Tag-Archiv für 'christentum'

(Kwelle: naked pastor)

Eine Bücherei nicht nur der Weltreligionen

Gerade einen kleinen Schatz gefunden, den ich gerne teilen will: Patheos.com, eine Art religiöses Wiki mit sehr vielen verschiedenen Religionen, die hier zur Sprache kommen. Buddhisten, Katholiken, Atheisten, Evangelikale, Hindus, Protestanten, Juden, Muslime und über 50 andere Glaubensrichtungen sind die Themen dieser Seite. Noch wertvoller finde ich den Blogfundus, wo mehr als siebzig verschiedene Blogger*innen aus den verschiedenen Hintergründen über ihre ganz persönliche Spiritualität sprechen, vom ,,erbärmlichen Katholiken“ zum ,,freundlichen Atheisten“, der ,,Muslima von nebenan“ und der ,,sarkastischen Lutheranerin“, sehr gespannt bin ich auch auf die Blogs über das Neuheidentum.

Das Projekt wurde gestartet von Leo und Cathie Brunnick aus den USA, als sie nach ihrer Hochzeit ihre Familien zusammenbrachten, die sehr unterschiedliche Glaubensvorstellungen teilen.

Edit (4. April 2012): Hab meine erste Katholikin angelesen (The Crescat). Das war schlimm, sehr schlimm.

Sexuelle ,,Moral“ in der Bibel

Wer die Bibel wörtlich nimmt, wird Schwierigkeiten mit ihrer sexuellen Moral bekommen. Die legitimiert nämlich Polygamie, Sexsklaven und Vergewaltigung. Sehr guter Artikel auf Alternet.

Befreiungstheologie oder: Was ist emanzipatorisch an Religion?

,,Es gibt nichts Emanzipatorisches an Religion.“ (Freund von mir)

,,Religion ist voller Opiate.“ (Mr. M to the X)

,,Was? Aber ich dachte, du wärst kritisch.“ (Hier Namen einfügen)

Angekommen im Atheismus-Wunderland, wo jede naiv guckende Alice schnell auf die Grinsekatze trifft, balanciere ich mich durch die Gebüsche linker Theorie …
Um mich herum der Singsang eifriger ,,Wir glauben an keinen Gott“-Gebete.

Meine christliche Gemeinde war irgendwo zwischen charismatisch und evangelikal und ihr stärkster Bezugspunkt waren die Urchristen. Hochpolitisch war meine Gemeinde. So stark dass sie von sich selbst behauptete, unpolitisch zu sein. Und mit ihrer Behauptung, Fremde auf Erden zu sein, uralte konservative und reaktionäre Werte tradierte.

Ich bin da raus. Oh ja, feministische MitleserInnen: Nicht wegen dem ,,Herr“ in ,,Herr Jesus“. Aber die Geschichte ist jetzt erstmal langweilig (nachzulesen in ,,Rebellische Jugend. XY bricht aus konservativem Leben aus.“ AutorIn: Voll L. Angweilig).

Während ich im Atheismus-Wunderland mit besagtem Atheismus flirtete, wunderte ich mich über die Parallelen, die es zwischen meiner christlichen und meiner linken Subkultur gab:

1) Alle kleiden sich irgendwie ähnlich
2) Gemeinsames Essen und Essenmachen ist sehr wichtig
3) Ghettoisierung: Alle ziehen in dieselbe Gegend
4) Kennst du die Codes, biste schnell dabei
5) Du brauchst mindestens ein paar Jahre, um die Codes zu kennen
6) Die ,,Aktiven“ sind Herz und Seele der Subkultur
7) Utopien sind wichtiger Teil des Austausches
8) Revolutionär: AnarchistIn/Überwinder; gegen ,,böse Mächte“ auf Erden, gegen dumpfen Mainstream
9) hervorgehobene Ethik: das persönliche Leben als ,,Brief“ an die Menschen, Lifestyle als Verantwortung
10) Missionierung!!!! Diese unglaubliche Papiergläubigkeit. Diese Wirksamkeit, die Menschen in Traktate und Pamphlete hineinlesen!
11) Gemeinsames Essen. Gemeinsames Essen. Gemeinsames Essen.

Und immer wieder auch die gegenseitige Feindlichkeit. ,,Was, wo gehst du hin?“ oder: ,,Wie kannst du das vereinbaren?“

Ja. Wie kann ich das?

Der oben erwähnte Opiate-Experte hat ausgezeichnet über die Doppelnatur der Religion geschrieben:

,,Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“

1

Ist jemenschem aufgefallen, dass der erste Teil nie mitzitiert wird, wenn rote Socken Mr. M to the X benutzen, um gegen Religion zu tröten? Religion kann also Rechtfertigung der bestehenden Weltordnung sein wie auch ein Protest gegen sie.
Das Christentum ist nicht zeitlos, nicht losgelöst von der Welt, sondern unterliegt historischen Wandlungen, so wie ungefähr alles andere auch. Es ist eine kulturelle Form, die sich Menschen hier und gesellschaftliche Kräfte da angeeignet haben, immer wieder neu und anders. Schon Engels zählte das herunter2: erst eine Religion der Sklaven, dann Staatsreligion des Römischen Reiches, dann super angepasst an die Feudalhierarchie, dann ins bürgerliche Leben transferiert. Die Symbolik, an der das Christentum reich ist, wird in jeder Zeit jeweils anders besetzt, wird verzerrt, rot oder lila gefärbt oder durchgewaschen, andere Knackpunkte werden gesetzt, andere Verse, Geschichten, Personen in den Mittelpunkt gerückt.

Und was ist die Befreiungstheologie? Eine Bewegung, die in Lateinamerika in der Zeit der Militärdiktaturen entstand und sich über zahllose Basisgemeinden verbreitete. So katholisch wie kein anderer Kontinent, war die Kirche in Südamerika der einzige Ort, der sich der militärstaatlichen Ordnung in einigen Teilen entziehen konnte. Es gab Priester, Theologen und Bischöfe, die entdeckten, dass die kapitalistischen Verhältnisse, v.a. beschleunigt durch den nordamerikanischen Imperialismus und das Joch der Militärdiktaturen, die Menschen in Not und Elend brachten, den Mittelstand dezimierten, öffentliches Eigentum privatisierten. Daneben der Rassismus weißer und mitteleuropäischer Nachfahren gegenüber den Indigenen und den Nachfahren afrikanischer Sklaven. Und die gesellschaftliche Vorherrschaft der Männer, die doppelte Ausbeutung der Frau. 3

Es hieß, aufzuhören, die Bibel nach der herrschenden Lehre auszulegen, einer Lehre, die Herrschaft legitimiert, gelehrt durch eine Kirche, die die Privilegierten unterstützt und trägt. Und um es mit Ernst Bloch zu sagen, es wurde gesucht nach der ,,Biblia pauperum“4, der Armenbibel, nach Auslegungen, die abweichen von der herrschenden Lehre, nach einer Religion, die sich den Armen, den Unterdrückten, den Außenseitern zuwendet.

Was hat das mit mir heute zu tun? Ich meine, frei von Militärdiktaturen, selber teilhabend an Privilegien, in einem der reichsten Länder der Welt?

Erstmal, dass mein Glaube und meine politische Überzeugung sich nicht gegenseitig auslöschen. Dass Glaube nicht reaktionär sein muss, sondern im Gegenteil ,,Hoffnung wagt“, von einer anderen Welt reden darf und reden will. Aber auch, dass mein Glaube nicht nur eine Art Hülle ist für einen sozialistischen Inhalt, sondern dass ich Mystik erleben kann, will, möchte, eine Beziehung bilden kann zu einem Gott, dessen*deren Bild sich in mir noch auflichten wird. Dass wir von einem Menschensohn reden, der als ,,Immanuel“ angekündigt wurde, ,,Gott mit uns“. Dass mein Glaube jenseitsbezogen seine Kraft verliert und nur im Heute und Hier seine Lebendigkeit entfaltet. Dass ich mich als Christin nicht der Verantwortung entziehen werde.

Weitere Links:
Ratzingers Angst vor der Kirche der Armen
Befreiungstheologisches Netzwerk

  1. Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. (1844). MEW, Bd. 1, S. 378 [zurück]
  2. Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie (1886). MEW, Bd.21, S.305 [zurück]
  3. Greinacher, Norbert (Hg.) (1985): Konflikt um die Theologie der Befreiung. Diskussion und Dokumentation. Zürich/Einsiedeln/Köln. [zurück]
  4. Bloch, Ernst, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt 1985 [zurück]

Helfen Identitäten? Es wird persönlich.

Ich bin verloren in Begrifflichkeiten. Zurzeit durchsurfe ich mit Leidenschaft die US-amerikanische Blogosphäre und begegne all den Identitäten, mit denen sich Blogger bezeichnen: Sex-positive, fat-positive, Republikaner, schwarze Ghettolesben, schwule Ehemänner. Alle stecken ihr Revier, ihren Bereich ab und dann berichten sie – aus ihrer Perspektive. Und ich bemerke, dass diese Begrifflichkeiten in die deutsche Blogosphäre überschwappen; wir fangen an, von Klassismus zu reden, von Biphobie, von Critical Whiteness. Ich weiß nicht, ob wir Begriffe immer 1:1 aus dem US-amerikanischen Raum übernehmen können; ich glaube, wir vergessen manchmal, dass ,,drüben“ oftmals andere Diskurse geführt werden. In den USA gibt es die Auseinandersetzung um weiße Hautfarbe – schwarze Hautfarbe; hierzulande schaffen Türken Deutschland ab – und sind dabei doch auch weiß, diese Schlingel …

Ich überlege mir immer, ob ich jemals einen Blog beginnen sollte mit den Worten: Ich bin das und das und das, und ich kämpfe für dies und jenes. Ich fühle mich dann seltsam: narzisstisch vielleicht, zu sehr bemüht darzustellen, was ich bin. Ich weiß auch immer nicht, was diese Dinge dann letztendlich über mich aussagen. Aber ich wills versuchen.

Ich bin eine Frau. Ich bin Studentin. Ich bin Türkin. Meine Eltern sind Muslime, ich bin ab dem sechsten Lebensjahr in verschiedenen Kinderheimen aufgewachsen und wurde dort säkular erzogen. Ich wurde sexuell missbraucht. Ich war frühreif in meiner Entwicklung, dabei wollte ich immer ein Junge sein und habe meinen Körper gehasst. Mit 10 Jahren entschied ich mich gegen die Kultur meiner Familie, weil sie mich nicht in Ruhe Bücher lesen ließen. Stattdessen bekam ich Depressionen und schwänzte die Schule. Mit 14 Jahren entschied ich mich, Christin zu werden, auf der Jugendfreizeit einer Gemeinde, die sehr bibeltreu ist. Im Gemeindeleben, in dem ich sehr aktiv war, bemerkte ich ein paar Jahre später, dass ich Frauen liebe und habe das bisher immernoch keinem Menschen dort sagen können. Ich las Simone de Beauvoir und wurde Feministin. Ich las Rilke und wurde sentimental. Ich wollte immer Schriftstellerin werden und war in der Schule die Beste in Deutsch. Ich habe das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) und damit eine systemische Hormonerkrankung, für die es keine Gegenmittel oder Heilung gibt. Ich bin Tierrechtlerin und Veganerin und Single und bereits 15mal umgezogen. Und irgendwann wurde ich ’ne linke Zecke.
Lass uns mal drüber reden …

Was bin ich jetzt, wer kann mir das sagen? Nenne mir eine Selbsthilfegruppe oder eine Anlaufstelle, die das auffängt. Es bräuchte eine Selbsthilfegruppe FÜR DAS LEBEN. Was für eine Perspektive haben wir, wenn wir versuchen, unser ganzes Leben zusammenzufassen, das sich doch so schlecht in Begrifflichkeiten reduzieren lässt. Reichen Identitäten denn, um Menschen zu fassen? Welchen Namen gebe ich jetzt meinem Blog? Kann ich, der feministischen Bewegung treu, denn über alles Private berichten, als sei es politisch? Oder tue ich so, als sei nur das Private politisch, verkrümme meinen Blick in mich selber und feiere meine exzessive Subjektivität?

Ich bin für Identitäten, trotz allem. Ich liebe es, den Blog einer dicken, lesbischen Frau zu lesen, die mir sagt, ich bin okay, so wie ich bin. Solche Menschen schreiben Blogs mit einem Filter vor Augen, und sie filtern alles in ihrer Umgebung heraus, was dicke, lesbische Frauen betrifft. Ich halte mich manchmal immernoch für filterlos und glaube meinen Blick so neutral wie den der Tagesschau (okay, besser gesagt: ,,neutral“). Ich glaube aber, es tut mir gut und auch denen, die das hier lesen, transparent zu machen, wer eigentlich schreibt.

Euer Bäumchen