Tag-Archiv für 'identität'

Einen Ort, für eine Person.

Das hier ist mein persönlicher Blog.
Ich muss mir das immer wieder sagen. Mein Blog. Dieser Raum hier dient nicht primär Feminismus-irgendwas-Sachen, politischen Fachsimpeleien; nicht weil das nicht ne tolle Sache ist, sondern weil er primär erstmal gar nichts sein muss, außer eines: ein Raum für mich.
Raum zum Atmen.

Wenn ich schreibe wenn ich über mich schreibe, passiert oftmals folgendes: Das Gefühl überwältigt mich, das, was ich hier tue, sei nicht legitim. Dabei kämpfe ich um jede Zeile Ausdruck und wenn ich dann mal etwas geschrieben habe wie ,,Fromme Jugend“, überwältigt mich Entfremdung. Weil: es ja noch soetwas gibt wie die nähere gesellschaftliche Umgebung, in der das geschrieben ist. Ich habe ungefähr ein Bild der deutschen feministischen Blogosphäre vor mir und es ist unvollständig, dennoch: mich überkommt, was ich empfinde, fühle, was mir widerfahren ist, sei zu schreiben nicht legitim. Eine Liste der bekannteren deutschen Blogger*innen zu überfliegen, befremdet mich. Und in meiner näheren Umgebung reicht es, politische Veranstaltungen der Ecke links, (pro)feministisch, alternativ nur zu sehen: Ich will umdrehen und sofort gehen.

Ich habe damals begonnen damit, wie sehr mich das Konzept von Identität verwirrt. Ich bin kein Stückchen weiter gekommen oder klüger geworden. Es ist als zerfasere ich in immer mehr Aspekte meinerselbst: nun da ich sie alle benennen kann, fühlt es sich manchmal schwerer an, als wenn ich nur diffus etwas in mir mitbekomme und es in die hinterste Ecke meines Bewusstseins schiebe.

Zunehmend macht mich diese Auseinandersetzung einsam. Ich sehe mich selber und nehme Abstand zu den anderen. Als natürliche Folge dessen, dass ich nicht mehr mich als Quelle oder Ursache der Dinge sehe, die mir angetan wurden. Ich kann benennen, was geschieht, ich lerne Gesprächsinhalte nach ihren ganz eigenen kleinen Fallen zu unterscheiden, menschliche Auseinandersetzungen einzuordnen. Ich bemühe mich nicht mehr um meine Anpassung. Aus reiner Schadensvermeidung an mir selber.

Mit meinem Alleinsein, das kein „böses“ ist, muss ich gerade lernen, klarzukommen. Ich habe, um mich selbst zu bewahren, von so vielen jetzt Abstand genommen: Die Gemeinde als riesigen, Bedeutung generierenden Komplex meiner Jugend, aber auch meine Familie, Freund*innen, die Universität; alles ist jetzt einen Schritt weiter nach außen getreten. Nähe, weil solange mit Selbstverletzung angenommen, ist nun etwas geworden, vor dem ich Achtung habe und es mir nur in bestimmten Dosen verordnen kann. Und das ist gut so.

In den nächsten Tagen beginne ich ein Soziales Jahr im Krankenhaus. Ich will wenigstens für eine Weile raus aus dem Uni-Betrieb, weg von den Kommiliton*innen, deren Pflichtbewusstsein und Langeweile mich abstößt. Am wenigsten komme ich aber damit klar, was soviele von ihnen ausstrahlen: Ich bin hier richtig.

Was für ein Gedanke. -

Eine Feministin, die noch werden muss. So habe ich mich am Anfang vorgestellt. Hin und wieder fühlte ich mich gedrängt, noch hinzuschreiben: Und Türkin. Und Veganerin. Und … Die Leute müssen doch sehen um wen es hier geht. Ich habe vor allem gehofft, es würde meinesgleichen auf meinen Blog bringen, Menschen wie mich. Was ich mir darunter vorstellte, weiß ich selber nicht so. Mehr und mehr wird mir klar, dass ich Ähnlichkeiten immer dann zu sehen glaube, wenn ich Menschen begegne, die an Rändern stehen zwischen verschiedenen Welten. Vermittler*innen, aber auch Heimatlose. Nur in der Vermittlung selber ein Stück Da-Sein finden, weil im ständig aufrechtzuerhaltenden Verortungsprozess Wirklichkeit entsteht, auf eine kurze lebendig machende Art und Weise. Während andere reproduzieren, was sie kennen, müssen wir produzieren, was wir nicht kennen: Einen Ort, an dem wir zuhause sind. Quasi einen Nicht-Ort, Utopie.
Das bedeutet Dekonstruktion für mich.

Zu dem Wort ,,Person“. Erst heute bin ich darauf gekommen, dieses unscheinbarste aller menschlichen Fremd- und Eigenbezeichnungen näher zu betrachten. Ich mag seine Förmlichkeit. Ich mag auch, dass es ein generisches Femininum ist. Und ich mag, was mir da aus Wikipedia an ursprünglichen Bedeutungen oder Bedeutungsvorschlägen entgegenkommt: ,,Maske des Schauspielers“, Rolle, (An)Gesicht, Miene, Blick, äußere Gestalt, Aussehen, aber auch ,,durchtönen“, ,,verkleiden“.
Wie einst noch das Bild der ,,Maske“ mich sehr abstieß, schrieb ich vor Jahren einmal in einem desillusionierten Gedicht über die Frau, die mich geboren hat:

… dein Du unter lauter Masken – Maske war
dein Angesicht war ganz entfernt – – -
mit Eifer hab ich dich verlernt.

Maske sein, hieß damals für mich äußerste Erschütterung der Glaubwürdigkeit, basierend auf der Annahme: 1 Körper – 1 Person – 1 Identität. Ganzheitlichkeit, Einheit, Abgeschlossenheit. Präzises Da-Sein. Verortet sein, gebürtig sein, nicht in Frage gestellt sein, richtig sein. Ich kann die Sehnsucht danach verstehen, und sehe wie die meisten kaum die Kräfte, die wirken müssen, damit Menschen und ganze Gesellschaften sich derart zusammenhalten.

Ich sehe aber den Energieaufwand, den ich verbrauche, um wer zu sein. In einem Prozess mit mir selber zu sein, Prozess als Entwicklung zu erfahren, zugleich mit der Bedeutung, mich selber beständig neu zu legitimieren, zu rechtfertigen. Wie innerhalb eines gerichtlichen Prozesses.

Das Wort ,,Person“, das mag ich jetzt aber.

Helfen Identitäten? Es wird persönlich.

Ich bin verloren in Begrifflichkeiten. Zurzeit durchsurfe ich mit Leidenschaft die US-amerikanische Blogosphäre und begegne all den Identitäten, mit denen sich Blogger bezeichnen: Sex-positive, fat-positive, Republikaner, schwarze Ghettolesben, schwule Ehemänner. Alle stecken ihr Revier, ihren Bereich ab und dann berichten sie – aus ihrer Perspektive. Und ich bemerke, dass diese Begrifflichkeiten in die deutsche Blogosphäre überschwappen; wir fangen an, von Klassismus zu reden, von Biphobie, von Critical Whiteness. Ich weiß nicht, ob wir Begriffe immer 1:1 aus dem US-amerikanischen Raum übernehmen können; ich glaube, wir vergessen manchmal, dass ,,drüben“ oftmals andere Diskurse geführt werden. In den USA gibt es die Auseinandersetzung um weiße Hautfarbe – schwarze Hautfarbe; hierzulande schaffen Türken Deutschland ab – und sind dabei doch auch weiß, diese Schlingel …

Ich überlege mir immer, ob ich jemals einen Blog beginnen sollte mit den Worten: Ich bin das und das und das, und ich kämpfe für dies und jenes. Ich fühle mich dann seltsam: narzisstisch vielleicht, zu sehr bemüht darzustellen, was ich bin. Ich weiß auch immer nicht, was diese Dinge dann letztendlich über mich aussagen. Aber ich wills versuchen.

Ich bin eine Frau. Ich bin Studentin. Ich bin Türkin. Meine Eltern sind Muslime, ich bin ab dem sechsten Lebensjahr in verschiedenen Kinderheimen aufgewachsen und wurde dort säkular erzogen. Ich wurde sexuell missbraucht. Ich war frühreif in meiner Entwicklung, dabei wollte ich immer ein Junge sein und habe meinen Körper gehasst. Mit 10 Jahren entschied ich mich gegen die Kultur meiner Familie, weil sie mich nicht in Ruhe Bücher lesen ließen. Stattdessen bekam ich Depressionen und schwänzte die Schule. Mit 14 Jahren entschied ich mich, Christin zu werden, auf der Jugendfreizeit einer Gemeinde, die sehr bibeltreu ist. Im Gemeindeleben, in dem ich sehr aktiv war, bemerkte ich ein paar Jahre später, dass ich Frauen liebe und habe das bisher immernoch keinem Menschen dort sagen können. Ich las Simone de Beauvoir und wurde Feministin. Ich las Rilke und wurde sentimental. Ich wollte immer Schriftstellerin werden und war in der Schule die Beste in Deutsch. Ich habe das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) und damit eine systemische Hormonerkrankung, für die es keine Gegenmittel oder Heilung gibt. Ich bin Tierrechtlerin und Veganerin und Single und bereits 15mal umgezogen. Und irgendwann wurde ich ’ne linke Zecke.
Lass uns mal drüber reden …

Was bin ich jetzt, wer kann mir das sagen? Nenne mir eine Selbsthilfegruppe oder eine Anlaufstelle, die das auffängt. Es bräuchte eine Selbsthilfegruppe FÜR DAS LEBEN. Was für eine Perspektive haben wir, wenn wir versuchen, unser ganzes Leben zusammenzufassen, das sich doch so schlecht in Begrifflichkeiten reduzieren lässt. Reichen Identitäten denn, um Menschen zu fassen? Welchen Namen gebe ich jetzt meinem Blog? Kann ich, der feministischen Bewegung treu, denn über alles Private berichten, als sei es politisch? Oder tue ich so, als sei nur das Private politisch, verkrümme meinen Blick in mich selber und feiere meine exzessive Subjektivität?

Ich bin für Identitäten, trotz allem. Ich liebe es, den Blog einer dicken, lesbischen Frau zu lesen, die mir sagt, ich bin okay, so wie ich bin. Solche Menschen schreiben Blogs mit einem Filter vor Augen, und sie filtern alles in ihrer Umgebung heraus, was dicke, lesbische Frauen betrifft. Ich halte mich manchmal immernoch für filterlos und glaube meinen Blick so neutral wie den der Tagesschau (okay, besser gesagt: ,,neutral“). Ich glaube aber, es tut mir gut und auch denen, die das hier lesen, transparent zu machen, wer eigentlich schreibt.

Euer Bäumchen