Tag-Archiv für 'linke-szene'

Wie ich ab jetzt mit Mackern umgehe und denen, die sie unterstützen

Deine Solidarität ist keine. Sie reicht nur soweit, bis es Kritik
an deinem ,,Kumpel“ gibt und an dem gibt es natürlich nichts zu rütteln.
Steck ihn dir wieder ein. Wenn du deine Männerfreundschaft angerührt
siehst, weil ich X richtigerweise als Macker bezeichnet habe, und du
dich jetzt positionieren musst auf seiner Seite, bestätigt das nur für
mich immer wieder eine Machokultur, in der linke Typen vorgeben,
antisexistisch zu sein, aber echte Kritik nicht sehen wollen und sich
darin auch noch gegenseitig stützen. Ja, dich betrifft X’s Mackertum
nicht, deswegen kanns dir schön egal sein. Ich kann dich als politischen
Menschen nicht mehr ernst nehmen.
Ich will keinen Kontakt mehr zu dir.

Veganismus meets Essstörung

Wie Essstörung und Veganismus zusammenhängen können, beschreibt Riots and Diets. Triggerwarnung für Esstörung und v.a. Bulimie gilt für den ganzen Blog. Link hier.

Liebe ,,Ich bin Poly“-Bezeuger*innen!

Ich mag die meisten von euch. Ihr traut euch so einiges in einer Welt der auf zwei Menschen pro Zeitraum fixierten bürgerlichen Vorstellung von Liebe. Ihr feiert die Tatsache, dass Menschen viele lieben können und viele von euch freuen sich daran, wenn geliebte Menschen Zärtlichkeit und Intimität mit anderen genießen. Das ist kostbar und nicht geringzuschätzen in einer Welt, in der Partner*innen einander noch aus Eifersucht umbringen. Ich bewundere diejenigen unter euch, die verbindlich und liebevoll miteinander umgehen, die sich die Zeit nehmen, über all das zu kommunizieren, was bereits in einer monogamen Bindung kompliziert und tückisch sein kann. Ihr setzt Grenzen, redet über Wünsche und vollbringt das, was manche immernoch für unmöglich halten.

Und dann gibt es diejenigen unter euch, mit denen ich große Probleme habe.

Zur ersten Gruppe gehören die, die Polyamorie gerade auch in der linken Szene wie ein religiöses Mem viral verbreiten. Das ist noch nicht mein Problem. Gute Ideen brauchen Verbreitung. Das ist mein Problem: die religiöse Idee, dass nur dieser eine Gott anzubeten sei. Klarer ausgedrückt: Wer nicht poly ist, sei spießig – – –
Nein. Darüber muss ich keine langen Reden halten. Ich wähle, was mir gefällt. Ich muss mit euch nicht darüber reden, was falsch sein könnte an meinen Erwartungen an die Menschen/Partner*innen, die ich wähle oder mich von euch „analysieren“ lassen in jeglicher grenzüberschreitender Hinsicht. Eure Anmaßung darüber, die ,,richtige“ Beziehungsform gewählt zu haben, mag gefüttert sein von den Schrecknissen, in die die Romantische Zweierbeziehung einige von uns schon geritten hat und von der Dominanz derselben in unserer Gesellschaft. Dennoch bleibt es eine Anmaßung. Redet von persönlicher Erfahrung, von dem, was für euch das Richtige ist. Aber bleibt mir mit eurem Evangelium der einen richtigen Beziehungsform fern. Alternativlosigkeit muss dekonstruiert werden, auch und vor allem in sogenannten progressiven Kreisen.

Die zweite Gruppe, ich nenne sie mal: die Missverständlichen. Sie sagen ,,poly“, aber sie meinen ,,promisk“. Pick Up für Linke, hab ich mir da mal gedacht, oder aus den Worten anderer: Die 68er-Problematik in neuer Verpackung. Nun, ich habe keine grundsätzlichen Probleme mit Promiskuität. Habt Sex, wenn ihr Lust drauf habt! Aber benennt auch, was ihr meint! ,,Poly“ ist ein unglaublich schwammiger Begriff. Während die RZB für viele Menschen ein ,,all inclusive“-Paket bedeutet, müssen Menschen in Poly-Beziehungen vieles neu definieren, es wird ihnen nicht ,,vorgesetzt“. Mit Menschen was eingehen, denen ihr gesagt habt:,,Ich bin poly“, heißt nicht automatisch: ,,Du, aber morgen geh ich dann wieder.“ Es heißt, ihr müsst erklären, was Polysein für euch bedeutet, ob ihr das völlig frei definiert im Sinne von: Ich schlafe einfach unglaublich gern mit unglaublich vielen Menschen, oder ob es für euch vielleicht eine verbindliche Beziehung beinhaltet neben einer/vielen anderen, die genauso romantisch sein kann wie eine RZB. Oder vielleicht was ganz anderes. Benutzt Begrifflichkeiten, die klar ausdrücken, was ihr meint und schleicht nicht um den heißen Brei. Versprecht nicht zu bleiben, wenn ihr das nicht vorhabt. Vor allen Dingen bedeutet Poly nicht: Wenn du dich lange genug hinhalten lässt, verbringe ich vielleicht mal wieder Zeit mit dir, und ansonsten bist du mir egal.

Ich habe diese Ansage geschlechtslos gehalten. Ich habe auf Poly-Mackern bereits schonmal herumgehackt, weil sie mir auf die Nerven gehen, allerdings frage ich mich, inwieweit Frauen* zulassen sollten, dass Polyamorie wie so oft bedeuten muss, was eine im Trans*Frauen*Lesben-Zelt des Antifees letzte Woche nach einem derartigen Vortrag meinte: ,,Da war mir zuviel weiße Männlichkeit.“ Und ob wir lernen könnten, Polyamorie wieder neu für uns zu besetzen. Ich habe gemerkt, dass das Thema mich zuletzt deswegen so genervt hat, weil mir immerwieder in Schulunterrichtmanier von irgendeinem Typen eingehämmert wurde, wie falsch doch Zweierbeziehungen sind, qed1. Auf einem zweiten Vortrag letztens habe ich aber eine schöne Erfahrung gemacht und erfahren, dass es auch anders geht: In Gruppen oder zuzweit redeten die Menschen darüber, was für sie persönlich wichtig ist, was sie erfahren haben, was Liebe*Beziehung*Freundschaft für sie bedeutet. Dieser Workshop war so unglaublich viel ertragreicher und respektvoller als jede ,,Treue ist doof/Menschen sind von Natur aus promisk/Bla bla bla“--Rhetorik aus 68er und heutigen Zeiten. Das heißt, es geht auch anders, und das festzuhalten, ist mir wichtig.

Dieser Post erscheint auch auf takeover.beta.

  1. quod erat demonstrandum: „was zu beweisen war“ [zurück]

Intersektionalität: Von Brücken und Grenzen, am Beispiel der Tierbefreiungsbewegung

Hatte neulich ne Diskussion auf Twitter über Intersektionalität. Interessanterweise hatten die Personen, mit denen ich stritt, ähnliche Ansichten, aber was Aktionen betraf, sah das ganz anders aus. Ein Punkt war v.a.: eine Aktion/Kampagne, die nicht auf alle Formen von Herrschaft eingeht, gar nicht anfangen.
Ich hab jetzt zwei Jahre antispeziesistische Arbeit gemacht. Wir verstehen uns sozusagen als Brücke zwischen oftmals autonomen, radikalen ,,Fleischlinken“ mit anarchischen und emanzipatorischen Ansätzen einerseits und der Tierrechtsbewegung andererseits mit ihrem Rütteln am starren Mensch-Tier-Bild und der Forderung nach Tierrechten sowie veganer/vegetarischer Ernährung und Lebensweise. Für die einen sind wir menschenfeindlich, für die anderen linksextreme Spinner*innen. Die Kritik nach der einen Seite üben wir, weil Tiere in linken Theorien und Utopien einfach mal ausgeblendet werden, und nach der anderen Seite, weil sie Kapitalismus überall noch mitdenkt.
Es ist so schwer, die zwei zusammenzubringen! In der Tierrechtsbewegung gibt es wie auch in der Umweltbewegung religiöse wie rechtsradikale Gruppierungen (z.B. ist ,,Antispe“ in Italien v.a. als Nazigruppe bekannt GRUSELIG). Was dauernd nötig ist, sind Abgrenzungen unsererseits, mitunter mit dem Gefühl, wir tuen eigentlich nichts anderes als uns abzugrenzen. Dennoch ist diese Arbeit wichtig, das ist klar, ich will nicht mit PETA, mit Universellem Leben, ,,Heimatschützern“ und anderen Gruselgeschichten zusammenarbeiten. Andererseits wollen wir uns nicht einfach nur bei der Linken andienen und ständig deren Antirepressionsarbeit machen und für die vegane Vokü zuständig sein, sondern auch sie in Bezug auf Leben und Leiden von Tieren in unserer Gesellschaft sensibilisieren.
Zum Beispiel laufen derzeit Kampagnen gegen neue Schlachthäuser. Da gibt es dann Kollaborationen, die so aussehen können: Anarchistisch und herrschaftskritisch denkende Tierbefreier*innen arbeiten gemeinsam mit Bürgerinitiativen, denen es vor allem um die Erhaltung der Lebensqualität in ihrem Raum geht. Beide Gruppen sind sich eigentlich fremd; das einzige, was sie vereint, ist dieses Ziel: Schlachthof xy abzuschaffen. Beide lernen sich durch die Zusammenarbeit kennen, beide kämpfen für ihren Standpunkt innerhalb der Kampagne, beide gehen Kompromisse ein. Sie missverstehen sich und manchmal bekämpfen sie sich auch. Sie erreichen ihr Ziel oder nicht, manchmal mit, manchmal ohne die Bündnispartner.
Es gibt Ängste, dass das alles nur in Reformismus endet. Eine Abwärtsbewegung des Tierbefreiungsgedanken zu ,,bloßen“ Tierrechten bis zum gesetzlich verankerten Tierschutz, der vor allem ,,Warenschutz“ zu sein scheint. Um mal einen Menschen bei Twitter zu zitieren, mit dem*der ich über Veganismus diskutierte: ,,die kuh die aktuell leidet der nuetzt es nichts wenn sie weiss dass in diesem jahr 50 kuehe weniger leiden“[sic]. Aber was ist mit den 50 anderen Kühen, das sind doch Lebewesen, jedes für sich, nicht einfach nur ,,Exemplare“ ihrer Art. Ein Freund von mir bezog sich in einer ähnlichen Diskussion auf die Frauenbewegung. Die sei letztendlich auch daran gescheitert, dass sie sich von vielen Ansprüchen wegbewegt hat hin zu einem vor allem auf Forderung von Rechten beruhenden Kampagnenaktivismus. Dass gesetzliche Gleichstellung vieles bisher noch nicht gelöst hat, wissen wir. Aber dass es nur eine Verlagerung von Unterdrückungsmechanismen sein soll, wenn Frauen in unserer Gesellschaft zum Beispiel ökonomisch unabhängig geworden sind, und diese Tatsache nicht etwa auch ein befreiendes Moment hat, dieser Gedanke stört mich. Wer ökonomische Abhängigkeit kennt, weiß was ich meine: Es macht einen RIESEN Unterschied. Und natürlich: Es reicht nicht. Ich will die Befreiung aller. Ich erfahre aber in der Realität immer die Grenzen von Menschen und Aktionen und muss damit umgehen, auch mit meinen eigenen Grenzen. Und sehe kleine Ziele, die ich heute erreichen kann und weiß, dass ich dieses positive Feedback auch brauche, um nicht total auszubrennen.
Wie geht es euch damit? Seht ihr das alles ganz anders? Wie geht ihr mit der ,,Vermittler*innen“-Rolle um? Was heißt es für euch, aktiv zu werden, macht ihr Kompromisse? Und wie fühlt ihr euch damit?

Dieser Post erscheint auch bei takeover.beta.