Tag-Archiv für 'homosexualität'

Fromme Jugend.

Hiermit spreche ich eine Inhaltswarnung aus. In diesem Post habe ich versucht, meine Gedanken und Gefühle und Erlebnisse bezüglich meiner ehemaligen christlichen Glaubensgemeinschaft einzuordnen, den religiösen Missbrauch und die Stigmatisierungen, die ich erlebt habe, den Schaden, den es anrichtete und die Verantwortung, die ich trage. Heraus dabei kam etwas Unabgeschlossenes, teilweise Wirres; ich kann keinen roten Faden anbieten, keine Moral. Ich verfange mich in Detailhaftigkeit, um dann wieder große Zeitabschnitte zu überspringen. Die Geschichte handelt von einer Art Subkultur. Es ist auch eine Geschichte von Extremen und extremen Gefühlen, die ich mit dem Niederschreiben ablegen möchte. Ich habe irgendwo angefangen, weil ich die Notwendigkeit fühlte. Ich kann das innerhalb meines Blogs nicht verorten, es ist auf seine Weise politisch.

Seit vielen vielen Wochen nun nehme ich mir vor, Leute aus meiner ehemaligen Glaubensgemeinde zu besuchen. Immer und immer wieder schiebe ich dieses Ansinnen auf. Ich vermisse die Menschen, einerseits. Ich vermisse Gott.
Andererseits erinnere ich mich.
Vor einem halben Jahr war ich das letzte Mal dort, in den Winterferien. Es waren nur zwei Tage, und das ist nicht lang, aber in den zwei Tagen lief so vieles falsch, dass ich mir danach vornahm, erstmal eine ganz lange Pause zu machen. Ich war schockiert, am Ende und alles tat weh. Ich bin nach Hause gewankt, wollte nicht mehr drandenken und fühlte wie stark in mir das Vertrauen geschwunden war Menschen gegenüber, die ich lange Zeit sehr geliebt habe.

Ich kam bei einer Freundin unter, meiner langjährigsten Freundin. Ihre Familie war auf mich vorbereitet gewesen und sie wussten von meinem Veganismus. Deshalb war ich erstmal verblüfft, dass ich, als ich ankam, in ihrem Kühlschrank kein einziges bisschen Gemüse fand. Kein Obst, nichts Veganes whatsoever. Nur Käse und Wurst. Ich war irritiert, aber dann war es mir wieder egal; ich hatte mir ein bisschen was mitgebracht und aß davon. Vielleicht, weil ich an die Wirkung von Symbolik glaube, hallte dieses kleine Erlebnis so in mir nach, das Gefühl, nicht willkommen zu sein, nicht Teil zu sein.

Am nächsten Tag stritt ich mich mit dem Vater meiner Freundin. Wir haben bereits eine gewisse Streitgeschichte hinter uns; er war in seiner Jugend auch ,,Protestler“ gewesen; eine der ältesten Erinnerungen meiner Freundin ist die an Mahnwachen, auf denen sie als Kind herumstand. Ihr Vater erlebte durch den Glauben dann eine Wendung, auch politisch, und vertrat seitdem konservative Standpunkte. Solche Menschen gibt es einige in meiner Gemeinde. Aber mitunter predigen sie eine unpolitische Haltung, die eine nicht sehen lässt, welche reaktionäre Agenda sich dahinter verbirgt. (Immer beliebter, auch durch den Einfluss vieler Student*innen der Wirtschaftswissenschaften, wird die Anwendung kapitalistischer Phrasen bibelgemäß umkleidet: Gott investiert in uns, wir sind in einem Wettlauf, Gewinn bringen, die Gemeinde als ,,Bank“ Gottes, etc.)

Gestritten haben wir uns schon über die Rolle der Frau im Gemeindeleben, über Muslime und all diese Themen, die ältere weiße Herren vorgeben, weil sie sich das gerade in ihrer konservativen Zeitung angelesen haben.

Diesmal stritten wir über Homosexualität. Ich hatte erst mit meiner Freundin darüber geredet; sie ist wie viele andere in der Gemeinde auch schwulen-und lesbenfeindlich, weshalb ich ihr noch nicht von mir erzählt habe. Dieses ,,noch nicht“ sind nun sechs Jahre und sie dabei der stabilste Mensch in meinem Leben (ich kenne sie, seit ich 10 bin). Wie ich mich also damit fühle, kann vielleicht nachvollzogen werden. Sie wird langsam nachdenklicher im Umgang mit dem Thema und ich frage mich, was ich ihr erzählen kann. Aber an diesem Tag bringt sich ihr Vater ein. Er macht keine langen Umschweife, er vergleicht Homosexualität mit Päderastie/Pädophilie. Er zeigt mir einen alten Spiegel-Artikel online, in dem erwachsengewordene Kinder aus ihrer Kommune berichten und erzählen, wie schön sie den Sex mit Erwachsenen fanden. Menschen sind sündig, sagt er und würden liebendgern den sündigen Zustand wählen, egal wie gut es ihnen tatsächlich tut. Ich werde wütend. Er wisse genau, dass das nicht vergleichbar sei, dass es bei Päderastie um ein Machtgefälle geht. Er zuckt die Achseln und salbadert weiter. Die Ehe sei nur für Mann und Frau. Warum?, frag ich. Naja, wegen den Kindern, meint er und versucht jetzt den biologistischen Weg. Nur ein Mann und eine Frau können Kinder bekommen. Ich antworte: Was ist mit Männern und Frauen, die keine Kinder bekommen wollen oder können, dürfen die dann nicht heiraten? Natürlich, doch, meint er, ist verwirrt, aus dem Konzept gebracht und statt dem nachzugehen, wendet er IGNORANZ an und kehrt zurück zur Päderastie.

Ich koche vor Wut. Ich weiß, dass ich wenigstens bei meiner Freundin was zum Rollen gebracht habe, denn sie stellt offene Fragen und empört sich auch darüber, dass die Gemeinde solche Menschen ausschließen würde. Aber das bringt nichts. Meine Gemeinde ist so heteronorm, Homosexualität wird nichtmal erwähnt, nie nicht, denn sowas darf es ja nicht geben. Nur einmal hat ein amerikanischer Prediger in einer Jugendkonferenz darüber geredet; aber wie ungewohnt das war, zeigte sich schon daran, dass sein Übersetzer ganz erschrocken reagierte, als er das Wort ,,Homosexualität“ übersetzen musste. Über die amerikanischen Evangelikalen kann ich nur sagen: Wenigstens reden sie darüber. Wobei ich hier nicht zu der Verharmlosung von Hass beitragen möchte. Aber es ist nochmal was anderes, wenn im gemeindeinternen Diskurs bestimmte Sachen genannt sind statt dass es sie einfach nicht gibt und so auch keine Möglichkeit, darüber zu reden.

Am nächsten Tag war ich bei meiner Lieblingsfamilie essen. A*, eine Frau in mittleren Jahren, hatte sich seit einiger Zeit mit mir angefreundet, mich häufig eingeladen, ich hatte auf ihre kranke Tochter bei deren Schullandheim aufgepasst; es bestand ein enges Band zwischen uns. Sie war eine der wenigen Menschen, denen ich noch zuhören konnte, wenn sie über Gott und ihren Glauben erzählten, ohne Kopfschmerzen zu bekommen.
Sie hatte viele andere Menschen eingeladen, u.a. zwei junge Menschen, Arztkinder, in meinem Alter, die ich von früher kannte und früher schon nicht gemocht habe. Was ich dann erlebte, war eine geschlagene Stunde Mobbing von den zweien, vor der versammelten Runde, ohne dass irgendwer eingriff. ,,Grund“ war mein Veganismus. Ich weiß wirklich nicht, warum Menschen schon öfters mit derartigen Hasstiraden reagierten; aber was die zwei mir boten, war vom Ekligsten. Es gipfelte irgendwann in dem Streit der Geschwister darüber, ob ich denn deswegen abgenommen hätte, die Schwester meinte: Ja, natürlich, und ihr Bruder rief aus: ,,Was, sie war noch dicker als jetzt?“
Die zwei sind einfach eklige Menschen und ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Schlimmer wurde es, als diese gingen und A* meinte, das Problem wäre gewesen, dass ich das mit mir habe machen lassen und dass sie an meiner Stelle einfach ganz cool reagiert hätte und versucht, ihnen keinen Wind zu geben. Das sagte sie mir als Zuschauerin, die kein Wort gesagt hatte zu den beiden und sogar hin und wieder amüsiert gewesen war. Sie war jetzt noch amüsiert. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, fing eine gute Freundin von mir, die ebenfalls dabeigesessen hatte, im Zweiergespräch dann an, dass SIE halt die Geschwister liebe und ich mein Selbst aufgeben müsse.

Klingt wie eine Formel, oder?

Ich erzähle euch gerade aus dem Geschehen einer sektenähnlichen Gemeinschaft und ihr braucht Informationen, um nachvollziehen zu können, welche machtvollen Instrumente die Ausdrücke ,,Geschwister lieben“, sein ,,Selbst aufgeben“, ,,das Kreuz auf sich nehmen“ sind. Es sind Ausdrücke, die nicht einfach zur völligen Passivität in Streitfällen aufrufen. Sie bringen dich dazu, auch noch dankbar dafür zu sein. Wenn dich Geschwister also beleidigen oder verletzen, musst du erstmal zu Gott rennen, ihm das abgeben und auch jedes verletzte Gefühl. Du musst erdulden, was dir geschieht. Regst du dich auf, ist das nur der Beweis, dass du immer noch in deinem ,,alten Selbst“ lebst und nicht Christus ,,anziehst“. Und Beleidigungen und Anstöße sind per se gut für dich, weil du geprüft wirst, ob du immernoch ,,im Geist“ oder in deinem Selbst bist.

Das Ganze ist nichts anderes als Instrumentarium für Diktaturen; die Forderung zur Nächstenliebe in dieser Form ein Mittel, die Menschenherde geduckt zu halten, Hierarchien zu bewahren und Menschen auf Dauer zu beschäftigen mit ihrem ,,inwendigen Bösen“, damit sie nicht nach außen schauen oder gar Analysen anstellen.
Victim Blaming in Reinform, mir vorgehalten von zwei der wichtigsten Menschen, die es in der Gemeinde für mich gab. Was das in mir auslöste, war mir noch nicht klar; ich zog mich ins Wohnzimmer zurück, um eine Weile für mich zu sein und weinte unter der Decke. Am nächsten Morgen, nach einer Gemeindeversammlung, die ohne jede Bedeutung für mich war, stand ich erst alleine und verloren in der großen Halle herum; in meinem Kopf schwirrte es, ich fühlte, wie die letzten großen Pfeiler meiner jahrelangen Überzeugungen und Hoffnungen einstürzten, aber nicht einfach mein Glaube kam zu einem Ende, sondern mein Platz in einem sozialen Gefüge, in dem ich jahrelang zuhause war, ja das ich zehn Jahre lang mein einziges Zuhause genannt habe. Durch eine Unstimmigkeit zwischen meinen Gastgeber*innen, die dazu führte, dass ich wieder zwei Stunden ohne Essen dastehen würde, fing ich einen Streit an; ich wollte einfach nur weg, wollte nach Hause und nicht in der Kantine warten, in der es kein Essen für mich gab. Ich wollte weg von den Bildern, die mich verdammten, von all den glücklichen gläubigen Menschen um mich herum inmitten ihrer Familien. Ich wurde nicht ernstgenommen, also rannte ich weg und brach dann in einem der Badezimmer zusammen.

Vieles mag erschreckend klingen, was ich hier schreibe, wieso war ich da überhaupt und sei froh, dass du da nicht mehr bist. Besonders Atheist*innen verstehen dann nicht, und es ist ihr gutes Recht, es nicht zu verstehen. Und noch unverständlicher ist, wieviel geschehen musste, bis ich verstand, welche Gewalt andere und ich mir damit antaten.

Dass mir per se als Mensch, der ich in die Gemeinde mit 14 Jahren kam, Heimkind das ich war, nicht vertraut wurde, erfuhr ich erst zwei Jahre nach meinem Anfang dort, nach einer Zeit voller Engagement von meiner Seite aus, mit regelmäßigen Besuchen aller möglichen Versammlungen, mittels einer Persönlichen Unterredung (PU wurde das mehr oder weniger scherzhaft genannt) durch einen der Gemeindeältesten. Dass ich mich schon mehr anstrengen müsste und mich endlich ,,für die Gemeinde“ entscheiden müsste. Das von einem Menschen, der mich nicht kannte, mich nichtmal gegrüßt hatte bisher.
Es war auch mit 16, wo meine Depressionen anfingen, schlimm zu werden. In den Schüler- und Jugendversammlungen saß ich außen, meine Traurigkeit schreckte die Menschen ab, niemand bemerkte es, wenn ich mitten unter ihnen zu weinen anfing und ihre Freude, ihre Ausgelassenheit und die Tatsache, dass sie eine größtenteils homogene Gruppe waren, machten es mir noch schwerer. Hin und wieder wegzubleiben wäre aber keine Lösung gewesen, denn dann hätte ich noch mehr an Vertrauen verloren, an christlicher Credibility. „Zuhause“ erwartete mich dann mein Heim, wo ich schon etwas länger zu einer Außenseiterin geworden bin, die mit den meisten anderen Kindern nicht klarkam.

Es war vielleicht in meinem fünften oder sechsten Jahr in der Gemeinde, wo ich durch ein einziges Mädchen, das neu war, in die Gemeinschaft integriert wurde, einfach nur dadurch, dass sie mich wahrnahm, mit mir redete, sich mit mir anfreundete. Ich weiß nicht, ob ich als einzige Türkin und Heimsozialisierte eine Art Alien-Tattoo auf der Stirn hatte, ich weiß nicht wieso die anderen mich jahrelang ignorierten. Aber sie sah mich und sie brachte mich hinein. Meine ,,Glaubenskarriere“ begann, ich bekam viele Freunde und begann bald zu denen zu gehören, die oft ,,Zeugnisse“ in der Versammlung gaben (Berichte über Erlebnisse mit Gott oder Gebetserhörungen, Bibelverse, die eine berühren). Ich lernte nun viel schneller die ganzen Codes, internalisierte sie, lernte mich auszudrücken, wie es auch die ganzen ,,supergeistlichen“ Geschwister taten.

In der Zwischenzeit verlor ich aufgrund von Geldmangel meine Wohnung, aus der darauffolgenden WG wurden ich und ein Mitbewohner von dem insässigen Pärchen herausgeekelt, ich drohte auf der Straße zu landen. Es gab eine PU mit allen Gemeindeältesten. Ich werde das nie vergessen. In einer Gemeinde, die ein Gemeindehaus voller Betten besitzt und in der es viele Menschen aus der Mittelschicht gibt mit eigenen Häusern und Gästezimmern, ich werde nie vergessen, dass mir gesagt wurde, es gäbe keinen Platz für mich. Und ich werde nie vergessen, dass dann das Wort ,,Obdachlosenheim“ ausgesprochen wurde und dass nicht ein Gemeindeältester dagegen protestierte, sondern erst nach einer ganzen Weile eine ältere Frau, die dabeisaß und das nicht mitanhören konnte.

Und wie immer, wenn etwas Schlimmes in meinem Leben geschehen ist, konnte ich es anfangs noch nicht begreifen und war oftmals noch dankbar für das Wenige, was ich bekommen konnte. Es wurde eine andere Lösung für meine Lage gefunden; ich, derweil abgemagert, weil ich in der schwierigen Zeit nichtmal mehr Geld für Essen gehabt hatte, freute mich einfach nur wieder daran, Essen zu haben und satt zu werden und Menschen um mich zu haben, die mich anlächeln. Ich war so reduziert in all meinen Bedürfnissen, dass es nichtmal wehtat, als die Menschen mir Komplimente machten, weil ich zehn Kilo abgenommen hatte. Sogar meine Depressionen verschwanden, es war, als hätte mein Körper den Notschalter umgelegt.

Was ich fühlte, war Dankbarkeit und ich drückte diese aus, indem ich mich noch enger an die Gemeinde band und mich noch mehr anstrengte. In den nächsten drei vier Jahren würde ich die schönste Zeit erleben, die Zeit, in der ich wirklich angekommen war inmitten der anderen. Ich konnte Frieden machen mit dem, was in der Bibel stand, es wurde mein Leben, ich ließ es mich beherrschen, mich erfreuen, jede Minute war meinem Glauben gewidmet. Ich flog auf der Welle des symbolischen Reichtums, der sich mir eröffnete, ich fand Mittel und Wege, meine Schmerzen in Kanäle zu leiten, um sie zu erleichtern, ich fand neue Freude. Ich richtete meine Zukunftwünsche auf ein Leben in der Gemeinde aus, auf einen Partner, den ich hier treffen würde, heiraten, um gemeinsam ein Bollwerk für die anderen Menschen zu sein. Ich verliebte mich ständig neu in ,,Brüder“, ich verliebte mich lange, verstärkt durch den Geschlechterseparatismus und die rigiden Regeln erfuhr ich übrigens nie, ob diese Gefühle erwidert wurden.

Aber es gab auch die andere Seite. Ab 16, 17 begannen mich schlimme Träume in der Nacht zu quälen. Ich weiß nicht, ob das die Art meine Körpers war, mit dem dunklen Symbolismus in der Bibel umzugehen, der in meiner Gemeinde gang und gäbe war. Ich träumte davon, von Dämonen besessen zu sein, Träume die sich fortsetzten, eine Geschichte entwickelten. Es waren nicht einfach Alpträume. Es begann freundlich mit so ner Art Gefühl, aus dem Körper zu schweben, es war ein Glücksgefühl, das schönste und irritierendste, was ich wohl je gefühlt habe. Doch irgendwann wendete sich das Blatt, und das Unbekannte begann mich zu quälen. Es fuhr in mich, besetzte mich, riss an meinem Körper herum wie an einer Marionette; ich werde den Horror niemals vergessen, niemals die Angst. Niemals das Gefühl, wie real es sich anfühlte und wie wach ich es erlebte. Vom unbekannten Schemen in den Anfangsträumen an gewann es an Form, bis es Gesichter bekam, die Gesichter und Körper von Frauen.

Ich verliebte mich in eine Frau. Es war Ende Dezember 2006; ich besuchte ein Essen in der Halle, voller Vorfreude über einen jahrelangen Schwarm, den ich dort sehen würde. Ein bisschen Katz und Maus spielen fand ich reizvoll, also ging ich den Menschengruppen aus dem Weg, und fand eine Bekannte von mir im Esszimmer sitzen. Sie war nicht allein; sie saß da mit einem Mädchen das ich bisher nur entfernt kannte. Ich begrüßte sie, smalltalkte. Während dem Reden wurde ich mir bewusst, was für ein offenes Gesicht sie hatte, jungenhaft, androgyn, mit wilden blonden Locken. Sie beeindruckte mich. Ich ging nach Hause und die zuvor starke Fixiertheit auf den Typen war wie weggeblasen, ich hatte ihn sogar vergessen. Ich war glücklich und wusste nicht wieso. Und erst ein paar Tage später würde ich realisieren, was da gerade passiert war. Und es würde mich umwerfen und nicht loslassen, und das in einer Zeit, in der ich endlich in der Gemeinschaft angekommen war. Und es würde dazu beitragen, die Gemeinde zu hinterfragen, aber bis mir das möglich war, würde es mich sogar noch stärker an sie binden, im Glauben, durch Hingabe Absolution zu erfahren.

Zu der Freundin, die zu meiner Integration maßträglich beigetragen hat: Zwei Jahre lang hatte sie sich für das Gemeindeleben aufgeopfert, die perfekte Schwester, mit immer vollem Gästetisch zuhause, voller Dienstbarkeit anderen Menschen gegenüber; immer vernachlässigt, was sie selber wünschte. Es war kein Wunder, dass sie unglücklich wurde. Sie freundete sich mit einem Mann an, der neu in der Gemeinde war. Was dann begann, war Rufmord an ihr, Geschichten, die rumerzählt wurden und sie verleumdeten. Aber nicht nur dass die Geschichten erfunden waren, war wichtig, sondern dass diese sich um Sex drehten, um Sex, den eine erwachsene Frau hatte oder nicht hatte. Ich begriff erst spät was los war, und sie packte schon ihre Koffer, als ich es in seiner ganzen Konsequenz realisierte. Ich war wie erstarrt, ich bat sie zu bleiben und ich wusste doch, was ihr da angetan worden war.

Diese Dinge sind alle geschehen und sind erst nach und nach in meinem Bewusstsein zu Erlebnissen angereift, die mich auseinanderrissen. Am Anfang stand da dieser Wunsch, dazuzugehören, einfach nur Teil dessen zu sein. Wie groß er gewesen sein musste und wieviel Schönes auch passiert ist, dass ich das Negative manchmal sogar vergaß, kann ich nur ahnen; und dass mir eine Wahl gefehlt hat, all das trägt dazu bei, dass diese schlimmen Erlebnisse ihre destruktive Kraft nur langsam entfalten konnten. Ich bin verantwortlich dafür, in was ich mich da gebracht habe, verantwortlich dafür, nicht früher nein gesagt zu haben, verantwortlich für das, was ich durch mein Schweigen akzeptiert habe. Teil einer sozialen Dynamik, die Menschen reaktionären Bildern über Menschlichkeit und Liebe und Leben und Gesellschaft unterwirft, sie darauf trimmt, ihre ,,frohe Botschaft“ auf der Welt zu verbreiten, mit dem Bekenntnis nicht zufrieden ist, sondern auch die Herzen, die Gedanken, die Instinkte zu besetzen und zu beherrschen anstrebt; jeden Zentimeter Mensch, der zur Verfügung steht.

Links zur Knutschdebatte

Öffentliches Knutschen: Über Heterosolidarität und Paarnormativität, hervorragende Texte.

Homophobie in der CDU von Plauen

CDU Stadtrat von Plauen darüber, dass „Lesben und Schwule nichts für ihre Krankheit können“ und den „Betroffenen Hilfe angeboten werden muss“. Und wirft dabei jedem*r Intoleranz vor, der*die darauf was entgegnet. Oh please.

Böse amerikanische Ordensfrauen

Feministische Umtriebe bei den US-amerikanischen Ordensfrauen. Link

Homosexuelle in Uganda

In Uganda ist die Lage für Homosexuelle weiterhin lebensgefährdend. Link

Ex-Gay

„My so-called Ex-Gay Life“. Link

Heteronormativität

Über die Allgegenwärtigkeit von Heterosexismus, gefunden bei Womanist Musings

Anti-Homosexuellen-Gesetz in Russland

Was in Petersburg schon verboten ist, soll auch für ganz Russland gelten: über Homosexualität zu sprechen.

Lieber Gott, lass mich eine Lesbe sein, Teil 2: Mitt Romney

Nun hören wir, dass ein weiterer Bewerber der Republikaner für die US-Präsidentschaft seine Probleme mit Lesben und Schwulen hat. Mitt Romney muss laut der Süddeutschen leugnen, jemals für gleiche Rechte von Homosexuellen gewesen zu sein. Er wird sich jetzt vor den Republikanern tatsächlich davor rechtfertigen, dass in seinem Wahlkampf für das Gouverneursamt in Massachusetts 2002 ein pinker Flyer aufgetaucht ist, der im Namen von ,,Mitt“ aussagte:

Alle Bürger sollten gleiche Rechte haben, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung

Damals hat er die Wahl gewonnen. Heute aber droht ihm wegen desselben Flyers der Verlust von Wählern. Sein Wahlkampfteam verwickelt sich in Widersprüche und sein damaliger Kommunikationschef behauptet steif und fest: ,,Ich weiß nicht, woher diese pinkfarbenen Flyer kamen. Ich weiß nicht, wer sie verteilt hat. Ich habe sie nie gesehen – “, während ein ehemaliger Praktikant versichert, dass die Flyer auf einem Prideweekend von den Mitarbeitern Romneys verteilt wurden.
Vielleicht war es tatsächlich nicht die Unterstützung der queeren Gemeinde gewesen, die ihn damals gewinnen ließ. So oder so, ich finds zum Kotzen, dass er heute leugnen muss, dass er jemals beabsichtigte, ihre Rechte stärken zu wollen.

Lieber Gott, lass mich eine Lesbe sein

Der republikanische Bewerber um die US-amerikanische Präsidentschaft und Katholik Rick Santorum beweist in einem Video bei FoxNews, wie es um die Argumente der religiösen Rechten bezüglich homosexueller Ehe aussieht: Nämlich furchtbar. Auf die Fragen von StudentInnen, warum es nicht erlaubt sein sollte, dass zwei Männer oder zwei Frauen einander heiraten, entgegnet er, ob es dann auch okay sei, dass Menschen zu fünft heirateten, wenn der einzige Grund sei, dass es sie glücklich machen würde.

Äh? –

Diese Verweise auf andere, noch ,,schräger“ wirkende Paarkonstellationen sind typisch bei Evangelikalen, solange es um das Thema Homosexualität geht. Und da ist das Beispiel von Polygamie noch das harmloseste. Sie finden keine einleuchtenden Argumente, warum eine Mann-Mann- oder eine Frau-Frau-Ehe schädlich sein sollte oder schädlicher als eine heterosexuelle Ehe. Deshalb verweisen sie auf andere Diskurse: auf die der Päderastie, auf die der Sodomie. Würden wir heute Homosexualität erlauben, würde das einen Dammbruch auslösen, und all die anderen sündischen Verhältnisse, in die ein Mensch geraten kann, würden über uns hereinbrechen. Manche Menschen sind ja auch glücklich, wenn sie es mit Tieren treiben und andere lieben Sex mit Kindern, sollen wir ihnen das etwa auch erlauben?

Wichtig ist, jetzt darauf zu bestehen, dass Homosexualität ein verdammt anderer Bauplatz ist. Und dass es ein verdammt großer Unterschied ist, wenn wir von einvernehmlichen Sex zwischen erwachsenen Menschen reden.

Santorums weiteres Argument ist, dass nur aus der Mann-Frau-Ehe Kinder hervorgehen und diese einen guten Rahmen bilden würde für die Aufzucht der Kleinen. Dagegen spricht eindeutig, dass auch lesbische wie schwule Paare Kinder aufziehen und ihnen den geeigneten Rahmen fürs Großwerden bieten können UND dass nicht aus jeder heterosexuellen Ehe Kinder hervorgehen und sich alle Verheirateten Kinder wünschen oder sie bekommen können. Deshalb müssten auch Evangelikale, dem logischen Schluss folgend, jede Ehe für nichtig erklären, die keine Kinder hervorbringt. Was sie nicht tun. Denn spätestens in dem Moment hören sie auf zu diskutieren, schauen dich streng an und gehen wieder zurück zu dem Sodomieargument: ,,Aber dann könntest du ja auch deine Kuh heiraten.“

Das ist eine Kuh
(Quelle: tumblr)
,,Aber hallo …“

I tell You a Gay Story About Daddy

Margaret Cho parodiert ihre Mutter- sehr süß.