Archiv der Kategorie 'Rassismus'

Antifa, so weiß wie der Schnee

Ich habe vor kurzem den Text über Antifa-Kritik verlinkt, den Women und People of Color (POC) als offenen Brief an die Veranstalter von ,,Dresden nazifrei“ schickten.

Wer sich aufregen möchte über privilegierte weiße Jungs, die Kritik an ,,ihrem“ Antifaschismus nicht ernst nehmen, dem sei hiermit empfohlen, sich die Kommentare auf Sookees Facebookseite anzusehen. Sehr lehrreich. Die Facebookseite ist auch ohne Account zu erreichen. Hier nur zwei Zitate:

,,Felix Fernandez“:

Nochmal, mein Hauptproblem mit diesem und anderen Texten ist die Position aus denen diese oft geschrieben sind: Ganz weit oben auf einer Wolke der moralischen Erhabenheit. Und die nehme ich nun mal keinem Mensch ab, tut mir leid. Und auf diese Weise wird ganz sicher niemand überzeugt.
Die Arroganz mit der hier Leuten begegnet wird, die in dem Text nicht die reine Wahrheit sehen, steht wieder auf nem anderen Blatt. Die ist halt typisch linksdeutsch.

eine Gruppe von, dem Text zufolge, sehr gebildeten Menschen die sich arroganterweise herausnimmt für alle Opfer von Rassismus zu sprechen. Und jetzt?!

,,Johnny Hohenzollern“:

Wenn nicht kritisiert wird, WIE etwas „zerfetzt“ wird, sondern nur DASS ein „Erfahrungsbericht“ nur, weil ihn – angeblich – „PoC“ verfasst haben, nicht als allgemeingültige Wahrheit angenommen wird, ist antikritischer Blödsinn. So kommt auf jeden Fall keine Diskussion zustande.Aber hey: Rassismus erklären und kritisieren ist sowieso nicht das Ding von Critical Whiteness-Spacken. Dann würde man nämlich etwas anderes machen, als sich den lieben langen Tag mit den allerkonkretesten Formen, wie jener sich im Alltag äußert, beschäftigen.P.S.: Bevor mich hier irgendeine Dreadlock-Frau als „weißen Antifa-Macker“ bezeichnet: an der Bezeichnung wäre exakt garnichts richtig. Für R a s s i s t e n wie euch ist die Hautfarbe der Person, die etwas äußert, ja leider wichtiger als das, was gesagt wird, daher muss man sowas anscheinend dazu schreiben, um überhaupt ernstgenommen zu werden.

Ist linksdeutsch jetzt das neue ,,faschistisch“? Vermutlich unter Anti-D’s. Und ja, von Rassismus Betroffene haben den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als auf einer Wolke moralischer Erhabenheit zu sitzen. Und zu analysieren, dass in einer sich emanzipatorisch bezeichnenden Gruppe genau dieselben Machtverhältnisse herrschen wie in der nicht-emanzipatorischen Gesellschaft um die Gruppe herum, ist nur Zeitvertreib. Lasst euch den Spaß nicht verderben!

,,Antikritischer Blödsinn“, ,,ein Erfahrungsbericht nur ,weil ihn – angeblich „PoC“ verfasst haben“, ,,Critical Whiteness-Spacken“, ,,irgendeine Dreadlock-Frau“, ,,Für R a s s i s t e n wie euch“ …

Trayvon Martin/ Im Gedenken an einen schwarzen Jungen


Quelle: tumblr

Deutscher Antifaschismus ist weiß.

,,Gegen Nazis sein“ reicht nicht. Kritik am weißen Antifaschismus bei karano.

Der Rassismus in mir

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
Niemand!
Und wenn er kommt?
Dann laufen wir!

In der Schule im Sportunterricht war uns dieses Spiel sehr geläufig. Ich wusste als Kind nicht, dass mit ,,schwarzen Männern“ dunkelhäutige Menschen bezeichnet werden und das Spiel per se rassistisch ist. Ich hatte diffus im Kopf, dass es um einen dunkelgekleideteten Mann gehe, den Prototyp der Schwarzen Reiter in Herr der Ringe, die Schreckensgestalt in Träumen und dunklen Gassen. ,,Schwarz“ war für mich eine unverständliche Bezeichnung von dunkler Haut, die ja nie wirklich schwarz ist, sondern immer nur hell- bis dunkelbraune Farbtöne besitzt.

Mein erster Freund in einem Kinderheim in Berlin war farbig, ein Junge namens Bico, dessen Familie ich hin und wieder mitbesuchen durfte. Ich war sechs damals und erinnere mich noch gut, dass ich vel faszinierter von seinem ein Jahr älteren Bruder Robin war, der umso vieles reifer schien. Bico und ich waren fleißig dabei, unsere Körper zu entdecken und wir fanden uns häufig mit vielen anderen Kindern in Gruppendoktorspielen wieder. Berührungsängste gab es damals nicht, tatsächlich hätte ich nichtmal verstanden, wieso. Rassismus war mir damals fremd.

Ich zog um, sah Bico und seine Familie nie wieder. Andere Umgebung, andere Menschen, andere Erfahrungen. Ich wurde älter und kam in die Pubertät, um einige Jahre zu früh. Ich kam überhaupt nicht mit der Entwicklung meines Körpers mit. Ich wollte in meinem Intellekt bewundert werden. Stattdessen spürte ich immer mehr, dass ich durch meinen weiblichen Körper zum Objekt gemacht wurde, dass Männer mich anstarrten, in der Bahn, unterwegs, untentwegt auf meine Brüste starrten, und das offen, begierig, ohne den Blick abzuwenden, ohne dass es für sie unschicklich war. Ich war zwölf damals und ich hab es gehasst. Und hatte Angst. Angst vor diesem Begehren, Angst vor meiner eigenen Ohnmacht, einschreiten zu können,weil Blicke nicht verboten waren.

In dieser Zeit geschah es zwei- oder dreimal, dass mich ein schwarzer Mann auf der Straße ansprach. Ich weiß nicht, ob es naiv war oder einfach vorurteilsfrei – mit dem ersten redete ich ganz normal und ließ mir seine Handynummer geben. ,,I like you“ sagte er. Als ich nach Hause ging und meiner Betreuerin davon erzählte, hörte ich: ,,Der will ’ne Frau haben, um in Deutschland bleiben zu können.“
Zu einer anderen, reiferen Zeit hätte ich vielleicht über dieses Klischee lachen können oder auch sagen können: ,,Was soll denn daran verwerflich sein?“ Aber ich war sehr empfindlich in dieser Zeit, was Körperlichkeit und das Begehren fremder Männer betraf. Und es traf mich mitten in meiner Furcht, dass dieser schwarze Mann mir anscheinend näher kommen wollte. Und als sich dieses Geschehen zweimal mit anderen Männern wiederholte, manifestierte sich etwas in mir, dass ich heute nur als rassistisches Vorurteil betrachten kann. Von dunkelhäutigen Männern ging für mich ab da an etwas Bedrohliches aus. Es war vermutlich kein Zufall, dass meine Schwärme in der Jugendzeit blonde deutsche Jungs waren.
Später konnte ich das reflektieren und es genau als das sehen, was es war: als Rassismus. Doch ich konnte mir nicht eingestehen, Angst zu empfinden. Vor einiger Zeit, vielleicht im letzten Sommer, setzte sich im Park ein Jamaikaner zu mir auf die Bank und fing sehr locker an, mit mir zu reden. Es war ganz schön und ich hatte endlich das Gefühl, meine irrationalen Ängste überwunden zu haben. Ich gab ihm sogar meine Handynummer.
Danach war ich aber nicht sehr glücklich. Ich bemerkte dass ich meine eigene Angst nicht überwunden, sondern nur verstummt lassen habe, weil ich mir selber nicht eingestehen konnte, immernoch rassistisch zu sein. War ich nicht emanzipatorisch, war ich nicht gegen jegliche Diskriminierung von Menschen? Wieso dann sollte ich mich nicht mit einem schwarzen Mann anfreunden können, wenn ich dasselbe doch auch mit einem weißen Mädchen tun würde, das sogerne meine Bekanntschaft haben wollte?
Später bemerkte ich, dass ich mir einem weißen Mann gegenüber in einer ähnlichen Situattion viel eher erlauben würde, abweisend zu sein. Weil ich dann nicht den inneren Vorwurf fühlen würde, eine Rassistin zu sein. Das ist Quatsch, offensichtlich. Aber ich bemerke, ich muss auch lernen, auf mein eigenes Unwohlgefühl zu achten und die Menschen nicht plakativ zu betrachten. Der schwarze Mann. Die queere weiße Lesbe. Der deutsche BWL-Student. Mit wem komme ich nur nach Betrachtung dieser Angaben besser zurecht? Reichen denn einfach nur solche Angaben? Die meisten von uns wissen: Nein. Letzterer kann mich vielleicht zum Lachen bringen, während mich die Lesbe vielleicht nervt. Und den eigentlichen Rassismus muss ich lernen zu konfrontieren, ihn zu hinterfragen. Es reicht nicht die eigenen Ängste einfach zu ignorieren, sie zu überfahren. Sie müssen auseinandergenommen werden, analysiert werden, sie bedürfen der Behandlung. Vor allem: Sie müssen ausgesprochen werden.

,,Dönermorde“: Unwort des Jahres

Begründung der Jury:

,,Der Ausdruck steht prototypisch dafür, dass die politische Dimension der Mordserie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde: Die Unterstellung, die Motive der Morde seien im kriminellen Milieu von Schutzgeld- und/oder Drogengeschäften zu suchen, wurde mit dieser Bezeichnung gestützt. … Im Jahre 2011 ist der rassistische Tenor des Ausdrucks in vollem Umfang deutlich geworden: Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechts-terroristischen Mordserie werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden.“

Quelle: Telepolis

Medien und Migration

Wie Massenmedien über MigrantInnen berichten: ,,Der Kontext, in den das Thema Migration eingebettet ist, wird von den Themen „Problem/Konflikt“ (93 Prozent), „Kriminalität“ (63 Prozent) und „Bedrohung/Angst“ (28 Prozent) dominiert“. (hier)

Über Rassismus im deutschen Recht

Selbstverständlicher Rassismus

Urmila von andersdeutsch habe ich erst in diesem Jahr bei einem Vortrag erleben dürfen. Erleben dürfen, denn diese Frau hat ganz viel Energie und konnte auch mit nervigen Antideutschen umgehen, die ansetzten, lange Rassismusdefinitionen von sich zu geben, einfach nur, um sich reden zu hören. Das hörte sich so an: ,,[umständlichen Satzbau einfügen] Laber [umständlichen Satzbau einfügen]!“

Was mir von diesem Vortrag vor allem im Kopf blieb, war der Unterschied zwischen individuellem und strukturellem Rassismus. Bisher ist mir nämlich immer nur der erstere aufgefallen, also der Rassismus einer einzelnen Person, und diesen Rassismus habe ich problematisiert. Naja, zugegeben, zuerst habe ich das Spiel mitgespielt, war die ,,gute Ausländerin“, die ,,gute Türkin“, denn ich hatte mich schließlich integriert, nicht wahr, und andere hatten das nicht … soetwas nenn ich Belohnungssystem, ,,feine Ausländerin – ja brav machst du das, hier ein Leckerli“. Aber dann kam die Wut und die Blockade gegenüber solcherlei entwürdigenden Ergüssen mancher Mitmenschen. Aber wer die Sarrazindebatte mitgekriegt hat letztes, vorletztes Jahr (ähä … wer hat das nicht?) weiß, wieviel mensch reden und reden kann und doch niemanden dabei erreicht. Ich hab da erst gar nicht mitgemacht. Meine eigene Sarrazindebatte war schon längst vorbei, als die eigentliche anfing und ich hab mich gesperrt bei jeder Diskussion, bei der mein Gegenüber anfing, Rechtfertigungen von mir zu fordern, warum das denn mit der Integration nicht so laufen würde.

Nun kam Urmila mit dem strukturellen Rassismus, der eben schon im sogenannten Selbstverständlichen auftaucht, nämlich einfach schon, ob ein Mensch jetzt einen deutschen oder einen türkischen Pass hat. Und schon diese kleine Frage, warum denn mein deutscher Pass mir mehr Rechte gibt oder der Ort meiner Geburt, der ja völlig durch Zufall entschieden wird, mir solche Privilegien gestattet – diese Frage brachte mich ziemlich durcheinander. Ich dachte an die Ständegesellschaft im Feudalismus und wie sehr damals die Geburt bestimmt hat, welcher Mensch ich sein werde und welche Möglichkeiten ich habe. Oder wie Tucholsky es mal ausdrückte:

In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch grade aus diesem [Loch] gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.

Beispiele, wo türkische StaatsbürgerInnen heute noch diskriminiert werden

1. Visumspflicht: Warum es die eigentlich nicht geben dürfte

Seit 1980 brauchen türkische Staatsangehörige ein Visum, wenn sie nach Deutschland einreisen wollen. Dazu zählen auch Verwandtschaftsbesuche. 2009 hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass auch für Türken und Türkinnen die Dienstleistungsfreiheit innerhalb Europas gilt. Diese Dienstleistungsfreiheit ermöglicht den freien Zugang zu den Dienstleistungsmärkten aller EU-Mitgliedsstaaten.

Ein Zusatzprotokoll im Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Türkei regelte bereits, dass die Visumsregelungen nicht verschärft werden dürfen ab dem 1.Januar 1973. Die Visumspflicht für türkische StaatsbürgerInnen galt aber erst ab 1980 und ist damit der bisherigen Abmachung nach nicht gültig. Den deutschen Staat interessiert das aber nicht. So gilt die Dienstleistungsfreiheit bisher nur für Lastwagenfahrer. Dem Zusatzprotokoll wird keine Beachtung geschenkt. Türkische TouristInnen müssen deshalb immer noch ein Visum beantragen, wenn sie nach Deutschland wollen.

Das Problem ist hierbei nicht, dass die Visas letzten Endes nicht verteilt werden würden. Aber sie stellen eine Hürde dar für die Reisenden. Die langen Wartezeiten nach Antragstellung sowie die Tatsache, dass die BesucherInnen mehrere hundert Euro in Deutschland zur Sicherheit hinterlegen müssen, dass sie auch ja wieder ausreisen, erschwert einen Auslandsbesuch, gerade auch für die, die das finanziell schwer trifft.

2. Ehegattennachzug: Deutschkenntnisse gefordert, weil … bla …

Türkische EhepartnerInnen, die nach Deutschland kommen wollen, müssen zuvor Deutschkenntnisse ausweisen. Es gibt sogenannte ,,Positiv“-Staaten: Bekanntere wie die Schweiz, Israel, Japan, Kanada, Süd-Korea, Neuseeland, die USA. Und unbekanntere wie Andorra, Honduras, Monaco und San Marino. Deren Einwohner können ohne Visum nach Deutschland einreisen und auch ihre EhegattInnen nachkommen lassen, ohne dass diese Deutsch lernen müssen (zum Beispiel auch, wenn der Partner oder die Partnerin türkisch ist). Warum dürfen die das? Wegen der ,,traditionell engen wirtschaftlichen Verpflechtung“ der Positivstaaten mit Deutschland … genau, und wie wir wissen, kann die Türkei soetwas überhaupt nicht aufweisen …

Wie wir sehen, ist der deutsche Rechtstaat kaum objektiv in der Behandlung türkischer BürgerInnen. Und hält sich zudem nicht an Abkommen, die es verbindlich getroffen hat. Aber lieber rätseln über rechtsextreme Mordtaten die Tage. Denn wenn wir tot sind, sind wir interessant.

Quelle: Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V. – 05.01.2012