Aufruf an alle Flüchtlinge – Call for all refugees – فراخوان برای همه پناهجویان

Reblogged von Asylstrikeberlin. Dort auch noch auf Englisch, Persisch, Kurdisch, Russisch, Französisch.

Um Freiheit zu erreichen, darf der Mensch nicht in Reih und Glied stehen, sondern muss die Reihe durchbrechen

Ihr, all die Asylsuchenden, die unter unmenschlichen Bedingungen in Deutschland leben und zuschauen wie euer Leben und das eurer Kinder einen langsamen Tod entgegen gehen, ihr, die wie Gefangene in Lagern gehalten werdet, im Angesicht all der diskriminierenden Bedingungen, die euch zu Bürgern zweiter Klasse machen, ihr, die jeden Moment die Abschiebung fürchtet, ihr, die auf der untersten Stufe einer ungerechten Gesellschaft steht und all ihr Gewicht auf euren Schultern tragt, -während ihr der grausamen und unmenschlichen Residenzpflicht gehorchen müsst: JETZT ist die Zeit gekommen, gegen all das aufzustehen.

JETZT ist die Zeit aufzustehen, weil wir nicht länger passiv Zeugen des Todes eines von uns sein möchten, denn die unmenschliche Behandlung der Asylbewerber in Deutschland kann jeden von uns in den Tod treiben.

Die Asylbewerberproteste begannen am 19. März 2012 in Würzburg und haben Asylbewerber in vielen anderen Städten dazu inspiriert, ebenfalls aufzustehen. Nun, 5 Monate später, ist die Bewegung, gestärkt durch die Hartnäckigkeit und den Widerstand der Flüchtlinge, bereit, einen nächsten, viel größeren Schritt zu tun.

Wir werden keine Gesetze respektieren, die uns nicht als Menschen respektieren.

Die streikenden Flüchtlinge in ganz Deutschland, die einen starken und koordinierten gemeinsamen Protest begonnen haben, haben beschlossen am 8. September eine neue Aktion zu starten: Ab diesem Tag werden Asylsuchende auf 2 verschiedenen Routen nach Berlin marschieren um dort der deutschen Regierung zu zeigen, dass auf jede Anwendung des unmenschlichen Abschiebegesetzes eine Reaktion der Bewegung folgen wird. Die Flüchtlinge werden lauter schreien denn je, sie werden ihren Kampf weiterführen, bis die Lager mit ihren katastrophalen Bedingungen geschlossen werden. Mit der Versammlung in Berlin werden die Flüchtlinge aktiv gegen die diskriminierende Residenzpflicht verstoßen, die sie zwingt, sich in einem bestimmten Bereich aufzuhalten.

Diese gut koordinierte Aktion wird allein von Asylsuchenden selbst organisiert und ist unabhängig von jeglichen politischen Parteien oder Gruppen.

Wie oben erwähnt, wird der Marsch nach Berlin gleichzeitig auf 2 verschiedenen Routen stattfinden: Auf der einen werden Flüchtlinge von Würzburg nach Berlin marschieren. Die andere führt mit Transportmitteln über die Flüchtlingslager Westdeutschlands. Beide Gruppen werden gleichzeitig in Berlin ankommen und dort zusammentreffen. Diese Aktion wird zunächst von Asylbewerbern aus Bayern und Baden-Württemberg ausgehen, wird sich aber nicht auf diese beiden Bundesländer beschränken. Alle Asylbewerber die in Lagern oder Städten auf dem Weg nach Berlin leben, werden besucht und eingeladen, am Protest teilzunehmen.

Wir rufen alle Flüchtlinge auf, die wie wir diese unmenschlichen Lebensbedingungen nicht mehr ertragen und auf verschiedenste Art dagegen gekämpft haben, sich uns anzuschließen. So können wir mit vereinten Kräften die jahrzehntelangen Kämpfe um menschenwürdige Asylrechte zu ihrem langersehnten Ziel zu führen.

In Berlin werden wir solidarisch Hand in Hand nochmals unsere berechtigten Forderungen vortragen:

- Abschaffung aller Flüchtlingslager in Deutschland
- Abschaffung der Abschiebegesetze. Abschiebung ist unmenschlich und dient nur den politischen und ökonomischen Interessen der Mächtigen
- Abschaffung der Residenzpflicht

An alle Asylbewerber, Flüchtlinge und Immigranten in Deutschland:
Wir alle haben unsere Länder aus verschiedensten Gründen verlassen und kamen in dieses Land in der Hoffnung auf ein besseres und sicheres Leben. Die meisten von uns haben Tausende von Kilometern zurückgelegt, haben dabei alle möglichen Qualen, Gefahren und viel Leid ertragen. Wir haben das alles in Kauf genommen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Nun ist es vielleicht an der Zeit, dieselben Schuhe anzuziehen, die wir auch auf unserer Flucht getragen haben. Nun ist es vielleicht an der Zeit noch ein paar mehr Kilometer zu laufen, diesmal aber nicht alleine, sondern alle gemeinsam für eine bessere Welt.

An die Asylbewerber der südlichen Bundesländer: Am 8. September werden wir uns alle in Würzburg treffen und wir freuen uns über jeden Einzelnen, der uns begleitet.

An die Asylbewerber der anderen Bundesländer, die unser Anliegen teilen: Wir werden unser Bestes geben, zu euren Lagern zu kommen um mit euch gemeinsam nach Berlin zu reisen.

Für weitere Informationen:

Süd- und Ostdeutschland
Ashkan.Khorasani@gmail.com
Tel. 0176 – 798 379 11

Nord- und Westdeutschland
cheislive@gmail.com
Tel. 0176 – 693 810 85

Das Organisationskommitee der streikenden Asylbewerber in Deutschland

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Viruletta über Fußball, Rassismus und Balotelli

Über den rassistischen Hass, der dem Fußballspieler Balotelli entgegenschlägt, schreibt Viruletta.

,,Woher kommst du?“ – Auch eine Delikate Frage für (ehemalige) Heimkinder.

Meine Lebensgeschichte (oder einen Aspekt davon) bekamen Menschen zum Teil recht unfreiwillig beim Smalltalken mitgeliefert. Das geschah, als ich das Prinzip ,,Smalltalk“ noch nicht so ganz verstanden hatte.
Gespräche liefen (oftmals 1:1) so ab:

xyz: ,,Hey, ich bin xyz! Und wer bist du?“
Ich: ,,Ich bin zyx(nichtdeutscher Name).“
xyz: ,,Ach wie lustig, du heißt ja zyx!“
Ich: ,,Ja genau. Ha ha.“
xyz: ,,Und woher kommst du?“
Ich: ,,Ähm. Ich bin in Hannover geboren.“
xyz: ,,Nee, ich mein… ursprünglich.“
Ich: ,,Meine Eltern kommen aus der Türkei.“
xyz: Mögliche Antwort 1: ,,Ach, du wirkst gar nicht türkisch!“
Mögliche Antwort 1.1: ,,… sondern[anderes Ausland einfügen, von indisch bis estnisch war da alles drin]
Mögliche Antwort 2: ,,Du kannst aber gut deutsch!“
Ich: ,,Tjaja.“
xyz: ,,Sprichst du Türkisch?“
Ich: ,,Nee.“
xyz: ,,Wieso nicht?“
Ich: ,,Weil ich nicht bei meinen Eltern aufgewachsen bin, sondern im Heim.“
FAIL.

Was ist das, was mich an dieser Situation ärgert? Erstmal, dass sie so, wie mensch sie hier liest, tatsächlich ablief, immer und immer wieder. Und bald verliert mensch den Glauben daran, dass Menschen und Begegnungen individuell sind.
Zweitens: Nicht der rassistische Unterton ließen diesen Smalltalk problematisch erscheinen für meine Umgebung (kleiner Brainstorm: fremdklingender Name: Lebenswirklichkeit muss anderes Land/Kultur sein; und was bitte ist ,,ursprünglich“, wenn Menschen schon immer von einem Ort zum anderen gezogen sind?; türkisch ,,wirken“ heißt: gewisse Rassenmerkmale aufzuweisen wie …?; Verwunderung über Sprachkenntnisse), nein, problematisch war meine ehrliche und selbstbewusste Antwort, in der ich erwähnte, Heimkind zu sein, d.h. in einer Alternative zur Kernfamilie aufgewachsen zu sein. Und ähnlich, wie Lesben und Schwule (und viele andere) sich auf der Arbeitsstelle anhören dürfen, doch nicht von ihren ,,sexuellen Vorlieben“ zu reden, wenn es um ihre Partnerschaften geht, weil sie nicht das Normale repräsentieren, so ähnlich wollte man mich zum Schweigen bringen, weil mit Heimleben das Andere, die Abweichung repräsentiert wird. ,,Heim“, das ist voller Symbolik über grausame Erziehungsmethoden, Missbrauch, böse Betreuer*innen, kriminelle Kinder. Dass es soetwas wie eine glückliche, eine gesunde Kindheit in Heimen gibt, dass auch hier interessante, vielfältige, tolle Menschen leben, darüber wird nicht geredet. Es verwundert mich, dass Menschen nicht nachfragen, wenn es schlicht ungewohnt für sie ist; dass sie bei der Erwähnung vom ,,Kinderheim“ oft nur kurz abnicken in meiner Erfahrung und dann ihre eigenen Vorurteile züchten. Was ich dann in der Beziehung zu ihnen langfristig mitkriegen werde.
Wer Familien individuell betrachtet, weiß, dass es ziemlich viel Scheiße in jeder Familie geben kann. Doch sobald Heim und Familie als Dualismus gesehen werden, scheinen Menschen alles Negative, was auch in Familien vorkommt, auf das Leben im Heim zu übertragen. (Emotionale) Vernachlässigung, rauer Umgang, strenge Ordnung, wechselnde Bezugspersonen. Achja, und vermutlich hat es GRÜNDE™, warum das Kind im Heim ist, die sicher auch in seinen Genen vorliegen/auf eine alkoholabhängige Mutter/einen dauerschwangeren Vater hinweisen, der/die Drogen nahm/im Gefängnis saß/Sex vor der Ehe hatte/sonstwie ein schillerndes Leben führte.
Weil ich es müde geworden bin, eine Heimvergangenheit als annehmbare Alternative für ein Familienleben durchzusetzen, bin ich auf Umgehung Heikler Fragen™ umgeschwungen. Das heißt, ich antworte auf jeglichen Smalltalk-Mechanismus, der unweigerlich dazu führen wird, dass ich erzählen muss, warum ich so gut deutsch/kein Türkisch spreche, damit, dass ich einfach sehr viele deutsche Freunde hatte. Das ist sehr simpel. Es hilft mir aber nicht, weil ich damit selber einen wichtigen Teil von mir leugne und ihn der Marginalisierung überlasse, anstatt ihn wieder mit etwas Positivem zu besetzen, als Lebenswirklichkeit, die auch im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen nicht verheimlicht werden müsste.
Was denkt ihr darüber?

Racial Profiling Petition

Petition gegen die Legalisierung von Racial Profiling. Link

Ich bin kein Rassist, aber …

,,Ich bin kein Rassist, aber …“ meistens ein Vollhonk. Auf einer Tumblr-Seite sammeln sich nun die Sprüche bekennender Nicht-Rassisten und Nicht-Rassistinnen.

Triggerwarnung: Rassismus: Genitalverstümmelung[s-Show] beim World Art Day in Stockholm


(Quelle: friatider)

Widerliche, widerliche Welt. Das Foto, getwittert von Nadine Lantzsch, zeigt einen Kuchen, der den stereotypen Körper einer schwarzen Frau darstellt. Durch ein Loch am Tisch hat der sogenannte „Künstler“ den Kopf geschoben, der in schrillstem Blackface bemalt ist, und schreit jedesmal, wenn jemand in den Kuchen schneidet. Eine sogenannte Genitalverstümmelung wird anfangs durchgenommen; das heißt, der Kuchen wird dort angeschnitten, wo er die Genitalien der Frau darstellt. Und alle stehen herum und lächeln vor der Kamera.

Wer sind die Menschen? Es ist die Kulturministerin Schwedens, Lena Adelsohn Liljeroth, umgeben von Teilen der linken Elite Stockholms. Eine Ministerin, die offiziell strikt gegen Rassismus eintritt.
Yes indeed.

Ganz ehrlich, wie pervertiert muss mensch sein? Und das von sogenannten Linken, die sich in ihrer kulturellen Distinktion sonnen und Fotos schießen von dem Spektakel.

Für das nächste Bild gehts nach dem Klick weiter, aber Triggerwarnung, weil ich es echt schlimm finde.
(mehr…)

Weltwoche/The Boy Behind the Photo

Die Weltwoche eröffnete letzten mit diesem rassistischen Cover. Und hier: The Boy Behind the Photo.

Yasmina über Diskriminierung

Your daily discrimination by Klingtkomischistaberso.

Rassistischer Täter in Berlin?

Schüsse auf türkischstämmige Jugendliche in Berlin. Einer starb im Krankenhaus. Link

Victim-blaming

Ein blöder Beitrag eines Autoren bei Forbes, was arme schwarze Jugendliche an seiner Stelle tun sollten, um Rassismus zu vermeiden – und eine sehr tolle Antwort darauf bei Ana Mardoll.

Rufmord an Trayvon Martin

Trayvon Martin ist tot … und die Medien beeilen sich, ihn als Verbrecher darzustellen. Erinnert mich irgendwie an DSKs Hotelausflug.

Antifa, so weiß wie der Schnee

Ich habe vor kurzem den Text über Antifa-Kritik verlinkt, den Women und People of Color (POC) als offenen Brief an die Veranstalter von ,,Dresden nazifrei“ schickten.

Wer sich aufregen möchte über privilegierte weiße Jungs, die Kritik an ,,ihrem“ Antifaschismus nicht ernst nehmen, dem sei hiermit empfohlen, sich die Kommentare auf Sookees Facebookseite anzusehen. Sehr lehrreich. Die Facebookseite ist auch ohne Account zu erreichen. Hier nur zwei Zitate:

,,Felix Fernandez“:

Nochmal, mein Hauptproblem mit diesem und anderen Texten ist die Position aus denen diese oft geschrieben sind: Ganz weit oben auf einer Wolke der moralischen Erhabenheit. Und die nehme ich nun mal keinem Mensch ab, tut mir leid. Und auf diese Weise wird ganz sicher niemand überzeugt.
Die Arroganz mit der hier Leuten begegnet wird, die in dem Text nicht die reine Wahrheit sehen, steht wieder auf nem anderen Blatt. Die ist halt typisch linksdeutsch.

eine Gruppe von, dem Text zufolge, sehr gebildeten Menschen die sich arroganterweise herausnimmt für alle Opfer von Rassismus zu sprechen. Und jetzt?!

,,Johnny Hohenzollern“:

Wenn nicht kritisiert wird, WIE etwas „zerfetzt“ wird, sondern nur DASS ein „Erfahrungsbericht“ nur, weil ihn – angeblich – „PoC“ verfasst haben, nicht als allgemeingültige Wahrheit angenommen wird, ist antikritischer Blödsinn. So kommt auf jeden Fall keine Diskussion zustande.Aber hey: Rassismus erklären und kritisieren ist sowieso nicht das Ding von Critical Whiteness-Spacken. Dann würde man nämlich etwas anderes machen, als sich den lieben langen Tag mit den allerkonkretesten Formen, wie jener sich im Alltag äußert, beschäftigen.P.S.: Bevor mich hier irgendeine Dreadlock-Frau als „weißen Antifa-Macker“ bezeichnet: an der Bezeichnung wäre exakt garnichts richtig. Für R a s s i s t e n wie euch ist die Hautfarbe der Person, die etwas äußert, ja leider wichtiger als das, was gesagt wird, daher muss man sowas anscheinend dazu schreiben, um überhaupt ernstgenommen zu werden.

Ist linksdeutsch jetzt das neue ,,faschistisch“? Vermutlich unter Anti-D’s. Und ja, von Rassismus Betroffene haben den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als auf einer Wolke moralischer Erhabenheit zu sitzen. Und zu analysieren, dass in einer sich emanzipatorisch bezeichnenden Gruppe genau dieselben Machtverhältnisse herrschen wie in der nicht-emanzipatorischen Gesellschaft um die Gruppe herum, ist nur Zeitvertreib. Lasst euch den Spaß nicht verderben!

,,Antikritischer Blödsinn“, ,,ein Erfahrungsbericht nur ,weil ihn – angeblich „PoC“ verfasst haben“, ,,Critical Whiteness-Spacken“, ,,irgendeine Dreadlock-Frau“, ,,Für R a s s i s t e n wie euch“ …

Trayvon Martin/ Im Gedenken an einen schwarzen Jungen


Quelle: tumblr

Deutscher Antifaschismus ist weiß.

,,Gegen Nazis sein“ reicht nicht. Kritik am weißen Antifaschismus bei karano.

Der Rassismus in mir

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
Niemand!
Und wenn er kommt?
Dann laufen wir!

In der Schule im Sportunterricht war uns dieses Spiel sehr geläufig. Ich wusste als Kind nicht, dass mit ,,schwarzen Männern“ dunkelhäutige Menschen bezeichnet werden und das Spiel per se rassistisch ist. Ich hatte diffus im Kopf, dass es um einen dunkelgekleideteten Mann gehe, den Prototyp der Schwarzen Reiter in Herr der Ringe, die Schreckensgestalt in Träumen und dunklen Gassen. ,,Schwarz“ war für mich eine unverständliche Bezeichnung von dunkler Haut, die ja nie wirklich schwarz ist, sondern immer nur hell- bis dunkelbraune Farbtöne besitzt.

Mein erster Freund in einem Kinderheim in Berlin war farbig, ein Junge namens Bico, dessen Familie ich hin und wieder mitbesuchen durfte. Ich war sechs damals und erinnere mich noch gut, dass ich vel faszinierter von seinem ein Jahr älteren Bruder Robin war, der umso vieles reifer schien. Bico und ich waren fleißig dabei, unsere Körper zu entdecken und wir fanden uns häufig mit vielen anderen Kindern in Gruppendoktorspielen wieder. Berührungsängste gab es damals nicht, tatsächlich hätte ich nichtmal verstanden, wieso. Rassismus war mir damals fremd.

Ich zog um, sah Bico und seine Familie nie wieder. Andere Umgebung, andere Menschen, andere Erfahrungen. Ich wurde älter und kam in die Pubertät, um einige Jahre zu früh. Ich kam überhaupt nicht mit der Entwicklung meines Körpers mit. Ich wollte in meinem Intellekt bewundert werden. Stattdessen spürte ich immer mehr, dass ich durch meinen weiblichen Körper zum Objekt gemacht wurde, dass Männer mich anstarrten, in der Bahn, unterwegs, untentwegt auf meine Brüste starrten, und das offen, begierig, ohne den Blick abzuwenden, ohne dass es für sie unschicklich war. Ich war zwölf damals und ich hab es gehasst. Und hatte Angst. Angst vor diesem Begehren, Angst vor meiner eigenen Ohnmacht, einschreiten zu können,weil Blicke nicht verboten waren.

In dieser Zeit geschah es zwei- oder dreimal, dass mich ein schwarzer Mann auf der Straße ansprach. Ich weiß nicht, ob es naiv war oder einfach vorurteilsfrei – mit dem ersten redete ich ganz normal und ließ mir seine Handynummer geben. ,,I like you“ sagte er. Als ich nach Hause ging und meiner Betreuerin davon erzählte, hörte ich: ,,Der will ’ne Frau haben, um in Deutschland bleiben zu können.“
Zu einer anderen, reiferen Zeit hätte ich vielleicht über dieses Klischee lachen können oder auch sagen können: ,,Was soll denn daran verwerflich sein?“ Aber ich war sehr empfindlich in dieser Zeit, was Körperlichkeit und das Begehren fremder Männer betraf. Und es traf mich mitten in meiner Furcht, dass dieser schwarze Mann mir anscheinend näher kommen wollte. Und als sich dieses Geschehen zweimal mit anderen Männern wiederholte, manifestierte sich etwas in mir, dass ich heute nur als rassistisches Vorurteil betrachten kann. Von dunkelhäutigen Männern ging für mich ab da an etwas Bedrohliches aus. Es war vermutlich kein Zufall, dass meine Schwärme in der Jugendzeit blonde deutsche Jungs waren.
Später konnte ich das reflektieren und es genau als das sehen, was es war: als Rassismus. Doch ich konnte mir nicht eingestehen, Angst zu empfinden. Vor einiger Zeit, vielleicht im letzten Sommer, setzte sich im Park ein Jamaikaner zu mir auf die Bank und fing sehr locker an, mit mir zu reden. Es war ganz schön und ich hatte endlich das Gefühl, meine irrationalen Ängste überwunden zu haben. Ich gab ihm sogar meine Handynummer.
Danach war ich aber nicht sehr glücklich. Ich bemerkte dass ich meine eigene Angst nicht überwunden, sondern nur verstummt lassen habe, weil ich mir selber nicht eingestehen konnte, immernoch rassistisch zu sein. War ich nicht emanzipatorisch, war ich nicht gegen jegliche Diskriminierung von Menschen? Wieso dann sollte ich mich nicht mit einem schwarzen Mann anfreunden können, wenn ich dasselbe doch auch mit einem weißen Mädchen tun würde, das sogerne meine Bekanntschaft haben wollte?
Später bemerkte ich, dass ich mir einem weißen Mann gegenüber in einer ähnlichen Situattion viel eher erlauben würde, abweisend zu sein. Weil ich dann nicht den inneren Vorwurf fühlen würde, eine Rassistin zu sein. Das ist Quatsch, offensichtlich. Aber ich bemerke, ich muss auch lernen, auf mein eigenes Unwohlgefühl zu achten und die Menschen nicht plakativ zu betrachten. Der schwarze Mann. Die queere weiße Lesbe. Der deutsche BWL-Student. Mit wem komme ich nur nach Betrachtung dieser Angaben besser zurecht? Reichen denn einfach nur solche Angaben? Die meisten von uns wissen: Nein. Letzterer kann mich vielleicht zum Lachen bringen, während mich die Lesbe vielleicht nervt. Und den eigentlichen Rassismus muss ich lernen zu konfrontieren, ihn zu hinterfragen. Es reicht nicht die eigenen Ängste einfach zu ignorieren, sie zu überfahren. Sie müssen auseinandergenommen werden, analysiert werden, sie bedürfen der Behandlung. Vor allem: Sie müssen ausgesprochen werden.

,,Dönermorde“: Unwort des Jahres

Begründung der Jury:

,,Der Ausdruck steht prototypisch dafür, dass die politische Dimension der Mordserie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde: Die Unterstellung, die Motive der Morde seien im kriminellen Milieu von Schutzgeld- und/oder Drogengeschäften zu suchen, wurde mit dieser Bezeichnung gestützt. … Im Jahre 2011 ist der rassistische Tenor des Ausdrucks in vollem Umfang deutlich geworden: Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechts-terroristischen Mordserie werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden.“

Quelle: Telepolis

Medien und Migration

Wie Massenmedien über MigrantInnen berichten: ,,Der Kontext, in den das Thema Migration eingebettet ist, wird von den Themen „Problem/Konflikt“ (93 Prozent), „Kriminalität“ (63 Prozent) und „Bedrohung/Angst“ (28 Prozent) dominiert“. (hier)

Über Rassismus im deutschen Recht

Selbstverständlicher Rassismus

Urmila von andersdeutsch habe ich erst in diesem Jahr bei einem Vortrag erleben dürfen. Erleben dürfen, denn diese Frau hat ganz viel Energie und konnte auch mit nervigen Antideutschen umgehen, die ansetzten, lange Rassismusdefinitionen von sich zu geben, einfach nur, um sich reden zu hören. Das hörte sich so an: ,,[umständlichen Satzbau einfügen] Laber [umständlichen Satzbau einfügen]!“

Was mir von diesem Vortrag vor allem im Kopf blieb, war der Unterschied zwischen individuellem und strukturellem Rassismus. Bisher ist mir nämlich immer nur der erstere aufgefallen, also der Rassismus einer einzelnen Person, und diesen Rassismus habe ich problematisiert. Naja, zugegeben, zuerst habe ich das Spiel mitgespielt, war die ,,gute Ausländerin“, die ,,gute Türkin“, denn ich hatte mich schließlich integriert, nicht wahr, und andere hatten das nicht … soetwas nenn ich Belohnungssystem, ,,feine Ausländerin – ja brav machst du das, hier ein Leckerli“. Aber dann kam die Wut und die Blockade gegenüber solcherlei entwürdigenden Ergüssen mancher Mitmenschen. Aber wer die Sarrazindebatte mitgekriegt hat letztes, vorletztes Jahr (ähä … wer hat das nicht?) weiß, wieviel mensch reden und reden kann und doch niemanden dabei erreicht. Ich hab da erst gar nicht mitgemacht. Meine eigene Sarrazindebatte war schon längst vorbei, als die eigentliche anfing und ich hab mich gesperrt bei jeder Diskussion, bei der mein Gegenüber anfing, Rechtfertigungen von mir zu fordern, warum das denn mit der Integration nicht so laufen würde.

Nun kam Urmila mit dem strukturellen Rassismus, der eben schon im sogenannten Selbstverständlichen auftaucht, nämlich einfach schon, ob ein Mensch jetzt einen deutschen oder einen türkischen Pass hat. Und schon diese kleine Frage, warum denn mein deutscher Pass mir mehr Rechte gibt oder der Ort meiner Geburt, der ja völlig durch Zufall entschieden wird, mir solche Privilegien gestattet – diese Frage brachte mich ziemlich durcheinander. Ich dachte an die Ständegesellschaft im Feudalismus und wie sehr damals die Geburt bestimmt hat, welcher Mensch ich sein werde und welche Möglichkeiten ich habe. Oder wie Tucholsky es mal ausdrückte:

In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch grade aus diesem [Loch] gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.

Beispiele, wo türkische StaatsbürgerInnen heute noch diskriminiert werden

1. Visumspflicht: Warum es die eigentlich nicht geben dürfte

Seit 1980 brauchen türkische Staatsangehörige ein Visum, wenn sie nach Deutschland einreisen wollen. Dazu zählen auch Verwandtschaftsbesuche. 2009 hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass auch für Türken und Türkinnen die Dienstleistungsfreiheit innerhalb Europas gilt. Diese Dienstleistungsfreiheit ermöglicht den freien Zugang zu den Dienstleistungsmärkten aller EU-Mitgliedsstaaten.

Ein Zusatzprotokoll im Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Türkei regelte bereits, dass die Visumsregelungen nicht verschärft werden dürfen ab dem 1.Januar 1973. Die Visumspflicht für türkische StaatsbürgerInnen galt aber erst ab 1980 und ist damit der bisherigen Abmachung nach nicht gültig. Den deutschen Staat interessiert das aber nicht. So gilt die Dienstleistungsfreiheit bisher nur für Lastwagenfahrer. Dem Zusatzprotokoll wird keine Beachtung geschenkt. Türkische TouristInnen müssen deshalb immer noch ein Visum beantragen, wenn sie nach Deutschland wollen.

Das Problem ist hierbei nicht, dass die Visas letzten Endes nicht verteilt werden würden. Aber sie stellen eine Hürde dar für die Reisenden. Die langen Wartezeiten nach Antragstellung sowie die Tatsache, dass die BesucherInnen mehrere hundert Euro in Deutschland zur Sicherheit hinterlegen müssen, dass sie auch ja wieder ausreisen, erschwert einen Auslandsbesuch, gerade auch für die, die das finanziell schwer trifft.

2. Ehegattennachzug: Deutschkenntnisse gefordert, weil … bla …

Türkische EhepartnerInnen, die nach Deutschland kommen wollen, müssen zuvor Deutschkenntnisse ausweisen. Es gibt sogenannte ,,Positiv“-Staaten: Bekanntere wie die Schweiz, Israel, Japan, Kanada, Süd-Korea, Neuseeland, die USA. Und unbekanntere wie Andorra, Honduras, Monaco und San Marino. Deren Einwohner können ohne Visum nach Deutschland einreisen und auch ihre EhegattInnen nachkommen lassen, ohne dass diese Deutsch lernen müssen (zum Beispiel auch, wenn der Partner oder die Partnerin türkisch ist). Warum dürfen die das? Wegen der ,,traditionell engen wirtschaftlichen Verpflechtung“ der Positivstaaten mit Deutschland … genau, und wie wir wissen, kann die Türkei soetwas überhaupt nicht aufweisen …

Wie wir sehen, ist der deutsche Rechtstaat kaum objektiv in der Behandlung türkischer BürgerInnen. Und hält sich zudem nicht an Abkommen, die es verbindlich getroffen hat. Aber lieber rätseln über rechtsextreme Mordtaten die Tage. Denn wenn wir tot sind, sind wir interessant.

Quelle: Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V. – 05.01.2012

Von einer türkischen Wahl-Kindheit.

Urmila von andersdeutsch beschreibt in ihrem Blogpost ,,Herkunft als Risiko?“ sehr schön, wie eine Statistik über Armut so verdreht werden kann, dass nicht das rassistische Schulsystem als Problem heraussticht – sondern die nichtdeutsche Herkunft. Wie wir alle wissen, fällt knapp außerhalb der deutschen Grenze die Intelligenz um ein Vielfaches und hinterlässt nur stumpfe Köpfe. Migranten, die ihre Gene hier einführen, werden, wenn nicht schon am Äußeren, so doch am Scheitern im hiesigen Bildungssystem entlarvt, das das deutscheste aller Bildungssysteme ist.
Ich bin eine gute Ausländerin, war ich schon immer. Das sagen mir die Menschen auch die ganze Zeit. ,,Du bist ja anders“, heißt es dann. ,,Du bist ja total integriert. An dir sollten die sich ein Beispiel nehmen.“
Interessant, was viele Menschen unter ,,integriert“ verstehen. Ich spreche flüssiges Hochdeutsch, besser als jeder Schwabe, Sachse, Bayer, Frangge. Ich habe meine Muttersprache verlernt und mich dafür entschieden, Christin zu werden. Ich habe fast alle Verbundenheit mit der Kultur meiner Eltern und meiner Familie verloren. Manchmal sitze ich bei ihnen im Kreis und kann nicht mitreden, mitlachen. Es gibt Witze, die nur auf Türkisch richtig gut sind. Mein Onkel schnalzt immer genervt, wenn ich nach der Übersetzung frage. Meiner Oma und mir fehlte jeder Austausch, bis ich bemerkte, dass ein Lächeln oft half, die Barriere zu durchbrechen, die die Sprachlosigkeit zwischen uns schuf. Mein Opa, der mir bereits in frühester Kindheit sehr wichtig wurde, hat so manchen Schalk in seinem Leben getrieben. Nur hin und wieder werden mir seine Geschichten gnädig übersetzt. Wie gerne würde ich ihn das alles selber fragen. Letztes Jahr ist er in die Türkei zurückgekehrt und hat damit der Großfamilie den Sammelpunkt weggenommen: Sie zerbrach in lauter kleine Kernfamilien, deutsch halt, und man trifft sich mitunter auf Familienfesten, um sich mal wieder ausgiebig zu streiten.
Ich bin sowas von assimiliert und ich habe das zugelassen. Ich erinnere mich seit meiner Kindheit an das Zusprechen, an das Mutmachen vieler Menschen, mich doch von einer Kultur zu befreien, die ,,Frauen so unterdrückt“, eine Kultur die auch damals schon für die meisten Deutschen nur in Klischees beheimatet war. Ich habe Unterdrückung empfunden, aber vor allem die Unterdrückung eines Kindes durch erwachsene Menschen, die es nicht ernstnahmen und die es bevormunden wollten. Als ich dann wählte, weiter im Kinderheim zu bleiben anstatt wie mein Bruder zu der Familie zu ziehen, durfte ich erst erfahren, wie sehr ich der Willkür Erwachsener in deutschen Kinderheimen ausgesetzt war. Die Willkür der Bestrafungsmaßnahmen, wenn ich nachfragte statt sofort zu gehorchen, von Hausarrest und Drohungen, sobald ich zu schlau wirkte, von Betreuern, die viel zu schnell zu irgendwelchen Mitteln griffen, um die Kinder ,,zur Ruhe zu bringen“. Von einer Freiheit, die mir nur dann gestattet war, wenn ich dem Betreuer heute gefiel, damit kokettierte, das ruhige brave ,,erwachsene“ Kind zu sein, um mehr zu dürfen als die anderen.
Ich habe ganz sicher nicht den besseren Weg gewählt, nur eine andere Herrschaft über mich, eine die ich mit der fortschreitenden Entfremdung von der türkischen Kultur besser ins Auge fassen konnte und in der meine Widerstandsmaßnahmen immer effektiver wurden, umso besser ich das erwachsene Denken um mich herum damals verstand, das sowenig mit Intellektualität und dafür umso mehr mit stumpfem Pflichtgefühl zutun hatte. Dennoch war der einzige Befreiungsschlag, und das war mir immer bewusst, zuletzt doch der achtzehnjährige Geburtstag und die damit einhergehende Tatsache, dass ich nun mir gehöre, meine eigenen Entscheidungen treffen darf. Wie schwer es ein Kind hat! Und wie schnell wir das vergessen. Irgendwann mit acht oder neun Jahren hatte ich mir mal geschworen, nie zu vergessen, was Erwachsene Kindern antun und wie wenig sie ihre Würde achten. Aber wie leicht zu vergessen, wenn wir irgendwann dann selber zu den Privilegierten gehören.


(Quelle: tumblr)
Das bin nicht ich. Aber so fühlte sich Kindheit manchmal an.