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Ein Tag bei meiner Familie.

Schon seit langem hatte ich vor, über Themen wie Depression und Körperbild zu schreiben und denke, dass ich nun nach und nach versuchen werde, mich an sie heranzutasten. Mir fällt das schwer. Beides – Depression wie auch der Umgang mit dem Körper sowie Körper sein sind Schwierigkeiten, über die ich nicht unbelastet reden kann. Es gab Zeiten, wo ich mich bereits getriggert fühlte, wenn Menschen mir zeigten, dass sie mich als Körper wahrnahmen, so seltsam das auch klingen mag. Ich denke, ich verdanke das unter anderem der massiven Annahme eines Körper-Geist-Dualismus, der in der männlichen Philosophie und Weltliteratur gepredigt wurde. Unter anderem.

Meine Tante ist vierzig und vor kurzem Oma geworden. Sie hat drei Söhne, die ihr auf verschiedenste Weise Schwierigkeiten bereiten und einen liebevollen, aber abgearbeiteten Mann. Ich mag es sehr, sie zu besuchen; nach dem Umzug meiner Großeltern in die Türkei, die den bisherigen Haupt-Knotenpunkt in meiner Familie darstellten, sind sie für mich nun zur wichtigsten Anlaufstelle geworden. Mein Onkel ist ruhig und müde, wenn ich ihn sehe; meistens schauen wir uns gemeinsam eine türkische Serie an, in der viele Männer mit Schnauzer und Anzug und mafiösem Charisma herumlaufen und beeindruckende Worte sagen; da ich kein Türkisch verstehe, reicht es zu sagen, dass die Serie trotz allem ohne Worte verstanden wird!
Meine Tante hatte mir gefüllte Weinblätter zubereitet, vegan. Mein Veganismus war für meine Familie anfangs ein spannendes Thema; die Palette reichte von Kopfschütteln bis Bewunderung; interessanterweise gab es von ihrer Seite nie die Aggression, die ich zum Beispiel in meiner christlichen Gemeinde erlebte dem Thema gegenüber. Manche Veganer*innen können mir vermutlich in der Beobachtung zustimmen, dass bereits das bloße Erwähnen von tierproduktfreiem Leben und/oder Essen zu wütenden Äußerungen der Tischnachbar*innen führen kann. Lachen musste ich jedenfalls, als eine meiner Tanten mal sagte: ,,Aber da ist nur ein wenig Fleisch drin, das macht doch nichts!“ Ihre Schwester erinnerte sie daran, wie oft sie solche Aussagen von (zumeist) Deutschen hören mussten, wenn es um Schweinefleisch geht.
Wenn ihr Mann schlafen geht, reden wir zwei noch sehr lange. Was uns beide verbindet vor allem, ist das Verhältnis zu unseren Müttern: Es ist gestört. Während ich sehr früh ins Heim gekommen bin und erst später meine Mutter wieder neu kennenlernen musste, die mir immer ein bisschen fremd geblieben ist, ist sie bei ihrem Vater aufgewachsen, der neu geheiratet hatte und ihr gegenüber emotional distanziert war. Ich erzähle das, denn unsere Gespräche fingen immer so an, dass ich mich mal wieder nicht bei meiner Mutter gemeldet hatte und meine Tante mich ermahnte, dankbar zu sein. Sie weiß nämlich nicht mehr, wo ihre Mutter ist. ,,Sie ist siebzig, sie könnte im Altersheim sein, im Gefängnis oder krank, was soll ich machen? Ich find sie einfach nicht. Du hast wenigstens eine Telefonnummer deiner Mutter.“ Anderen Menschen kann ich so ein ,,Du hast wenigstens…“ schon auch übel nehmen. Ihr nicht. Sie war lange Zeit depressiv deswegen, erzählt sie mir. Immer und immer wieder musste sie daran denken: Wie wäre es eine Mutter gehabt zu haben, wie wäre es, umsorgt gewesen zu sein, geliebt, gehalten? Der Verlust bestimmte ihr Leben; gerade durch das Nichtdasein einer Mutter war der Archetyp der liebenden Mutter umso tiefer in ihr verankert. Ich kenne das Gefühl gut. Und ja, es ist unfair, dass ich das in diesem Maße nur von meiner (oder einer) Mutter erwartet habe; mein Vater hat sich keinen Dreck geschert und ich schere mich keinen Dreck um ihn.
Meine Tante ist dick geworden die letzten Jahre. Überall hört und liest sie, wie Frauen aussehen sollen. Sie zählte mir ganz viele Tipps und Tricks zum Abnehmen auf, so als brauche sie die Gewissheit, gesehen zu werden in der Bemühung, schlanker werden zu wollen. (Wieso fühlt sie den Druck, das beweisen zu müssen?) Ich werde dann immer ganz still. Wer als Laie anfängt, sich darüber zu informieren, wie frau am besten abnimmt, wird von einer Großreligion zur anderen gereicht werden, ihren Glauben finden und verlieren und entweder Atheistin oder – sehr verzweifelt. Vor allem: Oft hat frau nicht die Werkzeuge, sich gegen all die ,,Du sollst nicht“-Gebote zu erwehren. Und erlernt sie vielleicht auch nie. Meine Tante sitzt mir da also gegenüber und wirkt fragend und dann bemerke ich, dass sie darauf hofft, von mir als einer, die Zugang zu einer Bildung hatte, die ihr nicht ermöglicht worden war, Antworten zu bekommen. Und hier spüre ich mein Privileg.
Ich bin privilegiert, weil ich mir die Werkzeuge angeeignet habe und aneignen konnte, die es mir ermöglichen, ,,Nein“ sagen zu können zu vielen Anforderungen, die mir eine Gesellschaft stellt. Gott, geht’s mir gut. Wieviel mehr an symbolischem Reichtum an Bildern, Lebensentwürfen und Strategien wird mir ermöglicht, weil ich zum Beispiel ganze Blogosphären kenne, die sich mit Körperbildern beschäftigen, weil ich jeden Tag die verschiedensten Meinungen dazu hören und lesen kann, weil ich soviele Wege kenne, die mir Meinungsbildung ermöglichen über die verschiedensten Plattformen und Zugänge. Und da geht’s allein nur um die Frage, ob es okay ist, dick zu sein. Ja, das allein ist nicht selbstverständlich und für viele im Diskurs über Abnehmen nicht inbegriffen. Meine Tante sah lange Zeit nur die zwei Möglichkeiten: Entweder strengt sie sich an und nimmt ab – oder sie nimmt nicht ab, weil sie sich nicht genug angestrengt hat. Sie arbeitet jeden Tag in dem kleinen Laden, den die Familie betreibt. Sie stellen türkische Nudelwaren her. Täglich arbeitet sie sehr lange; danach kommt sie nach Hause, räumt überall auf, setzt sich mit ihrem Mann zusammen, wenn er heimkommt und nachts, wenn sie dringend Schlaf sucht, kann sie nicht schlafen: Zusehr beschäftigen sie all die Pflichten und die Gedanken um die Familie.
Dieser ganze Abnehmwahn ist neben vielen anderen Dingen vor allem klassistisch.
Menschen in prekären Lebensumständen werden mit einem Körperbild konfrontiert, dem sie nicht oder kaum entsprechen dürften, weil sie nicht die Zeit und die Ressourcen haben. Und es tut mir so weh, weil ich soviele sehe, die sich abstrampeln. Es ist eine Fail-Fail-Situation.

Einen frohen Anti-Diät-Tag noch. Ich bin dankbar, aber wem oder was gegenüber, meiner eigenen Privilegiertheit? Vielleicht dann doch eher den Menschen, die sich darum bemühen, dass solche wichtigen Gedanken verbreitet werden. Und ja, es gibt immer noch viele Hürden. Aber es ist einfach wichtig, trotz aller Rückschläge im Kopf zu behalten: Was viele Menschen anders machen würden, wenn sie nur wüssten, dass es Alternativen gibt. Und mit diesem Gedanken bin ich zumindest für heute etwas glücklich.