Tag-Archiv für 'feminismus'

Einen Ort, für eine Person.

Das hier ist mein persönlicher Blog.
Ich muss mir das immer wieder sagen. Mein Blog. Dieser Raum hier dient nicht primär Feminismus-irgendwas-Sachen, politischen Fachsimpeleien; nicht weil das nicht ne tolle Sache ist, sondern weil er primär erstmal gar nichts sein muss, außer eines: ein Raum für mich.
Raum zum Atmen.

Wenn ich schreibe wenn ich über mich schreibe, passiert oftmals folgendes: Das Gefühl überwältigt mich, das, was ich hier tue, sei nicht legitim. Dabei kämpfe ich um jede Zeile Ausdruck und wenn ich dann mal etwas geschrieben habe wie ,,Fromme Jugend“, überwältigt mich Entfremdung. Weil: es ja noch soetwas gibt wie die nähere gesellschaftliche Umgebung, in der das geschrieben ist. Ich habe ungefähr ein Bild der deutschen feministischen Blogosphäre vor mir und es ist unvollständig, dennoch: mich überkommt, was ich empfinde, fühle, was mir widerfahren ist, sei zu schreiben nicht legitim. Eine Liste der bekannteren deutschen Blogger*innen zu überfliegen, befremdet mich. Und in meiner näheren Umgebung reicht es, politische Veranstaltungen der Ecke links, (pro)feministisch, alternativ nur zu sehen: Ich will umdrehen und sofort gehen.

Ich habe damals begonnen damit, wie sehr mich das Konzept von Identität verwirrt. Ich bin kein Stückchen weiter gekommen oder klüger geworden. Es ist als zerfasere ich in immer mehr Aspekte meinerselbst: nun da ich sie alle benennen kann, fühlt es sich manchmal schwerer an, als wenn ich nur diffus etwas in mir mitbekomme und es in die hinterste Ecke meines Bewusstseins schiebe.

Zunehmend macht mich diese Auseinandersetzung einsam. Ich sehe mich selber und nehme Abstand zu den anderen. Als natürliche Folge dessen, dass ich nicht mehr mich als Quelle oder Ursache der Dinge sehe, die mir angetan wurden. Ich kann benennen, was geschieht, ich lerne Gesprächsinhalte nach ihren ganz eigenen kleinen Fallen zu unterscheiden, menschliche Auseinandersetzungen einzuordnen. Ich bemühe mich nicht mehr um meine Anpassung. Aus reiner Schadensvermeidung an mir selber.

Mit meinem Alleinsein, das kein „böses“ ist, muss ich gerade lernen, klarzukommen. Ich habe, um mich selbst zu bewahren, von so vielen jetzt Abstand genommen: Die Gemeinde als riesigen, Bedeutung generierenden Komplex meiner Jugend, aber auch meine Familie, Freund*innen, die Universität; alles ist jetzt einen Schritt weiter nach außen getreten. Nähe, weil solange mit Selbstverletzung angenommen, ist nun etwas geworden, vor dem ich Achtung habe und es mir nur in bestimmten Dosen verordnen kann. Und das ist gut so.

In den nächsten Tagen beginne ich ein Soziales Jahr im Krankenhaus. Ich will wenigstens für eine Weile raus aus dem Uni-Betrieb, weg von den Kommiliton*innen, deren Pflichtbewusstsein und Langeweile mich abstößt. Am wenigsten komme ich aber damit klar, was soviele von ihnen ausstrahlen: Ich bin hier richtig.

Was für ein Gedanke. -

Eine Feministin, die noch werden muss. So habe ich mich am Anfang vorgestellt. Hin und wieder fühlte ich mich gedrängt, noch hinzuschreiben: Und Türkin. Und Veganerin. Und … Die Leute müssen doch sehen um wen es hier geht. Ich habe vor allem gehofft, es würde meinesgleichen auf meinen Blog bringen, Menschen wie mich. Was ich mir darunter vorstellte, weiß ich selber nicht so. Mehr und mehr wird mir klar, dass ich Ähnlichkeiten immer dann zu sehen glaube, wenn ich Menschen begegne, die an Rändern stehen zwischen verschiedenen Welten. Vermittler*innen, aber auch Heimatlose. Nur in der Vermittlung selber ein Stück Da-Sein finden, weil im ständig aufrechtzuerhaltenden Verortungsprozess Wirklichkeit entsteht, auf eine kurze lebendig machende Art und Weise. Während andere reproduzieren, was sie kennen, müssen wir produzieren, was wir nicht kennen: Einen Ort, an dem wir zuhause sind. Quasi einen Nicht-Ort, Utopie.
Das bedeutet Dekonstruktion für mich.

Zu dem Wort ,,Person“. Erst heute bin ich darauf gekommen, dieses unscheinbarste aller menschlichen Fremd- und Eigenbezeichnungen näher zu betrachten. Ich mag seine Förmlichkeit. Ich mag auch, dass es ein generisches Femininum ist. Und ich mag, was mir da aus Wikipedia an ursprünglichen Bedeutungen oder Bedeutungsvorschlägen entgegenkommt: ,,Maske des Schauspielers“, Rolle, (An)Gesicht, Miene, Blick, äußere Gestalt, Aussehen, aber auch ,,durchtönen“, ,,verkleiden“.
Wie einst noch das Bild der ,,Maske“ mich sehr abstieß, schrieb ich vor Jahren einmal in einem desillusionierten Gedicht über die Frau, die mich geboren hat:

… dein Du unter lauter Masken – Maske war
dein Angesicht war ganz entfernt – – -
mit Eifer hab ich dich verlernt.

Maske sein, hieß damals für mich äußerste Erschütterung der Glaubwürdigkeit, basierend auf der Annahme: 1 Körper – 1 Person – 1 Identität. Ganzheitlichkeit, Einheit, Abgeschlossenheit. Präzises Da-Sein. Verortet sein, gebürtig sein, nicht in Frage gestellt sein, richtig sein. Ich kann die Sehnsucht danach verstehen, und sehe wie die meisten kaum die Kräfte, die wirken müssen, damit Menschen und ganze Gesellschaften sich derart zusammenhalten.

Ich sehe aber den Energieaufwand, den ich verbrauche, um wer zu sein. In einem Prozess mit mir selber zu sein, Prozess als Entwicklung zu erfahren, zugleich mit der Bedeutung, mich selber beständig neu zu legitimieren, zu rechtfertigen. Wie innerhalb eines gerichtlichen Prozesses.

Das Wort ,,Person“, das mag ich jetzt aber.

Feminismus in der arabischen Welt

Feminismus in der arabischen Welt: Link

Böse amerikanische Ordensfrauen

Feministische Umtriebe bei den US-amerikanischen Ordensfrauen. Link

Ekel-Rant: „Machismo gegen Kapitalismus“ – oder so hab ichs verstanden.

Ich wollte gestern zu unserer Hausbar runtergehen. War mal wieder ne Party, hieß mal wieder ,,Feiern gegen Kapitalismus“. Or so. Ein Hiphop-Künstler trat auf. Ich lugte durch die Tür, es war heiß, stickig und eng und an Tanzen war nur zu denken, wenn frau es mochte, sich an Mittänzern zu reiben. Ich blieb vor der Tür stehen. Irgendwann drang der Text des als kritischdenkend bekannten Künstlers zu mir durch. Es ging um Kapitalismuskritik, Klassenkampf, Schönheitsideale, Heteronormativität, etc. Das ganze Paket also, über das der Künstler rappte.
Ich warf mehrere Blicke durch den Raum. Die meisten Menschen hier kannte ich. Da gab es den Anarchisten , der Antifamackertum für eine geeignete Strategie hält gegen Nazis und immer zwei Geliebte auf einmal hat. Oder den Esoterik-Hippie, der die ,,Natürlichkeit“ der heterosexuellen Beziehung befürwortet und alles andere für unnatürlich erklärt. Die vielen Jungen, die vor allem Spaß haben wollten und vertraute Parolen mitsingen. Alles Menschen, die ihre typisch heteronormativen Beziehungen führen, Polyamorie und Queerness in ihrem Halbwissen zu etwas verdrehen, das gerade den Typen weiteres Machogehabe erlaubt. Frauen, die auf halbwegs definierte Beziehungen warten und solange mit einem Typen schlafen, bis er genug hat von ihnen. Die Männer, wüsste nicht, welche Gruppe ich da schlimmer fände: Auf der einen Seite die Machos, vor denen frau gewarnt wird, offensichtliche Weiberhelden. Auf der anderen Seite die selbsternannten Feministen, die den Frauen erklären, was ,,richtiger“ Feminismus ist, in Diskussionsrunden dominieren und sich öffentlich beschweren, dass ihre Freundinnen beim Sex nicht den aktiven Part übernehmen. Alles in allem: Weiße deutsche Männer zwischen 18 und 30, die den Raum füllen, Liedtexte mitgrölen und vor allem eins tun: sich selbst feiern, ihre Auserwähltheit, ihre Freiheit, das fehlende Bewusstsein, den meisten Platz beim Tanzen zu bekommen, weil so gewohnt, sich breit machen zu dürfen.

In solchen Momenten frage ich: Was machen wir da? Ist das Ganze ein Spiel, nur ein Ritual des Erwachsenwerdens, das man zelebriert; Kritischsein als Lifestyle, der auswendig gelernt wird, um damit die nächste Frau zu beeindrucken, die mann ins Bett kriegen will? Warum lerne ich gerade in der linken Szene so wenige selbstbewusste Frauen kennen; liegt es daran, dass geglaubt wird, wir hätten alles erreicht? Was? Einen etwas subtileren Sexismus? Einen Möchtegern-Antirassismus, der bei der nächsten Critical-Whiteness-Runde vehement vorgebetet wird und der aber in der Köpfen der größten Antifaschisten nur bedeutet, Rassismusbetroffene seien vor allem eins: Opfer, aber keine Subjekte? Was sind wir? Eine elitäre kleine Clique von Menschen, die irgendwann gut bezahlt werden wird. Und bis dahin wird abgefeiert.

Auf so einer Revolution will ich gar nicht tanzen. Ekel, Ekel, Ekel.

Amazonen

Manche reden schon von postpatriarchalen Verhältnissen. Zumindest in Deutschland, mit einem bestimmten Einkommen, dem richtigen Habitus und dem Bewusstsein der Millionen kleinen und großen Kämpfe, die fast auf Augenhöhe geführt werden!
In der Ukraine scheint das anders zu sein. Oder warum sonst formiert sich eine Gruppe Frauen, lässt sich in den Karpaten nieder, um dort nach Vorbild der Amazonen im antiken Griechenland ein Leben ohne Männer zu führen? Asgarda nennen sie sich, bestehen zum größten Teil aus Studentinnen und verehren die Oppositionsführerin Julija Tymoschenko. Martialisch die Bilder, umso interessanter die Skepsis des Fotografen Guillaume Herbaut, ob er die Realität dieser Frauen tatsächlich wiedergegeben hat. Nichtsdestotrotz war er gerührt von der Begeisterung der Frauen über die Fotos. Und fügt hinzu, dass sich sein erster Eindruck nicht getäuscht hat: ,,Die Wurzel einer neuen Sekte“, befürchtet er.
Ich weiß, dass es eine Zeit in meinem Leben gab, wo mich solche Bilder unglaublich angesprochen hätten. Und ich hätte vielleicht so einen Weg für mich gewählt, wenn ich nur die Menschen gefunden hätte, mit denen ich diese Gemeinschaft hätte aufbauen können. Es ist was Faszinierendes am Bild der Amazone, die Idee der autonomen Frau, der Kämpferin. Und zugleich etwas Rasendes, Wütendes. Ich liebe diese Wut.
Aber das hier ist nicht nur eine ästhetische Idee und es geht auch nicht umbedingt um eine Wahl: Es geht um Notwendigkeit. Es geht darum, dass es manchmal keine andere Lösung gibt, als sich in Frauengemeinschaften zurückzuziehen, weil der Schaden, den diese Frauen durch Männer in ihrem Leben erlitten haben, groß ist, weil sie Ermutigung brauchen, Aufbau, die Anerkennung der anderen Frauen. Sich selbst wieder als stark zu erleben, sich stark zu wissen, dabei die Freundschaft anderer Frauen zu erfahren, den Zusammenhalt. Das ist oft keine Wahl. Das ist ein Muss, um zu überleben, um würdevoll zu überleben.
Der Fotograf befürchtet den Beginn einer neuen Sekte. Aber was ist eine Sekte autonomer Frauen im Patriarchat?

Der 8. März kommt bald. In meiner Stadt wird es dann eine Diskussionsrunde über autonome Frauengruppen geben. Ich bin gespannt.

Schuldgefühle originally made by Catholic Church

Langeweile an düsteren Sonntagabenden, anyone? Kath.net und Kreuz.net können dabei wirksam unterhalten. Den Hasspredigerstil von Kreuz.net dürfte jede*r von uns kennen. Wer glaubt, das ernsthaft erscheinendere Kath.net, das sich mit seinen Richtlinien am katholischen Lehramt orientiert, würde dabei an BILDhaftigkeit einbüßen, irrt: Wenn dort auch eher selten schmeichelnde Rhetorik vorherrscht wie ,,Gomorrhisten“, ,,Homo-Pervertierte“, ,,bedrückende Türkenflut“ oder der ,,Babycaust“. Dafür darf mensch sich dann mit Moralschnulzen auseinandersetzen wie dem sogenannten ,,Tagebuch eines ungeborenen Babys“. Kath.net kommentiert hoffnungsfroh über dessen Verbreitung:

Nach dem Lesen dieses Textes haben sich schon viele junge Frauen dazu entschieden, ihr Kind zu behalten.

Wie immer halten Abtreibungsgegner ihre Argumente schön unpolitisch und immer im persönlich-ethischen Rahmen: Mutter und Kind als immerwährende harmonische Einheit, in der sich die bewusst abtreibende Mutter nur als Monster entpuppen kann. Mit einem solchen Denken KANN ein Abtreibungsverbot nur Lebensschutz sein. Aber Mutter und Kind in einen gesellschaftlichen Rahmen zu setzen und darüber nachzudenken, was es bedeuten würde, wenn wie früher Familie, Vater, Ehemann, Staat darüber entscheiden, was mit dem Körper einer Frau passieren darf – dieser Überlegung gehen sie nicht nach. Der Körper der Frau dient immernoch als moralisches Schlachtfeld: Dieses Bild zieht bis heute Menschen, Männer wie Frauen, in die radikaleren Kreise der Religiösität, die nicht von alten Projektionen lassen wollen, von der Objektivierung des weiblichen Körpers, von dessen Sündhaftigkeit und der Regulierung dieser Sündhaftigkeit.

P.S.: Das Baby ist natürlich ein blonder, blauäugiger Engel …


Ein abgetriebenes Kind verzeiht seiner Mutter. Mit Appellen an das schlechte Gewissen gegen die Vorstellung, dass Frauen selbstbestimmt mit ihrem Körper umgehen dürfen.

Gleichgültigkeit in Aktion.

Meine Gleichgültigkeit in letzter Zeit geht mir auf die Nerven. Ja, Ninia LaGrande: Manchmal ist mir so vieles so egal. Ich habe für alles eine Antwort, darum muss ich nicht lange überlegen. Ich habe für alles eine Antwort, also geht mir nichts zu nahe, da ja schon längst abgefertigt. Ich habe für alles eine Antwort, also bleibt jede Diskussion, jedes Gespräch mit einer anderen Person per se unfruchtbar.
Ich behandle meine feministische Einstellung wie einen Panzer gegen die Gewehrschüsse jedweder Argumentation. Manche feministischen Grundsätze haben sich schon so in mir verankert, dass ich nicht an ihnen rütteln lasse, und mich innerlich von meinem Gegenüber schon abgewandt habe, während er noch redet. Ich behandle meine feministische Einstellung wie einen Freifahrtschein; damit sei mir der Zutritt in ein jede kritische Runde erlaubt. Ich missachte und trete, was andere Frauen vor mir erreicht haben, indem ich das Erreichte wie die tägliche Kleidung anziehe und mich dann wieder ins Bett lege, mich umdrehe und einschlafe, anstatt loszuziehen und weiterzukämpfen, mich hinterfragen zu lassen, anzustoßen.
Ich streite und diskutiere und gehe mit komplizierten Fragestellungen um, aber in mir herrscht Gleichgültigkeit. Es ist wie das Alphabet, das ich auswendig gelernt habe: KapitalismusistschlechtWirbraucheneineAlternativeGegenLeistungsgesellschaftundVerwertungVeganismusisttollTierausbeutungistscheißeGehdochliebercontainernInstitutionalisierteMännlichkeitistscheißeFrauenwehrteuchFeminismuss!KampfKampfKampfNazisrausFürFriedenundinternationaleSolidaritätGegenRassismusundFremdenhassNobordernonationstopdeportation …
Es ist da alles drin in diesem Kopf. Und eröffnet sich ein neues Themengebiet, dann hüpfe ich da gleich hinein, dann eigne ich mir dieses Thema an, dann rede ich da mit. Aber ich suche mir manchmal die Ansicht, die gerade nett erscheint, und vertrete die. Und manchmal wiederhole ich nur Schlagwörter. Manchmal fällt mir das nicht auf. Aber ich reproduziere Argumente anderer Menschen, immer und immer wieder, und entwickle mich nicht weiter. Und mir erscheint so auch jede Diskussion: Sie führt nicht weiter. Weil ich nicht zuhöre. Weil ich bei dem Wort ,,Kapitalismus“ schlagartig und maschinenhaft herunterleiere: Alternative bla bla. Und Nazis sind verblödete Dorftrottel, die marschieren und veraltete Parolen schreien. Es geht so einfach schubladisiert. Und ich tue das nicht, weil es einfacher damit ist, das Leben zu sortieren, sondern weil es mir manchmal schlicht gleichgültig ist. Nazis gehen an meinem Leben vorbei. Für mich sind das Exoten aus einer anderen Welt. Ich erinnere mich an die Blockade in Dresden, wo ich ständig den Kopf gehoben habe, um auch nur ja einen von ihnen zu sehen (Ich hab übrigens keinen gesehen). Für andere sind Konfrontationen mit Nazis brutale Realität. Die sind nicht gleichgültig. Ich bin es und bin es leider sooft und wenn das Schlagwort ,,Antifa“ auftaucht, schlagworte ich zurück: ,,Männerverein“ und denke nicht weiter nach.
Heute hat mich einer in der Diskussion weiter gezwungen als bisher andere und vor meinen Augen zerbröckelten meine schönen Argumente. Nicht, weil sie an sich nicht logisch oder gerechtfertigt waren. Aber weil sie so oft (zugegeben gutbestückte und reichverzierte)Fassaden waren, die meine eigentliche Gleichgültigkeit und den Hang, so vieles einfach abzufertigen, verbergen sollten. Ich gehe auf Vorträge und latsche auf Demos mit und kümmere mich um Vernetzung und könnte den Vorwurf der Gleichgültigkeit weit von mir weisen. Und erkenne, dass diese meine politische Aktivität die größte Fassade ist, weil sie die unglaublich leere Stelle in meinem Innern verdeckt. Wo ich einst Menschen und ihre Lebensituationen verstehen wollte, will ich heute Phrasen von ihnen hören, um ihnen wiederum meine Phrasen zu entgegnen. Wo ich noch an ein gutes Leben für alle mitwerkeln wollte, reihe ich auf, was studierte und gelehrte Menschen denn über Macht und Politik und so einen Scheiß verzapft haben. Ich nehme nicht wirklich teil an diesen Dingen, ich lasse mich stellvertreten und wenn mensch mich fragt, wiederhole ich die Aussagen meines Stellvertreters. Ich latsche mit, aber es könnte auch eine ganz andere Person da marschieren, für die Demo ist das egal.
Es sollte aber nicht egal sein. Es sollte nicht egal sein, dass gerade ich an einer Aktion teilnehme, oder gerade ich mit gerade dieser Person ein Gespräch führe. Wenn es das aber weiterhin bleibt, kann ich nicht mehr leugnen, dass es eine Leere in mir erzeugt, die mich auffrisst, die mich wahnsinnig werden lässt an meiner Unfähigkeit, irgendetwas in dieser Welt zum Guten hin zu verändern, die mich immer öfter als Figur in einem undurchsichtigen Spiel enttarnen wird: eine gesichtslose Figur ohne Eigenheit, ohne Farbe, ohne Rückstände. Und letztendlich ohne je wirklich was gesagt zu haben.

Helfen Identitäten? Es wird persönlich.

Ich bin verloren in Begrifflichkeiten. Zurzeit durchsurfe ich mit Leidenschaft die US-amerikanische Blogosphäre und begegne all den Identitäten, mit denen sich Blogger bezeichnen: Sex-positive, fat-positive, Republikaner, schwarze Ghettolesben, schwule Ehemänner. Alle stecken ihr Revier, ihren Bereich ab und dann berichten sie – aus ihrer Perspektive. Und ich bemerke, dass diese Begrifflichkeiten in die deutsche Blogosphäre überschwappen; wir fangen an, von Klassismus zu reden, von Biphobie, von Critical Whiteness. Ich weiß nicht, ob wir Begriffe immer 1:1 aus dem US-amerikanischen Raum übernehmen können; ich glaube, wir vergessen manchmal, dass ,,drüben“ oftmals andere Diskurse geführt werden. In den USA gibt es die Auseinandersetzung um weiße Hautfarbe – schwarze Hautfarbe; hierzulande schaffen Türken Deutschland ab – und sind dabei doch auch weiß, diese Schlingel …

Ich überlege mir immer, ob ich jemals einen Blog beginnen sollte mit den Worten: Ich bin das und das und das, und ich kämpfe für dies und jenes. Ich fühle mich dann seltsam: narzisstisch vielleicht, zu sehr bemüht darzustellen, was ich bin. Ich weiß auch immer nicht, was diese Dinge dann letztendlich über mich aussagen. Aber ich wills versuchen.

Ich bin eine Frau. Ich bin Studentin. Ich bin Türkin. Meine Eltern sind Muslime, ich bin ab dem sechsten Lebensjahr in verschiedenen Kinderheimen aufgewachsen und wurde dort säkular erzogen. Ich wurde sexuell missbraucht. Ich war frühreif in meiner Entwicklung, dabei wollte ich immer ein Junge sein und habe meinen Körper gehasst. Mit 10 Jahren entschied ich mich gegen die Kultur meiner Familie, weil sie mich nicht in Ruhe Bücher lesen ließen. Stattdessen bekam ich Depressionen und schwänzte die Schule. Mit 14 Jahren entschied ich mich, Christin zu werden, auf der Jugendfreizeit einer Gemeinde, die sehr bibeltreu ist. Im Gemeindeleben, in dem ich sehr aktiv war, bemerkte ich ein paar Jahre später, dass ich Frauen liebe und habe das bisher immernoch keinem Menschen dort sagen können. Ich las Simone de Beauvoir und wurde Feministin. Ich las Rilke und wurde sentimental. Ich wollte immer Schriftstellerin werden und war in der Schule die Beste in Deutsch. Ich habe das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) und damit eine systemische Hormonerkrankung, für die es keine Gegenmittel oder Heilung gibt. Ich bin Tierrechtlerin und Veganerin und Single und bereits 15mal umgezogen. Und irgendwann wurde ich ’ne linke Zecke.
Lass uns mal drüber reden …

Was bin ich jetzt, wer kann mir das sagen? Nenne mir eine Selbsthilfegruppe oder eine Anlaufstelle, die das auffängt. Es bräuchte eine Selbsthilfegruppe FÜR DAS LEBEN. Was für eine Perspektive haben wir, wenn wir versuchen, unser ganzes Leben zusammenzufassen, das sich doch so schlecht in Begrifflichkeiten reduzieren lässt. Reichen Identitäten denn, um Menschen zu fassen? Welchen Namen gebe ich jetzt meinem Blog? Kann ich, der feministischen Bewegung treu, denn über alles Private berichten, als sei es politisch? Oder tue ich so, als sei nur das Private politisch, verkrümme meinen Blick in mich selber und feiere meine exzessive Subjektivität?

Ich bin für Identitäten, trotz allem. Ich liebe es, den Blog einer dicken, lesbischen Frau zu lesen, die mir sagt, ich bin okay, so wie ich bin. Solche Menschen schreiben Blogs mit einem Filter vor Augen, und sie filtern alles in ihrer Umgebung heraus, was dicke, lesbische Frauen betrifft. Ich halte mich manchmal immernoch für filterlos und glaube meinen Blick so neutral wie den der Tagesschau (okay, besser gesagt: ,,neutral“). Ich glaube aber, es tut mir gut und auch denen, die das hier lesen, transparent zu machen, wer eigentlich schreibt.

Euer Bäumchen

Nichts Neues unter der Sonne: Maskulinisten

frauen
(Quelle: flickr)
(Diese Vorstellung ist nicht ganz so neu …)

Es scheint: Jedes Mal, wenn Frauen erstarken, glauben manche Männer sich in ihren Menschenrechten beschnitten. So auch in der Zwischenkriegszeit, wie die Historikerin Anna Maria Sigmund in ihrem Buch: ,,Das Geschlechtsleben bestimmen wir“. Sexualität im Dritten Reich herausgearbeitet hat. Ein parteiübergreifender ,,Bund für Männerrechte“ wurde in Wien gegründet, um die männlichen Interessen zu wahren. Dazu schrieb eine Zeitung im März 1926 in einem Stil, der uns heute nur allzu vertraut ist:

,,Genug der Schmach der Weiberherrschaft, der Frauendiktatur, es lebe der Bund für Männerrecht! Da die Despotie des weiblichen Geschlechts einfach nicht mehr auszuhalten war, da die Männer seit Tag und Jahr geächzt haben unter dem Joch der weiblichen Cäsaren, da das starke Geschlecht nur noch der Sklave des schwachen war, der reine Niemand, … ist nun endlich eine befreiende Tat gesetzt …“

1

Die zum Bund gehörige Zeitschrift hieß ,,Notwehr“ und wetterte gegen die ,,Versklavung der Männer durch feministische Gesetze“. Bereits im selben Monat der Gründung durfte der Verein eine Rede im Parlament halten über die ,,auf die Spitze getriebene Frauenemanzipation“. 2
Wirkungsvoll die Reaktion der Frauen: Aus allen Parteien wehrten sich Parlamentarierinnen gegen die frauenfeindlichen Vorwürfe und entkräfteten sie anhand von Daten und Fakten. Die Männerrechtler, die stur an ihren Behauptungen festhielten und auf die Erläuterungen der Frauen nicht eingingen, wurden mit der Zeit nicht mehr wahrgenommen und in der Berichterstattung nicht mehr thematisiert. 3

Vieles abgeguckt haben sich die Wiener übrigens von dem ,,Deutschen Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation“, der bereits 1912 gegründet wurde mit dem Slogan: ,,„Echte Männlichkeit für den Mann, echte Weiblichkeit für die Frau“. Als trotz der im Gegensatz zu den Österreichern sehr viel erfolgreicher geführten Kampagne gegen das Frauenwahlrecht Frauen im November 1918 wählen durften, hieß es: ,,Das männlichste Volk dieser Erde, das deutsche, [muss] die Schmach erleb[en], von seinen Weibern dem Verfall entgegengeführt zu werden.“4 Ein Viertel der Vereinsmitglieder waren Frauen, die zum größten Teil interessanterweise genauso häufig einem Beruf nachgingen wie die von ihnen verachteten Feministinnen.

  1. Anna Maria Sigmund: ,,Das Geschlechtsleben bestimmen wir“. Sexualität im Dritten Reich, Wilhelm Heyne Verlag München 2008, S.37 [zurück]
  2. Martina Nußbäumer über Gabriela Hauchs: Frauen bewegen Politik. Österreich 1848-1938 (Quelle) [zurück]
  3. ,,Wollen Sie ein Mann sein oder ein Weiberknecht?“. Zur Männerrechtsbewegung in Wien der Zwischenkriegszeit. Diplomarbeit von Kerstin Christin Wrussnig an der Universität Wien (Quelle) [zurück]
  4. (ebd.) S.86-88 [zurück]

Let’s talk personal politics: Antifee und polyamoröse Begegnungen

Polyamorie, das ist

die Praxis, Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen zur gleichen Zeit zu haben. Dies geschieht mit vollem Wissen und Einverständnis aller beteiligten Partner.

(Quelle: wikipedia)

poly

Polyamorie ist für mich ein Luxusthema. Da bin ich fest davon überzeugt. Viele Themen sind mir wichtiger, sind Brennpunkte, müssen öffentlich gemacht werden. Ich zögere deshalb ein wenig, hier über persönliche Lebensformen zu schreiben. Darum krame ich auch den alten Satz der Frauenbewegung hervor: ,,Das Private ist politisch.“ Wie wir zusammenleben und ob wir dieses Zusammenleben kanalisieren lassen von vorgegebenen Strukturen oder ob wir darüber reflektieren und es ändern wollen, ist also durchaus Politik und damit erwähnenswert.

Ich war dieses Wochenende auf dem Antifee in Göttingen, bin von weither alleine angereist, ohne jemanden dort zu kennen und freute mich trotzdem sehr darauf. Wie viele andere auch kam ich erst durch das Studium in Kontakt mit linkem Gedankengut und beginne jetzt erst, die ganze Spannbreite für mich zu entdecken; Tierbefreiung, Anarchie, Marxisten, Befreiungstheologie … Feministin war ich aber schon immer und schon vor meiner Entdeckung bewusst linker Politik. Feministin zu sein ein Selbstverständnis, das isoliert blieb in einer Umgebung, die Frauen in alter Gewohnheit auf Passivität trimmte und in der Feminismus in den Köpfen der Menschen eine Karikatur blieb, eine Noteinrichtung für Frauen, die keine wären. Ziemlich ermüdend sowas. Und deswegen wollte ich eins: Vernetzung, Verdrahtung mit anderen, die sich als Feminist_innen verstehen. Die Queer Theory und die dekonstruktivistische Arbeit ihrer Anhänger und Vertreter finde ich dabei sehr wichtig, sehe sie aber nicht als allererste Wahl, wenn es darum geht, Frauen, die tagtäglich symbolische und körperliche Gewalt erfahren, zu ermutigen, zu ,,empowern“, wie manche sagen. Die Queer Theory bleibt für mich auch nach dem Antifee und seinen interessanten Vorträgen erstmal ein Privileg gebildeter Menschen, für die es kein Problem darstellt, elaborierte Ausdrucksweisen zu verwenden, die in den meisten Fällen (ja, ich habe jedesmal nachgefragt) auf ein ausgiebiges Soziologiestudium verweisen. Wobei das Wort elaboriert hier einfach heißen soll: scheiß unverständlich. Wenn die Queer Theory leichter zugänglich gemacht werden würde, wenn sie nicht nur im elitären Diskurs begrenzt sein würde und mehr Menschen die kreativen und sozioökonomischen Freiräume hätten, sich mit ihr auseinanderzusetzen, könnte ich mich mehr mit ihr anfreunden. Vielleicht kommt das auch noch.

Und ich muss sagen: Ich lernte tolle Menschen kennen, führte super Gespräche und habe jetzt auch die eine oder andere Emailadresse sowie Tipps, wie frau eine lokale feministische Gruppe eröffnen kann. Ich bin in diesem Moment fast wunschlos glücklich, weil sich insoweit alles erfüllte, was ich mir vornahm.

Was ich mir nicht vornahm, war, am Ende des ersten Abends in den Armen eines Menschen zu liegen, den ich erst eine Woche zuvor kennengelernt habe. Der mir, während er mich küsste, sagte, er wolle sich auf mich einlassen, aber keine feste Beziehung und eigentlich gäbe es da gerade auch noch eine andere Frau.
AAAAARGH. Hätte ich mir so eine Situation einfach nur vorgestellt, hätte ich sie für etwas sehr Vermeidenswertes gehalten. Ich kann nicht schnell körperlich werden. Nähe, die ich zulasse, hatte für mich bisher auch immer die stille Frage beinhaltet: Bleibst du? Körperlichkeit im geschützten Rahmen zu erfahren, war für mich sehr wichtig. Jetzt knutschte ich mit einem Typen herum, der die ganze Zeit von Polyamorie redete, von Freiheit, von Ungebundenheit, von anderen Frauen … war das Gefasel, seine Art, Menschen herumzukriegen, eben seine Masche? Ich war irritiert und wusste gar nicht, was er wollte. Konnte er nicht einfach weiterküssen und still sein?
Er sagte, was er wollte: ,,Ich will nicht einsam sein.“
Es war die aberwitzige Situation, dass wir, während wir uns küssten und berührten, die ganze Zeit darüber redeten, die ganze Zeit reflektierten, lachend, scherzend, ernst, küssend, irritiert, fragend, zweifelnd, glücklich … wir redeten über Wünsche, Ängste und Vorstellungen, genossen die Nähe des anderen und um uns herum tobte die Antifee.

Am nächsten Tag: die erwartete körperliche Distanz, die Diskussion um die bekannte Haltung: ,,Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ der 68er Generation, seine Abgrenzung zu dieser Haltung. Schon froh nahm ich wahr, dass wir die Frage nicht in isolierter Zweisamkeit besprechen mussten, sondern dass sich ein Freund dazu setzte, der uns fragte, wie es uns erging seit dem letzten Abend, wie es mit unserer Kommunikation darüber bestünde. Er sprach von seiner eigenen Erfahrung, von Menschen, die andere Menschen ficken, quasi konsumieren, und dann wegwerfen. Wir redeten darüber, wie sehr wir manchmal Wünsche in eine abgeschlossene Zweierbeziehung projizieren, mit dem Gedanken, dass ein einziger Mensch alle unsere Bedürfnisse befriedigen kann. Ich musste an ein Zitat von Wolfgang Schmidbauer denken:

Wenn der geliebte Mensch neben mir mich für alle Kälte und Mechanik des großen Systems entschädigen soll, wächst in mir auch der Haß auf ihn, da er es keineswegs so vollkommen tut, wie ich es bräuchte.

Ich fragte mich, inwieweit ich selber als Frau von einem Mann, aber auch als Mensch von einem anderen Menschen immernoch ,,gerettet“ werden will, gesichert, beschützt. Und warum es mir insbesonders als Frau schwerfallen würde, von polyamorösen Erfahrungen zu erzählen. Mir fiel auf, dass Menschen in meiner Umgebung es immernoch als eine Art ,,Leistung“ sehen, wenn eine Frau einen Mann an sich binden kann. Kann sie es nicht oder tut sie es nicht, wird sie dadurch abgewertet. Inwieweit steht in der Beziehungsfrage immernoch so ein Leistungsgedanke mit dabei, was spricht für eine geschlossene Zweierbeziehung, was dagegen? Ist Monogamie eine Möglichkeit, sich nicht mit seiner eigenen Eifersucht auseinandersetzen zu müssen, weil ja bereits vorgegeben ist, was der andere darf und was nicht? Ist der polyamoröse Mensch auf der Flucht?

Das hier ist lediglich eine Anregung zum Nachdenken, kein Sachtext über Polyamorie. Für mich warf dieses Wochenende sehr wichtige Fragen auf und war trotz einer gewissen komplizierten Situation zuletzt sehr unkompliziert und schön, mit einer Heimfahrt, während der ich dem anderen Menschen noch einmal nahe sein konnte. Ich habe ihm eine sehr schöne Zeit zu verdanken und freue mich darüber, dass ,,Liebe für viele“ nicht Menschenkonsum bedeuten muss.

Dieser Beitrag findet sich auch auf dem Mädchenblog.

Für mich und für andere Frauen Teil 1

Mein Beitrag zum 8. März und zum Feminist-Coming-Out-Day

Wir alle haben unsere Biografien, die uns an unsere Außenwelt binden, die unsere Innenwelt binden. Wir verfluchen sie, wir beziehen uns immer wieder auf sie, wir freuen uns, wenn sie anderen etwas bedeutet. Der Gedanke an Ereignisse in der Vergangenheit kann uns lähmen, kann uns aber auch in einem leeren Raum zum Lächeln bringen. Und dann wundern sich Menschen, die gerade zufällig zum Fenster hineinschauen.

Warum bin ich Feministin geworden? Ich sah den Ursprung dessen erst in anfänglichen Beschäftigungen mit den feministischen Klassikern ,,Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir und Betty Friedans ,,Der Weiblichkeitsmythos“. Und in der Neugier für starke, unabhängige Frauen und Vorbilder.

Aber wenn ich überlege, war es das nicht.

Meine Familie ist zahlenmäßig von Männern dominiert und inmitten einer Umgebung patriarchaler Denkkultur. Für Mädchen gibt es ausgeprägte Richtlinien, wie ein Leben zu verlaufen hat: ob es nun auf das ganze Leben bezogen ist (frühe Heirat, Religiösität, Kinder) oder auf den Alltag (Haushalt, den Männern jeden Wunsch von den Lippen ablesen). Starke weibliche Vorbilder gab es nicht in meiner Kindheit. Dennoch war ich zehn Jahre alt, als ich beschloss, mich von den Traditionalität und der Lebensweise meiner Familie abzugrenzen.

Der Auslöser: Bücher die ich nicht in Ruhe lesen durfte.

Es stimmt. Wenn die Familie einträchtig vor dem Fernseher zusammenkam, sahen die Mitglieder nur sehr ungern, dass ich mich mit einem Buch ins Nebenzimmer schlich, um dort zu lesen. Ich wurde ausgeschimpft oder böse angeguckt. Es störte sie, dass ich alleine sein wollte. Es störte sie, dass Bücher Einfluss auf mich hatten. Und es störte sie, dass ich allein sein wollte mit den Büchern, die Einfluss auf mich hatten.

Ich glaube, das Lesen hat was mit dem eigenen Begehren zu tun. In mir drin war ein Brennen und Ziehen, das sich nur durch das Bücherlesen beruhigen ließ, das Eindringen in fremde Welten, fremde Gedanken.

Ich wollte mehr. Ich weiß nicht, wieso, und ich weiß nicht, in wieviel anderen Menschen dieses Feuer brannte oder seit der Kindheit brennt: Aber ich fühlte mich von unsichtbaren Seilen gezogen, so unwiderstehlich, dass ich sie nicht ignorieren konnte. Das Erwachsensein war weit weg und entfernt und dennoch immer wegweisend. Denn ich wollte mehr als alles andere ein erwachsener Mensch werden, auf den ich stolz sein konnte. Noch heute bemerke ich, dass das Kind von damals mich beobachtet und meine Entscheidungen kommentiert. Und dabei wusste ich nicht immer, was ich wollte. Aber ich wusste was ich nicht wollte. Zum Beispiel schlecht behandelt zu werden. Dominiert zu werden. Oder bevormundet.

Wie Adorno sagt: Utopie entsteht durch die „bestimmte Negation dessen, was ist“.

Ich habe als Kind noch zu wenige Lebensentwürfe parat gehabt, um wissen zu können, wie ich leben wollte und war zu abhängig von meiner eigenen Sozialisaton, von meiner Familie. Aber ich hatte bereits Wünsche, die sich formten und die mir halfen, mich von den Dingen zu befreien, die ich nicht wollte. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass wir unserer Wünsche bewusst werden, sie akzeptieren, sie aussprechen. So kann eine andere Welt entstehen. So kann eine bessere Welt entstehen.