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Die Romantische Zweierbeziehung. Eine Betrachtung.

Anbetungswürdige Kritik an der Romantischen Zweierbeziehung(RZB). Hatte den Text ein paar Wochen bei mir liegen, weil er mir erst zu lang war. Bin sehr dankbar, ihn gelesen zu haben. Via @Sanczny.

Sexismus in „Sherlock“

Sherlock, Steven Moffat und Sexismus. Link(englisch)

Religiöse Herr-schaft. Dekonstruktion am Beispiel einer Freundschaft.

Inhalt: Religiöser Missbrauch, Ableismus gegenüber Traumatisierten, Gewalt, Kyriarchie, Heterosexismus

,,Das Wort sein bedeutet im Deutschen beides: Dasein und ihm-gehören.“
Franz Kafka

Tagebucheintrag aus dem Jahre 20__

Gestern, als Hendrik* gemeint hat, dass zum Glück nirgendwo in der Bibel steht, dass wir durch Gefühle errettet werden, ist Maria aufgestanden vom Tisch und zu einem anderen gegangen. Echt, ihr Verhalten ist ziemlich krass zurzeit. Ich habe es nie erlebt, dass jemand UNBERÜHRT von der You‘co heimgekehrt ist. Sie hat sich auch gleich am Samstag, als wir von der You‘co zurückgekehrt sind, abends mit Stefan getroffen.
Wieder scheint es, als würde ich bald eine Schwester verlieren. Ich bin überzeugt, dass sie nur in [Wohnort X] bleiben will wegen ihrer weltlichen Freunde. In [Wohnort Y], einer kleinen Gemeinde, wäre sie aufgefordert, am Gemeindeleben teilzuhaben; in [Wohnort X] aber verschwindet sie in der Masse. Sie will auch mit mir zusammen ziehen, aber das liegt wiederum daran, dass wir nie viel Gemeinschaft miteinander haben und dass ich wohl eher ihre weltlichen Freunde akzeptieren würde als andere Schwestern. In [Wohnort X] wird sie in ihrem Selbst bleiben. Ich brauch die anderen Geschwister in dieser Sache. Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohrfeige zu verpassen. Ich habe bei Hanna, Ruth und Rahel den Fehler gemacht, ihnen nicht zu zeigen, dass sie völlig im Selbst handeln. Aber – wenn der Herr seine Bestätigung dazu gibt – bei Maria werde ich mich nicht der Verantwortung entziehen. Sie ist völlig im Selbst. Sie verschläft den halben Tag und behauptet, sie hätte Schlafmangel. Sie geht nicht zur Versammlung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am selben Abend mit einem Kumpel zu treffen.
Außerdem gibt es noch einen anderen Punkt, den ich nicht richtig einordnen kann. Sie hängt sich vielzusehr an mich, und zwar auf eine Weise, die die Alarmglocken in meinem Kopf schrillen lässt. In der You‘co meinte sie plötzlich, was für eine besondere Augenfarbe ich hätte. Solche Dinge helfen nicht gerade, ihre Nähe auszuhalten.
Und in Sachen Josef ist sie völlig nihilistisch, ich meine sie war mit dem Kerl drei Jahre lang zusammen, und jetzt redet sie nicht mehr mit ihm, kümmert sich nicht um ihn. Mit ihm habe ich schon geredet und seine Sicht kann ich gut verstehen; ihn irritieren ihre Selbstmordgedanken. Da ist er nicht alleine.

*Namen und Wohnorte geändert/unkenntlich gemacht

Das ist ein Tagebucheintrag, den ich kurz nach der Jugendkonferenz meiner Gemeinde vor einigen Jahren geschrieben habe. Ich hatte gerade das Abitur hinter mir mit einer zufriedenstellenden Note; ich wartete auf die Briefe der Universitäten, bei denen ich mich beworben hatte. Ich war auf dem Höhepunkt meiner christlichen Glaubenskarriere. Selber beschrieb ich das mit ,,endlich gelernt zu haben, was es heißt, sein Selbst aufzugeben.“

Was dieser Text bedeutet und was ich heute für mich und vielleicht für andere daraus ziehen kann, möchte ich jetzt analysieren. Ich werde so vorgehen, dass ich ihn Satz für Satz auseinandernehme und kommentiere, mit meinem heutigen politischen Wissen beurteile und vergleiche. Diesen Ansatz können andere ,,Analyse“ nennen; ich mag das Wort ,,Dekonstruktion“ lieber, also zugleich Zerstörung und Aufbau; und habe das als Ansatz von Ana Mardoll: deren Literaturkritiken ich nur jeder empfehlen kann.

Ich nehme einen Tagebucheintrag von mir, weil ich es für wichtig halte, Sexismus, Rassismus, Heterosexismus, Kyriozentrismus, Ableismus etc. nicht immer nur an anderen Menschen zu kritisieren und sich an ihnen abzuarbeiten. Der Kampf gegen alle möglichen Ismen muss in jedem Menschen neu vollzogen werden; die eigenen Abgründe zu entdecken, den eigenen Anteil an der Reproduktion der Gesamtscheiße; um die Dimension zu begreifen, in der wir alle davon durchdrungen sind. Audre Lorde schrieb einmal über die Ausgrenzungen innerhalb feministischer Gruppen gegenüber schwarzen, armen, lesbischen, alten Frauen den wunderbaren Text ,,The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House“ (als Sinnbild etwa: Die Werkzeuge des Patriarchats werden das Patriarchat nicht zerstören). In diesem Sinne möchte ich sagen: Damit Kritik dann letztendlich tatsächlich wirksam wird, weil wir, die wir den Umgang mit diesen Werkzeugen verinnerlicht haben, fähig werden, ihre Anwendung zu erkennen: bei uns selber wie auch bei anderen. Um neue Wege zu finden und einen Widerstand zu kreieren, der zum Abriss des Patriarchats dann letztendlich auch beiträgt und ein gutes Leben für alle ermöglicht.

Ich beginne einfach mal Stück für Stück.

Gestern, als Hendrik gemeint hat, dass zum Glück nirgendwo in der Bibel steht, dass wir durch Gefühle errettet werden, ist Maria aufgestanden vom Tisch und zu einem anderen gegangen. Echt, ihr Verhalten ist ziemlich krass zurzeit. Ich habe es nie erlebt, dass jemand UNBERÜHRT von der You‘co heimgekehrt ist.

Maria ist eine meiner besten und zumindest auch meine langjährigste Freundin. Sie ist in der Gemeinde aufgewachsen; während ich durch sie dazukam, als ich 14 Jahre alt war. Sie war anerkannt in der Gemeinde; später hatte sie aber ein traumatisches Erlebnis während ihrem FSJ, was zu einem Einbruch ihrer bisher linearen Beziehung zur Gemeinde und zu Gott führte. Durch sie in die Gemeinde gekommen, wurde ich immer mit ihr assoziiert; ihr ,,Schatten“, wie mich andere z.t. nannten. Lange Zeit wurde ich nur mit ihr und nie alleine eingeladen. Während sie dann den Bruch erlebte, genoss ich langsam schon etwas Ansehen; eine andere Freundin aus der Gemeinde hatte erfolgreich dazu beigetragen, mich besser zu integrieren und ich heimste langsam die Früchte einer jahrelangen entbehrungsreichen Arbeit ein.

Hendrik war ein junger Mann, der zu denen gehörte, die die Jugend leiteten. Gerade bei gemeinsamen Essen mit vielen Jugendlichen kommt es vor, dass diese geistlichen ,,Hirten“ sich irgendwo dazusetzen oder sich eine Gruppe um sie schart und dann haben sie Gemeinschaft und teilen ihre Erfahrung mit den Jüngeren oder weniger Geistlichen. Geistlich steht in meiner Gemeinde als ein Synonym für ,,alles, was von Gott ist“. Alles andere ist Mist (wortwörtlich nach Paulus). Schon in der Art, wie dich diese Männer – es waren immer Männer –, ansprechen, kannst du erkennen, auf welcher geistlichen Stufe du dich wohl befindest. Erstrebenswert ist es, während so einer Gemeinschaft selber viel auszuteilen und beizutragen. Wer Verantwortung übernimmt, wird nicht als unmündig betrachtet. Diese Leiter, die sehr viel Zeit dafür aufbrachten, sich um die anderen zu kümmern, waren auch diejenigen, die die Anerkennung gaben. Welche also schaffte, nicht nur etwas zu sagen, sondern die Leiter zu beeindrucken, diese bekam zusätzliche Anerkennung.

,,Dass nicht Gefühle uns erretten“: Innerhalb der christlichen Logik ist das durchaus eine befreiende Aussage, davon auszugehen, dass Menschen nicht gerettet sind, weil sie sich ,,gerettet fühlen“, wenn sie mal einen guten Tag haben, sondern durch eine einmalige Entscheidung, dem Bekenntnis zu Gott und Jesus, für immer gerettet sind. In manchen christlichen Strömungen hält die Ungewissheit über den Status des eigenen Heils Menschen bei der Stange und in den Kirchengemeinden. Meine Gemeinde hat da einen cleveren Trick eingesetzt, um Vorteile von Gewissheit und Furcht zugleich einzuheimsen: Es gibt einfach zwei Arten von Errettung! Die eine wird erlangt durch das Bekenntnis und gilt als geistlicher ,,Startschuss“, die andere wird durch Anstrengung erlangt und symbolisch als ,,Wettlauf“ gesehen. Mit der einen entgehst du dem ewigen Tod, mit der zweiten bekommst du eine Zusatzbelohnung von etwa tausend Jahren Herrschaft auf Erden.

Zu dem ganzen Komplex gehört natürlich dazu, wie negativ in meiner Gemeinde das Wort ,,Gefühl“ ist. Gefühl ist Irrationalität und alte Menschlichkeit, Wahn und Verzerrung der ,,nüchternen“ und ,,objektiven“ Weltwahrnehmung. Negative und positive Gefühle werden in meiner Gemeinde kritisiert, weil ihre Quelle die Seele des Menschen ist und nicht der Geist, also der Teil in uns, wo Gott wohnt. Je nachdem wird auch manchmal kritisiert, dass zum Beispiel die Jugend ,,zu nüchtern“ sei und nicht ,,auf die Stühle springe“ wie die Älteren anno dazumal. Diese verschiedenen Signale zu senden, um einerseits Gefühle abzuwerten, andererseits zu disziplinieren, wo jemand sich nicht von der Botschaft eingenommen und bewegt genug zeigt, trägt zum wirren Verhältnis vieler zu ihrem Innenleben bei.

Auf Gefühle ist nicht Verlass, weil auf Menschen nicht Verlass ist. Du kannst

1. dich nicht auf dich selbst verlassen, deinem Gefühl und deiner Intuition nicht trauen, was das Selbstbewusstsein dauerhaft einschränkt

2. nicht anderen Menschen trauen und ihren Gefühlen dir gegenüber, was auf Dauer zu Entsolidarisierung führt. Freundschaft und Liebe von Menschen kann nur Abklatsch dessen bleiben, was Gott dir bietet. Ermutigt wird deshalb, nur innerhalb der Gemeinde Liebesbeziehungen zu führen. Freundschaft, diese verräterische Bindung zweier Menschen die auf nichts als Zuneigung beruhen kann, wird meistens abgelehnt, untereinander nennen sich Menschen lieber ,,Geschwister“ um darzustellen, dass Gott der Vater sie alle verbindet und nicht etwa ihre vergängliche Zuneigung oder Gemeinsamkeiten außerhalb Gottes und der Gemeinde.

Was Maria da also getan hat: aufzustehen, innerhalb dieses Rahmens, und wegzugehen, ist groß. Sie verwehrte sich der Abwertung der eigenen Gefühle. Sie verwehrte sich teilzunehmen an einem sozialen Spiel, durch das sie in der Achtung anderer steigen würde. Beide waren wir beobachtet durch den Jugendleiter. Ihr Weggehen definierte sie klar zu der weniger geistlichen Person. Was mich zu der besseren machte. Und ich habe das genossen. Nicht offen, nichtmal bewusst. Ihr Verhalten wirkte auf mich wie ein Regelverstoß. Innerliches Naserümpfen. Ich konnte mich endlich von ihrer Person abgrenzen und dadurch endlich auch Bewerterin sein und nichtmehr nur Bewertete.

Ich habe es nie erlebt, dass jemand UNBERÜHRT von der You‘co heimgekehrt ist.

Unberührt von der You‘co, der Konferenz für die 15-30Jährigen, heimzukehren, ist ein Makel sondergleichen. Um ihren besonderen Charakter darzustellen, gab es irgendwann eine Namensänderung: Damit niemand drauf kommt, dass das so ne Art lockere Jugendfreizeit sei, wurde sie ,,Zurüstung“ genannt. Benutzt wurde der Name dauerhaft nur von den Leitenden; aber es symbolisiert schön, was die You‘co sein soll: Aufrüstung für die Soldaten Gottes. Sie ist ein Kollektivereignis für junge Menschen, die ihre geistlichen Muskeln spielen lassen, sich in Ekstase beten und singen. Eine wichtige andere Funktion hat sie als Raum für Balz, der mit der Selbstpräsentation verbunden ist: Hier entstehen zukünftige Ehepaare. Alles in allem das soziale Ereignis für junge Menschen in meiner Gemeinde.

„Berührt werden“ ist dabei ein gängiges Schlagwort in meiner Gemeinde, das nichts anderes bedeuten soll als eine direkte Berührung von Gott, etwa durch einen Vers, ein Gebet, einen Psalm, die heilend, errettend sein soll und ihren Ursprung vermutlich in der Geschichte der blutflüssigen Frau birgt, die Jesus mit einer einzigen Berührung seines Gewandes von der jahrelangen Krankheit befreit. In einer You‘co mit zwei Hauptversammlungen, einer persönlichen Gemeinschaft, einer Kleingruppe sowie Gebet am Abend und das alles PRO TAG sowie all den informellen Gemeinschaften beim Essen und Draußensitzen bleibt niemand unberührt, schon allein wegen der Erschöpfung und des sozialen Drucks.

Sie hat sich auch gleich am Samstag, als wir von der You‘co zurückgekehrt sind, abends mit Stefan getroffen.

Töröö. Der Beweis der geistlichen Unzulänglichkeit meiner Freundin wird mit einem weiteren Argument befestigt: NIEMAND trifft sich direkt nach der You‘co mit ,,weltlichen“ Freunden. Niemand. Das ist Verunreinigung. Auf Dauer kann das Konstrukt der Gemeinde, ihre Wertvorstellungen und ihr Regelwerk nur aufrechterhalten werden, wenn es nicht andauernder Kritik ausgesetzt wird. Und dazu gehört schon, Alternativen zu kennen, über andere Themen zu reden, mit Wertvorstellungen anderer Menschen in Berührung zu kommen, eben Freund*innen aus der Welt zu haben. Freundschaft mit dieser Welt ist Feindschaft gegen Gott. Jakobus 4:4. Gerade auch nach der You‘co befinden sich die meisten in einer Art hochgeistlichem Stadium, in der oftmals lauthals bedauert wird, jetzt wieder zurück in die Welt zu müssen sowie zu proklamieren, die eigenen Freunde nur deshalb sehen zu wollen, um ihnen das Evangelium zu predigen. Die „Welt“ steht hier übrigens als Synonym für alles, was nicht Gott und nicht Gemeinde und was damit gleichzeitig von Grund auf schlecht ist.

Wichtig ist auch, dass Maria einen Freund treffen will, männlich. Man stelle sich den Film ,,Harry und Sally“ religiös umgesetzt vor. Frauen und Männer können nicht befreundet sein. Weshalb jedes Alleinsein zweier Menschen verschiedenen Geschlechts unterbunden werden muss. Nein, nicht durch Strafen. Durch innere Disziplin. Jede und jeder darf seine Grenzen natürlich selber setzen. Aber wir sehen es gerne, wenn ein Junge und ein Mädchen sich zum Beispiel nicht alleine zusammen in einem Raum befinden. Oder auf einer Autofahrt. Sich vorsätzlich zu treffen, ohne dass andere Menschen dabei sind, kommt quasi vorehelichem Geschlechtsverkehr gleich. Es ist kein Witz, dass Maria mal mit einem Freund unterwegs war und in der Stadt einer älteren Dame aus meiner Gemeinde begegnet ist, die später Marias Vater angerufen hat, um herauszufinden, ob Maria die Nacht noch nach Hause gekommen ist.

Wieder scheint es, als würde ich bald eine Schwester verlieren. Ich bin überzeugt, dass sie nur in [Wohnort X] bleiben will wegen ihrer weltlichen Freunde. In [Wohnort Y], einer kleinen Gemeinde, wäre sie aufgefordert, am Gemeindeleben teilzuhaben; in [Wohnort X] aber verschwindet sie in der Masse. Sie will auch mit mir zusammen ziehen, aber das liegt wiederum daran, dass wir nie viel Gemeinschaft miteinander haben und dass ich wohl eher ihre weltlichen Freunde akzeptieren würde als andere Schwestern. In [Wohnort X] wird sie in ihrem Selbst bleiben.

Dieser Absatz ist so hochmütig, dass ich kotzen könnte. Nicht ein einziges verdammtes ,,Vielleicht“ oder ,,könnte sein“ habe ich hier reingesetzt. So überzeugt von der eigenen Vollkommenheit, so überzeugt von Marias ,,Fall“. Sie ist übrigens im Gegensatz zu mir immer noch in der Gemeinde, nur um euch mal einen Realitätscheck zu geben.

Alles, was Maria tut, spricht natürlich gegen sie. Dass sie in [Wohnort X] bleiben will, einer sehr großen Gemeinde mit vielen verschiedenen Menschen und Gelegenheiten, sich untereinander zu treffen, kann in meiner wirren ,,Maria ist gefallen“-Logik nichts Positives bedeuten.Sie will natürlich nur wegen ihrer Freunde im Ort bleiben, weil sie weiterhin ihre ungesunden Beziehungen führen und in der Gemeinde nichts beitragen will. Solange sie da ist, sichtbar und anwesend, muss sie nicht mit viel tun, um dazuzugehören. Sie genießt also Vorteile beider Welten. Ich, als Heimsozialisierte, konnte mir das nicht leisten: Im Gegensatz zu ihr hatte ich keine Rückbindung an einen Vater, der auch in der Gemeinde ist und durch den sie weiterhin immer Teil der Gemeinde bleiben wird, was sie auch tut. Ich musste mich zeigen und agieren, um anwesend zu sein. Ich war neidisch auf ihre Freiheit und mein Text zeigt gut, wie ich mich hier an eine Norm anpasse, die mir selber Gewalt antut – um belohnt zu werden, indem ich teil daran habe, anderen diese Gewalt anzutun.

Auch, dass sie mit mir zusammenziehen möchte, kann und bin ich nicht bereit so auszulegen, dass Maria mich mag, dass ich eine ihrer engsten Vertrauenspersonen bin. Es ist Geheimnis dieser geistlichen Entsolidarisierung, dass Menschen ihre gemeinsame Geschichte nicht als vertrauenswürdig einstufen; alles wird durch den Filter der Geistlichkeit gesehen und was nicht einem gewissen geistlichen Kapital zugute kommt, ist schlecht: für die einzelnen Menschen, für die Beziehung und natürlich auch für die Beziehung jeder einzelnen zu Gott. D.h. Maria wäre bereit mich auch mit ins Verderben zu reißen durch den Einfluss ihrer persönlichen Beziehung zu mir, einfach nur weil sie Freunde da draußen hat. So der Gedankengang.

In [Wohnort X] wird sie in ihrem Selbst bleiben. Ich brauch die anderen Geschwister in dieser Sache. Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohrfeige zu verpassen. Ich habe bei Hanna, Ruth und Rahel den Fehler gemacht, ihnen nicht zu zeigen, dass sie völlig im Selbst handeln. Aber – wenn der Herr seine Bestätigung dazu gibt – bei Maria werde ich mich nicht der Verantwortung entziehen. Sie ist völlig im Selbst. Sie verschläft den halben Tag und behauptet, sie hätte Schlafmangel. Sie geht nicht zur Versammlung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am selben Abend mit einem Kumpel zu treffen.

Dreimal ,,im Selbst“. Dreimal ein Vorwurf, der in meiner Gemeinde als Herrschaftsinstrument eingesetzt wird, um Menschen jegliche Autorität und Aussagekraft über ihren persönlichen Glauben und über ein verantwortungsvoll geführtes Leben abzusprechen. Dazu habe ich in meinem Bericht ,,Fromme Jugend“ bereits schon was geschrieben und will das jetzt nicht ausführen. Aber es hat eine ähnliche Wirkung wie diese Aussage1 von Spock. Zugegeben, das verlinke ich, weil Spocks Anblick nach soviel belastendem Geschreibe ganz nett wirkt …

Ich brauch die anderen Geschwister in dieser Sache.

Das ganze ist also ausgewachsen zu einer ,,Sache“, zu einem Problem, das unbedingt behandelt werden muss. Und die Geschwister und ich verschmelzen dabei zu einem ,,Wir“, während meine Freundin die andere ist, nicht zum Wir gehört; das ,,Wir“ hier ist mündig und übernimmt Verantwortung; Maria ist unzurechnungsfähig, eine geistlich Kranke, die versorgt werden muss. Gleichzeitig zeige ich: Ich verlasse mich nicht auf meine Kraft, ich brauch die anderen; wieder ein Beweis meiner demütigen Unterordnung unter das Kollektiv und ihr Gemeinwohl.

Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohrfeige zu verpassen.

Das ist der schlimmste Satz. Die Drohung, meiner Freundin Gewalt anzutun, weil sie nicht ,,Schritt hält“, weil sie sich nicht anpasst. Damit zu kokettieren, weil ich sie in einem Wahn meine, durch den nur eine ,,gesunde Ohrfeige“ sie wieder rausbringt. Weil ich weiß, zu was Menschen fähig sind, lehne ich deshalb auch Nazivergleiche ab. Jedes Verbrechen an einem Menschen steht für sich und braucht keine Vergleiche (zur vermeintlichen Bewertung); v.a. nicht wenn getan wird, als ob es das eine spezielle Niveau gäbe, auf das natürlich Niemand Von Uns hinabsinken würde. Alltäglich haben wir doch Anteil an Unterdrückung, die Gruppen auf einzelne ausüben, Mehrheiten gegenüber Minderheiten, Marginalisierten, Entmündigten.

Aber – wenn der Herr seine Bestätigung dazu gibt -

Klar – ich war natürlich, im Gegensatz zu meiner Freundin, absolut gehorsam. Hatte mich der kyriarchalen Logik unterworfen, denn es gab nur die Wahl zwischen zwei Arten von Sein: Gottes Herrschaft oder Herrschaft des schlechten Lebens/der Sünde/der Feinde Gottes. Und damit keine wirkliche Wahl. Und selbst wenn mein ,,gesunder Menschenverstand“ mir sagte, Maria treibt es zu weit; ich würde selbst dieser Eingebung nicht trauen und soweit warten, bis Gott selber mir das Okay dafür gibt, sie zurechtzuweisen. Uärr, hallo, autoritäre Persönlichkeit. Das Wort ,,Herr“(kyrios) steht hier bezeichnend für die kyriozentrische Hingabe meinerselbst und wird in meiner Gemeinde sehr viel öfter als ,,Gott“ benutzt.

Sie verschläft den halben Tag und behauptet, sie hätte Schlafmangel. Sie geht nicht zur Versammlung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am selben Abend mit einem Kumpel zu treffen.

Was ich meiner Freundin hier auch nicht verzeihen konnte, war, dass sie offensichtlich etwas Schlimmes erlebt hatte – und dann damit darauf reagierte, sich auszuruhen und sich den Stress nicht mehr zu geben. Für mein Verständnis ein unheimlicher Luxus. Ich schwanke da zwischen ,,Hätte ich mir nie erlauben können“, ,,Wäre nie drauf gekommen, dass meine negativen Erfahrungen Grund genug sind, mich ausruhen zu dürfen“ und ,,Sie darf nicht, was ich auch nicht durfte“.

Außerdem gibt es noch einen anderen Punkt, den ich nicht richtig einordnen kann. Sie hängt sich vielzusehr an mich, und zwar auf eine Weise, die die Alarmglocken in meinem Kopf schrillen lässt. In der You‘co meinte sie plötzlich, was für eine besondere Augenfarbe ich hätte. Solche Dinge helfen nicht gerade, ihre Nähe auszuhalten.

Ein KLASSIKER. So stark nach Lehrbuch, dass ich zweimal lesen musste, weil es mich so verblüffte – und wieder so wenig verblüffte. Als ich diesen Text schrieb in mein Tagebuch, wusste ich bereits seit mehreren Jahren, dass ich lesbisch war. Und ich hatte mich auch in diesem Punkt entschieden, Gottes Willen leben zu wollen- was für mich damals bedeutete, es nicht zuzulassen. Unterdrückte Homosexualität, die ich als Homophobie gegen andere richtete; mein eigenes Begehren auf andere projizierte, um es in ihnen zu fürchten und zu hassen. Überrascht war ich, weil mir dieses Phänomen bereits damals bekannt gewesen war; hatte ich damals nicht gesehen, was ich da schrieb? War es mir einfach egal?

Und in Sachen Josef ist sie völlig nihilistisch, ich meine sie war mit dem Kerl drei Jahre lang zusammen, und jetzt redet sie nicht mehr mit ihm, kümmert sich nicht um ihn. Mit ihm habe ich schon geredet und seine Sicht kann ich gut verstehen; ihn irritieren ihre Selbstmordgedanken. Da ist er nicht alleine.

Öhm, was ich mit nihilistisch hier meine, hat wohl nichts mit ,,dem“ Nihilismus zu tun. Vermutlich beziehe ich mich auf eine Art ,,abseits jeder bisherigen Vorstellung von dem, was sich ziemt“. Und das war es, wenn eine Frau sich nicht um ihren Freund kümmert, jede Beziehungarbeit plötzlich fallen lässt, „nur“ weil es ihr selber schlecht geht …

Marias Depression, ihr Trauma wurden nicht ernst genommen. Vermutlich am allerwenigsten von mir, die ich es mit meinen eigenen traumatischen Erfahrungen ,,verglich“ und sie denen unterordnete. Und wie konnte sie einfordern, ernstgenommen zu werden mit ihrem Leiden, wenn ich doch bestimmt Schlimmeres erlitten hatte und dies auch niemand wahrgenommen hatte? Oppression Olympics, und das in einer Freundschaft.

  1. Transkribiert und ins Deutsche übersetzt: Spock junior: ,,Und wenn ich nicht gleicher Meinung bin, muss ich nur: Unlogisch! sagen, um die Diskussion zu gewinnen?“ Spock senior: ,,Es funktioniert jedes Mal.“ [zurück]

Fromme Jugend.

Hiermit spreche ich eine Inhaltswarnung aus. In diesem Post habe ich versucht, meine Gedanken und Gefühle und Erlebnisse bezüglich meiner ehemaligen christlichen Glaubensgemeinschaft einzuordnen, den religiösen Missbrauch und die Stigmatisierungen, die ich erlebt habe, den Schaden, den es anrichtete und die Verantwortung, die ich trage. Heraus dabei kam etwas Unabgeschlossenes, teilweise Wirres; ich kann keinen roten Faden anbieten, keine Moral. Ich verfange mich in Detailhaftigkeit, um dann wieder große Zeitabschnitte zu überspringen. Die Geschichte handelt von einer Art Subkultur. Es ist auch eine Geschichte von Extremen und extremen Gefühlen, die ich mit dem Niederschreiben ablegen möchte. Ich habe irgendwo angefangen, weil ich die Notwendigkeit fühlte. Ich kann das innerhalb meines Blogs nicht verorten, es ist auf seine Weise politisch.

Seit vielen vielen Wochen nun nehme ich mir vor, Leute aus meiner ehemaligen Glaubensgemeinde zu besuchen. Immer und immer wieder schiebe ich dieses Ansinnen auf. Ich vermisse die Menschen, einerseits. Ich vermisse Gott.
Andererseits erinnere ich mich.
Vor einem halben Jahr war ich das letzte Mal dort, in den Winterferien. Es waren nur zwei Tage, und das ist nicht lang, aber in den zwei Tagen lief so vieles falsch, dass ich mir danach vornahm, erstmal eine ganz lange Pause zu machen. Ich war schockiert, am Ende und alles tat weh. Ich bin nach Hause gewankt, wollte nicht mehr drandenken und fühlte wie stark in mir das Vertrauen geschwunden war Menschen gegenüber, die ich lange Zeit sehr geliebt habe.

Ich kam bei einer Freundin unter, meiner langjährigsten Freundin. Ihre Familie war auf mich vorbereitet gewesen und sie wussten von meinem Veganismus. Deshalb war ich erstmal verblüfft, dass ich, als ich ankam, in ihrem Kühlschrank kein einziges bisschen Gemüse fand. Kein Obst, nichts Veganes whatsoever. Nur Käse und Wurst. Ich war irritiert, aber dann war es mir wieder egal; ich hatte mir ein bisschen was mitgebracht und aß davon. Vielleicht, weil ich an die Wirkung von Symbolik glaube, hallte dieses kleine Erlebnis so in mir nach, das Gefühl, nicht willkommen zu sein, nicht Teil zu sein.

Am nächsten Tag stritt ich mich mit dem Vater meiner Freundin. Wir haben bereits eine gewisse Streitgeschichte hinter uns; er war in seiner Jugend auch ,,Protestler“ gewesen; eine der ältesten Erinnerungen meiner Freundin ist die an Mahnwachen, auf denen sie als Kind herumstand. Ihr Vater erlebte durch den Glauben dann eine Wendung, auch politisch, und vertrat seitdem konservative Standpunkte. Solche Menschen gibt es einige in meiner Gemeinde. Aber mitunter predigen sie eine unpolitische Haltung, die eine nicht sehen lässt, welche reaktionäre Agenda sich dahinter verbirgt. (Immer beliebter, auch durch den Einfluss vieler Student*innen der Wirtschaftswissenschaften, wird die Anwendung kapitalistischer Phrasen bibelgemäß umkleidet: Gott investiert in uns, wir sind in einem Wettlauf, Gewinn bringen, die Gemeinde als ,,Bank“ Gottes, etc.)

Gestritten haben wir uns schon über die Rolle der Frau im Gemeindeleben, über Muslime und all diese Themen, die ältere weiße Herren vorgeben, weil sie sich das gerade in ihrer konservativen Zeitung angelesen haben.

Diesmal stritten wir über Homosexualität. Ich hatte erst mit meiner Freundin darüber geredet; sie ist wie viele andere in der Gemeinde auch schwulen-und lesbenfeindlich, weshalb ich ihr noch nicht von mir erzählt habe. Dieses ,,noch nicht“ sind nun sechs Jahre und sie dabei der stabilste Mensch in meinem Leben (ich kenne sie, seit ich 10 bin). Wie ich mich also damit fühle, kann vielleicht nachvollzogen werden. Sie wird langsam nachdenklicher im Umgang mit dem Thema und ich frage mich, was ich ihr erzählen kann. Aber an diesem Tag bringt sich ihr Vater ein. Er macht keine langen Umschweife, er vergleicht Homosexualität mit Päderastie/Pädophilie. Er zeigt mir einen alten Spiegel-Artikel online, in dem erwachsengewordene Kinder aus ihrer Kommune berichten und erzählen, wie schön sie den Sex mit Erwachsenen fanden. Menschen sind sündig, sagt er und würden liebendgern den sündigen Zustand wählen, egal wie gut es ihnen tatsächlich tut. Ich werde wütend. Er wisse genau, dass das nicht vergleichbar sei, dass es bei Päderastie um ein Machtgefälle geht. Er zuckt die Achseln und salbadert weiter. Die Ehe sei nur für Mann und Frau. Warum?, frag ich. Naja, wegen den Kindern, meint er und versucht jetzt den biologistischen Weg. Nur ein Mann und eine Frau können Kinder bekommen. Ich antworte: Was ist mit Männern und Frauen, die keine Kinder bekommen wollen oder können, dürfen die dann nicht heiraten? Natürlich, doch, meint er, ist verwirrt, aus dem Konzept gebracht und statt dem nachzugehen, wendet er IGNORANZ an und kehrt zurück zur Päderastie.

Ich koche vor Wut. Ich weiß, dass ich wenigstens bei meiner Freundin was zum Rollen gebracht habe, denn sie stellt offene Fragen und empört sich auch darüber, dass die Gemeinde solche Menschen ausschließen würde. Aber das bringt nichts. Meine Gemeinde ist so heteronorm, Homosexualität wird nichtmal erwähnt, nie nicht, denn sowas darf es ja nicht geben. Nur einmal hat ein amerikanischer Prediger in einer Jugendkonferenz darüber geredet; aber wie ungewohnt das war, zeigte sich schon daran, dass sein Übersetzer ganz erschrocken reagierte, als er das Wort ,,Homosexualität“ übersetzen musste. Über die amerikanischen Evangelikalen kann ich nur sagen: Wenigstens reden sie darüber. Wobei ich hier nicht zu der Verharmlosung von Hass beitragen möchte. Aber es ist nochmal was anderes, wenn im gemeindeinternen Diskurs bestimmte Sachen genannt sind statt dass es sie einfach nicht gibt und so auch keine Möglichkeit, darüber zu reden.

Am nächsten Tag war ich bei meiner Lieblingsfamilie essen. A*, eine Frau in mittleren Jahren, hatte sich seit einiger Zeit mit mir angefreundet, mich häufig eingeladen, ich hatte auf ihre kranke Tochter bei deren Schullandheim aufgepasst; es bestand ein enges Band zwischen uns. Sie war eine der wenigen Menschen, denen ich noch zuhören konnte, wenn sie über Gott und ihren Glauben erzählten, ohne Kopfschmerzen zu bekommen.
Sie hatte viele andere Menschen eingeladen, u.a. zwei junge Menschen, Arztkinder, in meinem Alter, die ich von früher kannte und früher schon nicht gemocht habe. Was ich dann erlebte, war eine geschlagene Stunde Mobbing von den zweien, vor der versammelten Runde, ohne dass irgendwer eingriff. ,,Grund“ war mein Veganismus. Ich weiß wirklich nicht, warum Menschen schon öfters mit derartigen Hasstiraden reagierten; aber was die zwei mir boten, war vom Ekligsten. Es gipfelte irgendwann in dem Streit der Geschwister darüber, ob ich denn deswegen abgenommen hätte, die Schwester meinte: Ja, natürlich, und ihr Bruder rief aus: ,,Was, sie war noch dicker als jetzt?“
Die zwei sind einfach eklige Menschen und ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Schlimmer wurde es, als diese gingen und A* meinte, das Problem wäre gewesen, dass ich das mit mir habe machen lassen und dass sie an meiner Stelle einfach ganz cool reagiert hätte und versucht, ihnen keinen Wind zu geben. Das sagte sie mir als Zuschauerin, die kein Wort gesagt hatte zu den beiden und sogar hin und wieder amüsiert gewesen war. Sie war jetzt noch amüsiert. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, fing eine gute Freundin von mir, die ebenfalls dabeigesessen hatte, im Zweiergespräch dann an, dass SIE halt die Geschwister liebe und ich mein Selbst aufgeben müsse.

Klingt wie eine Formel, oder?

Ich erzähle euch gerade aus dem Geschehen einer sektenähnlichen Gemeinschaft und ihr braucht Informationen, um nachvollziehen zu können, welche machtvollen Instrumente die Ausdrücke ,,Geschwister lieben“, sein ,,Selbst aufgeben“, ,,das Kreuz auf sich nehmen“ sind. Es sind Ausdrücke, die nicht einfach zur völligen Passivität in Streitfällen aufrufen. Sie bringen dich dazu, auch noch dankbar dafür zu sein. Wenn dich Geschwister also beleidigen oder verletzen, musst du erstmal zu Gott rennen, ihm das abgeben und auch jedes verletzte Gefühl. Du musst erdulden, was dir geschieht. Regst du dich auf, ist das nur der Beweis, dass du immer noch in deinem ,,alten Selbst“ lebst und nicht Christus ,,anziehst“. Und Beleidigungen und Anstöße sind per se gut für dich, weil du geprüft wirst, ob du immernoch ,,im Geist“ oder in deinem Selbst bist.

Das Ganze ist nichts anderes als Instrumentarium für Diktaturen; die Forderung zur Nächstenliebe in dieser Form ein Mittel, die Menschenherde geduckt zu halten, Hierarchien zu bewahren und Menschen auf Dauer zu beschäftigen mit ihrem ,,inwendigen Bösen“, damit sie nicht nach außen schauen oder gar Analysen anstellen.
Victim Blaming in Reinform, mir vorgehalten von zwei der wichtigsten Menschen, die es in der Gemeinde für mich gab. Was das in mir auslöste, war mir noch nicht klar; ich zog mich ins Wohnzimmer zurück, um eine Weile für mich zu sein und weinte unter der Decke. Am nächsten Morgen, nach einer Gemeindeversammlung, die ohne jede Bedeutung für mich war, stand ich erst alleine und verloren in der großen Halle herum; in meinem Kopf schwirrte es, ich fühlte, wie die letzten großen Pfeiler meiner jahrelangen Überzeugungen und Hoffnungen einstürzten, aber nicht einfach mein Glaube kam zu einem Ende, sondern mein Platz in einem sozialen Gefüge, in dem ich jahrelang zuhause war, ja das ich zehn Jahre lang mein einziges Zuhause genannt habe. Durch eine Unstimmigkeit zwischen meinen Gastgeber*innen, die dazu führte, dass ich wieder zwei Stunden ohne Essen dastehen würde, fing ich einen Streit an; ich wollte einfach nur weg, wollte nach Hause und nicht in der Kantine warten, in der es kein Essen für mich gab. Ich wollte weg von den Bildern, die mich verdammten, von all den glücklichen gläubigen Menschen um mich herum inmitten ihrer Familien. Ich wurde nicht ernstgenommen, also rannte ich weg und brach dann in einem der Badezimmer zusammen.

Vieles mag erschreckend klingen, was ich hier schreibe, wieso war ich da überhaupt und sei froh, dass du da nicht mehr bist. Besonders Atheist*innen verstehen dann nicht, und es ist ihr gutes Recht, es nicht zu verstehen. Und noch unverständlicher ist, wieviel geschehen musste, bis ich verstand, welche Gewalt andere und ich mir damit antaten.

Dass mir per se als Mensch, der ich in die Gemeinde mit 14 Jahren kam, Heimkind das ich war, nicht vertraut wurde, erfuhr ich erst zwei Jahre nach meinem Anfang dort, nach einer Zeit voller Engagement von meiner Seite aus, mit regelmäßigen Besuchen aller möglichen Versammlungen, mittels einer Persönlichen Unterredung (PU wurde das mehr oder weniger scherzhaft genannt) durch einen der Gemeindeältesten. Dass ich mich schon mehr anstrengen müsste und mich endlich ,,für die Gemeinde“ entscheiden müsste. Das von einem Menschen, der mich nicht kannte, mich nichtmal gegrüßt hatte bisher.
Es war auch mit 16, wo meine Depressionen anfingen, schlimm zu werden. In den Schüler- und Jugendversammlungen saß ich außen, meine Traurigkeit schreckte die Menschen ab, niemand bemerkte es, wenn ich mitten unter ihnen zu weinen anfing und ihre Freude, ihre Ausgelassenheit und die Tatsache, dass sie eine größtenteils homogene Gruppe waren, machten es mir noch schwerer. Hin und wieder wegzubleiben wäre aber keine Lösung gewesen, denn dann hätte ich noch mehr an Vertrauen verloren, an christlicher Credibility. „Zuhause“ erwartete mich dann mein Heim, wo ich schon etwas länger zu einer Außenseiterin geworden bin, die mit den meisten anderen Kindern nicht klarkam.

Es war vielleicht in meinem fünften oder sechsten Jahr in der Gemeinde, wo ich durch ein einziges Mädchen, das neu war, in die Gemeinschaft integriert wurde, einfach nur dadurch, dass sie mich wahrnahm, mit mir redete, sich mit mir anfreundete. Ich weiß nicht, ob ich als einzige Türkin und Heimsozialisierte eine Art Alien-Tattoo auf der Stirn hatte, ich weiß nicht wieso die anderen mich jahrelang ignorierten. Aber sie sah mich und sie brachte mich hinein. Meine ,,Glaubenskarriere“ begann, ich bekam viele Freunde und begann bald zu denen zu gehören, die oft ,,Zeugnisse“ in der Versammlung gaben (Berichte über Erlebnisse mit Gott oder Gebetserhörungen, Bibelverse, die eine berühren). Ich lernte nun viel schneller die ganzen Codes, internalisierte sie, lernte mich auszudrücken, wie es auch die ganzen ,,supergeistlichen“ Geschwister taten.

In der Zwischenzeit verlor ich aufgrund von Geldmangel meine Wohnung, aus der darauffolgenden WG wurden ich und ein Mitbewohner von dem insässigen Pärchen herausgeekelt, ich drohte auf der Straße zu landen. Es gab eine PU mit allen Gemeindeältesten. Ich werde das nie vergessen. In einer Gemeinde, die ein Gemeindehaus voller Betten besitzt und in der es viele Menschen aus der Mittelschicht gibt mit eigenen Häusern und Gästezimmern, ich werde nie vergessen, dass mir gesagt wurde, es gäbe keinen Platz für mich. Und ich werde nie vergessen, dass dann das Wort ,,Obdachlosenheim“ ausgesprochen wurde und dass nicht ein Gemeindeältester dagegen protestierte, sondern erst nach einer ganzen Weile eine ältere Frau, die dabeisaß und das nicht mitanhören konnte.

Und wie immer, wenn etwas Schlimmes in meinem Leben geschehen ist, konnte ich es anfangs noch nicht begreifen und war oftmals noch dankbar für das Wenige, was ich bekommen konnte. Es wurde eine andere Lösung für meine Lage gefunden; ich, derweil abgemagert, weil ich in der schwierigen Zeit nichtmal mehr Geld für Essen gehabt hatte, freute mich einfach nur wieder daran, Essen zu haben und satt zu werden und Menschen um mich zu haben, die mich anlächeln. Ich war so reduziert in all meinen Bedürfnissen, dass es nichtmal wehtat, als die Menschen mir Komplimente machten, weil ich zehn Kilo abgenommen hatte. Sogar meine Depressionen verschwanden, es war, als hätte mein Körper den Notschalter umgelegt.

Was ich fühlte, war Dankbarkeit und ich drückte diese aus, indem ich mich noch enger an die Gemeinde band und mich noch mehr anstrengte. In den nächsten drei vier Jahren würde ich die schönste Zeit erleben, die Zeit, in der ich wirklich angekommen war inmitten der anderen. Ich konnte Frieden machen mit dem, was in der Bibel stand, es wurde mein Leben, ich ließ es mich beherrschen, mich erfreuen, jede Minute war meinem Glauben gewidmet. Ich flog auf der Welle des symbolischen Reichtums, der sich mir eröffnete, ich fand Mittel und Wege, meine Schmerzen in Kanäle zu leiten, um sie zu erleichtern, ich fand neue Freude. Ich richtete meine Zukunftwünsche auf ein Leben in der Gemeinde aus, auf einen Partner, den ich hier treffen würde, heiraten, um gemeinsam ein Bollwerk für die anderen Menschen zu sein. Ich verliebte mich ständig neu in ,,Brüder“, ich verliebte mich lange, verstärkt durch den Geschlechterseparatismus und die rigiden Regeln erfuhr ich übrigens nie, ob diese Gefühle erwidert wurden.

Aber es gab auch die andere Seite. Ab 16, 17 begannen mich schlimme Träume in der Nacht zu quälen. Ich weiß nicht, ob das die Art meine Körpers war, mit dem dunklen Symbolismus in der Bibel umzugehen, der in meiner Gemeinde gang und gäbe war. Ich träumte davon, von Dämonen besessen zu sein, Träume die sich fortsetzten, eine Geschichte entwickelten. Es waren nicht einfach Alpträume. Es begann freundlich mit so ner Art Gefühl, aus dem Körper zu schweben, es war ein Glücksgefühl, das schönste und irritierendste, was ich wohl je gefühlt habe. Doch irgendwann wendete sich das Blatt, und das Unbekannte begann mich zu quälen. Es fuhr in mich, besetzte mich, riss an meinem Körper herum wie an einer Marionette; ich werde den Horror niemals vergessen, niemals die Angst. Niemals das Gefühl, wie real es sich anfühlte und wie wach ich es erlebte. Vom unbekannten Schemen in den Anfangsträumen an gewann es an Form, bis es Gesichter bekam, die Gesichter und Körper von Frauen.

Ich verliebte mich in eine Frau. Es war Ende Dezember 2006; ich besuchte ein Essen in der Halle, voller Vorfreude über einen jahrelangen Schwarm, den ich dort sehen würde. Ein bisschen Katz und Maus spielen fand ich reizvoll, also ging ich den Menschengruppen aus dem Weg, und fand eine Bekannte von mir im Esszimmer sitzen. Sie war nicht allein; sie saß da mit einem Mädchen das ich bisher nur entfernt kannte. Ich begrüßte sie, smalltalkte. Während dem Reden wurde ich mir bewusst, was für ein offenes Gesicht sie hatte, jungenhaft, androgyn, mit wilden blonden Locken. Sie beeindruckte mich. Ich ging nach Hause und die zuvor starke Fixiertheit auf den Typen war wie weggeblasen, ich hatte ihn sogar vergessen. Ich war glücklich und wusste nicht wieso. Und erst ein paar Tage später würde ich realisieren, was da gerade passiert war. Und es würde mich umwerfen und nicht loslassen, und das in einer Zeit, in der ich endlich in der Gemeinschaft angekommen war. Und es würde dazu beitragen, die Gemeinde zu hinterfragen, aber bis mir das möglich war, würde es mich sogar noch stärker an sie binden, im Glauben, durch Hingabe Absolution zu erfahren.

Zu der Freundin, die zu meiner Integration maßträglich beigetragen hat: Zwei Jahre lang hatte sie sich für das Gemeindeleben aufgeopfert, die perfekte Schwester, mit immer vollem Gästetisch zuhause, voller Dienstbarkeit anderen Menschen gegenüber; immer vernachlässigt, was sie selber wünschte. Es war kein Wunder, dass sie unglücklich wurde. Sie freundete sich mit einem Mann an, der neu in der Gemeinde war. Was dann begann, war Rufmord an ihr, Geschichten, die rumerzählt wurden und sie verleumdeten. Aber nicht nur dass die Geschichten erfunden waren, war wichtig, sondern dass diese sich um Sex drehten, um Sex, den eine erwachsene Frau hatte oder nicht hatte. Ich begriff erst spät was los war, und sie packte schon ihre Koffer, als ich es in seiner ganzen Konsequenz realisierte. Ich war wie erstarrt, ich bat sie zu bleiben und ich wusste doch, was ihr da angetan worden war.

Diese Dinge sind alle geschehen und sind erst nach und nach in meinem Bewusstsein zu Erlebnissen angereift, die mich auseinanderrissen. Am Anfang stand da dieser Wunsch, dazuzugehören, einfach nur Teil dessen zu sein. Wie groß er gewesen sein musste und wieviel Schönes auch passiert ist, dass ich das Negative manchmal sogar vergaß, kann ich nur ahnen; und dass mir eine Wahl gefehlt hat, all das trägt dazu bei, dass diese schlimmen Erlebnisse ihre destruktive Kraft nur langsam entfalten konnten. Ich bin verantwortlich dafür, in was ich mich da gebracht habe, verantwortlich dafür, nicht früher nein gesagt zu haben, verantwortlich für das, was ich durch mein Schweigen akzeptiert habe. Teil einer sozialen Dynamik, die Menschen reaktionären Bildern über Menschlichkeit und Liebe und Leben und Gesellschaft unterwirft, sie darauf trimmt, ihre ,,frohe Botschaft“ auf der Welt zu verbreiten, mit dem Bekenntnis nicht zufrieden ist, sondern auch die Herzen, die Gedanken, die Instinkte zu besetzen und zu beherrschen anstrebt; jeden Zentimeter Mensch, der zur Verfügung steht.