Gefühlsdiskussion auf takeover.beta

Hinweise! Diese Woche soll voll davon sein :-) Da ich sonst befürchte, dass großartige Diskussionen einfach so im Sandstrudel der Zeit bla bla passende Analogie etc., hier ein Hinweis zur Gefühlsdiskussion, die wir derzeit auf takeover.beta führen; d.h. wie wir mit Gefühlen umgehen und ihrer (Nicht-)Performance, was das mit neurotypischen Privilegien zutun hat, und noch viel weiteres erarbeiten wir uns ,,laufend“ in der öffentlichen Diskussion darüber.

Hier mein Beitrag dazu, den ich nun endlich im Kommentarthread verfassen konnte, nach langem Bruddeln darüber, was mich an Gefühlen und ihrer ,,Verwendung“ innerhalb menschlichen Umgangs manchmal stört … und ich wollt mich immer schonmal selbst zitieren :-)

Okay, jetzt versuche ich mal, dem Wirrwarr in meinem Kopf Ausdruck zu verleihen.

Performte Gefühle haben in meiner Kindheit sehr oft dazu gedient, mich zu manipulieren. Ich wurde (als Mädchen?) so erzogen, dass ich Gefühlsausdrücke 1.sofort nachvollziehen kann und 2. daraus antizipiere, was mein Gegenüber von mir will + es dann auch tue(n soll). Emotionale Dienstbarkeit quasi.

Eine Freundin von mir empfand zum Beispiel die Behandlung durch ihre Mutter als eine Art ,,passive Pädagogik”: ,,Ich bin jetzt echt traurig, dass du das gemacht hast.”, ,,Ich bin enttäuscht” etc. Es ging der Mutter eben nicht allein um einen Gefühlsausdruck, sondern um eine ganze Palette an nichtausgesprochenen Forderungen, was ihre Tochter anders machen soll.

Ich erinnere mich gut an ein Bäumchen, das in seiner Kindheit maßgebliche Entscheidungen treffen musste und u.a. seine Freunde verlassen, weil seine Mutter beim Jugendamt dabeisaß und ,,traurig” gewesen wäre, wenn es sich gegen die Mutter und für sein eigenes Leben entschieden hätte. Und ein zweites Mal, wo es sich für das eigene Leben entschied und daraufhin hörte: ,,Liebst du uns denn nicht?” Ich hab es durchgezogen, konnte mich aber nicht den Schuldexplosionen in meinem Inneren erwehren. Ich war so sehr getrimmt darauf, empathisch mitzufühlen, dass ich meinte am eigenen Leib zu fühlen was ich anderen ,,antue”.

Ihr kommt soweit mit und es ist ja klar: Schlimm sind nicht die Gefühle an sich oder dass sie performt wurden, sondern was noch mitschwingt, eben dieses: Dem, dem Ausdruck verliehen wurde, nachkommen zu müssen, darauf unbedingt(!) eingehen zu müssen, sogar Schuld zu tragen. Dass ich dies nicht lernte zu trennen bzw. dass mir das niemand beibrachte, war einfach ein Dilemma.

Für mich ist es deshalb immer noch eine Erleichterung, wenn Diskussionen betont sachlich geführt werden. Weil ich mit Gefühl Macht verbinde, mit Gefühlsausdrücken Macht über andere. Das ändert sich gerade langsam, Stück für Stück. Dennoch gibt es immer wieder Momente, wo ich mich dieser Dienstbarkeit nicht entziehen kann. Wo ich mich darüber ärgere, wenn Menschen Gefühle äußern z.B. innerhalb eines Entscheidungsprozesses, weil ich glaube, sie wollen dadurch ihren Einfluss verstärken, indem sie mit dieser unsichtbaren “Machtkarte Gefühl” spielen bzw. dem, was Menschen damit annehmen, tun zu müssen.
Andererseits finde ich es unglaublich befriedigend, wenn es dann eine Auseinandersetzung gab, in der alle Beteiligten ihre Gefühle frei äußern konnten. So richtig schätzen gelernt habe ich es durch das Konzept der gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenberg im Laufe einer Mediation, die ne Gruppe von mir machte.

Dazu kommt noch was anderes. Gefühle auszudrücken empfinde ich, und das auch unter NT’s, als Privileg derer die das gelernt haben, die darüber so frei verfügen können weil sie eher selten Repressionen dafür bekommen haben. Ich gehe nicht davon aus, dass wir alle hier eine Sorgenfreie Jugend(tm)hatten oder dass es jedem von uns leichtfällt, Gefühle zu zeigen. Ich gehe aber davon aus, dass es einige Menschenkinder gibt, mit denen es das Leben gutgemeint hat, und die frei heraus zeigen können wie es ihnen geht, und hier setzt das Power Law ein: Wer hat, dem wird gegeben und wer nicht hat, hat die Arschkarte (fast richtig zitiert aus der Bibel). Ich musste Gefühl zeigen und Körpersprache erst wieder neu lernen und bin bis heute keine Virtuosin darin und mache es ungern und komme mir sehr ungelenk dabei vor. Zusätzliches an ,,Lächel doch mal” und ,,Mach doch nicht so ein trauriges Gesicht” und all dem, was den meisten Frauen* ja gerade auch von der Umgebung vertraut ist, hat das nicht leichter gemacht.

Ja. Das wars erstmal von mir, gedankenwirrwarrmäßig.

Allgemeine Ansagen und Verlautbarungen: Links zu Coolen Themen(tm)

Was ich hier mal klarstellen will: Ich bin zu oft bei Twitter! Und bevor ich bei Twitter war, hab ich mich immer gefragt, warum ich denn nie was von der feministischen Mafiasphäre mitkriege und dachte, die deutsche feministische Bloggeria sei dem Tode geweiht, weil sie nur so zögerlich vor sich hinbloggt. Falsch gedacht! Die tummeln sich auf Twitter und Facebook, shitstormen fleißig vor sich hin und Sexisten vor sich her und regen sich im Allgemeinen viel auf, vor allem über Sachen, die sie verlinken. Es lohnt sich, dem beizutreten. Wer das nicht will, für den* und die* werde ich hier auf meinem Blog eine kleine Serviceleistung anbieten: Ich versuche, alles was mir gefällt und bei dem ich auf Twitter mitfiebere, hier zu verlinken. Begutachtbar ist das dann in meiner großartigen Sidebar rechts, die es nun schon sehr vel länger gibt, aber auf die ich nun auchmal hinweisen will.
Pause. Hinweis. Pause.
So. Ich hoffe, euch geht es gut. Ich mag euch und mag eure Kommentare. Wenn ich mal nicht antworten kann, liegt das daran, dass ich Nerven bündle.
Liebes Grußle, Bäumchen

In der Kürze liegt des Pudels Kern vergraben: Hollywoodpärchengenerve Teil 1 von bestimmt vielen

Das Lächerlichste, was die Hollywoodsche Traumfabrik und ihre alptraumartigen Kollegen derzeit kreiieren, ist die obligatorische Kussszene zweier Protagonist*nnen, die sich von der senkrechten Position immer zwingend(!) in die waagrechte begeben. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Bild gesehen habe; ich wünsche mir, dass jemand mal all diese Szenen sammelt und zusammenschneidet. Und da es meistens immer Heteropärchen sind, liegt dabei auch noch die Frau häufig unten bzw. ihr werden als erste die ,,Knie schwach“ und sie kann sich nur nach hinten fallen lassen und zum Glück steht da immer eine Matratze oder ein Bett oder wenigstens ein Maisfeld zur Verfügung. Und: Ausblendung. Impliziert wird grandioser gefühlvoller Sex. Den zeigen wir aber nicht, weil Vorabendsendung/Sex doof ist/Dein Kind bestimmt heimlich mitguckt/unsere Sexszenen immer schlecht werden. In diesem sich auf das Bett/die Matratze/den Heuhaufen fallen lassen liegt die Kurzgeschichte, wie wahnsinnig leidenschaftlich dies alles wohl sein muss, weil niemand guckt, ob nicht doch ein Buch/ein Igel/das Kind, das heimlich mitguckt, unter der Decke/auf der Matratze/im Heu liegt. Diese Art, wie sich die Partner*innen umschlungen halten und dann kippen, sehe ich so ähnlich nur bei Paar-Bungeejumpings über die Klippe.

Fromme Jugend.

Hiermit spreche ich eine Inhaltswarnung aus. In diesem Post habe ich versucht, meine Gedanken und Gefühle und Erlebnisse bezüglich meiner ehemaligen christlichen Glaubensgemeinschaft einzuordnen, den religiösen Missbrauch und die Stigmatisierungen, die ich erlebt habe, den Schaden, den es anrichtete und die Verantwortung, die ich trage. Heraus dabei kam etwas Unabgeschlossenes, teilweise Wirres; ich kann keinen roten Faden anbieten, keine Moral. Ich verfange mich in Detailhaftigkeit, um dann wieder große Zeitabschnitte zu überspringen. Die Geschichte handelt von einer Art Subkultur. Es ist auch eine Geschichte von Extremen und extremen Gefühlen, die ich mit dem Niederschreiben ablegen möchte. Ich habe irgendwo angefangen, weil ich die Notwendigkeit fühlte. Ich kann das innerhalb meines Blogs nicht verorten, es ist auf seine Weise politisch.

Seit vielen vielen Wochen nun nehme ich mir vor, Leute aus meiner ehemaligen Glaubensgemeinde zu besuchen. Immer und immer wieder schiebe ich dieses Ansinnen auf. Ich vermisse die Menschen, einerseits. Ich vermisse Gott.
Andererseits erinnere ich mich.
Vor einem halben Jahr war ich das letzte Mal dort, in den Winterferien. Es waren nur zwei Tage, und das ist nicht lang, aber in den zwei Tagen lief so vieles falsch, dass ich mir danach vornahm, erstmal eine ganz lange Pause zu machen. Ich war schockiert, am Ende und alles tat weh. Ich bin nach Hause gewankt, wollte nicht mehr drandenken und fühlte wie stark in mir das Vertrauen geschwunden war Menschen gegenüber, die ich lange Zeit sehr geliebt habe.

Ich kam bei einer Freundin unter, meiner langjährigsten Freundin. Ihre Familie war auf mich vorbereitet gewesen und sie wussten von meinem Veganismus. Deshalb war ich erstmal verblüfft, dass ich, als ich ankam, in ihrem Kühlschrank kein einziges bisschen Gemüse fand. Kein Obst, nichts Veganes whatsoever. Nur Käse und Wurst. Ich war irritiert, aber dann war es mir wieder egal; ich hatte mir ein bisschen was mitgebracht und aß davon. Vielleicht, weil ich an die Wirkung von Symbolik glaube, hallte dieses kleine Erlebnis so in mir nach, das Gefühl, nicht willkommen zu sein, nicht Teil zu sein.

Am nächsten Tag stritt ich mich mit dem Vater meiner Freundin. Wir haben bereits eine gewisse Streitgeschichte hinter uns; er war in seiner Jugend auch ,,Protestler“ gewesen; eine der ältesten Erinnerungen meiner Freundin ist die an Mahnwachen, auf denen sie als Kind herumstand. Ihr Vater erlebte durch den Glauben dann eine Wendung, auch politisch, und vertrat seitdem konservative Standpunkte. Solche Menschen gibt es einige in meiner Gemeinde. Aber mitunter predigen sie eine unpolitische Haltung, die eine nicht sehen lässt, welche reaktionäre Agenda sich dahinter verbirgt. (Immer beliebter, auch durch den Einfluss vieler Student*innen der Wirtschaftswissenschaften, wird die Anwendung kapitalistischer Phrasen bibelgemäß umkleidet: Gott investiert in uns, wir sind in einem Wettlauf, Gewinn bringen, die Gemeinde als ,,Bank“ Gottes, etc.)

Gestritten haben wir uns schon über die Rolle der Frau im Gemeindeleben, über Muslime und all diese Themen, die ältere weiße Herren vorgeben, weil sie sich das gerade in ihrer konservativen Zeitung angelesen haben.

Diesmal stritten wir über Homosexualität. Ich hatte erst mit meiner Freundin darüber geredet; sie ist wie viele andere in der Gemeinde auch schwulen-und lesbenfeindlich, weshalb ich ihr noch nicht von mir erzählt habe. Dieses ,,noch nicht“ sind nun sechs Jahre und sie dabei der stabilste Mensch in meinem Leben (ich kenne sie, seit ich 10 bin). Wie ich mich also damit fühle, kann vielleicht nachvollzogen werden. Sie wird langsam nachdenklicher im Umgang mit dem Thema und ich frage mich, was ich ihr erzählen kann. Aber an diesem Tag bringt sich ihr Vater ein. Er macht keine langen Umschweife, er vergleicht Homosexualität mit Päderastie/Pädophilie. Er zeigt mir einen alten Spiegel-Artikel online, in dem erwachsengewordene Kinder aus ihrer Kommune berichten und erzählen, wie schön sie den Sex mit Erwachsenen fanden. Menschen sind sündig, sagt er und würden liebendgern den sündigen Zustand wählen, egal wie gut es ihnen tatsächlich tut. Ich werde wütend. Er wisse genau, dass das nicht vergleichbar sei, dass es bei Päderastie um ein Machtgefälle geht. Er zuckt die Achseln und salbadert weiter. Die Ehe sei nur für Mann und Frau. Warum?, frag ich. Naja, wegen den Kindern, meint er und versucht jetzt den biologistischen Weg. Nur ein Mann und eine Frau können Kinder bekommen. Ich antworte: Was ist mit Männern und Frauen, die keine Kinder bekommen wollen oder können, dürfen die dann nicht heiraten? Natürlich, doch, meint er, ist verwirrt, aus dem Konzept gebracht und statt dem nachzugehen, wendet er IGNORANZ an und kehrt zurück zur Päderastie.

Ich koche vor Wut. Ich weiß, dass ich wenigstens bei meiner Freundin was zum Rollen gebracht habe, denn sie stellt offene Fragen und empört sich auch darüber, dass die Gemeinde solche Menschen ausschließen würde. Aber das bringt nichts. Meine Gemeinde ist so heteronorm, Homosexualität wird nichtmal erwähnt, nie nicht, denn sowas darf es ja nicht geben. Nur einmal hat ein amerikanischer Prediger in einer Jugendkonferenz darüber geredet; aber wie ungewohnt das war, zeigte sich schon daran, dass sein Übersetzer ganz erschrocken reagierte, als er das Wort ,,Homosexualität“ übersetzen musste. Über die amerikanischen Evangelikalen kann ich nur sagen: Wenigstens reden sie darüber. Wobei ich hier nicht zu der Verharmlosung von Hass beitragen möchte. Aber es ist nochmal was anderes, wenn im gemeindeinternen Diskurs bestimmte Sachen genannt sind statt dass es sie einfach nicht gibt und so auch keine Möglichkeit, darüber zu reden.

Am nächsten Tag war ich bei meiner Lieblingsfamilie essen. A*, eine Frau in mittleren Jahren, hatte sich seit einiger Zeit mit mir angefreundet, mich häufig eingeladen, ich hatte auf ihre kranke Tochter bei deren Schullandheim aufgepasst; es bestand ein enges Band zwischen uns. Sie war eine der wenigen Menschen, denen ich noch zuhören konnte, wenn sie über Gott und ihren Glauben erzählten, ohne Kopfschmerzen zu bekommen.
Sie hatte viele andere Menschen eingeladen, u.a. zwei junge Menschen, Arztkinder, in meinem Alter, die ich von früher kannte und früher schon nicht gemocht habe. Was ich dann erlebte, war eine geschlagene Stunde Mobbing von den zweien, vor der versammelten Runde, ohne dass irgendwer eingriff. ,,Grund“ war mein Veganismus. Ich weiß wirklich nicht, warum Menschen schon öfters mit derartigen Hasstiraden reagierten; aber was die zwei mir boten, war vom Ekligsten. Es gipfelte irgendwann in dem Streit der Geschwister darüber, ob ich denn deswegen abgenommen hätte, die Schwester meinte: Ja, natürlich, und ihr Bruder rief aus: ,,Was, sie war noch dicker als jetzt?“
Die zwei sind einfach eklige Menschen und ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Schlimmer wurde es, als diese gingen und A* meinte, das Problem wäre gewesen, dass ich das mit mir habe machen lassen und dass sie an meiner Stelle einfach ganz cool reagiert hätte und versucht, ihnen keinen Wind zu geben. Das sagte sie mir als Zuschauerin, die kein Wort gesagt hatte zu den beiden und sogar hin und wieder amüsiert gewesen war. Sie war jetzt noch amüsiert. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, fing eine gute Freundin von mir, die ebenfalls dabeigesessen hatte, im Zweiergespräch dann an, dass SIE halt die Geschwister liebe und ich mein Selbst aufgeben müsse.

Klingt wie eine Formel, oder?

Ich erzähle euch gerade aus dem Geschehen einer sektenähnlichen Gemeinschaft und ihr braucht Informationen, um nachvollziehen zu können, welche machtvollen Instrumente die Ausdrücke ,,Geschwister lieben“, sein ,,Selbst aufgeben“, ,,das Kreuz auf sich nehmen“ sind. Es sind Ausdrücke, die nicht einfach zur völligen Passivität in Streitfällen aufrufen. Sie bringen dich dazu, auch noch dankbar dafür zu sein. Wenn dich Geschwister also beleidigen oder verletzen, musst du erstmal zu Gott rennen, ihm das abgeben und auch jedes verletzte Gefühl. Du musst erdulden, was dir geschieht. Regst du dich auf, ist das nur der Beweis, dass du immer noch in deinem ,,alten Selbst“ lebst und nicht Christus ,,anziehst“. Und Beleidigungen und Anstöße sind per se gut für dich, weil du geprüft wirst, ob du immernoch ,,im Geist“ oder in deinem Selbst bist.

Das Ganze ist nichts anderes als Instrumentarium für Diktaturen; die Forderung zur Nächstenliebe in dieser Form ein Mittel, die Menschenherde geduckt zu halten, Hierarchien zu bewahren und Menschen auf Dauer zu beschäftigen mit ihrem ,,inwendigen Bösen“, damit sie nicht nach außen schauen oder gar Analysen anstellen.
Victim Blaming in Reinform, mir vorgehalten von zwei der wichtigsten Menschen, die es in der Gemeinde für mich gab. Was das in mir auslöste, war mir noch nicht klar; ich zog mich ins Wohnzimmer zurück, um eine Weile für mich zu sein und weinte unter der Decke. Am nächsten Morgen, nach einer Gemeindeversammlung, die ohne jede Bedeutung für mich war, stand ich erst alleine und verloren in der großen Halle herum; in meinem Kopf schwirrte es, ich fühlte, wie die letzten großen Pfeiler meiner jahrelangen Überzeugungen und Hoffnungen einstürzten, aber nicht einfach mein Glaube kam zu einem Ende, sondern mein Platz in einem sozialen Gefüge, in dem ich jahrelang zuhause war, ja das ich zehn Jahre lang mein einziges Zuhause genannt habe. Durch eine Unstimmigkeit zwischen meinen Gastgeber*innen, die dazu führte, dass ich wieder zwei Stunden ohne Essen dastehen würde, fing ich einen Streit an; ich wollte einfach nur weg, wollte nach Hause und nicht in der Kantine warten, in der es kein Essen für mich gab. Ich wollte weg von den Bildern, die mich verdammten, von all den glücklichen gläubigen Menschen um mich herum inmitten ihrer Familien. Ich wurde nicht ernstgenommen, also rannte ich weg und brach dann in einem der Badezimmer zusammen.

Vieles mag erschreckend klingen, was ich hier schreibe, wieso war ich da überhaupt und sei froh, dass du da nicht mehr bist. Besonders Atheist*innen verstehen dann nicht, und es ist ihr gutes Recht, es nicht zu verstehen. Und noch unverständlicher ist, wieviel geschehen musste, bis ich verstand, welche Gewalt andere und ich mir damit antaten.

Dass mir per se als Mensch, der ich in die Gemeinde mit 14 Jahren kam, Heimkind das ich war, nicht vertraut wurde, erfuhr ich erst zwei Jahre nach meinem Anfang dort, nach einer Zeit voller Engagement von meiner Seite aus, mit regelmäßigen Besuchen aller möglichen Versammlungen, mittels einer Persönlichen Unterredung (PU wurde das mehr oder weniger scherzhaft genannt) durch einen der Gemeindeältesten. Dass ich mich schon mehr anstrengen müsste und mich endlich ,,für die Gemeinde“ entscheiden müsste. Das von einem Menschen, der mich nicht kannte, mich nichtmal gegrüßt hatte bisher.
Es war auch mit 16, wo meine Depressionen anfingen, schlimm zu werden. In den Schüler- und Jugendversammlungen saß ich außen, meine Traurigkeit schreckte die Menschen ab, niemand bemerkte es, wenn ich mitten unter ihnen zu weinen anfing und ihre Freude, ihre Ausgelassenheit und die Tatsache, dass sie eine größtenteils homogene Gruppe waren, machten es mir noch schwerer. Hin und wieder wegzubleiben wäre aber keine Lösung gewesen, denn dann hätte ich noch mehr an Vertrauen verloren, an christlicher Credibility. „Zuhause“ erwartete mich dann mein Heim, wo ich schon etwas länger zu einer Außenseiterin geworden bin, die mit den meisten anderen Kindern nicht klarkam.

Es war vielleicht in meinem fünften oder sechsten Jahr in der Gemeinde, wo ich durch ein einziges Mädchen, das neu war, in die Gemeinschaft integriert wurde, einfach nur dadurch, dass sie mich wahrnahm, mit mir redete, sich mit mir anfreundete. Ich weiß nicht, ob ich als einzige Türkin und Heimsozialisierte eine Art Alien-Tattoo auf der Stirn hatte, ich weiß nicht wieso die anderen mich jahrelang ignorierten. Aber sie sah mich und sie brachte mich hinein. Meine ,,Glaubenskarriere“ begann, ich bekam viele Freunde und begann bald zu denen zu gehören, die oft ,,Zeugnisse“ in der Versammlung gaben (Berichte über Erlebnisse mit Gott oder Gebetserhörungen, Bibelverse, die eine berühren). Ich lernte nun viel schneller die ganzen Codes, internalisierte sie, lernte mich auszudrücken, wie es auch die ganzen ,,supergeistlichen“ Geschwister taten.

In der Zwischenzeit verlor ich aufgrund von Geldmangel meine Wohnung, aus der darauffolgenden WG wurden ich und ein Mitbewohner von dem insässigen Pärchen herausgeekelt, ich drohte auf der Straße zu landen. Es gab eine PU mit allen Gemeindeältesten. Ich werde das nie vergessen. In einer Gemeinde, die ein Gemeindehaus voller Betten besitzt und in der es viele Menschen aus der Mittelschicht gibt mit eigenen Häusern und Gästezimmern, ich werde nie vergessen, dass mir gesagt wurde, es gäbe keinen Platz für mich. Und ich werde nie vergessen, dass dann das Wort ,,Obdachlosenheim“ ausgesprochen wurde und dass nicht ein Gemeindeältester dagegen protestierte, sondern erst nach einer ganzen Weile eine ältere Frau, die dabeisaß und das nicht mitanhören konnte.

Und wie immer, wenn etwas Schlimmes in meinem Leben geschehen ist, konnte ich es anfangs noch nicht begreifen und war oftmals noch dankbar für das Wenige, was ich bekommen konnte. Es wurde eine andere Lösung für meine Lage gefunden; ich, derweil abgemagert, weil ich in der schwierigen Zeit nichtmal mehr Geld für Essen gehabt hatte, freute mich einfach nur wieder daran, Essen zu haben und satt zu werden und Menschen um mich zu haben, die mich anlächeln. Ich war so reduziert in all meinen Bedürfnissen, dass es nichtmal wehtat, als die Menschen mir Komplimente machten, weil ich zehn Kilo abgenommen hatte. Sogar meine Depressionen verschwanden, es war, als hätte mein Körper den Notschalter umgelegt.

Was ich fühlte, war Dankbarkeit und ich drückte diese aus, indem ich mich noch enger an die Gemeinde band und mich noch mehr anstrengte. In den nächsten drei vier Jahren würde ich die schönste Zeit erleben, die Zeit, in der ich wirklich angekommen war inmitten der anderen. Ich konnte Frieden machen mit dem, was in der Bibel stand, es wurde mein Leben, ich ließ es mich beherrschen, mich erfreuen, jede Minute war meinem Glauben gewidmet. Ich flog auf der Welle des symbolischen Reichtums, der sich mir eröffnete, ich fand Mittel und Wege, meine Schmerzen in Kanäle zu leiten, um sie zu erleichtern, ich fand neue Freude. Ich richtete meine Zukunftwünsche auf ein Leben in der Gemeinde aus, auf einen Partner, den ich hier treffen würde, heiraten, um gemeinsam ein Bollwerk für die anderen Menschen zu sein. Ich verliebte mich ständig neu in ,,Brüder“, ich verliebte mich lange, verstärkt durch den Geschlechterseparatismus und die rigiden Regeln erfuhr ich übrigens nie, ob diese Gefühle erwidert wurden.

Aber es gab auch die andere Seite. Ab 16, 17 begannen mich schlimme Träume in der Nacht zu quälen. Ich weiß nicht, ob das die Art meine Körpers war, mit dem dunklen Symbolismus in der Bibel umzugehen, der in meiner Gemeinde gang und gäbe war. Ich träumte davon, von Dämonen besessen zu sein, Träume die sich fortsetzten, eine Geschichte entwickelten. Es waren nicht einfach Alpträume. Es begann freundlich mit so ner Art Gefühl, aus dem Körper zu schweben, es war ein Glücksgefühl, das schönste und irritierendste, was ich wohl je gefühlt habe. Doch irgendwann wendete sich das Blatt, und das Unbekannte begann mich zu quälen. Es fuhr in mich, besetzte mich, riss an meinem Körper herum wie an einer Marionette; ich werde den Horror niemals vergessen, niemals die Angst. Niemals das Gefühl, wie real es sich anfühlte und wie wach ich es erlebte. Vom unbekannten Schemen in den Anfangsträumen an gewann es an Form, bis es Gesichter bekam, die Gesichter und Körper von Frauen.

Ich verliebte mich in eine Frau. Es war Ende Dezember 2006; ich besuchte ein Essen in der Halle, voller Vorfreude über einen jahrelangen Schwarm, den ich dort sehen würde. Ein bisschen Katz und Maus spielen fand ich reizvoll, also ging ich den Menschengruppen aus dem Weg, und fand eine Bekannte von mir im Esszimmer sitzen. Sie war nicht allein; sie saß da mit einem Mädchen das ich bisher nur entfernt kannte. Ich begrüßte sie, smalltalkte. Während dem Reden wurde ich mir bewusst, was für ein offenes Gesicht sie hatte, jungenhaft, androgyn, mit wilden blonden Locken. Sie beeindruckte mich. Ich ging nach Hause und die zuvor starke Fixiertheit auf den Typen war wie weggeblasen, ich hatte ihn sogar vergessen. Ich war glücklich und wusste nicht wieso. Und erst ein paar Tage später würde ich realisieren, was da gerade passiert war. Und es würde mich umwerfen und nicht loslassen, und das in einer Zeit, in der ich endlich in der Gemeinschaft angekommen war. Und es würde dazu beitragen, die Gemeinde zu hinterfragen, aber bis mir das möglich war, würde es mich sogar noch stärker an sie binden, im Glauben, durch Hingabe Absolution zu erfahren.

Zu der Freundin, die zu meiner Integration maßträglich beigetragen hat: Zwei Jahre lang hatte sie sich für das Gemeindeleben aufgeopfert, die perfekte Schwester, mit immer vollem Gästetisch zuhause, voller Dienstbarkeit anderen Menschen gegenüber; immer vernachlässigt, was sie selber wünschte. Es war kein Wunder, dass sie unglücklich wurde. Sie freundete sich mit einem Mann an, der neu in der Gemeinde war. Was dann begann, war Rufmord an ihr, Geschichten, die rumerzählt wurden und sie verleumdeten. Aber nicht nur dass die Geschichten erfunden waren, war wichtig, sondern dass diese sich um Sex drehten, um Sex, den eine erwachsene Frau hatte oder nicht hatte. Ich begriff erst spät was los war, und sie packte schon ihre Koffer, als ich es in seiner ganzen Konsequenz realisierte. Ich war wie erstarrt, ich bat sie zu bleiben und ich wusste doch, was ihr da angetan worden war.

Diese Dinge sind alle geschehen und sind erst nach und nach in meinem Bewusstsein zu Erlebnissen angereift, die mich auseinanderrissen. Am Anfang stand da dieser Wunsch, dazuzugehören, einfach nur Teil dessen zu sein. Wie groß er gewesen sein musste und wieviel Schönes auch passiert ist, dass ich das Negative manchmal sogar vergaß, kann ich nur ahnen; und dass mir eine Wahl gefehlt hat, all das trägt dazu bei, dass diese schlimmen Erlebnisse ihre destruktive Kraft nur langsam entfalten konnten. Ich bin verantwortlich dafür, in was ich mich da gebracht habe, verantwortlich dafür, nicht früher nein gesagt zu haben, verantwortlich für das, was ich durch mein Schweigen akzeptiert habe. Teil einer sozialen Dynamik, die Menschen reaktionären Bildern über Menschlichkeit und Liebe und Leben und Gesellschaft unterwirft, sie darauf trimmt, ihre ,,frohe Botschaft“ auf der Welt zu verbreiten, mit dem Bekenntnis nicht zufrieden ist, sondern auch die Herzen, die Gedanken, die Instinkte zu besetzen und zu beherrschen anstrebt; jeden Zentimeter Mensch, der zur Verfügung steht.

Veganer*innen und Fleischkonsument*innen in der politischen Zusammenarbeit

Steffi fragte intern herum, wie wir mit den verschiedenen politischen Haltungen in der takeoverbeta-Redaktion umgehen wollen. Sie bezog sich dabei u.a. speziell nochmal auf den Antispeziesismus, der innerhalb der Gruppe in dieser Art nur von mir vertreten wird. Interessante Fragestellung. Ich habe bereits hier schonmal über Bündnisarbeit und deren Schwierigkeiten geschrieben. Kiturak wollte mit mir am Wochenende in Mainz darüber diskutieren, ob es blöd für mich ist, dass die meisten von takeover.beta keine Veganer*innen sind. Mich hat das geärgert und ich war auch nicht vorbereitet; zuoft reicht es den Leuten von meinem Vegansein zu erfahren, um daraus ’ne Riesendiskussion zu konstruieren, weil ich ja Fleischesser*innen Von Grund Auf™ verachten muss – – – (ja, Kiturak hats nicht so gemeint, aber ich hab solche Auseinandersetzungen einmal zu oft erlebt). Hier mal meine Gedanken zum Antispeziesismus und zur veganen Ernährung:
Ich kann und will Menschen nicht vorschreiben, was sie essen sollen. Gerade bei Frauen* gibt es historisch und aktuell immer wieder Bestrebungen, ihnen ihre Ernährungsweise und ihr Verhältnis zu ihrem Körper vorzuschreiben; sowie ihnen Ekel vor dem Essen zu bereiten, das sie zu sich nehmen. Für mich geht es weniger um Kritik am individuellen Konsum, sondern um die strukturelle Ausbeutung von Tieren (damit beziehe ich mich im weiteren Text auf nichtmenschliche Tiere) in unserer Gesellschaft, die im derzeitigen System darauf beruht, aus Tieren und Tiererzeugnissen Profit zu schlagen. Wobei individueller Konsum durchaus kritisierbar bleibt und ich auch an Boykott glaube, aber nur in der immanenten Logik des Kapitalismus, den ich gerne abschaffen würde. Mit moralischem Antispeziesismus kann ich derweil nichts anfangen; es bringt m.E. nicht, Menschen den Verzehr von Fleisch zu verbieten, wenn es ihre Ernährungsgrundlage darstellt (also geradez.B. in Hirtenkulturen) oder ewige Diskussionen darüber zu führen, ob das Leben eines befreundeten Hundes jetzt mehr wert sein soll als das eines fremden Menschen. Ich halte nichts von Singers Thesen alá ,,Tiere sind weniger wert für uns, deshalb beuten wir sie aus“, sondern bin da eher historische Materialistin und meine, Tiere sind weniger wert für uns, WEIL wir sie ausbeuten. Die speziesistische Ideologie dient also nur zur Legitimierung der Handlungen, die wir bereits schon lange an Tieren ausführen und ist nicht der Grund für diese Handlungen.
Genauso glaub ich nicht, dass ethischer Vegetarismus und Veganismus einfach so in den Köpfen der Menschen aufgetaucht ist, weil wir plötzlich alle so tierfreundlich geworden sind; sondern dass diese auf einer ökonomischen Grundlage basieren: Industriell sind wir heutzutage in Deutschland in der Lage, uns fleisch- und tierproduktfrei zu ernähren. Einer der größten Feinde ist also für mich die Massentierhaltung; und der heutige Tierschutz damit nur eine andere Form, Ware zu schützen. Ein Beispiel dafür sind Betäubungen an Schlachttieren. Ist ja nett gemeint, Tiere nicht leiden zu lassen, wenn sie getötet werden. Aber die Unfähigkeit, zu schreien, sich zu wehren, als Lebewesen sich erkenntlich zu machen, macht das betäubte Tier im Tötungvorgang warenförmiger. Es ist eine entsetzliche Form von ,,Humanismus“, die Tierschützer*innen da erkämpfen und immanent sehe ich da auch keine andere ,,Lösung“, außer durch individuellen Konsum die Ausbeutungsmaschinerie zu boykottieren. Auf Bio- und Ökofleisch zu setzen, ist für mich auch keine Lösung, da Fleischessen dann wieder zu einem Privileg der Reicheren unserer Gesellschaft wird (mal ganz abgesehen davon, dass das auf der halben Welt immernoch so ist). Ausdruck dessen bei jedem Gammelfleischskandal ist dann die Phrase in gewissen Artikeln, wer Billigfleisch kaufe, sei ja selber Schuld. Verschiedene Klassismen in dem Umgang mit Ernährung gilt es zu hinterfragen, sei es von den Vertreter*innen aus der Bio- und Ökoecke, sei es, dass Vegetarismus und Veganismus eine neue Form der Distinktion darstellt, um sich von „barbarischen proletarischen Fleischesser*innen“ zu distanzieren.
Was ist also meine Hoffnung? Ich hoffe dass es ein Ende der Massentierhaltung geben wird, dass Veganismus keine teure Alternative, sondern eine für alle Menschen zugängliche Selbstverständlichkeit wird. Ich glaube daran, dass das auch starke Auswirkungen darauf hat, wie wir über Tiere denken werden in Zukunft. Ich hoffe, dass Menschen und Tiere in einer Welt, in der Menschen den Lebensraum von nichtmenschlichen Tieren rauben, miteinander leben lernen. Ich wünsche mir, dass Tieren ein eigenständiges Leben zugestanden wird, wozu gehört, dass wir anerkennen, dass Tiere nicht für uns da sind, weder als die Bärchenwurst auf unserem Teller noch als Kuscheltiere in unseren Häusern.
Und natürlich wird es Momente geben, wo ich mich über Fleischesser*innen ärgere. Oder über massenhaftes Rumschicken süßer Katzenbilder, die Tierliebe zu manifestieren scheint, aber für mich [manchmal] nichts anderes bestätigt als ein seltsames Mensch-Tier-Verhältnis, in der willkürlich die einen Tiere auf- und die anderen abgewertet werden.
Deshalb arbeite ich trotzdem weiterhin mit Fleischesser*innen zusammen, auch hier bei takeover.beta und auch in weiteren, v.a. antikapitalistischen Zusammenhängen. Sollte aber von Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, negiert werden, dass es soetwas wie eine strukturelle Ausbeutung von Tieren gibt und dies in der Ausarbeitung von Forderungen und/oder Selbstverständnissen innerhalb einer politischen Gruppe immer wieder unterschlagen werden, oder wird über Utopien spekuliert, in denen wieder und wieder nichtmenschliche Tiere keinen Raum haben sollen, dann werde ich jetzt und in Zukunft die Zusammenarbeit mit solchen Menschen überdenken und in den meisten Fällen abweisen. Das ist keine Drohung, sondern die Konsequenz, die ich daraus ziehen muss, dass ich meine politische Arbeit ernst nehme.

Edit: Die meisten meiner Gedanken und Eindrücke verdanke ich dem Buch: ,,Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen: Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere“(Hrsg: Susann Witt-Stahl).