ich mein Privileg.
Ich bin privilegiert, weil ich mir die Werkzeuge angeeignet habe und aneignen konnte, die es mir ermöglichen, ,,Nein“ sagen zu können zu vielen Anforderungen, die mir eine Gesellschaft stellt. Gott, geht’s mir gut. Wieviel mehr an symbolischem Reichtum an Bildern, Lebensentwürfen und Strategien wird mir ermöglicht, weil ich zum Beispiel ganze Blogosphären kenne, die sich mit Körperbildern beschäftigen, weil ich jeden Tag die verschiedensten Meinungen dazu hören und lesen kann, weil ich soviele Wege kenne, die mir Meinungsbildung ermöglichen über die verschiedensten Plattformen und Zugänge. Und da geht’s allein nur um die Frage, ob es okay ist, dick zu sein. Ja, das allein ist nicht selbstverständlich und für viele im Diskurs über Abnehmen nicht inbegriffen. Meine Tante sah lange Zeit nur die zwei Möglichkeiten: Entweder strengt sie sich an und nimmt ab – oder sie nimmt nicht ab, weil sie sich nicht genug angestrengt hat. Sie arbeitet jeden Tag in dem kleinen Laden, den die Familie betreibt. Sie stellen türkische Nudelwaren her. Täglich arbeitet sie sehr lange; danach kommt sie nach Hause, räumt überall auf, setzt sich mit ihrem Mann zusammen, wenn er heimkommt und nachts, wenn sie dringend Schlaf sucht, kann sie nicht schlafen: Zusehr beschäftigen sie all die Pflichten und die Gedanken um die Familie.
Dieser ganze Abnehmwahn ist neben vielen anderen Dingen vor allem klassistisch.
Menschen in prekären Lebensumständen werden mit einem Körperbild konfrontiert, dem sie nicht oder kaum entsprechen dürften, weil sie nicht die Zeit und die Ressourcen haben. Und es tut mir so weh, weil ich soviele sehe, die sich abstrampeln. Es ist eine Fail-Fail-Situation.

Einen frohen Anti-Diät-Tag noch. Ich bin dankbar, aber wem oder was gegenüber, meiner eigenen Privilegiertheit? Vielleicht dann doch eher den Menschen, die sich darum bemühen, dass solche wichtigen Gedanken verbreitet werden. Und ja, es gibt immer noch viele Hürden. Aber es ist einfach wichtig, trotz aller Rückschläge im Kopf zu behalten: Was viele Menschen anders machen würden, wenn sie nur wüssten, dass es Alternativen gibt. Und mit diesem Gedanken bin ich zumindest für heute etwas glücklich.

Helfen Identitäten? Es wird persönlich.

Ich bin verloren in Begrifflichkeiten. Zurzeit durchsurfe ich mit Leidenschaft die US-amerikanische Blogosphäre und begegne all den Identitäten, mit denen sich Blogger bezeichnen: Sex-positive, fat-positive, Republikaner, schwarze Ghettolesben, schwule Ehemänner. Alle stecken ihr Revier, ihren Bereich ab und dann berichten sie – aus ihrer Perspektive. Und ich bemerke, dass diese Begrifflichkeiten in die deutsche Blogosphäre überschwappen; wir fangen an, von Klassismus zu reden, von Biphobie, von Critical Whiteness. Ich weiß nicht, ob wir Begriffe immer 1:1 aus dem US-amerikanischen Raum übernehmen können; ich glaube, wir vergessen manchmal, dass ,,drüben“ oftmals andere Diskurse geführt werden. In den USA gibt es die Auseinandersetzung um weiße Hautfarbe – schwarze Hautfarbe; hierzulande schaffen Türken Deutschland ab – und sind dabei doch auch weiß, diese Schlingel …

Ich überlege mir immer, ob ich jemals einen Blog beginnen sollte mit den Worten: Ich bin das und das und das, und ich kämpfe für dies und jenes. Ich fühle mich dann seltsam: narzisstisch vielleicht, zu sehr bemüht darzustellen, was ich bin. Ich weiß auch immer nicht, was diese Dinge dann letztendlich über mich aussagen. Aber ich wills versuchen.

Ich bin eine Frau. Ich bin Studentin. Ich bin Türkin. Meine Eltern sind Muslime, ich bin ab dem sechsten Lebensjahr in verschiedenen Kinderheimen aufgewachsen und wurde dort säkular erzogen. Ich wurde sexuell missbraucht. Ich war frühreif in meiner Entwicklung, dabei wollte ich immer ein Junge sein und habe meinen Körper gehasst. Mit 10 Jahren entschied ich mich gegen die Kultur meiner Familie, weil sie mich nicht in Ruhe Bücher lesen ließen. Stattdessen bekam ich Depressionen und schwänzte die Schule. Mit 14 Jahren entschied ich mich, Christin zu werden, auf der Jugendfreizeit einer Gemeinde, die sehr bibeltreu ist. Im Gemeindeleben, in dem ich sehr aktiv war, bemerkte ich ein paar Jahre später, dass ich Frauen liebe und habe das bisher immernoch keinem Menschen dort sagen können. Ich las Simone de Beauvoir und wurde Feministin. Ich las Rilke und wurde sentimental. Ich wollte immer Schriftstellerin werden und war in der Schule die Beste in Deutsch. Ich habe das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) und damit eine systemische Hormonerkrankung, für die es keine Gegenmittel oder Heilung gibt. Ich bin Tierrechtlerin und Veganerin und Single und bereits 15mal umgezogen. Und irgendwann wurde ich ’ne linke Zecke.
Lass uns mal drüber reden …

Was bin ich jetzt, wer kann mir das sagen? Nenne mir eine Selbsthilfegruppe oder eine Anlaufstelle, die das auffängt. Es bräuchte eine Selbsthilfegruppe FÜR DAS LEBEN. Was für eine Perspektive haben wir, wenn wir versuchen, unser ganzes Leben zusammenzufassen, das sich doch so schlecht in Begrifflichkeiten reduzieren lässt. Reichen Identitäten denn, um Menschen zu fassen? Welchen Namen gebe ich jetzt meinem Blog? Kann ich, der feministischen Bewegung treu, denn über alles Private berichten, als sei es politisch? Oder tue ich so, als sei nur das Private politisch, verkrümme meinen Blick in mich selber und feiere meine exzessive Subjektivität?

Ich bin für Identitäten, trotz allem. Ich liebe es, den Blog einer dicken, lesbischen Frau zu lesen, die mir sagt, ich bin okay, so wie ich bin. Solche Menschen schreiben Blogs mit einem Filter vor Augen, und sie filtern alles in ihrer Umgebung heraus, was dicke, lesbische Frauen betrifft. Ich halte mich manchmal immernoch für filterlos und glaube meinen Blick so neutral wie den der Tagesschau (okay, besser gesagt: ,,neutral“). Ich glaube aber, es tut mir gut und auch denen, die das hier lesen, transparent zu machen, wer eigentlich schreibt.

Euer Bäumchen